Richtig führen mit Handke

Was die Literatur des Nobelpreisträgers mit Management zu tun hat.

 

Für gewöhnlich besteht die Aufgabe von Managerinnen und Managern darin, zu garantieren, dass Wertschöpfungsketten so funktionieren, dass an ihrem Ende die gewünschten Produkte und Dienstleistungen hervorgebracht werden. Dazu leiten sie in Unternehmen Belegschaften an, steuern Prozesse und halten die verschiedenen Informationsflüsse in Gang. Management findet aber auch in künstlerischen Kontexten statt. Die Regie organisiert eine Theaterprobe; Komponisten notieren, ob Musiker an dieser oder jener Stelle ein Fortissimo oder ein Diminuendo zu spielen haben; in der bildenden Kunst setzen Künstlerinnen und Künstler Signale ein, um die Wahrnehmungen des Publikums zu lenken.

Manchmal – und nicht in den schlechtesten Momenten – wird Management gar mit poetischen Mitteln ausgeübt. Literaturschaffende wiederum fangen ihre Leserinnen und Leser mit Texten ein. Diesen ist dann die Aufgabe gestellt, aus den Schriftzeichen Sinn zu generieren. Der streitbare österreichische Schriftsteller Peter Handke, dem im Oktober dieses Jahres der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, ist in besonderem Masse ein solcher «Manager» des Sprachlichen, ein Autor, der in seinem Schaffen immer wieder künstlerische Steuerungspraktiken umkreist. An seinem Werk lässt sich zeigen, wodurch sich literarisches Management auszeichnet.

Publikumsreaktionen als Regieanweisung

Wie die Sprache in die gesellschaftliche Welt hineinwirkt, ist vielfach Ausgangspunkt von Handkes Schreiben. Im Theaterstück «Publikumsbeschimpfung» von 1966 beispielsweise liess er die Schauspieler ganze Beschimpfungskaskaden in den Zuschauerraum rufen. Die eher traditionell gestimmten Theatergänger fühlten sich selbstredend aufs Blut provoziert. Über 20 Jahre später schrieb er mit «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten» einen Theatertext, der nur aus Regiebemerkungen besteht. Handke treibt es in diesem Text so weit, dass er Anweisungen vorschreibt, die sich auf einer Bühne gar nicht realisieren lassen; zum Beispiel dann, wenn der Theatertext so tut, als könne er sogar die Publikumsreaktionen vorgeben: «Und jetzt reisst sich unten der erste Zuschauer los von seinem Sitz.» 

Es ist anzunehmen, dass es Peter Handke eher weniger gefallen würde, als «Manager» des Sprachlichen bezeichnet zu werden. Aber mit der Sprache bringt ein Autor genau jenes Mittel zur Anwendung, dessen sich auch die Managerinnen und Manager für die Ausübung ihrer Tätigkeit hauptsächlich bedienen. Ihre Profession realisiert sich in erster Linie kommunikativ, das heisst als Reden oder Schreiben. Hin und wieder empfinden sie sogar ein ähnliches Elend wie die Literaten: Denn niemals hat man hundertprozentige Gewissheit, ob die Botschaften und Anweisungen genauso verstanden werden, wie sie intendiert waren.

Manageriales Handeln wie auch die Produktion literarischer Texte sind risikoreiche Angelegenheiten. Die Effekte, wenn Sprache in der Kommunikation zum Einsatz kommt, sind häufig unabsehbar, und das hat Handke im Verlauf seiner Karriere immer wieder erfahren. Als er 1996, inmitten des Jugoslawienkonflikts, in einem poetisch eingefärbten Reisebericht «Gerechtigkeit für Serbien» einforderte, löste er Proteststürme aus. Anschliessend weigerte er sich, Erklärungen für seine Haltung zu liefern und seine Sicht auf die Faktenlage angemessen darzustellen. Die Kritik an seiner Haltung verfolgt Handke bis heute und bildet ein empfindliches Hintergrundgeräusch zur Nobelpreisverleihung.

Unkalkulierbare Effekte

Die unkontrollierbaren Effekte von Äusserungen erleben nicht nur streitbare Autoren, sondern all jene, die in der Öffentlichkeit Stellung beziehen, Entscheidungen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommunizieren oder schriftliche Strategien, Konzepte und Pläne publizieren. Das Echo kann in der Form von Begeisterungsstürmen, betretenem Schweigen oder Protestgeheul auftreten. Kennt man sein Publikum genauer, sind die Wirkungen kalkulierbarer. Allerdings verschärft sich die Gefahr des Missverstehens im Fall der Schriftlichkeit. Während das Management im direkten Gespräch – und selbst auf Pressekonferenzen – auf kritische Fragen und Bemerkungen unmittelbar reagieren kann, sind die Empfänger von Artikeln, Briefen, E-Mails oder Memos ganz sich selber überlassen. Hier können die Interpretationen und Reaktionen in alle verschiedenen Richtungen galoppieren. Eine aus der Balance geratene Lage zu stabilisieren, gehört deshalb zum Alltag des Managements. Wo Unübersichtlichkeit die Situation prägt, ein Stimmengewirr herrscht…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»