Revolution am Esstisch

Vom simplen Telephonieren über das luxuriöse Taxifahren bis zum «Perfect Match» beim Dating – überall haben Firmen des Silicon Valley ihre Finger drin. Im Guten wie im Schlechten. Nun revolutionieren die Nerds sogar unseren Speiseplan. Ihr Ziel: nicht weniger als die Rettung der Welt.

Revolution am Esstisch
Sarah Pines, photographiert von Philipp Baer.

In Virginia Woolfs Roman «To the Lighthouse» (1927) lässt Mrs. Ramsay ein festliches Essen zubereiten – Bœuf en Daube. Drei Tage dauern die Vorbereitungen, dann ist es so weit. Mrs. Ramsay schaut kurz vor dem Essen in den Topf, bewundert das Zusammenspiel von braunem Fleisch, gelbem Gemüse, Lorbeerblättern, Rotwein. Der Anblick verschafft ihr ein Gefühl andächtig-festlicher Vorfreude. Und sie behält recht: das Gericht wird ein Triumph. Doch nicht nur der kastanienfarbene Sonntagsbraten bezaubert, sondern auch aus Eiweiss geschlagene Pariser Macarons in den schrillen Kleiderfarben Marie-Antoinettes, fahlsilbrige Austernplatten, Roastbeeftoasts in alten Wintergärten, ein Tausend-Dollar-Kobe-Rindsteak über den Dächern Manhattans. Dagegen: die Armut von Weizenschrot, Yamswurzel und mit Chicken-Nugget-Boxen zugemüllten Trailerparkwohnungen. Blutig geschürfte Kälber in dunklen Ställen, eitrige Euter an Melkmaschinen, über dem letzten Ei auf dem Legegitter zusammenbrechende Hühner provozieren eine Gegenkultur umständlich moosgrün verpackten Bioschweins vom Bauern hinterm Feld.

Der Verzehr von Fleisch und Tierprodukten ist Genuss zwischen dekadenter Ästhetik, reiner Notwendigkeit und Barbarei. «Die Armen haben kein Brot? Sollen sie doch Kuchen essen», sagte Marie Antoinette und löste mit diesen Worten angeblich die Französische Revolution aus. Heute ist nicht Weizen, sondern das Tier Auslöser für die Schaffung neuen, revolutionären Essens. Zur Rettung der Menschheit wird es im Silicon Valley mittlerweile biotechnisch erzeugt, dabei minimalistisch auf die Pflanzenfaser reduziert. In den Medien sorgt das tierlose Essen für Verwirrung. Perverser Endpunkt ethisch-ökologischen Denkens, technisch-eitle Spielerei junger Neureicher? Oder kann die reine Vernunft auch Genuss verschaffen?

 

Fleischgenuss ade?

«Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.» Der bekannte Satz stammt von Jean Anthelme Brillat-Savarin, Pariser Richter und berühmter Gastrosoph des 19. Jahrhunderts, ausserdem Erfinder der Essens- und Restaurantkritik. Was der Mensch vor allem ist? Ein Fleischesser, sagt Ethan Brown. Ihm und vielen anderen Biotech-Essensherstellern des Silicon Valley sei klar: die Menschheit werde nicht auf Fleisch oder Tierprodukte verzichten; das menschliche Auge verlange beim Essen eben nach bestimmten Texturen und Ansichten. Fleischliebhaber brauchten die Bratvariante «medium», das «Knochenabnaggefühl». Und er weiss ebenfalls: deshalb sei die bröselige Sojafrikadelle nie bei einer breiteren Masse beliebt geworden. Auch wenn in westlichen Gesellschaften der Fleischkonsum tendenziell sinkt, steigt er in Ländern der Zweiten und Dritten Welt aufgrund von Wirtschaftswachstum und neuem Wohlstand. Viele können sich neben Soja, Kartoffeln oder Reis nun auch Fleisch leisten. Die Prognose der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO): in den nächsten dreissig Jahren wird sich die Fleischproduktion auf der Welt verdoppeln, Milchprodukte noch nicht miteinbezogen. Was sonst noch aufstösst? Die hohe Luft- und Wasserverschmutzung der Fleischindustrie, die oft schlechten Arbeitsbedingungen der in Schlachthäusern Angestellten, nicht zuletzt die Tierqual – warum nicht Soja oder sonstige Pflanzen essen, so die neue Idee im kalifornischen Technik-Mekka, wenn die genauso, ja besser als Fleisch schmecken, noch dazu genau so aussehen, sich auf der Zunge gleich anfühlen, gesünder sind?

 

Soylent, aber «green»

Den öffentlichkeitswirksamen Anfang dieser rasant Fahrt aufnehmenden Entwicklung im Silicon Valley markierte «Soylent». Soylent ist ein mit Wasser anzurührendes Pulver. In seiner Verpackung erinnert es an weissschlanke, leicht knittrige iPhones mit dezent schwarzer Aufschrift. Ganz so erfolgreich wie Apples Handys ist es noch nicht: Zahlreiche Selbstversuche mit dem 2013 im Silicon Valley erfundenen Nahrungsersatz äusserten sich wenig bewundernd. Der mediale Tenor: Soylent schmecke fad, verursache Blähungen, zerstöre den sozialen Aspekt des Essens – beieinandersitzen, schauen, riechen –, sei nur geeignet für einsame, ehrgeizige Tech-Junggesellen im Silicon Valley. Doch die Magie Soylents ist so bestechend wie einfach: die Tagesration, eine 1,5-Liter-Karaffe, enthält alle benötigten Kalorien, übertrifft feste Nahrung sogar an gesunden Inhaltsstoffen. Er selbst verzichte seit Jahren ganz auf das herkömmliche Essen, sagt der Erfinder, Software-Ingenieur Rob Rhinehardt, habe höchstens noch ein paar Karotten oder einen Müsliriegel im Kühlschrank.…