Rembrandt, der Meister

Rembrandts Radierungen im Kunstmuseum

Im Innersten des Kunstmuseums St. Gallen, eingebettet in Porträts, Landschaften, Akte und Stillleben, die das «Goldene Jahrhundert» der Niederlande in Farbe illustrieren, sind im sanften Kunstlicht 150 Radierungen von Rembrandt (1606 bis 1669) ausgestellt. Sie stammen aus einer der weltweit schönsten Privatsammlungen seiner Graphiken, jener des Stahlkaufmanns Albert W. Blum (1882 bis 1952), der nach dem Ersten Weltkrieg aus Mannheim in die Schweiz gezogen war. Anders als jene 100 erlesenen Blätter der Sammlung Eberhard W. Kornfeld, die im Basler Kupferstichkabinett bis Ende Februar zu sehen sind, erwarb Blum viele seiner Radierungen vor dem Zweiten Weltkrieg, als der Markt dafür noch nicht ausgetrocknet war. Der Sammler galt international als ausgewiesener Kenner, der für die hohe künstlerische Differenzierung, die das graphische Werk Rembrandts auszeichnet, ein besonderes Auge entwickelt hatte. Tatsächlich ist die Ausstellung «Rembrandt – seine Epoche, seine Themen, seine Welt» ein kunsthistorischer und künstlerischer Leckerbissen, der als Auftakt zum «Rembrandt-Jahr», seinem 400. Geburtstag, einem internationalen Vergleich durchaus standhalten kann.

Das gesamte Graphik-Œuvre Rembrandts umfasst 290 Radierungsplatten. Ab April 2006 zeigt das Museum «De Lakenhal» in Leiden, in der Geburtsstadt des Künstlers, in den Niederlanden, erstmals eine nahezu komplette Ausstellung seiner Radierungen. Dank der Sammelleidenschaft des Kunsthistorikers Frits Lugt, der bereits 1898 als Fünfzehnjähriger seine erste Rembrandt-Radierung erwarb, bleibt das Privileg der (vermuteten) Vollständigkeit doch einem Niederländer vorbehalten.

Wie gross das Können Rembrandts als Graphiker war, zeigt sich vor allem, wenn sein Werk mit jenem seiner Zeitgenossen, Schüler oder Kopisten verglichen wird. Es ist seine Kombination von Weichheit, Schärfe und Linienführung – sogar in der Wiedergabe der Finsternis –, die die kleinformatigen Preziosen unverkennbar auszeichnet. Niemand sticht die Bärte so wollig und rund, niemand weiss krauses Haar so unentwirrbar darzustellen wie Rembrandt. Das wussten bereits seine Zeitgenossen, und das erklärt auch die ungeheure Popularität seiner Radierungen, die in insgesamt Tausenden von Exemplaren zu Lebzeiten und nach dem Tod des Künstlers in ganz Europa Abnehmer fanden. In der Graphik kommt jene Absolutheit und Kompromisslosigkeit zum Ausdruck, die von den Biographen immer wieder als grundlegender Charakterzug Rembrandts erwähnt wird. Er bildete Frauen und Männer ohne Hemmung bei der Verrichtung elementarster Bedürfnisse ab, seine Akte «nach dem Leben» beschönigen nichts, und seine biblischen Themen zeigen den Menschen als elenden Spielball eines strengen Gottes. Auch die Darstellungen seiner selbst sind schonungslos. Dienten in jüngeren Jahren die im Bild festgehaltenen Grimassen und Selbstporträts als Übungsvorlagen für nachfolgende malerische Kompositionen, sogenannte «tronies», so sind es nach Niedergang und Konkurs im Jahre 1656 kritische Selbstbetrachtungen. Von stiller Schönheit sind demgegenüber Rembrandts Landschaften. Das flache Land und die Gehöfte im Dreieck Leiden, Haarlem und Amsterdam können die Geschäftigkeit dieser Städte im 17. Jahrhundert noch in einer Weite von Wolken, Wasser und Weiden integrieren.

Die Ausstellung «Rembrandt – seine Epoche, seine Themen,

seine Welt» ist bis 26. März 2006 im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen (www.kunstmuseumsg.ch).

Die Ausstellung «Rembrandt der Erzähler. Radierungen aus der Sammlung Frits Lugt» wird vom 13. April bis 3. September im Museum «De Lakenhal», Leiden, Niederlande, gezeigt (www.lakenhal.nl).

Juliana Schwager-Jebbink berichtet für die «Schweizer Monatshefte» über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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