Religiöses Ethos und Geist des modernen Kapitalismus

Max Webers 1904/05 erstmals veröffentlichte Studie «Die protestantische Ethik und der ‹Geist› des Kapitalismus» gehört zu den klassischen Texten der Soziologie. Schon zu Zeiten Webers wusste man, dass der Kapitalismus schwerwiegende soziale und andere Widersprüche erzeugt. Zur Auflösung dieses inneren Grundwiderspruchs erzählte Weber die Geschichte von der Geburt des Kapitalismus aus dem Geiste der Religion. Kapitalistische Wertschöpfung funktioniert nur dann, wenn das Gewinnstreben der Marktteilnehmer ins Unendliche geht. Nur wenn die Superreichen um jeden Preis noch reicher werden wollen, reinvestieren sie ihre Milliarden produktiv und halten den Wirtschaftskreislauf am Laufen. Akkumulation als Selbstzweck, das ist der Imperativ der heutigen Kapitalwirtschaft. Diese Akkumulation, so erklärte es Max Weber in der Nachfolge Calvins, diene nicht dem weltlichen Lustgewinn, der Geldgier und Gütersucht. Sie sei vielmehr eine Form der religiösen Askese. Die Pointe ist: nur diese metaphysische Perspektive mache es sinnvoll, mehr Geld aufzuhäufen, als man hienieden jemals verzehren könnte. Ein ganz immaterielles Ziel, das genuin religiöse Interesse an überweltlichem Heil, drängt zum Wunsch nach unbegrenzter Steigerung des materiellen Wohlstands. Weber prägte dafür die Formel von der «innerweltlichen Askese».

Aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums der Erstveröffentlichung seiner säkularen Schrift fand im September 2005 in Basel eine interdisziplinäre Tagung statt, zu der ein Tagungsband erschienen ist. Webers Arbeit wird hier auf ihre Aktualität hin befragt und zur Folie von Gegenwartsdiagnosen genommen. Mit der Globalisierung hat die Ökonomisierung unserer Lebenswelt einen neuerlichen Schub erhalten. Nahezu alle Lebensbereiche scheinen sich heute an den Rationalisierungsstandards orientieren zu müssen, die die Wirtschaft vorgibt. Auf methodisch unterschiedliche, fast durchwegs produktive Weise gehen die Autoren den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und individuellen und gesellschaftlichen Werten unserer Gegenwart nach.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag des St. Galler Wirtschaftsethikers Ulrich Thielemann, der zeigt, wie stark unser Leben durch die Systemvorgaben ökonomischer Rationalität bestimmt ist. Es liegt in der Eigenlogik des Unternehmers, alle marktfremden Gesichtspunkte aus seinem Handlungsfeld zu beseitigen. Die Rationalisierung der Lebensführung im Sinne des Marktes hat zwar zu einem historisch beispiellosen Wohlstand geführt, aber sie zwingt uns ein Verhaltensschema auf, das kaum Platz für ausserökonomische Überlegungen und Handlungen lässt. Wer sein Leben nicht «unternehmerisch» führe, so Thielemann, werde bald vom globalen Wettbewerb «ausgelesen». Auch die Politik, die das Gemeinwesen nach den Vorstellungen der Bürger gestalten sollte, wird unter dem Diktat des Kapitals gezwungen, die Wettbewerbsfähigkeit des «Standorts» in den Vordergrund zu stellen. Die Kosten dieses «Unternehmertums», des Zwangs, sich «fit», wettbewerbsfähig auf den Märkten zu erhalten, und die damit verbundenen Freiheitsverluste werden meist sowenig beachtet wie die Alternativen. Gibt es einen Ausweg zugunsten von Lebensformen, die nicht gänzlich von ökonomischen Gesichtspunkten der Ausschöpfung von «Humankapital» bestimmt sind? Nach Thielemann nur durch Einbettung des Kapitalverkehrs in eine globale Rahmenordnung. In der Zwischenzeit hat die Wirtschaftskrise noch weitere Argumente für eine solche Ordnung lautwerden lassen.

In allen Beiträgen regt das Buch an zum Nachdenken über zentrale Fragen unseres Daseins, über die vielschichtigen Interdependenzen von Arbeit, Markt, Freiheit und Religion in unserem begrenzten kleinen Leben. Es beweist, dass das Problem des Verhältnisses von modernem Kapitalismus und religiösem Ethos heute mindestens so virulent ist wie damals, als Max Weber es magistral aufgegriffen hat.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

Georg Pfleiderer, Alexander Heit (Hrsg.): «Wirtschaft und Wertekultur(en). Zur Aktualität von Max Webers ‹Protestantischer Ethik›». Zürich: TVZ, 2008

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