Reisen statt orgeln

Seit vier Jahrzehnten hat Gerold Späth sich mit Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Hörspielen einen Namen gemacht. Beinahe unbemerkt sind nebenbei in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren Reisereportagen für die «Neue Zürcher Zeitung» entstanden, die nun unter dem Titel «Mich lockte die Welt» gesammelt nachzulesen sind. Gleich zu Beginn bekennt Späth, am liebsten «ohne allzu fixe Punkte» zu reisen, «mit Raum zum Herumschweifen und mit Zwischenräumen zum Abschweifen».

Abseits der ausgetretenen Touristenpfade geht Späth auf Entdeckungsreisen. Nie wird er müde daran zu erinnern, dass die politischen Verhältnisse das Leben der Menschen weit mehr bestimmen als Landschaft, Klima oder Tradition. Das zeigt sich besonders deutlich in Sizilien, wo die Mafia «als schleichende Angst in den Leuten» spürbar wird und der Grund dafür ist, dass auf der Insel «so viel geflüstert oder lieber gleich geschwiegen wird». Es gilt aber auch für die Eskimos und Indianer im fernen Alaska, die durch die politischen Entwicklungen ins gesellschaftliche Abseits gedrängt wurden und allenfalls noch als museale Beigabe geduldet werden. Mit bitterer Ironie vermerkt Späth die putzigen Eskimopuppen und Mini-Totempfähle, mit denen auf den Einkaufsstrassen von Anchorage indianische Kultur vermarktet wird, während die Polizei in den Nebenstrassen routinemässig die betrunkenen Eskimos einsammelt und wegsperrt. Auch eine Art Pflege des kulturellen Erbes.

Auf eine harte Geduldsprobe gestellt wird der Vorsatz des Autors, sich reisend «mit der Welt, mit Menschen und Menschenwerk» auseinanderzusetzen, bei einer staatlich kontrollierten Reise durch die DDR, neun Jahre vor dem Mauerfall. Unter der strengen Aufsicht eines Reisebegleiters wird ihm eine mundgerecht vorgekaute sozialistische Vorzeigerepublik präsentiert, die sich in Politparolen und heruntergeleierten Funktionärsreden erschöpft. Ganz so billig abspeisen lässt Späth sich allerdings nicht und verschafft sich in den seltenen Begegnungen mit den Arbeitern und Bauern durchaus anders klingende Informationen aus erster Hand. Mit geradezu diebischer Freude kommentiert er die Bemerkung eines jungen Mannes in Erfurt, der vor den Augen des staatlichen Aufpassers die Durchschnittseinkommen in der DDR um fünfzig Prozent nach unten korrigiert: «Das gibt zu schlucken, das klebt meinem Begleiter in der Garten- und Blumenstadt Erfurt rosenrote Ohren an den Kopf.»

Die letzte Reportage führt Späth auf den Spuren des oberschwäbischen Orgelbauers Karl Joseph Riepp aus dem 18. Jahrhundert ins französische Burgund und die Franche-Comté. Hier schwingt ein Stück eigene Lebensgeschichte mit, stammt der Autor doch selbst aus einer alten Orgelbauerfamilie aus Augsburg, die vor vier Jahrhunderten an den Zürichsee gezogen war. Der wendige und weltoffene Riepp, der nach Dijon auswandert, weil ihm die schwäbische Welt zu eng wird, dort der etablierten einheimischen Konkurrenz rasch den Rang abläuft und sein Geschäft um einen einträglichen Handel mit Burgunderwein erweitert, ist zweifellos ein Charakter ganz nach Späths Geschmack. Von seinen Orgeln sind nur noch ganze zwei einigermassen erhalten, auch wenn fast jeder Küster und Kirchenführer in der Region beansprucht, eine Orgel aus der Werkstatt Riepps zu besitzen. Das zeigt in gewisser Weise die längere Haltbarkeit der Fiktion und ist keine schlechte Bestätigung für den Autor Späth, der dem Orgelbau den Rücken kehrte und in der Literatur ein so klangvolles Werk intonierte. Seine Reisebeschreibungen liefern dazu einen weiteren, beileibe nicht dünnen Ton.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Gerold Späth: «Mich lockte die Welt». Basel: Lenos, 2009

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