Reihenweise zum Rheinfall

Gelehrte Aussenseiter, seien sie noch so sachkundig und von Enthusiasmus für ihren Gegenstand getragen, hatten es schon immer schwer, die ihnen gebührende öffentliche Anerkennung zu erringen. Möglich, dass es Heinrich Gebhard Butz auch so ergeht – zu Unrecht, wie seine Textsammlung eindrucksvoll beweist. Der Rheinfall, «Schauplatz unserer Spiele, Streiche und Abenteuer», habe ihn geprägt, bekennt der Herausgeber am Ende einer recht schlichten Einleitung in das unterhaltsame und zugleich belehrende Kompendium. «Um die Nostalgie zu bannen, habe ich mit vielen Mitarbei-tern dieses Buch gemacht.» Seit dem Spätmittelalter zog das Naturwunder bei Schaffhausen Reisende an, und heute wer-den dort jährlich mehr als zwei Millionen Besucher gezählt. Wie sich die Gefühle und Meinungen der Menschen ange-sichts des gewaltigen Wasserschauspiels im Lauf der Jahrhunderte artikulierten und änderten, ist das Thema des Buches. Dabei musste Butz aus den Beständen der Schweizer Bibliotheken eine Auswahl treffen, und sie leuchtet durchaus ein, sofern man ein breiteres Lesepublikum vor Augen hat, das sich für das vom Fall ausgelöste «Panorama der Gefühle und Gedanken» interessieren könnte. Eine vollständige Sammlung der unermesslichen Rheinfall-Literatur ist sowieso kaum möglich.

Das Buch hat vier Teile: Texte vom Mittelalter bis 1700, Höhepunkte der Rheinfall-Literatur von 1700 bis Mitte des 19. Jahrhunderts, bereits im Zeichen des Niedergangs dieser Literatur stehende Texte von 1850 bis heute, und schliesslich, vor der nützlichen Bibliographie, das Kapitel «Offene Fragen». Im ersten Teil erfährt man von alten Sagen, die im 19. Jahrhundert unter anderem Joseph Victor von Scheffel aufgestöbert und poetisch modelliert hat, und von frühen Reisenden wie Montaigne, Paracelsus, Matthäus Merian oder Konrad Celtis. Der Herausgeber stellt sie alle vor, und er charakterisiert und kommentiert auch ihre Rheinfalltexte, in gebotener Kürze und leider an keiner Stelle origi-nell oder wenigstens witzig. Für die Uninspiriertheit seiner Erläuterungen entschädigen die Texte selbst, aber auch deren geschickte, oft erhellende Zusammenstellung.

Der Band dokumentiert eine enorme Vielfalt: «Den einen ist der Rheinfall ein Beispiel göttlicher Kraft, den anderen ein Ventil der eigenen inneren Unruhe. Kritik von Snobs fehlt so wenig wie staunender Jubel. Die ganze Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks wird durchgespielt.» Klopstock, Lavater, Goethe, Hölderlin, Chamisso, Uhland, Mörike, Jean Paul, Sophie von La Roche, Johann Peter Hebel, die Droste, Johannes von Müller, Ulrich Bräker oder Conrad Ferdinand Meyer dürfen nicht fehlen, doch gerade die Texte unbekannterer Autoren geben dem Panorama seine Würze. Aus ganz Europa strömt man zum Fall: Lamartine, Chateaubriand oder Victor Hugo kommen aus Frankreich, James Fenimore Cooper staunt, Hans Christian Andersen auch. Nicht jeder schwärmt. Leo Tolstoi notiert 1857: «Ein abnormer, nichtssagender Anblick».

Mit dem Aufkommen des neuzeitlichen Tourismus tendiert das Rheinfallerlebnis dazu, eine flüchtige Sensation un-ter vielen zu werden, auch wenn es sogar im 20. Jahrhundert noch Schönes zu entdecken gibt, etwa «Der nächtliche Rheinfall» (1936), ein Buch des Dr.-Mabuse-Erfinders Norbert Jacques, oder die Prosa der Luzerner Dichterin Cécile Lauber. Ob Hartmann von Aue in seinem «Erec» schon um 1200 herum den Rheinfall beschrieben hat oder nicht, ist eine der offenen Fragen aus diesem anregenden Buch eines Liebenden. Schön aussehen tut’s auch. Kein Reinfall also, auch als Geschenk nicht.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Heinrich Gebhard Butz (Hrsg.): «Sie waren am Rheinfall». Zürich: Chronos, 2009

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