Reflex(ionen)

Reflex(ionen)

Politik ist erklärtermassen ein normatives Geschäft. Der Politiker will die Welt verändern, sie «linker», «rechter», «grüner» oder – wie ich – «liberaler» machen. Doch um die Welt verändern zu können, sollte man sie zuerst verstehen wollen. Das ist nicht immer einfach. Denn in der konkreten politischen Arbeit – stark beschleunigt durch die Ubiquität des digital veröffentlichten Raums – wird man zuallererst Zeuge (und dann nicht selten Teil!) des Rennens nach der schnellsten Wertung. Wer zuerst den Daumen rauf- oder runterbringt, erringt die Deutungshoheit – you never get a second chance to make a first Meinung!

Wo, wann und was immer aufpoppt: Politiker sind sogleich versucht, zu meinen statt zu verstehen. Folglich müssen sie richtiggehend Reflexe entwickeln, die es erlauben, ohne langes Nachdenken dafür oder dagegen zu sein. Nicht die Reflexion ist gefragt, sondern der Reflex.

Ein schönes Beispiel dafür sind jene Reflexe, die der Beamte im politischen Spektrum auslöst. Während der Bürgerliche a priori keine neuen Staatsdiener will, begrüsst der Linke Forderungen nach mehr staatlichen Angestellten in aller Regel. Allerdings: zieht man dem Beamten eine Uniform an, bewaffnet ihn gar, werden aus Etatisten sogleich libertäre Staatsskeptiker und aus Liberalen wie von Geisterhand staatstragende Konservative. Indes dreht der Reflex links abermals, wenn der Uniformierte gegen häusliche Gewalt eingesetzt wird, vorab entlang der Täter-Opfer-Linie Mann−Frau. Grundrechtseingriffe gehen dann in Ordnung. Zurück an den Anfang dreht der Reflex rechts wiederum, wenn sich die Polizei des Verkehrs annimmt: aus dem gelobten Verbrecherjäger wird wieder ein mühsamer Spassverderber, der offenbar obendrein nichts anderes zu tun hat. Zur eigentlichen Reflexkollision kommt es schliesslich, wenn – wie nach den dramatischen Ereignissen in Genf diesen Sommer zu beobachten – Gewalt gegen Frauen von Ausländern auf die politische Traktandenliste kommt: Rechts wird zum Verfechter interventionistischer Frauenrechte, und Links betont, dass Männergewalt sehr relevant sei, keineswegs aber Ausländermännergewalt (statistisch signifikant ist übrigens beides).

Dieses Politisieren qua Reflex statt Reflexion dürfte ein Grund sein, warum die Politik zwar oft bewertet, aber nur selten tatsächlich zum Normieren kommt.