Redet miteinander!

Politik und Stiftungen: Un dialogue de sourds.

 

Schon eine flüchtige Recherche zum Thema Schweizer Stiftungsräte zeigt, dass Parlamentarier in Stiftungsgremien eher die Regel als die Ausnahme sind. Das erstaunt auch nicht, denn Politiker setzen sich ja «für das Gemeinwohl» ein, und «Nachweise» dafür, in Form philanthropischer Mandate, sind dem eigenen Image gerade in Wahlkampfzeiten nicht abträglich. Warum aber gestaltet sich der Dialog zwischen Stiftungswelt und Politik trotzdem so schwierig? Woher kommt das grosse Misstrauen zwischen Mäzenen und Stiftungen einerseits und Politikern und Beamten andererseits?

Während meiner neun Jahre als Staatskanzlerin des Kantons Genf habe ich erlebt, wie beide Seiten ticken. Die Stiftungswelt hegt das Vorurteil, der Staat sei verstaubt, ineffizient und seine Strukturen überholt. Politik und Bürokraten dagegen glauben, Philanthropie sei vornehmlich ein Hobby gelangweilter und gebotoxter «Gattinnen» unbestimmten Alters, die unstrukturiert und nach dem Lust-und-Laune-Prinzip Geld zum Fenster rausschmeissen. Was macht man als Politiker zwischen diesen Fronten?

«Wer sich kennt und anerkennt, der arbeitet auch besser zusammen!»

Aufbauend auf der Genfer Tradition für Philanthropie, haben wir versucht, den Dialog zu pflegen, den Stiftungssektor und den Staat ein Stück weit zu «verkuppeln». Wir haben zu Round Tables eingeladen, jedes Mal mit einem bestimmten Förderthema, zu dem beide Seiten etwas beizutragen hofften: Kultur, Denkmalschutz, Behinderung, Krebs, Universität oder Soziales. Bei jedem Event wurden 60 bis 100 Gäste eingeladen, Philanthropen, die sich zu dem spezifischen Thema engagieren, Vertreter der Verwaltung oder von Vereinen, die in diesem Bereich tätig sind. Da die Events ohne Presse und nur auf Einladung stattfanden, konnte sich jede und jeder in geschütztem Rahmen frei äussern. Ziel war es, gemeinsam das Wissen über die Probleme und Bedürfnisse in dem Bereich zu erweitern, konkrete Fallbeispiele gemeinsam anzuschauen, Erfolg zu definieren und aus Fehlschlägen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das hat, nach einer gewissen Eingewöhnungsphase, in der beide Seiten viel Zeit dafür aufwandten, ihre Prozesse und Anliegen zu erklären, gegenseitiges Vertrauen geschaffen.

Danach stellte sich schnell heraus: Wer sich kennt und anerkennt, der arbeitet auch besser zusammen! Das neugeschaffene Vertrauen erlaubte es schliesslich, die Möglichkeiten der Partner für gemeinsame Ziele komplementär einzusetzen. Konkret hiess das: Stiftungen sind gut darin, Pilotprojekte zu realisieren, bei Problemen schnell zu reagieren, innovativ zu sein und Risiken einzugehen – sie sollten all diese Vorteile gegenüber und in Kooperation mit dem Staat ausspielen können. Letzterer hingegen ist imstande, die sich bewährenden Rezepte (auch andernorts) zu übernehmen und dann auch auszurollen, wo die Vorteile der Stiftungswelt nur zeitweise oder gar nicht zum Tragen kommen. Ein Beispiel: Als im April 2016 immer mehr unbegleitete Minderjährige in der Schweiz Asyl suchten und das Erziehungsdepartement drei Monate vor Schulschluss keine zusätzlichen Klassen mehr gründen konnte, haben neun Stiftungen innerhalb von 15 Tagen eine gemeinsame Lösung gefunden, die ohne eine vorige Vernetzung nicht möglich gewesen wäre. Mit 430 000 Franken wurde eine sofortige Betreuung dieser oft traumatisierten Jugendlichen auf privatem Wege sichergestellt, bis sie Ende August die zusätzlich vom Staat eingerichteten Eingliederungsklassen besuchen konnten.

Wichtig: Mit der erfolgreichen Durchführung eines Förderprojekts ist die Sache nicht vorbei! Weil die Schweizerinnen und Schweizer auch im Philanthropiebereich Diskretion und Bescheidenheit pflegen, nicht selten auch Mühe haben, einander zu gratulieren, halten wir die (neuen) Partner an, gelungene Win-win-Projekte zwischen Stiftungen und der öffentlichen Hand gemeinsam zu feiern. Und zwar nicht nur, um den Stiftungen und privaten Mäzenen zu danken, sondern auch um öffentlichkeitswirksam auf das mögliche Gelingen koordinierter Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel hinzuweisen und Nachahmer zu ermuntern, sich ebenso für das Gemeinwohl einzusetzen.

Die Sache mit der Gemeinnützigkeit
Illustration von Christina Baeriswyl.
Die Sache mit der Gemeinnützigkeit

Wer philanthropisch tätig wird, stellt sich und sein Handeln in den Dienst anderer, seine Eigeninteressen hintan. Damit dieses Engagement aber überhaupt möglich wird, müssen die Rahmenbedingungen stimmen – und darüber entscheiden nicht zuletzt die Steuerbehörden.

Vertrauensaufbau statt Steuerabzug

In Politik und Gesellschaft mangelt es am grundsätzlichen Verständnis über die Funktionsweise und die Leistungsfähigkeit des Stiftungssektors. Es gibt Anzeichen, dass sich das ändert – im Hinblick auf politische Strategiefindung, mehr Transparenz, bessere Regulierung und faire Berichterstattung ist aber noch viel zu tun.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»