Rechtschreibfrieden? Leider nein!

Aktuell herrscht ein unübersichtliches und willkürliches Regelchaos, das dringend nach Bereinigung schreit. Mehr Sprachdemokratie würde helfen.

 

Rechtschreibung – ist das nicht ein Thema aus einer vergangenen, vordigitalen Zeit? Sollten wir heutzutage nicht einfach den Luxus geniessen, das sprachliche Richtig und Falsch den Korrekturprogrammen zu überlassen, um uns ganz inhaltlichen Fragen zu widmen?

Die Problematik ist mehrschichtig. Die Frage, wie viel wir in Zukunft überhaupt noch selbst schreiben und lesen und wie viel wir mit Diktierprogrammen bzw. den Vorlesefunktionen unserer Handys und Computer arbeiten werden, ist das eine. Das andere ist, welche Rechtschreibung wir und unsere heutigen und künftigen digitalen Helfer verwenden sollen. Etwas ist klar: Die 2006 getroffene Entscheidung, sowohl herkömmliche Schreibungen, die seit 1900 oder noch länger gültig gewesen waren, als auch die betreffenden 1996 neu erfundenen Reformschreibungen als «Varianten» für richtig zu erklären, war unbefriedigend, gerade auch aus dem Blickwinkel unserer digitalen Helfer. Diese wollen wissen, was richtig ist, und alles andere nötigenfalls korrigieren, aber nicht entscheiden müssen, ob bei schönem Wetter seit langem und bei Regen seit Langem richtig ist oder umgekehrt. Wo nur eine Form gilt – und das ist ja zum Glück der Normalfall –, sind die digitalen Helfer zuverlässige Aufpasser und sorgen effizient dafür, dass uns die richtige Schreibweise vertraut wird und bleibt. Aber für Varianten sind sie untauglich – und wir Menschen, gründlich verwirrt durch dieses Hin und Her, auch! Deshalb fordert die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) seit ihrer Gründung 2006 wieder eine einheitliche Rechtschreibung, wie wir sie vor der Reform hatten. Im genannten Fall galt seit weit über hundert Jahren seit langem.

 Wenn das Sprachempfinden verletzt ist

Die zweite Forderung der SOK ist die nach einer sprachrichtigen Rechtschreibung. Einer Rechtschreibung also, die die Logik des Deutschen und das Gefühl für richtige Sprache nicht mit Füssen tritt. Wenn man heute zum Beispiel schreiben muss: Dazu wäre noch manches, etliches zu sagen, aber: Dazu ist Verschiedenes, Folgendes zu sagen, so widerstrebt dies dem Sprachempfinden. Ebenso, wenn man heute ein greuliches Verbrechen nicht mehr von gräulichem Blau unterscheiden darf oder wenn behauptet wird, ein wohlbekannter Schriftsteller sei dasselbe wie ein wohl bekannter Schriftsteller (beide Schreibungen sind zugelassen).

Diese Dinge sind nicht nur eine Frage der Orthografie, sondern sie betreffen ganz direkt auch die Sprache. Die genannten Fälle zeigen es beispielhaft: Die Reform 1996 hat mehrere Neuerungen eingeführt, die bewährten Tendenzen der deutschen Rechtschreibung diametral entgegenlaufen und in der Bevölkerung deshalb auf breites Unverständnis gestossen sind. Denn seit etwa 150 Jahren war die Entwicklung konsequent in Richtung von mehr Zusammenschreibung und mehr Kleinschreibung gegangen. Die Reform aber trennte viele Komposita auf, sofern nichts grammatisch Falsches resultierte: so genannt, Strom sparend, auseinander gehen (aber natürlich nicht: Hunde müde). Der Protest war so gross, dass 2006 fast alle herkömmlichen Zusammenschreibungen als «Varianten» wieder gestattet und Fälle wie auseinander gehen sogar wieder verboten wurden. Inzwischen wird die Getrenntschreibung auch in den noch gestatteten Fällen kaum mehr gebraucht und auch von Duden nicht mehr empfohlen. Hier hatte die Varianten-Regelung ­zunächst durchaus ihre Berechtigung: Sie verhalf den von der Reform verbotenen herkömmlichen Schreibungen wieder zu ihrem Recht. Der konsequente letzte Schritt fehlt allerdings noch: nämlich, dass die Reformvarianten – mit einer grosszügigen Übergangsfrist – wieder ausser Kraft gesetzt werden. Diesen Mut haben die Politiker noch nicht aufgebracht, und die Reformer sträuben sich hinter den Kulissen mit Händen und Füssen gegen die Zerstörung ihres Lebenswerks (oder was sie dafür halten).

Im zweiten Bereich, der Gross- und Kleinschreibung, ist die Situation noch viel schlimmer. Denn hier sind fast alle von der Reform verbotenen herkömmlichen Schreibungen bis heute nicht wieder gestattet worden. So haben sie keine Chance, sich gegen die Reformschreibungen zu behaupten und gegebenenfalls sogar durchzusetzen. Es ist blanker Hohn, wenn aus Reformerkreisen immer wieder verlautet, die Reformschreibungen seien deutlich beliebter als die herkömmlichen, somit bestehe kein Handlungsbedarf. Alle hier folgenden Beispiele wurden in herkömmlicher Schreibung klein geschrieben – wie einfach das doch war! Seit 1996 aber herrscht ein unlogisches Regelgeflecht, das sich niemand merken kann:

der eine flucht, der andere lacht, aber: der Dritte schweigt.

kein Einziger, das Gleiche, aber wie früher klein: die meisten, ein jeder.

Erstere, Letztere, Folgendes, aber wie früher klein: etliche, manche, dies.

nicht im Geringsten, etwas zum Besten geben, aber wie früher klein: am besten, am schnellsten, am weitesten.

im Voraus, im Übrigen, des Weiteren, zum Vornherein, aber wie früher klein: von vornherein; und um die Verwirrung komplett zu machen, dürfen ohne weiteres, seit kurzem usw. heute gross oder klein geschrieben werden.

Das Urteil der «Nutzer» des Deutschen über die Reformschreibungen ist übrigens auch hier eindeutig: Wo man das noch darf, schreiben heute fast alle klein.

«Auf Schritt und Tritt begegnen uns Schreibungen,

die die Reformer gewiss niemals beabsichtigt haben,

die aber ganz natürliche Folgen ihrer unüberlegten Änderungen sind.»

Kaum verwunderlicher Wildwuchs

Man kann über solche konzeptlose Willkür heulen, fluchen oder lachen, nur schweigen sollte man nicht! Längst sind die negativen Auswirkungen der Reform flächendeckend feststellbar. Auf Schritt und Tritt begegnen uns Schreibungen, die die Reformer gewiss niemals beabsichtigt haben, die aber ganz natürliche Folgen ihrer unüberlegten Änderungen sind, wie einschänken und Weihnachtsgeschänke oder, gravierender, ab zu reisen, zusammen zu lesen, dunkel blau, Geheimnis voll, Wut entbrannt oder eben Hunde müde, im Bereich der Gross- und Kleinschreibung Etliche, Andere, fünf Mal (auch ohne «besondere ­Betonung») und besonders häufig am Schönsten, am Liebsten usw. sowie gleich in beide Bereiche fallend zum wahnsinnig werden (auch zum W. w., zum w. W., zum W. W.), wo seit jeher nur zum Wahnsinnigwerden richtig ist. Es wird ein Weilchen dauern, bis solche Unsicherheiten wieder verschwinden.

Leider hat der Rat für Rechtschreibung von der sprachlichen Vernunft der grossen (schreibenden) deutschsprachigen Gemeinschaft keine sehr hohe Meinung. Wenn aber die allermeisten Leute heute wieder stromsparend schreiben, obwohl die ­Reformer in allen Positionen viele Jahre lang mit allen Mitteln versucht haben, die Getrenntschreibung Strom sparend durchzusetzen, so ist das eben just diese Macht des Demokratischen in der Sprache. Einseitige Dudenempfehlungen, darauf getrimmte Korrekturprogramme und die Eitelkeit der Politiker, die nie gerne zugeben, wenn sie etwas Dummes gemacht haben, sind freilich Hemmnisse für diesen sprachdemokratischen Prozess in der Rechtschreibung.

Die grossmundige Proklamation des Rechtschreibfriedens anlässlich der «Reform der Reform» im Jahr 2006 war reine Augenwischerei. Dieser kann überhaupt erst eintreten, wenn auch die noch verbotenen herkömmlichen Schreibungen wieder erlaubt werden und die Reformschreibungen sich ihnen stellen müssen – und zwar ohne die Hilfe reformlastiger Duden-Empfehlungen. Auch Gemse und jedesmal müssen ihre Chance ­bekommen. Dann wird alles sehr schnell gehen. Denn ob es den Reformern passt oder nicht: Die Reform war verfehlt, das wusste die Bevölkerung von Anfang an, und auch die Politiker haben es längst zugegeben. Wir werden alle miteinander die Reform 1996 zu dem machen, was sie zu sein verdient: ein kurzer Hustenanfall, ja wohl gar nur ein leises Räuspern in der jahrhundertelangen deutschen Sprachgeschichte. Die Millionen oder Milliarden, die sie verschlungen hat, müssen wir leider abschreiben.

Eine gute Rechtschreibung gleicht sauber geputzten grossen Fenstern in einem Panoramarestaurant in den Alpen. Genauso wie wir dort die schöne Aussicht geniessen wollen und durch schmutzige Fensterscheiben daran gehindert würden, möchten wir Texte um ihres Inhaltes willen lesen und nicht alle paar Zeilen auf eine Variantenschreibung oder eine sprachlich zweifelhafte Orthografieregel stossen, die uns verwirrt oder ärgert.

Zurück zur eingangs aufgeworfenen Frage! Niemand wird im Ernst annehmen, dass wir unser Leben, so durchdrungen von Digitalisierung es auch werden mag, je werden meistern können, ohne lesen und schreiben gelernt zu haben. Wenn sich die Politik nun aber endlich zusammenrauft und auch die letzten Reformschreibungen in einen fairen Konkurrenzkampf mit den herkömmlichen Schreibungen schickt, indem sie letztere wieder für richtig erklärt, so werden gerade die digitalen Helfer die Auswertung der Vorlieben der schreibenden Bevölkerung für die herkömmlichen oder die Reformschreibungen stark vereinfachen und beschleunigen. Dies wird die Spreu rasch vom Weizen trennen, gezielte Empfehlungen ermöglichen und so dafür sorgen, dass der echte Rechtschreibfrieden innert gut zehn Jahren wieder erreicht sein wird. Mit einer wiedererlangten einheitlichen und sprachrichtigen Rechtschreibung aber werden wir uns getrost auch den dannzumaligen Korrekturprogrammen anvertrauen können. Dass sie hingegen in alle Zukunft die zurzeit herrschende inkonsequente und willkürliche Rechtschreibung in unsere Hirne einbrennen werden, ist eine grausige Vorstellung.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»