Realitätsabgleich in der U-Bahn

Mein Freund Harry weigert sich, die Londoner Subway zu benutzen. Weil er seinen Führerschein abgeben musste und sich keinen Chauffeur leisten kann, verwendet er ein kleines Vermögen darauf, sich von Taxis in der Gegend herumfahren zu lassen. Jeden Tag zur Arbeit und wieder nach Hause, am Wochenende zum Club in die Stadt und zurück. Das kostet. […]

Mein Freund Harry weigert sich, die Londoner Subway zu benutzen. Weil er seinen Führerschein abgeben musste und sich keinen Chauffeur leisten kann, verwendet er ein kleines Vermögen darauf, sich von Taxis in der Gegend herumfahren zu lassen. Jeden Tag zur Arbeit und wieder nach Hause, am Wochenende zum Club in die Stadt und zurück. Das kostet. Und darin ist die Zeit, die Harry damit verschwendet, im Stau zu sitzen, noch nicht einmal eingerechnet.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss: Das ist seine Art, sich der Realität zu verweigern. Er möchte, dass alles in seinem Leben perfekt ist – sein Haar, seine Freunde, sein Job und sein Anzug. Er treibt alles bis zum Äussersten, lebt gefangen in seiner Blase, die er sich hart erarbeitet hat und um die er sich ständig sorgt. Die effiziente, günstige, überfüllte U-Bahn passt da nicht hinein. Die Wirklichkeit ist nun mal nicht immer hübsch und schon gar nicht perfekt. Sie ist auch dreckig, dunkel und heiss. Sie zwingt einen, anderen Menschen nahezukommen und einen Platz einzunehmen, den man nicht ausgesucht hat.

Harry verpasst eine Lektion in Demut: In der U-Bahn spielt es keine Rolle, wie perfekt oder wer du überhaupt bist – dort unten gibt es keine VIP-Abteile. In geradezu therapeutischer Manier führt sie uns vor Augen, dass wir alle gleich sind, wenn wir uns bei dem Versuch begegnen, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Und wenn wir rücksichtsvoll, höflich und nett zueinander sind, dann wird die Reise sogar erträglich, mehr noch: ein grosser Spass. Man macht da halbtranszendente Erfahrungen, die im klimatisierten Auto nicht möglich sind. Etwa, wenn ein Musiker den Wagen betritt und die Leute anfangen, mitzusingen und zu tanzen. Klar, das passiert im Zürcher öV selten, in echten Metropolen aber schon. Das Leben präsentiert sich nirgendwo sonst in einer Vielfalt und Intensität wie dort, zwei Etagen unter dem Bürgersteig. Es ist echt, abenteuerlich und anregend. Genau deshalb kaufe ich Harry noch heute eine Monatskarte.

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