Raus aus der Komfortfalle!

Auf 5642 Metern bestätigen sich Michael Easters Erkenntnisse über das Glück der Unbequemlichkeit.

Raus aus der Komfortfalle!

Warum?, denke ich, während ich mich irgendwo im hintersten Winkel des Kaukasus dem 5642 Meter hohen Gipfel des Elbrus entgegenkämpfe. Mein sauerstoffdepriviertes Gehirn trommelt protestierend gegen die Schädelwand, meine Beine spüren die Strapazen des 10stündigen Aufstiegs, und ich bin nur zu einem Gedanken fähig: Warum mache ich das eigentlich? Warum liege ich in diesem Moment nicht Piña Colada trinkend an einem Strand und geniesse das Leben?

Die Antwort gibt Michael Easter im Buch «The Comfort Crisis»: Weil der unbequeme Weg meist der bessere ist. Weil Leute, die Belastungen und Strapazen auf sich nehmen, gesünder, stärker, widerstandsfähiger und glücklicher leben.

Die Evolution hat uns darauf getrimmt, nach angenehmen Temperaturen, ausreichend zu Essen und möglichst wenig Energieaufwand zu streben. Während des überwiegenden Teils seiner Existenz auf dem Planeten hat dieses Streben dem Menschen das Überleben erleichtert. Doch in den modernen Gesellschaften mit all ihren Annehmlichkeiten wird es zu einem Nachteil. Der Komfort unserer wohltemperierten, sterilisierten und gesättigten Umgebung macht uns träge. Wir müssen uns nicht mehr bewegen, um zu Essen zu kommen, und bezahlen dafür mit Übergewicht und Rückenschmerzen. Wir haben Langeweile faktisch abgeschafft – und damit ihre positive Wirkung auf psychische Gesundheit und Kreativität. Wir haben das Gefühl des Hungers vergessen und stopfen uns mit Junkfood voll, der mit Energie vollgepackt ist und doch nicht sättigt.

Weil unsere Umgebung uns kaum mehr aus unserer Komfortzone zwingt, so Easter, müssen wir uns ab und zu selber dazu zwingen. So brach der amerikanische Journalist und Autor in die Wildnis Alaskas auf, wo er mit zwei Freunden über einen Monat lang ohne Kontakt zur Zivilisation lebte und Rentiere jagte.

Ganz so entbehrungsreich ist der Aufstieg auf den Elbrus nicht, aber herausfordernd genug, um kurz vor dem Gipfel das Ziel ernsthaft in Frage zu stellen. Der Körper drängt mit Vehemenz darauf, aufzugeben. Der Kopf hält dagegen – und setzt sich durch. Was folgt, ist Euphorie über das Erreichte und über die Aussicht, die nach den Strapazen umso überwältigender ist. Und die Erkenntnis, dass die Grenzen des Körpers weiter reichen als gedacht, wenn man ihn aus der Komfortfalle lockt. (lz)

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»