Raumplanung mal anders: Hongkong

Mein Konzert zuoberst auf einem 55stöckigen Hochhaus in Hongkong habe ich als etwas Besonderes in Erinnerung. Das Dach: eine fliegende Oase über einer Wüste aus aufgewirbeltem Sand. Von oben kaum zu sehen, aber kurz zuvor noch am eigenen Leib erfahren: Dicht an dicht bewegen sich die Menschen durch die Strassen und Gassen Hongkongs. Verstopfung allerorten, […]

Mein Konzert zuoberst auf einem 55stöckigen Hochhaus in Hongkong habe ich als etwas Besonderes in Erinnerung. Das Dach: eine fliegende Oase über einer Wüste aus aufgewirbeltem Sand. Von oben kaum zu sehen, aber kurz zuvor noch am eigenen Leib erfahren: Dicht an dicht bewegen sich die Menschen durch die Strassen und Gassen Hongkongs. Verstopfung allerorten, sogar die Meeresbucht macht an manchen Tagen den Eindruck, als böte nicht einmal der Ozean genug Platz für all die Menschen. Vernestelte Wohnungen in Wolkenkratzern, sogar Plakatwerbung und Leuchtreklamen können hier nicht nahe genug nebeneinander hängen. Wer sich installieren möchte, muss mit Mietpreisen rechnen, die zum Teil höher ausfallen als in New York. Das geschäftige Treiben in der ruhelosen Sahara am südlichen Zipfel Chinas ist dabei so eng wie teuer: Zu dritt hatten ich und meine zwei Begleiter damals ein Zimmer gebucht, auch eine Nacht im billigsten Hotel kostet in Hongkong nämlich ein halbes Vermögen. Was wir aber hier an Dollars sparten, zahlten wir in Nerven doppelt zurück: Die Nächte im knapp zwölf Quadratmeter grossen «Room for three» sind für jeden Klaustrophobiker garantiert tödlich. Und wen die Platzangst verschont, den erledigt dann das Bad: Es beansprucht etwa einen Quadratmeter des Zimmers, wobei Toilette und Dusche ein und dieselbe Installation sind. Beim Duschen gibt es also zwei Möglichkeiten: Entweder Toilettendeckel herunterklappen, sich draufstellen, duschen. Oder – für den Europäer: Spagat über der Kloschüssel, Knie aufschürfen, duschen. Ein heiteres Halleluja war das für einen meiner Begleiter, der wegen seiner langen Beine nicht einmal die Tür zubrachte. Die grösste Wertschätzung erhielt nach unserer Rückkehr in die Schweiz dementsprechend die Trennung von Dusche und WC.

Wer Hongkong erlebt hat, geht mit dem Menschenverkehr auf der Zürcher Bahnhofstrasse selbst in Stosszeiten gelassener um, auch den Sitzplatz in den SBB lernt man wieder schätzen. Der Stimmzettel für die Raumplanungsinitiative, der zwischen alter Post herausfällt, ringt einem bloss noch ein Schmunzeln ab. Die Chinesen, so viel ist sicher, würden sogar laut darüber lachen.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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