Ramschwelt

Was ist Geld? Die Mainstreamökonomen verstehen nicht, was Geld ist, sagt Gunnar Heinsohn. Darum begreifen sie auch nicht, wie Zins, Geldmarkt und Banken funktionieren. Der deutsche Denker provoziert die ökonomische Zunft – und präsentiert eine durchdachte Gegensicht.

Ramschwelt

Für das Geld scheint zu gelten, was Augustinus einst über ein anderes knappes Gut sagte: «Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiss ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiss ich’s nicht.» Können Sie erklären, was Geld ist?

Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Am besten vergessen Sie erst mal alles, was Sie über Geld wissen bzw. zu wissen glauben. Okay?

Einverstanden.

Also gut, auf geht’s: Geld ist ein Eingriffsrecht gegen das Eigentum desjenigen, der Geld emittiert. Das ist der wesentliche Punkt…

…halt. Ist Geld kein Tauschmittel?

Wie gesagt: vergessen Sie das erst mal! Umlaufendes Geld vertritt das Eigentum einer geldschaffenden Instanz, und jener, der das zirkulierende Geld in Händen hält, hat einen Anspruch gegen ebendieses Eigentum in der Hand. Zentral ist dabei, dass sich der Anspruch des Geldinhabers gegen das Eigentum des Geldschaffers richtet.

Das klingt alles sehr juristisch. Die Fragenden brauchen anschaulichere Erklärungen!

Kein Problem. Nehmen wir den Eigentümer einer Viehweide. Der hat Grasland, auf dem Rindviecher herumlaufen, die er melken und aus deren Milch er Käse machen kann. Diese physische Seite seines Vermögens ist die Besitzseite. Gleichzeitig aber hat er in unserer Gesellschaftsstruktur zusätzlich zum Besitz etwas, was andere Gemeinschaften, etwa Stammes- oder Feudalgesellschaften, nicht kannten, nämlich einen Rechtstitel, einen Eigentumstitel auf sein Vermögen. Diese Aufspaltung des Vermögens in Eigentum und Besitz erlaubt nun gleichzeitig zwei parallele Operationen: Indem er das Gras wachsen und die Tiere fressen lässt, um dann Käse zu erzeugen, nutzt er die physische (de facto) Besitzseite. Zugleich und ohne jede Beeinträchtigung dieser Produktion aktiviert er die unphysische (de iure) Eigentumsseite seines Vermögens für das Wirtschaften, indem er sie verpfändet oder belastet und damit auch für Vollstreckung oder Einlösung bereithält.

Das leuchtet ein. Wie entsteht jetzt aber auf der Viehweide konkret Geld?

Das Geld ist ein Kind des unphysischen Eigentums. Man stelle sich eine Person X vor, die sich in einer schwierigen Lage befindet und sich hilfesuchend an einen Eigentümer Y wendet. Dieser ist zu helfen bereit, leiht dem Bittsteller aber weder Heu noch Vieh aus seiner Besitzseite, sondern eine Note, die er mit der Eigentumsseite seiner Viehweide besichert. Diese Geldnote wird also dadurch wertvoll und umlauffähig, dass sie in Eigentum des Y eingelöst werden kann…

…X will Geld, und Y schafft Geld?

Genau. So wird Y zum Emitteur von Geld: Um X etwas leihen zu können, bringt er – ob auf Ton, Metall oder Papier dokumentiert – 100 Y-Mark in die Welt, hinter denen das Eigentum an 100 Qua­dratmetern Weide steht, auf denen aber seine Rinder völlig ungestört weiter grasen. X läuft dann also mit einem Anspruch gegen einen Teil des Y-Eigentums durch die Welt. Y verliert dabei nur die Verfügungsfreiheit über dieses Eigentum, das er während des Kreditzeitraums nicht verkaufen, verschenken oder noch einmal belasten kann. Für diesen Verlust aber wird er mit Zins entschädigt. Zusätzlich fallen die Erträge aus der Weiternutzung seiner Viehweide weiter an ihn. Bei einem Kredit werden also keinerlei Sachgüter hin- und herbewegt.

Das hört sich nach einem altruistischen Hochrisikospiel an. Welche Motivation sollte Y haben, sein Eigentum zu belasten, um Geld zu schaffen?

Weder Y noch sonst jemand schafft Geld für sich selber. Geld wird immer für einen Schuldner geschaffen. Und dieser Schuldner geht drei Verpflichtungen ein. Jeder Schuldner verspricht, seine Schuld nach einer vereinbarten Zeitdauer zu tilgen; jeder Schuldner stellt ein Pfand im Wert des empfangenen Eigentums, und jeder Schuldner sagt eine Zinszahlung zu. Erst wenn diese drei Versprechen – tilgen, pfänden, zinsen – gemacht sind, kommt der Geldschöpfungsprozess in Gang. Nicht nur ist somit das Ausfallsrisiko durch ein Pfand gedeckt, sondern der Geldemitteur hat überdies die Aussicht auf einen…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»