Prozente vernebeln auch ohne Alkohol

So bleibt alles richtig, selbst wenn es völlig falsch ist.

 

Das Wort Prozent bedeutet pro Hundert. So einfach die Grundidee, so lauern doch Gefahren für den seriösen Journalismus wie auch für Anleger – und Chancen für Marketingleute. Zwei Beispiele illustrieren dies.

In Deutschland halbieren sich aktuell die Wähleranteile etablierter Parteien. Wenn beispielsweise der Wähleranteil einer Partei von 20 Prozent auf 10 Prozent fällt, dann hat die Partei die Hälfte ihres Wähleranteils verloren. Verwirrend ist die häufig gehörte Formulierung, dass die Partei 10 Prozent verloren habe. Sind das jetzt 10 Prozent von 20 Prozent, also nur ein Verlust von 2 Prozentpunkten – von 20 Prozent auf 18 Prozent –, oder sind 10 Prozentpunkte ­gemeint? In der Elefantenrunde am Wahlabend ist das relevant. Wenn Sie sachlich informieren wollen, sprechen Sie in solchen Fällen besser von Prozentpunkten. Was für objektive, unparteiische Medien und seriöse Wissenschafter eine veritable Herausforderung darstellen kann, ist für Parteistrategen und Marketingleute, die zwischen den Guten und den Bösen unterscheiden, eine willkommene Spielwiese. Alles, was sie auf der Hochschule der Spin Doctors gelernt haben, bleibt richtig, selbst wenn es völlig falsch ist: Corona ist schuld, das Wetter und so weiter. Und jetzt kommt es noch besser: Sacken die Guten wie im obigen Fall von 20 auf 10 Prozent Wähleranteil ab, haben sie lediglich 10 Prozent der Wähler verloren – bei den Bösen sind es in der gleichen Situation 50 Prozent. Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Börsenindex innert einer Woche 20 Prozent verliert und in der folgenden Woche 20 Prozent zulegt, ist dann alles wieder paletti? Nun ja: Wenn man von 100 zuerst 20 Prozent wegnimmt, dann ist man bei 80 – und wenn man dann wieder um 20 Prozent wächst, dann ist das Wachstum nur 20 Prozent von 80, also 80 + 0,2 × 80 = 80 + 16 = 96 – reicht nicht ganz. Je grösser die Ausschläge sind, desto stärker fällt dieser Aspekt ins Gewicht. Achten Sie darauf, wenn die Börsenkurse das nächste Mal verrücktspielen.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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