Profiteure des Klimawandels

Wir müssen den CO2-Ausstoss radikal senken, um die globale Erwärmung zu stoppen!
Die Forderungen von Politikern und Wissenschaftern überschlagen sich derzeit. Schaut man sich ihre Argumente aber genauer an, erkennt man: noch steht uns die nächste Sintflut nicht bevor.

Vor 25 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Ich hatte mein Physikstudium in Zürich begonnen, mich erfolgreich von meinem Elternhaus gelöst, ich betrachtete mich als fortschrittlich und links und den Kapitalismus als System der Ausbeutung. Die Professoren waren für mich engstirnige Menschen mit Hang zur Fachidiotie, ich selbst wollte dereinst als kritischer Naturwissenschafter gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Und selbstverständlich war ich für Umweltschutz und gegen AKWs.

Mein Weltbild bekam einen ersten Riss, als uns der progressivste, velobewehrte Physikprofessor erklärte, warum er für den Einsatz von Atomenergie sei. Er wies uns auf die CO2-Problematik hin, die uns bei steigendem Energiebedarf realistischerweise keinen anderen Weg lasse als jenen der Atomenergie. Das war 1985.

Einige Jahre später war die schöne Ordnung dann ganz dahin. Der Sowjetsozialismus war implodiert, und in der Schweiz fand das mit grossem Getöse angekündigte Waldsterben nicht statt. Seither begegne ich Wissenschaftern mit grossem Misstrauen, die im Verein mit Politikern einen tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Wandel zur Abwendung einer wie auch immer gearteten existenzbedrohenden Krise fordern. Wie beeinflussen diese Erfahrungen die Haltung eines kritischen Zeitgenossen zur Klimaproblematik?

Der überwiegende Teil der im Bereich Umwelt und Klima tätigen Wissenschafter geht davon aus, dass sich das Klima auf der Erde in den letzten Jahren erwärmt hat, dass diese Erwärmung mit der CO2-Konzentration zu tun hat und somit von Menschen verursacht ist. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ein von der UNO geschaffenes Expertengremium, warnt mit deutlichen Worten vor weiteren CO2-Emissionen. Nur mit einer «vollständigen Eliminierung» solcher Emissionen könne die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stabilisiert werden (IPCC FAQ 10.3). Das IPCC wurde für sein Engagement 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Fakt ist, dass sich das Klima auf der Erde schon immer verändert hat und es auch in Zukunft tun wird, mit oder ohne Zutun der Menschen, mit oder ohne CO2. Fakt ist auch, dass viele entwickelte Länder Vereinbarungen (Kyoto-Protokoll und Folgeabkommen) getroffen haben mit dem Ziel, die CO2-Emissionen zu senken (die nächste UN-Klimakonferenz findet im Dezember in Kopenhagen statt). Die Regierungen in den betroffenen Ländern setzen, um die vereinbarten Emissionsziele zu erreichen, vorwiegend auf planwirtschaftliche Handlungsweisen, das heisst sie subventionieren direkt oder via indirekte Zwangsmassnahmen erneuerbare Stromproduktionsarten wie Solarstrom oder Windenergie. Auch das diesen August vom Bundesrat vorgelegte Bundesgesetz zur Klimapolitik nach 2012 setzt auf diese Karte. Wo aber über staatliches Handeln Geldströme umgeleitet werden, entstehen umgehend Koalitionen von Profiteuren und Trittbrettfahrern, die sich darauf spezialisieren, die neuen Möglichkeiten auszunützen.

Selbstverständlich sagen fragwürdige Reaktionen auf einen Vorfall oder eine Gefahr noch nichts über die Relevanz des Vorfalls oder der Gefahr aus. Falls also die planwirtschaftliche Einflussnahme auf die Klimaerwärmung fragwürdige Aspekte aufweist, folgt daraus nicht, dass die Klimaerwärmung als solche fraglich ist. Hingegen lässt sich folgern, dass die Profiteure der planwirtschaftlichen Massnahmen eine Lobby mit starkem Blockadepotential aufbauen, wenn es darum geht, die Handlungsweisen gegen die Klimaerwärmung mächtiger auszugestalten.

Wie glaubwürdig sind nun die Akteure und Initiativen, die sich im Problembereich Klimaerwärmung und CO2-Reduktion zu Wort melden? Ich bin zwar Naturwissenschafter, aber es ist mir aufgrund der Komplexität der Materie und der widersprüchlichen Informationen kaum möglich, in Klimafragen zu einer fundierten Position zu gelangen. Was ich aber mit Sicherheit weiss, ist, dass Experten sich täuschen können. Und das Beispiel des Waldsterbens hat mir gezeigt, dass sich auch die Mehrheit der Experten täuschen kann. Wer nun in Sachen Klimafragen die Aussagen der Experten gewichten will, muss sich deshalb auf der Grundlage sekundärer Signale ein Urteil über deren Glaubwürdigkeit bilden.

Auf der Suche nach einem solchen Signal, das mir eine zuverlässige Aussage über die Glaubwürdigkeit eines Wissenschafters in der Klimadiskussion erlauben würde, komme ich wieder auf meinen unorthodoxen Physikprofessor zurück. Die Haltung zur Atomenergie scheint ein solches wünschbares Signal zu sein. Atomkraft ist eine Art der Energieerzeugung, die den gravierenden Nachteil hat, hochradioaktiven Abfall mit sehr langer Halbwertszeit zu produzieren. Darüber hinaus ist Atomkraft ideologisch enorm belastet. Was aber die CO2-Emissionen betrifft, so schneidet die Atomenergie (bei circa 6 Gramm emittiertem CO2 pro erzeugter Kilowattstunde Energie), verglichen mit den meisten anderen Energieproduktionsarten, sehr gut ab. Deshalb müsste, wer seriös CO2-Emissionen bekämpfen will, den Einsatz von Atomenergie ernsthaft in Erwägung ziehen.

Der profilierteste Schweizer Experte in der aktuellen Klimadiskussion ist das IPCC-Mitglied Andreas Fischlin. Als ETH-Professor trat er diesen Frühling im Rahmen der Kinderuniversität auf und erklärte dem anwesenden Jungvolk die Klimaproblematik. In Übereinstimmung mit den IPCC-Vorschlägen machte er sein junges Publikum darauf aufmerksam, dass durch richtiges Verhalten im Alltag ein starker Klimawandel abgewendet werden könne, wenn der CO2-Ausstoss gesenkt werde, indem beispielsweise «Alternativenergien (Wasser, Wind, Wellen, Gezeiten, Solar, Ozeanwasser)» genutzt würden. Weiter wies er die Hörerschaft darauf hin, dass Erdgas 2mal, Solarzellen 6mal, Windkraft 40mal, und Wasserkraft 200mal weniger CO2 erzeugen als Kohle. Zum Potential von Atomkraft zur Reduktion von CO2-Emissionen fehlte jeglicher Hinweis in Fischlins Präsentation.

Ein anderer gewichtiger Exponent in der Schweizer Klimadiskussion ist SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Im Gegensatz zu Fischlin agitiert Rechsteiner unverhohlen gegen die Atomkraft. Er hat allerdings auch allen Anlass dazu. Nachdem er sich schon mehrere Jahrzehnte als Solarenergielobbyist für Alternativenergie stark gemacht hat, möchte er sich den Lohn für seine Anstrengungen, der mit der Klimadiskussion in greifbare Nähe gerückt ist, nicht durch eine Renaissance der Atomenergie wieder aus der Hand schlagen lassen.

Interessant ist die Argumentation, die Rechsteiner gegen Atomenergie ins Feld führt. Er bezeichnet die Vertreter der Atomtechnologie als Atomsekte, postuliert einen Zusammenhang zwischen Atomenergie und Atomwaffen, dramatisiert das Betriebsrisiko von AKWs, insbesondere das Risiko eines GAUs durch eine Reaktorexplosion oder einen Terrorangriff. Des weiteren, so Rechsteiner, produzierten die AKWs Strom, der zu teuer und in der Produktion nicht CO2-neutral sei.*

Das letzte Argument ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Wenn es Rechsteiner tatsächlich nachzuweisen gelänge, dass bei der Produktion von Atomener-gie ähnlich grosse CO2-Emissionen anfallen wie bei Erdgas, dann gäbe es wahrlich keinen Grund, Atomenergie als Mittel bei der Lösung des Klimaproblems in Erwägung zu ziehen. Dazu ist Rechsteiners Argumentation allerdings nicht fähig. Dafür ist sie perfider. Er unterstellt der Atomlobby die Aussage, dass Atomstrom CO2-neutral sei. In der Folge weist er darauf hin, dass beim Abbau von Uran als Brennstoff für die AKWs CO2 erzeugt wird. Rechsteiner folgert daraus, dass die Atomlobby ihr Versprechen der CO2-Neutralität nicht einlösen könne, weshalb diese Energieproduktion im Zusammenhang mit der Klimadiskussion keine Option darstelle.

Tatsächlich ist jede Energieproduktionsart mit mehr oder weniger CO2-Emissionen verbunden. Für die Erzeugung von Solarstrom braucht es beispielsweise Silizium, das ebenfalls abgebaut werden muss, was zwangsläufig zu CO2-Emissionen führt. Entsprechend wird bei der Erzeugung von 1 Kilowatt Strom mit Hilfe von Solarzellen 15mal mehr CO2 erzeugt als mit Wasserkraft und 4mal mehr als mit Windkraft. Wenn es Rechsteiner ein ernsthaftes Anliegen wäre, bei der Stromproduktion konsequent auf minimale CO2-Emissionen zu achten, dann müsste er folgerichtig nicht nur gegen AKWs, sondern auch gegen Solarstrom kämpfen. So strikt scheint es Rechsteiner bei seiner CO2-Argumentation allerdings nicht zu nehmen.

Was können wir aus diesen Beispielen folgern? Solange die Vorkämpfer für einschneidende CO2-Reduktionen unverfroren ihre eigenen Interessen verfolgen, kann die angedrohte Klimakatastrophe noch nicht unausweichlich vor der Tür stehen. Erst wenn ein eingefleischter AKW-Gegner wie Nationalrat Rechsteiner bereit ist, die für ihn ungemein bittere Pille Atomenergie zu schlucken, können wir davon ausgehen, dass das Klimaproblem bedrohliche Ausmasse annimmt. Und erst wenn der sonst nicht um klare Worte verlegene Andreas Fischlin es geschafft hat, die Atomkraft in seine Liste der CO2-armen Energieproduktionsarten aufzunehmen, ist daran zu denken, dass die Klimaerwärmung ein ernsthaftes Problem ist.

*«Hier irrt die Atomlobby», Argumentarium Trinationaler Atomschutz-verband, Februar 2007.

Benno Luthiger, geboren 1961, ist Physiker und promovierter Ökonom. Er ist Mitglied der Grünliberalen Partei.

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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