Produktiver zweifeln

Untergang vertagt: Der Austritt der Briten wird nicht zur «Jetzt endlich – und erst recht»-Verbundesstaatlichung der EU führen. Viel wahrscheinlicher ist ein Europa der variablen Geometrie. Das Schönste: Der Weg dorthin ist bereits ausgehandelt.

Ist Ihnen schon einmal die Europakarte der Nachrichten des Zweiten Deutschen Fernsehens aufgefallen? Da ragt ein Grossteil des Kontinents heller und höher heraus als der Rest; die Schweiz erscheint als tiefer dunkler Binnensee; auch Norwegen fällt deutlich ab; die Türkei (und mit ihr Zypern) verblasst gegenüber Griechenland, leuchtet aber wie Russland immerhin noch deutlich heller als der Balkan.

Nach dem Brexit müsste man in Mainz auch Grossbritannien dunkelblau einfärben. Dabei brauchten wir doch gerade jetzt angesichts all der Krisen «mehr Europa!», heisst es. «Europa» kann dabei alles Mögliche heissen: schon die Europa, der das Europa seinen Namen verdankt, war geographisch, wie u.a. Adolf Muschg eingangs eines Essays mit dem Titel «Was ist europäisch?»1 notiert, gar keine Europäerin, weil sie aus dem heutigen Gaza-Streifen stammte. Europas geographische Grenzen sind willkürlich; seine kulturellen Wurzeln sind unübersichtlich; seine politischen Geschichten waren oft genug mörderisch. Und dennoch blühten auf dem europäischen Halbkontinent Freiheit, Kultur und Recht im andauernden Wettbewerb insgesamt prächtiger als sonst wo: teils früher, meist dauerhafter und einst vielfältiger.

Hört mir auf mit den Narrativen!

Von mir aus also her mit diesem «mehr Europa» – solange damit kein makroökonomisch-geopolitischer Kontinentalkollektivismus gemeint ist, der mit Blick auf aggregierte Zahlen von Sozialprodukt, Bevölkerung oder Sprengköpfen auf anderen Kontinenten nun schlicht «mehr EU» fordert. Die Schweizer, laut Muschg «ohne Einbildung und vor allem ohne Illusionen» europäisch, wissen, dass man nicht als Nation in diesem Sinne gross sein muss, um frei und wohlhabend zu sein. Und die Briten wissen, dass «mehr Europa» nicht etwa «weniger Afrika, Asien oder USA» heisst oder heissen sollte. Beide wissen, dass Europa nicht mit der Europäischen Union identisch ist.

«Neue wie alte Probleme haben Europa und die EU genug.»

Europäische «Identität» und «Finalität» sind die am häufigsten genutzten und am wenigsten ergiebigen Schlüsselbegriffe in intellektuellen Elitediskursen und politischen Sonntagsreden zur Zukunft Europas. Beide gipfeln zwangsläufig in der Forderung nach einem neuen europäischen «Narrativ». Ich kann es nicht mehr hören. Fast täglich laden EU-finanzierte Netzwerke, Bewegungen, Initiativen zu «Events» ein, bei denen dieses Narrativ debattiert oder künstlerisch-kreativ dargestellt werden soll. Neulich ging ich hin, weil Joschka Fischer da war. Hat mir gefallen. Fischer sagte (sinngemäss): «Hört mir bitte mit diesem europäischen Narrativ auf. Narrativ heisst heute: den Leuten fällt nichts Konkretes mehr ein. Wir müssen jetzt neue Probleme lösen und nicht neue Geschichten erzählen.»

Stimmt: neue wie alte Probleme haben Europa und die EU genug. Weniger zu den neuen Problemen als zur neu erhärteten Nebenbedingung gehört, dass darauf zu verzichten ist, irgendeine «europäische Identität» und «Finalität» vorauszusetzen oder zu erzwingen. Jürgen Habermasʼ Hoffnung auf einen «europäischen Verfassungspatriotismus»2 als Identitätssurrogat können wir nach den Erfahrungen der Euro-Rettungsjahre getrost im Starnberger See versenken. Auch das «wir» gegen «die anderen» hat schon mal besser funktioniert. Wie Adolf Muschg 2005 ahnte: «George W. Bush wird als Identitätsstifter ja nicht unbeschränkt zur Verfügung stehen.» Die EU hat nun genug eigene Bushs oder Trumps im Europäischen Rat. Was die Finalität des «europäischen» (soll heissen: EG-/EWG-/EU-) Projekts betrifft, sollte man auch die, durchaus unter Anstimmen verdienter Lobgesänge auf schon Erreichtes, vorerst versenken. Wie Oliver Zimmer jüngst in der «NZZ»3 festgestellt hat, gab es bisher so etwas wie einen «geschichtsphilosophischen Kern des europäischen Projekts», nämlich «zum einen den universellen Anspruch» und den «säkularen Erlösungsdiskurs, zum anderen – und in der Praxis wohl noch wichtiger – die Annahme eines gerichteten Entwicklungsprozesses».

Nur die zwei alten europäischen Demokratien England und die Schweiz seien in diesem Sinne «geschichtsphilosophisch taub», so Zimmer. Das mag sein: sowohl das United Kingdom als auch die Confoederatio Helveticae könnten aus eigener Erfahrung gelernt haben, dass es schon…