Cameron Harwick, zvg.

Populismus
spielerisch bändigen

Menschen sind als soziale Wesen grundlegend spielerisch geartet. Für die Politik ist es fatal, wenn uns der Sinn für Fairplay und Humor abhandenkommt.

— Unsere Debatte zu Diskussions­kultur und Meinungsfreiheit geht weiter! Nach den Beiträgen zur Dauererregung in Medien und Öffentlichkeit und zur Situa­tion in den Geisteswissenschaften geht es in diesem Text Cameron Harwicks um das Phänomen Populismus. —

In Zeiten des anschwellenden Populismus hört man oft, gewisse Politiker verspotteten unsere In­stitutionen. «Ist denen denn nicht klar, dass Politik mehr ist als ein Spiel?» – «Gerade sie, als Politiker, sollten doch die Politik ernst nehmen!» Jeder, der das politische Geschehen verfolgt, dürfte mit diesen oder ähnlichen Klagen sympathisieren. Was aber, wenn die Diagnose genau andersherum gestellt werden müsste? Was, wenn das Problem des Populismus genau darin liegt, dass wir aufgehört haben, Politik wie ein Spiel zu behandeln?

Genau diese Fragen stellte sich der niederländische Historiker Johan Huizinga, dessen Vita von zwei Weltkriegen überschattet wurde und 1945, kurz nach seiner Entlassung aus einem NS-Gefangenenlager und wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation, endete. Vor den beiden Kriegen schrieb er weitreichende Kunst-, Ästhetik- und Kulturgeschichten für Indien und das mittelalterliche Europa. Als das Europa des frühen 20. Jahrhunderts von populistischen und autoritären Ideologien gleichzeitig nach rechts und links auseinandergezogen wurde, stellte er allerdings fest, dass sein früheres Werk einen günstigen Ausgangspunkt für den Widerstand bot. Huizingas berühmtestes Werk «Homo ludens» (Der spielende Mensch) trägt den Untertitel: «Versuch einer Bestimmung des Spielelementes der Kultur». Das Buch, ursprünglich 1938 veröffentlicht, war eine geschichtliche und philosophische Abhandlung des Spielens. 1944 veröffentlichte er im NS-Internierungslager eine zweite Auflage, die mit einer fundamentalen Kritik an der Denkweise des autoritären Populismus endete: Die Staatsmänner seiner Zeit hätten, weil sie die Politik zu ernst nähmen, das Gefühl für Fairplay verloren.

Kultur als Spiel

Menschliche Kultur, heisst es in «Homo ludens», sei irreduzibel spielerisch geartet und das Spiel durchdringe nahezu alle unsere sozialen Aktivitäten. Wem das wie eine seltsame Behauptung anmutet, der beachte, was Huizinga als Hauptmerkmale des Spiels identifiziert:

  1. Es ist lokalisiert und begrenzt, und kein einzelnes Spiel ist allumfassend: «Es ‹spielt› sich innerhalb gewisser Grenzen von Zeit und Raum ‹ab›.
  2. Es ist an Regeln gebunden. Huizinga antizipiert hier Searles Vorstellung von konstitutiven Regeln: Spiele werden durch eine Reihe von freiwillig angenommenen Regeln definiert, die um ihrer selbst willen eingehalten werden.
  3. Spielen macht Spass: «Die Ziele, denen es dient, liegen selber ausserhalb des Bereichs direkt materieller Interessen oder der Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten.» Wir spielen, weil wir es gerne tun – nicht weil wir müssen.
  4. Spielen ist kompetitiv. Der soziale Status des Spielers steht auf dem Spiel. Gewinner und Verlierer werden prämiert oder bestraft – sogar mit dem Tod, wie Huizinga anhand des antiken Motivs des Rätselwettstreits zeigt. Spiele können also «in tiefster Ernsthaftigkeit» gespielt werden, trotzdem sind Preise und Strafen nicht an sich bedeutsam, sondern in erster Linie als Zeichen dafür, gewonnen oder verloren zu haben. Dass der Hauptpreis den Status und weniger materielle oder ökonomische Notwendigkeiten betrifft, stellt sicher, dass die Regeln eingehalten werden. Immerhin respektiert niemand einen Spielverderber.

Diese Eigenschaften sollten sich unmittelbar mit der Alltagsidee vertragen, die wir von Spielen haben. Man beachte aber, dass sie sich auch auf grosse Teile des sozialen Zusammenlebens über­tragen lassen. In nachfolgenden Kapiteln von «Homo ludens» diskutiert Huizinga denn auch das Spielelement in Gesetz, Krieg, Mythos, Wissenschaft, Poesie, Philosophie und Kunst. Jede dieser Domänen wird durch willkürliche Regeln definiert, die die Parameter des Wettbewerbs definieren, und jede verleiht denjenigen Status, die ihre Gegner innerhalb dieser Parameter am geschicktesten übertrumpfen.

Warum ist es wichtig, dass Menschen von Natur aus verspielt sind? Soziale Kooperation ist etwas Bemerkenswertes, Unwahrscheinliches, und Gesellschaft wäre nicht möglich, wenn sich Menschen nur mit ihrem eigenen materiellen Vorteil befassen würden. Eine Erkenntnis der modernen Spieltheorie ist…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»