Politik als «republikanisches Trauerspiel»

«Fiesco» – ein Drama im Spannungsfeld zwischen Machiavell und «Fiesco» – ein Drama im Spannungsfeld zwischen Machiavell und Kant In Schillers drittem Jugenddrama, in der «Verschwörung des Fiesco zu Genua»
steht die Frage nach der richtigen politischen Ordnung im Mittelpunkt. Letztlich handeln aber alle seine Theaterstücke vom Drama der Politik.

Wenn Schiller als Kantianer kein offener Freund des Machiavell ist, so ist er als Dramatiker doch kein Anti-Machiavell. Im Gegenteil. All seine Stücke (und auch der «Tell») lassen sich auf Kategorien beziehen, wie sie im «Principe» oder in den «Discorsi» exemplifiziert werden. Schon die «Räuber», dann das «bürgerliche Trauerspiel» «Kabale und Liebe» und das «republikanische Trauerspiel» «Fiesco» behandeln ja auf je andere Weise – in der unglückseligen Gestalt des alten Moor, in den Darstellungen eines korrupten Fürstenhofes und der Möglichkeit republikanischer Ordnung – das Thema der legitimen Ordnung und der Folgen ihres Verlusts.

«Die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen», schreit der entsetzte Räuber Karl Moor, nachdem er die Herrschaft seines zu jeder Untat entschlossenen Bruders Franz durchschaut hat. Und im narzisstischen Taumel, begeistert von sich selber, beschwört Fiesco, hinabblickend auf die Stadt und im Vorgriff auf die künftige eigene Rolle, die Vereinigung von persönlichem Allmachtswahn und politischer Funktion – und zeigt damit, bevor es überhaupt real geworden ist, weshalb sein Fürstsein nur das falsche sein kann: «Zu stehen in jener schrecklich erhabenen Höhe – niederzuschmollen in der Menschlichkeit reissenden Strudel, wo das Rad der blinden Betrügerin Schicksale schelmisch wälzt (…) Ha! welche Vorstellung, die den staunenden Geist über seine Linien wirbelt! – Ein Augenblick Fürst hat das Mark des ganzen Daseins verschlungen.»

Das Zitat erinnert an das, was das scheinbar so begriffsstaubige Thema der rechten Ordnung bei Schiller auflädt und zum Glühen bringt: sein ständiger Kontakt mit den Impulsen der Individualität und der Wirklichkeit des Einzelnen, seiner Freiheit, seiner Kräfte und Wünsche. Und weil bei Schiller, dem Dramatiker, das Subjekt, das da ins Spiel gerät, natürlich ein übermässiges, ungeheures, grenzensprengendes Ich ist, ist die Dialektik zwischen Egozentrik und objektiver Rechtlichkeit, von raison und Selbstmacht, aber auch von Treue und Verrat, die seine Stücke inszenieren, ins Höchstmögliche gesteigert, bis zu dem Punkt nämlich, wo zwischen den Gegensätzen eine Synthese ausgeschlossen und das Entweder-Oder unausweichlich ist. Der Tod des Fiesco, die Selbstopfer Karl Moors, des Marquis Posa und Max Piccolominis, der Verzweiflungsmord in «Kabale und Liebe», sogar Johannas Transformation in den sterblichen Engel der Geschichte – um nur ein paar Finalszenen ins Gedächtnis zu rufen – all diese Schlüsse machen klar, dass Schillers Bühne der Wahrheitsort des Ausnahmezustandes ist und sein will, kurz: ein Schauplatz des Politischen par excellence.

Vergegenwärtigen wir uns die Hauptlinie der Vorgänge in «Fiesco»: Gianettino Doria, der arrogante und gewalttätige Neffe des noch regierenden, aber altgewordenen Genueser Dogen Andreas Doria will das patrizisch-republikanische System stürzen und sich zum Alleinherrscher erheben. Aber er hat gefährliche Gegner: einerseits die Verteidiger der republikanischen Konstitution, an ihrer Spitze Verrina, anderseits den ebenso brillanten wie schwer durchschaubaren Fiesco, Graf von Lavagna; ein Mann von charismatischer Statur und ein planvoller Intrigant dazu. Fiesco ist ein politischer Unternehmer, der dem rohen Machtwillen Gianettinos gewachsen oder sogar überlegen ist. Das sieht der alte Verrina; allerdings durchschaut der überzeugte Republikaner ebenso die eigentliche Absicht des Fiesco, nämlich selbst als Monarch zu herrschen. Schiller entfaltet ein Netz von Verräterei, List, Gesinnungshandeln und Gefühlen aufrichtiger Zuneigung und Liebe. Der Umsturz, von vielen gefördert, von niemandem noch zu lenken, bricht los. Gianettino wird erschlagen, und im Furor der Wirren tötet Fiesco seine geliebte Frau, weil er sie wegen ihrer Verkleidung für den jüngeren Doria hält. Nachdem er seinen Irrtum entdeckt hat, rast Fiesco vor Schmerz, weint und fasst sich einigermassen rasch, um seiner Sendung zu folgen: «Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein Europäer sah.»

Der alte Doria, der am Leben…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»