Plötzlich Weltbürger
Ivan Krastev, fotografiert von Klaus Ranger / IWM.

Plötzlich Weltbürger

Das Coronavirus hat die Bedeutung von Grenzen verändert. Während die Menschen Zuflucht im Nationalstaat suchen, treten zugleich dessen Schwächen zutage.

Es gibt Momente, in denen sich unsere Gewissheiten auflösen und sich unsere kollektive Vorstellung von dem, was möglich ist, dramatisch ändert. Ein Virus war nötig, um die Welt auf den Kopf zu stellen: Während die Pandemie wütete, war die EU zeitweise eingestellt, und die Bürger suchten Zuflucht in der ­Sicherheit des Nationalstaats; die Demokratie machte Pause. Die Parlamentarier wurden nach Hause geschickt, Demonstrationen verboten und Wahlen verschoben. Auch der Kapitalismus war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Arbeitslosenzahl ist auf ­ungeahnte Höhen gestiegen, und die Krise der Weltwirtschaft ist verheerender als die Finanzkrise von 2008/09. Die «Einmischung» der Regierungen in die Märkte ist grösser als jemals nach 1989, und «zeitweilige Verstaatlichungen» sind die neue Normalität.

Heute können wir uns alles vorstellen, weil wir von etwas bedrängt werden, das als unvorstellbar galt. Plötzlich ist es nicht mehr schwer, sich vorzustellen, dass die Vereinigten Staaten eine flächendeckende Krankenversicherung einführen können, dass China in den nächsten Jahren die USA als wichtigste Weltmacht ablösen kann, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Macht verlieren kann oder dass die Europäische Union in sich zusammenbrechen oder sich zu einer Art «Vereinigte Staaten von Europa» entwickeln kann. Und während die Flugzeuge am Boden bleiben, beginnen Klimaaktivisten zu glauben, dass ihre Träume von einer CO2-armen Welt Wirklichkeit werden.

Touristen verschwinden, Migranten kommen

Anfang April bemerkte die italienische Sozialwissenschafterin Chiara Pagano trocken: «Italien ist jetzt abgeschotteter, als Matteo Salvini sich das je erträumt hat.» Damit hatte sie nicht ganz unrecht. Im Laufe einer einzigen Woche wurden wegen Covid-19 mehr europäische Grenzen geschlossen als in der Flüchtlingskrise 2015. Im März sank die Zahl der Flugreisen in Europa um atemberaubende 97 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Viele Liberale sehen in diesem Rückgang des Reisens eine Tragödie mit gewal­tigen Folgen; das Coronavirus hatte den Kontinent mit einem ­unheilbaren Nationalismus infiziert, der jetzt das Überleben der Europäischen Union bedrohte.

Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hatte die Fundamente des europäischen Projekts ins Wanken gebracht, indem sie die Spaltung verstärkte zwischen jenen, die Bewegungsfreiheit befürworteten, und jenen, die darauf drängten, die Staatsgrenzen zu schliessen. Im Laufe der Krise verlor eine Mehrheit der Europäer das Vertrauen in den angeblichen Wert der Globalisierung. Der Tourist und der Geflüchtete wurden zu Symbolen für das Janus­gesicht der globalisierten Welt.

Der Tourist steht beispielhaft für das Positive der Globalisierung. Als wohlmeinender Fremder kommt er, gibt sein Geld aus, bewundert die Schönheiten des Landes und geht wieder. So gibt er uns das Gefühl, mit einer grösseren Welt verbunden zu sein, ohne uns seine Probleme aufzuladen. Der Geflüchtete dagegen repräsentiert das Bedrohliche der Globalisierung. Er kommt, nieder­gedrückt vom Elend der weiten Welt. Er erhebt Ansprüche auf ­unsere Ressourcen und zwingt uns, uns mit den Grenzen unserer Solidarität auseinanderzusetzen. Touristen anziehen und Migranten abweisen – das ist grob verkürzt die Weltordnung, die Europa sich wünscht. Doch in der Coronapandemie versammeln sich noch immer Geflüchtete an den Toren Europas, während die Touristen verschwunden sind. Und wahrscheinlich wird die Krise langfristig dafür sorgen, dass der Druck auf die Grenzen Europas durch die Rezession weiterwächst.

«Touristen anziehen und Migranten abweisen – das ist die Weltordnung, die Europa sich wünscht. Doch in der Pandemie versammeln sich noch immer Geflüchtete an den Toren Europas,

während die Touristen verschwunden sind.»

Der globale Süden wird wohl das grösste Opfer der Konjunkturflaute sein. Der Wert der Auslandsüberweisungen wird wohl um etwa 20 Prozent zurückgehen, verglichen mit 5 Prozent in der ­globalen Finanzkrise 2008. Der Abzug ausländischer Investitionen wird dazu führen, dass die Menschen Chancen ausserhalb ihrer Heimatländer suchen. Die Europäer werden mehr Migranten an ­ihren Grenzen antreffen – zu einer Zeit, in der die Grenzschliessungen kein Ausdruck mangelnder Solidarität sind, sondern…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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