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Jakob Müller, zvg.

Pioniere der Wirtschaftsgeschichte: Jakob Müller

Bahnen für bankrotte Osmanen

In einfachen Verhältnissen im luzernischen Rain aufgewachsen, durchlief Jakob Müller (1857–1922) in Konstantinopel (heute Istanbul) eine eindrückliche Karriere vom Stationsgehilfen zum Direktor der Orientbahn, die auf dem Balkan rund 1200 Kilometer Eisenbahnlinien betrieb. Hinter der Bahn stand Geld aus Deutschland, aber auch österreichische, französische, englische und nicht zuletzt schweizerische Banken waren beteiligt. Aus gutem Grund, denn mit Gewinnmargen von 50 und mehr Prozent waren die finanziellen Aussichten geradezu luxuriös.

Das Problem des «Türken-Müllers» war ein anderes. Das Osmanische Reich war faktisch bankrott; von Jahr zu Jahr häuften sich die ausstehenden Zahlungen gegenüber der Orientbahn an. Dann brach 1912 der Balkankrieg aus, in dessen Folge das Osmanische Reich fast alle europäischen Territorien verlor. Müllers Orientbahn bewegte sich zwischen den Fronten. Sie war einerseits unverzichtbar für den Kriegsbetrieb, andererseits von Zerstörungen, Bombenattentaten und Schikanen betroffen. Zudem übernahmen Serbien, Bulgarien und Griechenland nach und nach den Eisenbahnbetrieb in ihren besetzten Gebieten.

Dagegen konnte Jakob Müller nichts ausrichten. Mit seinem nüchternen Realitätssinn liess er aber alle kriegsbedingten Forderungen peinlich genau auflisten: Transportkosten, Verluste aufgrund von Verspätungen, Kriegsschäden sowie Vergütungen für Enteignungen. Per 31. August 1913 beliefen sich die Schulden von Serbien, Bulgarien, Griechenland und dem Osmanischen Reich auf insgesamt 23,5 Millionen Franken, was die Orientbahn sogar an der Friedenskonferenz von London einforderte. Immerhin anerkannten die vier Staaten später rund die Hälfte der Forderungen. Für den Verwaltungsrat der Orientbahn offensichtlich ein zufriedenstellendes Ergebnis. So gewährte er dem ohnehin schon fürstlich entlöhnten Jakob Müller 1915 eine Gratifikation von einem zusätzlichen Jahresgehalt. 

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