Philosophisches Justizdrama in Dialogform

Philosophisches Justizdrama in Dialogform

Daniel Levin: Milenas Versprechen.

 

In der Literatur dienen Kriminalfälle oftmals dem Zweck, die Leser auf eine Suche nach dem Täter mitzunehmen. Sie können aber auch als Rahmen für eine philosophische Auseinandersetzung mit universellen Themen genutzt werden – so wie im Debütroman von Daniel Levin. Der US-Schweizer ist nicht nur Autor, sondern auch Rechtsanwalt. In seinem Roman nutzt er seine Expertise geschickt, um eine Familiengeschichte mit einem Justizdrama zu verbinden. Im Mittelpunkt steht die titelgebende Milena Frank, eine Kriminologin, die in Prag geboren wurde, viele Jahre in der Schweiz gelebt und anschliessend in New York Strafrecht gelehrt hat. Sie ist scharfsinnig und schlagfertig, sitzt aber im Gefängnis – wegen Mordes an ihrem Ehemann.

Angesichts der zentralen Bedeutung dieser Figur wirkt es verwunderlich, dass sie gar nicht zu Wort kommt – auch wenn es zu Beginn noch ganz danach aussieht. Levin baut gekonnt einige Finten ein, die für Spannung sorgen, ohne sich auf typische Motive eines Kriminalromans zu stützen. Dargelegt wird Milenas Geschichte in Form eines Dialogs, den zwei junge Menschen über Kontinente hinweg per E-Mail führen. Der personale Erzähler bleibt grösstenteils im Hintergrund. An seine Stelle tritt Milenas Sohn Thomas, der die Musiklehrerin Rachel kontaktiert und sich zunächst als seine Mutter ausgibt. Aus der Korrespondenz entsteht ein intensiver Schlagabtausch, in dessen Verlauf Thomas und Rachel den Kriminalfall neu aufrollen und ihn von allen Seiten beleuchten, bis sie der Lösung immer näherkommen.

Welche Rolle die Angeschriebene spielt, wird erst am Schluss klar. Bis dahin konfrontiert Levin seine Leser mit philosophischen Fragen, die sich nicht nur auf das Verhältnis von Widerstandsrecht und Positivismus beziehen, sondern auch auf das Theodizeeproblem. Die Liste der behandelten Themen ist lang, es geht unter anderem um Wahrheit und Gerechtigkeit, um Schuld und Verantwortung, um Liebe und Verrat. Intellektuell bewegt sich der Roman auf einem hohen Niveau. Umso erstaunlicher ist es, wie leichtfüssig der Autor aus abstrakten Reflexionen eine packende Geschichte webt.


Daniel Levin: Milenas Versprechen. Graz: Elster & Salis, 2021.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»