Philippe Simonnot: «L\’erreur économique»

Wo findet man heute noch einen Ökonomen, der die Irrtümer seiner Zunft bis auf Plato und Aristoteles zurückführen kann, weil er die griechischen Philosophen im Original kennt? Antwort: In Paris! Dort publiziert der ungeheuer belesene Wirtschaftsjournalist und Ökonomieprofessor Philippe Simonnot seit den 70er Jahren beinahe jedes Jahr ein schlaues Buch über das schwierige Verhältnis zwischen […]

Wo findet man heute noch einen Ökonomen, der die Irrtümer seiner Zunft bis auf Plato und Aristoteles zurückführen kann, weil er die griechischen Philosophen im Original kennt? Antwort: In Paris! Dort publiziert der ungeheuer belesene Wirtschaftsjournalist und Ökonomieprofessor Philippe Simonnot seit den 70er Jahren beinahe jedes Jahr ein schlaues Buch über das schwierige Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik. Der Titel seines neuesten Werkes spielt bewusst auf den 1996 erschienen Bestseller «L’horreur économique» («Der Terror der Ökonomie», Wien 1997) der Kunstkritikerin Vivienne Forrester an. Doch bei dieser ebenso romantischen wie (leider) populären Kritik der Ökonomie aus der Milchmädchenperspektive hält sich Simonnot nicht auf. Er will erklären, warum Ökonomen irren, wenn sie Physiker spielen. Dabei unterscheidet Simonnot zwischen unvermeidlichen Irrtümern, die auf den grundsätzlich beschränkten Durchblick der Menschen zurückgehen, und Irrtümern beziehungsweise bewussten Täuschungen wider besseres Wissen. Den Ursprung der meisten wirtschaftlichen Irrtümer sieht Simonnot in der Verwechslung der Ökonomie mit einer exakten Naturwissenschaft.

Statt mit vermeintlichen Naturgesetzen, aus denen sich Prognosen ableiten lassen, sollte sich die Ökonomie mit mehr oder weniger rationalen Entscheidungen menschlicher Individuen beschäftigen, fordert Simonnot. Damit bekennt er sich eindeutig zum methodologischen Individualismus der österreichischen Schule der Nationalökonomie, die auch bei menschlichen Wahlhandlungen Gesetzmässigkeiten feststellt. Aussagen wie «Eine wachsende Geldmenge führt zur Preissteigerung» sind zwar weder beweisbar noch widerlegbar. Und doch liegt ihr Wahrheitsgehalt auf der Hand. Es widerspräche dem gesunden Menschenverstand, die Zusammenhänge zwischen Angebot und Nachfrage leugnen zu wollen.

Doch leider täuscht sich auch der gesunde Menschenverstand mitunter, weil er, wie Simonnot nachweist, mit Viren (Memen) infiziert ist, die ihm schon Platon und Aristoteles eingeimpft haben. Dazu gehört zum Beispiel die Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Bedürfnissen, die Abwertung des Handels und der Kaufleute als «unproduktiv», oder die scheinbar logische Annahme, Gewinne der einen seien nur auf Kosten anderer erzielbar und schliesslich die scheinbar einleuchtende Forderung, das Glücksstreben einzelner müsse sich dem «Gemeinwohl» unterordnen. Vor allem über den heiligen Thomas von Aquin seien diese Viren in das europäische Denken gelangt. Simonnot zögert nicht, Adam Smith vom Sockel zu stossen, indem er erstens nachweist, dass dieser nichts Neues entdeckt hat und dass nicht die Ökonomie und damit der allseits gefeierte «Reichtum der Nationen» im Brennpunkt der theoretischen Interessen des schottischen Professors stand, sondern Moral und Ästhetik. Zweitens habe Smith mit seiner auf der Verwechslung von Ökonomie und Physik beruhenden Arbeitswertlehre dem etatistischen, planwirtschaftlichen Denken des Marxismus Tür und Tor geöffnet und damit einen Zeitverlust von mindestens einem Jahrhundert auf dem Wege zur (Wieder-)Entdeckung der subjektiven Wertlehre verursacht. Nur diese macht begreiflich, wie bei einem guten Geschäft beide Seiten zu Gewinnern werden.

«Der Mann, der die ökonomische Wissenschaft ent-gleisen liess», überschreibt Simonnot das Kapitel über Smith. Nicht dieser, sondern Bernard Mandeville sei der Erfinder der Smith in Lehrbüchern noch immer zugeschriebenen Formel von der «unsichtbaren Hand» des Marktes. Statt dessen, so Simonnot, bekomme man bei der Lektüre des «Reichtums der Nationen» eher das Gefühl, Smith halte Ausschau nach der sichtbaren Hand eines weisen Fürsten, dem er sich als Berater andienen könne. Das sei wohl der Grund dafür, vermutet er, dass die meisten Volkswirtschafter in Adam Smith den Gründervater ihrer Disziplin sehen: er hat ihnen die Pforten des Staatsapparats geöffnet. Tatsächlich verdienen sich dort bis heute die meisten Volkswirtschafter ihren Lebensunterhalt, indem sie, so Simonnot, Irrtümer und Täuschungen am laufenden Band produzieren. Am Beispiel der Theorie der vollkommenen Konkurrenz von Léon Walras, die in Frankreich und bei der EU-Kommission in Brüssel noch immer Adepten hat, zeigt Simonnot auf, wie die Beschäftigung mit solchen Konstrukten dazu führt, dass die neoklassische Schule der Ökonomie am Ende sogar die zentrale Funktion des Unternehmers und des Profits als Prämie für das Risiko wegdefiniert, das jener in einer offenen, unberechenbaren Welt eingeht.

Das Bild von einer geschlossenen und grundsätzlich berechenbaren Welt liegt auch den Kassandra-Rufen des «Club of Rome» zu Beginn der 70er Jahre zugrunde, mit denen sich Simonnot auch in seinem neuen Buch noch einmal grundsätzlich auseinandersetzt. Es geht dabei nicht nur um die heute lächerlich erscheinenden Prognosen der Nutzungsdauer mineralischer Rohstoffvorkommen wie Quecksilber, Zinn, Rohöl, Kupfer und Aluminium, die inzwischen vollständig aufgebraucht sein müssten. Vielmehr erinnert der französische Publizist daran, dass der damals amtierende Präsident der EU-Kommission, der niederländische Sozialist Sicco Mansholt, diese Warnungen sofort zum Anlass nahm, eine europäische Zentralplanung mit drakonischen Rationierungen zu fordern. Gleichzeitig fanden die im Opec-Kartell zusammengeschlossenen Ölscheichs in den «Grenzen des Wachstums» eine Rechtfertigung für die von ihnen erpresste Vervierfachung des Rohölpreises. Die Opec verkaufte diese nicht nur als weitsichtige Massnahme zur Schonung der begrenzten Ressourcen der Erde, sondern sogar als Schritt zum Aufbau einer «neuen ökonomischen Weltordnung» im Interesse der Armen der Welt. In Wirklichkeit wurden diese durch die Ölpreisexplosion ins Elend gestürzt. (Simonnot, der schon damals nicht nur die Doppelzüngigkeit der Opec, sondern auch den Opportunismus der europäischen Regierungen anprangerte, verlor seine Stelle als Wirtschaftsredaktor der Tageszeitung «Le Monde».)

Inzwischen hat sich dieser Nebel zwar gelichtet, aber das Argument der Ressourcenschonung für künftige Generationen hat sich in der öffentlichen Meinung gehalten. Doch gebe es bei einer prinzipiell substituier-, teil- und privatisierbaren Ressource wie Erdöl keinen vernünftigen Grund, auf künftige Generationen besondere Rücksicht zu nehmen, betont Simonnot. Die Tatsache, dass die privaten Ölkonzerne den Ölpreis vor der Verstaatlichung der Ölquellen in den Opec-Ländern niedrig gehalten haben, zeige, dass diese ihre Macht nicht gegen die Verbraucher ausspielen konnten. Vielmehr profitierten gerade die Armen von der zwischen den «sieben Schwestern» fortbestehenden Konkurrenz. In der aktuellen Behand-lung der Ölfrage durch Politik und Medien sieht der erfahrene Wirtschaftspublizist hingegen denselben Fehler, der dem Engländer Stanley Jevons 1865 bei der Behandlung der «Coal Question» unterlaufen ist. Hätte es damals eine Kohle-Opec gegeben, wäre das Wirtschaftswachstum in Europa wahrscheinlich so weit zurückgeblieben, dass man hier das Öl noch heute nur für Lampen brauchte, vermutet Simonnot. Während Vivienne Forresters Pamphlet gegen den Kapitalismus seit 1997 in deutscher Übersetzung vorliegt, wartet man bisher vergeblich auf eine Übersetzung von Philippe Simonnots entlarvender Kritik an den Irrtümern der Ökonomie, die im deutschen Sprachbereich im besten Sinn aufklärend wirken könnte.

Edgar Gärtner ist freier Wissenschaftsjournalist in Frankfurt am Main.

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