Peter Zeindler: Der Urknall

Im Februar 2009 wird der Zürcher Schriftsteller Peter Zeindler 75 Jahre alt. Wir drucken exklusiv die ersten drei Kapitel seines Spionageromans mit dem Titel «Der Urknall», an dem er vor einigen Wochen zu arbeiten begonnen hat. Zur Zeit ist Peter Zeindler in Genf, um für das vierte Kapitel zu ermitteln.
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1. Kapitel

Wenn der Nordostwind blies wie an diesem Januartag, fühlte er sich ausgesetzt, nackt. Er war durchfroren. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass seine Frau neben ihm auf der Seite ging, die der Bise zugewandt war. Sie bot ihm keinen Schutz vor deren Zugriff. Heute schon gar nicht, dachte er. Sie waren zerstritten, was ihn ungleich mehr quälte als sie. Ihr machte eine vorübergehende Disharmonie wenig aus, im Gegenteil. Grundsatzdiskussionen waren für sie das Salz in der Suppe, Garanten einer stabilen Beziehung. Sie war es denn auch meistens, die das letzte Wort hatte, während er hilflos nach Argumenten suchte, schliesslich resignierte, entweder in dumpfes Schweigen versank oder türknallend den Schauplatz des Duells als erster verliess. Es gab nur ein Thema, bei dem sie sich nicht auf ihren Intellekt abstützte, sondern allein auf ihre Gefühle: ihre Familie.

Um ihre Vereisung zum Schmelzen zu bringen, hatte er sie scheinbar zufällig hierhin an den Quai du Mont Blanc dirigiert, wo sie sich kennengelernt hatten. Sie war ihm zwar kommentarlos gefolgt, aber mit diesem kleinen, wissenden und auch verächtlichen Lächeln auf den Lippen, auf das er keine Antwort mehr fand, seit sie ihn bei seinem ersten Versuch, darauf zu reagieren, angeherrscht hatte: «Lächle nicht so falsch!»

Eine Unzahl kleiner Wellenkämme mit messerscharfen Spitzen liessen den Genfersee wie einen Nagelteppich aussehen, den die Polizei ausgerollt hatte, um die Autofahrt eines flüchtigen Verbrechers zu bremsen. Nur die Fontäne des Jet d’eau durchbohrte die scheinbar hermetische Oberfläche des Sees und schoss steil himmelwärts. Aber sie kam dort nicht an. Die Bise kappte ihre Spitze, zerflederte sie. Den Mann im dunkelgrünen Wildledermantel, der sich mit beiden Händen auf dem Geländer aufstützte, schien dieses brutale Schauspiel zu faszinieren. Heute hatte er seinen dunkelgrauen Filzhut tief in die Stirn gezogen.

Benjamin Lorant wandte sich ab. Es war wohl kein Zufall, dass dieser Fremde seit Tagen immer wieder in seiner Nähe auftauchte, manchmal nur schemenhaft; dann aber wieder folgte er ihm wie ein treuer Hund, hielt jedoch immer so viel Abstand, dass er nicht angesprochen werden konnte.

«Mir ist kalt», sagte er zu seiner Frau und blieb stehen. «Ich möchte einen heissen Tee.»

«Jetzt und hier?» fragte Gisela scheinbar erstaunt und zeigte über ihre rechte Schulter zum Eingang des Hotels Beau-Rivage.

«Warum nicht? Ist jetzt nicht der Augenblick, schöne Erinnerungen zu wecken?»

Es war der schwache Versuch eines Friedensangebots, obwohl er aus Erfahrung wusste, dass es dauern würde, bis sie die ausgestreckte Hand zur Versöhnung annehmen würde. Jetzt blieb auch sie stehen. Sie wandte sich um und schaute ihn spöttisch an. Dachte sie, dass es wohl in diesem Augenblick nicht angezeigt war, bei Kuchen und Tee ein Tête-à-tête zu zelebrieren, wie damals, als sie sich vor beinahe zwanzig Jahren zum erstenmal begegnet waren?

Immer dann, wenn er in die Nähe des Hotels Beau-Rivage kam, musste er an Uwe Barschel denken, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, der hier im Zimmer 317 tot in der Badewanne aufgefunden worden war. Am 11. Oktober 1987, an Barschels Todestag, war es gewesen, als Benjamin Lorant den Entschluss gefasst hatte, nach Genf zu ziehen. Und im Hotel, in dem Barschel gestorben war, hatte er zwei Jahre später, ebenfalls an einem 11.Oktober, geheiratet.

Er hob den Blick. Oben auf dem Dach des Hotelkomplexes flatterte die Schweizerfahne im steifen Nordostwind. Nicht seine Flagge. Unmittelbar darunter befand sich das Zimmer, in dem er mit Gisela die Hochzeitsnacht verbracht hatte, während im Hotelrestaurant im Erdgeschoss ihre grosse Familie weiterfeierte. Aber schliesslich hatte ihr Vater ja auch das Essen bezahlt. Beinahe zwanzig Jahre her.

Von seiner Familie hatte niemand an dieser Feier teilgenommen. Benjamin Lorants Eltern waren bei einem…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
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dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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