Peter gepanscht

Peter Pan. Mutig ist es schon, sich einmal mehr an den scheinbar unverwüstlichen, 1904 zunächst als Theaterstück erschienenen Kinderklassiker zu wagen. Hinzu kommt, dass er in der neuen Ausgabe weder übersetzt noch nacherzählt werden sollte, sondern ausdrücklich «nachersetzt» – eine Mischung aus beidem, oder besser: etwas, das es bisher genauso wenig gab wie dieses Verb. Damit aber ist das Buch Geist vom Geist Birgit Kempkers, die es in ihrer eigenen Prosa kess und knallig liebt. Tatsächlich lässt ihr Verfahren der partiellen Sentimentalität der englischen Vorlage keine Chance. Beherzt rafft sie und fabuliert aus, lässt Passagen weg und fügt andere hinzu. Auf weite Strecken lesen wir uns so in einer phantastischen Erzählung fest, wobei auch verwegene Modernismen in Semantik und Syntax nicht allzusehr stören: «ach wäre er im Comic und würde weggebeamt und nie mehr hier», heisst es etwa, als sich Peter einmal «mulmig» fühlt. Und weil der alte viktorianische auf diese Weise zu einem Text voller Witz und Spielfreude mutiert, gestaltet sich die Wiederbegegnung mit dem Jungen, der nicht erwachsen werden will, besonders prickelnd.

Erst recht in einem Appendix mit der Überschrift «Peter Pan bin ich» ist die Nachersetzerin ganz bei sich. Als «kleine Poetik» angekündigt, liegt hier eine begeisterte Variation über ein «Jenseits von Zuschreibung, Abklärung, Aufklärung und Deutung» vor. Ihr Cantus firmus ist ein bedingungsloses Lob – eine Panegyrik sozusagen – auf lustvolle Verantwortungslosigkeit, die der Alltagswelt, in der wir uns nach der Pubertät gewöhnlich einrichten, eine Nase dreht. Kempkers Vorliebe für die preziöse Inszenierung, mit der sie als Erzählerin selbst geneigten Lesern manches zuzumuten pflegt, wirkt hier weniger anstrengend als sonst, da sie sich im Einklang mit der Anarchie des Helden aus «Nieland» befindet (wie, statt des geläufigeren «Nimmerland», das englische «Neverland» wiedergegeben wird). Was sie uns mitzuteilen hat, läuft darauf hinaus, dass dieser Peter Pan so ziemlich alles zu sein vermag und auch dessen Gegenteil, vom «Muster im Universum» bis zum klitzekleinsten Detail. Oder, um es so auszudrücken: «Sigmund Freud ist Peter Pans Lumpi, und des Pudels Kern ist die verlorene Zeit.» Ein klarer Fall für die paulinische Theologie zugleich – man schlage nur im 1. Brief an die Korinther nach, Kapitel 1, Vers 27 – und allemal Zeichen von «Anmut pur». Was wiederum bedeutet: «Das Panprinzip ist rücksichtslos, jünglingshaft und hat sich selbst im Sinn. Es pfeift auf Potenz und Erguss und liebt doch Prunk und Schnack.» In der Tat musste dies einmal so deutlich gesagt werden.

Vor und trotz allem aber gibt die Wahlbasler Autorin mit ihrem nachgestellten Manifest für die freie Phantasie dem unterschätzten Text seine literarische Würde zurück – mag dafür auch das «liebevolle … Wegkastrieren» manch «tantentuntigen» Zeigefingers erforderlich gewesen sein. Während sie selbst Peter Pan zu einem zweiten «Bartleby» erklärt, wird unter der Hand eine andere Verwandtschaft ungleich deutlicher: dass nämlich der wackere Vielschreiber Sir James Matthew Barrie (1860–1937) die Grösse seines älteren britischen Landsmannes Lewis Carroll hier immerhin streift. Gleichwohl bleibt der Abstand zu dem vorsurrealistischen Sprachzauberer und Nonsense-Poeten beträchtlich, nach dessen Überzeugung unser Geist (mit einem Wort André Bretons) bei jeder Schwierigkeit noch einen Ausweg im Absurden finden könne und somit die Bereitschaft, dies zu bejahen, dem vernünftig gewordenen Menschen das geheime Reich wiederzugewinnen helfe, in dem die Kinder leben.

Solche Bezüge muss der Leser allerdings selbst herstellen, denn das von Kempker abgebrannte Feuerwerk leuchtet jene nicht aus. Über den Autor, der uns fast genau in der Mitte des Buchs recht nachdenklich anblickt, erfahren wir gar nichts, was desto bedauerlicher ist, als sich ihn betreffend selbst gute Literaturgeschichten auszuschweigen pflegen. Die Metamorphosen vom ersten Auftreten Peter Pans (damals noch im Kensington-Garten) in Barries «The Little White Bird»…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»