Peter Forster: Die verkaufte Wahrheit

Frauenfeld: Huber 2005

Die Informationsflut hat in der Gegenwart nie gekannte Ausmasse erreicht. Sie umgibt uns wie unablässig steigendes Hochwasser. Die Nachricht – manche sagen die Message – quillt massenweise aus den Briefkästen, tönt aus dem Radio, huscht über die Bildschirme des Fernsehens und überschwemmt das Internet. Der Begriff Informationsgesellschaft beschreibt nachgerade eine allumfassende Totalität. Aber erfahren wir, was wirklich in der Welt, auch im eigenen Land, geschieht? Wird uns ungeschminkt berichtet, was war und was ist? Können wir den Medien vertrauen? Noch präziser: Wieviel Informations-Falschgeld befindet sich im Umlauf?

Solchen sich heute vermehrt stellenden Fragen ging ein Insider der Informations- und Medienszene auf den Grund. Unter dem Titel «Die verkaufte Wahrheit» legt jetzt der Verlag Huber, Frauenfeld, ein Buch von Peter Forster vor, das den Irrungen, Verfälschungen und Manipulationen bei der Entstehung und Verbreitung von Informationen nachgeht. Der Autor, früherer Nahost-Korrespondent der NZZ, danach angesehener Chefredaktor einer Schweizer Regionalzeitung, weiss also, auf was er sich eingelassen hat beim Überprüfen des Wahrheitsgehalts der von Medien verbreiteten Botschaften. Was er bei seinen gediegenen Recherchen zu Tage fördert, ist stellenweise von fataler Art. Herausgekommen ist eine ergiebige Fundgrube für den kritischen Nutzer gedruckter und elektronischer Medien, nicht zuletzt für den Bürger, der sich nicht gern an der Nase herumführen lässt.

Forster führt aus der jüngsten Vergangenheit eine erschreckend hohe Zahl folgenreicher Verbiegungen der Wahrheit auf. Die ermittelten Fälle reichen von Ereignissen in den Irak-Kriegen, über den Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern, bis zu wirklichen oder vermeintlichen Skandalen in der politischen deutschen Szene, natürlich auch hin zum Geschehen um den fundamentalistischen Terror. Nicht ausgespart bleibt die Medien-Berichterstattung über Horror-Ereignisse in Russland, beginnend bei Tschernobyl. Erwähnt und schonungslos untersucht werden Fehlbeurteilungen, auch üble Medien-Praktiken in der Schweiz, der Heimat des Autors.

Der Leser erfährt aus dem in Text und Illustration vorbildlich gestalteten Buch – um einen Fall herauszugreifen –, wie sich das tagelang medienwirksam geschilderte «Heldenepos» der im Irak-Feldzug geretteten US-Soldatin Jessica Lynch als Ente entpuppte. Forster lenkt den Blick auch auf den Anschlag von Madrid im März 2004 und verdeutlicht, wie das Timing eines terroristischen Bekennerschreibens an die Presse auch dazu diente, die Regierung eines europäischen Landes zu Fall zu bringen, wie dieser Erfolg islamistischer Verbrecher danach aber kein Thema für die Medien war. Licht in ein düsteres Kapitel deutscher Medienwirklichkeit werfen Forsters Darlegungen über den seinerzeitigen Einfluss der Stasi auf enthüllungsfreudige deutsche Magazine und Zeitungen – mit hohem Anspruch, die sich natürlich dafür bei ihren Lesern nie entschuldigten.

Wohltuend ist bei der Lektüre die ideologieresistente Vorgehensweise des Verfassers. Bei seinen Untersuchungen vermeidet er das Betreten der spekulativen Bühne. Die Erhellung der medial verbogenen Fakten wird von ihm durchgängig dokumentarisch belegt, die Beweismittel sind akribisch angeführt, die Quellen benannt. Forsters Spurensuche lässt nie von der Forderung ab: Die Wahrheit – nichts als die Wahrheit! Dort, wo er Zusammenhänge nicht mehr restlos aufklären kann, erwähnt er es. Als Anliegen wird schon im Vorwort postuliert, die Wirklichkeit in Krise und Krieg aufzuspüren.

In einer schnellebigen Zeit profitieren die Medien ganz besonders vom journalistischen Glaubenssatz, wonach der Schnee von gestern nicht mehr interessant sei. Der Wert des vorliegenden Buches liegt in der Nutzanwendung für heute. Denn die Methoden beim Entstehen und Verbreiten von Information, aber auch die Motive für das Aufbauschen oder Totschweigen haben sich seit dem Schnee von gestern nicht geändert.

besprochen von Franz Oexle. Der Journalist und Buchautor war von 1966 bis 1988 Chefredaktor der Tageszeitung «Südkurier» in Konstanz.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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