Paul Parin, der Geschichtenerzähler

Der Tod ist, keine Geschichten mehr hören und erzählen zu wollen

Joseph Conrad hat einmal gesagt, ein Schriftsteller sei so alt wie sein erstes Buch. Der Tag, an dem er seinen ersten Satz schreibe, das sei sein erster Geburtstag. Wenn Joseph Conrad recht hat – und ich neige dazu, ihm beizustimmen –, ist Paul Parin heute gerade 47 Jahre alt. So erklärt sich auch recht einfach seine sonst schier unbegreifliche Jugendlichkeit. Paul Parins erstes Buch ist 1963 erschienen und war – in Zusammenarbeit mit seiner Frau Goldy und Fritz Morgenthaler – jenes, das ihn auch gleich berühmt gemacht hat, und dessen Titel zu einem oft zitierten Sprichwort: «Die Weissen denken zu viel». Seit diesem Buch gibt es den Geschichtenerzähler Paul Parin. Ich will also heute – natürlich auch, weil das sozusagen mein Fach ist – vom Geschichtenerzähler sprechen und die simple These verteidigen (bei denen, die ihn gut kennen, renne ich natürlich offene Türen ein), dass Paul Parin immer schon ein Geschichtenerzähler war. Auch in seinen ethnopsychoanalytischen, also wissenschaftlichen Büchern. Er wurde es nicht erst, als er seine erste literarische Erzählung schrieb. Sein Pech übrigens. Dann nämlich – Joseph Conrad meinte erzählendes Schreiben – wäre er heute blosse 26 Jahre alt, ein Jüngling.

Mit dem literarischen Erzählen hat Paul Parin in der Tat spät angefangen, wie Fontane. Kann sogar sein, dass er bei seinem ersten Band mit Erzählungen – er heisst «Untrügliche Zeichen von Veränderung» und enthält wundersam sinnliche Erinnerungen an seine Kinder- und Jugendzeit in Slowenien – noch dachte etwas zu tun, was neben dem Weg lag, den er sonst beschritt. Dass er einen einmaligen Abstecher in das Dickicht alter Erinnerungen mache. Doch es blieb nicht bei dem einen Ausflug in seine frühe Welt – Gott sei Dank –, sondern dieses Buch wurde der Aufbruch zu einer abenteuerlichen Reise mit vielen Stationen. Paul Parin hat inzwischen ein gewichtiges literarisches Werk geschrieben. Er ist, von allen beachtet und geachtet, ein Mitglied meiner Zunft geworden. Die Erzählung wurde seine Gattung, in der Novelle hat er es zu grosser Meisterschaft gebracht.

Dass der Arzt und Wissenschafter sich in einen Erzähler verwandelte, überraschte gewiss manche. Jetzt allerdings, in der Rückschau, sieht sein Schreibweg logisch und notwendig aus. Wenn es so etwas wie den geborenen Erzähler gibt, dann ist Paul Parin einer. Er kann gar nicht anders als erzählen. Er konnte nie anders. Gäbe es die Schrift nicht, wäre er heute eine mündliche Erzählinstanz, weit über alle Grenzen berühmt. Die Leute würden zu ihm strömen, zum Beispiel um die Geschichte vom Affen zu hören, der Tabou hiess und den er und Goldy sowie Ruth und Fritz Morgenthaler aus Afrika nach Zürich mitnahmen. Wie sie das taten, ist eine Geschichte, deren Wirrnisse Paul Parin im Band «Der Traum von Ségou» niederschrieb. Ich aber erinnere an sie als oral history, als einen afrikanisch ausschweifenden Erzählvorgang, bei dem Goldy beiseite gelassene Nebengeschichten unerbittlich einforderte.

Um ein Geschichtenerzähler zu sein, musste Paul Parin nicht nach Afrika fahren. Das half, gewiss, weil ein afrikanischer Affe anregender ist als ein Schweizer Eichhörnchen und weil in Afrika jeder Schritt in der wirklichen Welt ein Gang zu mythischen Müttern und Vätern zu sein scheint, in die Tiefen alter Zeiten, hin zu Geschichten, die das Unbewusste selber erzählt. Aber einem Geschichtenerzähler wie Paul Parin genügt es auch, von seiner Wohnung bis zum Bellevue zu gehen, um Zigaretten zu holen. Er erlebt – wie alle Geschichtenerzähler – immer etwas, was erzählt werden kann oder muss. Es gibt ja Menschen, die imstande sind, in achtzig Tagen um die Erde zu reisen und die dann rein gar nichts erlebt haben, was sie erzählen könnten. Sie sind nicht neugierig. Paul Parin aber ist der neugierigste Mensch, den ich kenne, er schaut seinen Vorurteilen so aufmerksam auf die Finger, dass man meinen könnte, er hätte keine, und er scheint keine Angst zu kennen.

Mein Gott, ich an seiner Stelle wäre bei der ersten Afrika-Reise (da war er 38 Jahre alt) schon vor Beginn der eigentlichen Fahrt, schon in Algier zusammengebrochen, beim dritten Eingeborenen spätestens, der mir einen Teppich oder einen geschnitzten Elefanten hätte verkaufen wollen. Ganz zu schweigen von der letzten Reise, die Paul Parin zusammen mit Goldy in einem Renault 12 unternahm, einem Auto, das ich ohne eine Mitgliedschaft beim TCS auch in der Schweiz kaum zu fahren gewagt hätte. Da war Paul über sechzig, Goldy sowieso, und wenn ich seinem Bericht über diese Reise – er steht in dem mir liebsten aller Erzählbände, der «Zu viele Teufel im Land» heisst – trauen darf, dann haben die beiden ein gutes dutzendmal bei 40 Grad im Schatten – aber weit und breit kein Baum – im glühenden Sand – kein Lebewesen von Horizont zu Horizont – neue Reifen aufgezogen und mindestens einmal daran gedacht, den letzten Pneu unaufgezogen zu lassen und sich, erschöpft und gelassen, neben das Auto in den Sand zu setzen. «‹Was meinst du›, sagt G.» – G., in seinen Erzählungen, ist natürlich Goldy –, «‹Wollen wir nicht ganz dableiben? Ich habe Mauretanien schon immer schön gefunden.›» – Es ist eine berührende Stelle. G. und Paul blieben dann doch nicht in Mauretanien, sie zogen den x-ten Reifen auf und erreichten den Fluss, der wohl der Senegal war.

Ja, ich glaube, manchmal ist meine Bewunderung für Paul Parins Abenteuerkraft mit einer Prise Neid durchmischt, einer aushaltbaren Dosis allerdings, denn gleichzeitig bin ich ja dankbar, dass ich an all der bereichernden Mühsal ganz ohne Mückenstiche und Schlangenbisse teilhaben darf.

Wie alle geborenen Erzähler, weiss Paul Parin, dass der Massstab 1:1 in der Poesie untauglich ist und dass es in einer Geschichte nicht um die Faktenwahrheit geht, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern um eine poetische. Eine gute Geschichte ist wahr, wahrhaftig, und sie ist gleichzeitig erstunken und erlogen. Paul Parin lügt in seinen Geschichten wie gedruckt, wie ich in den meinen. Wir erzählen beide lieber eine gute Geschichte als eine schlechte. Und in guten Geschichten geht es darum, dass die, die sie lesen oder hören, hic et nunc belebt werden, und nicht darum, ob alles genau so war. Kafka war nie ein Käfer, trotzdem ist seine Verwandlung wahr und berührend.

Also bilden Paul Parins Geschichten nicht nur Leben ab, als Erinnerungen an verlorene Zeiten, Menschen und Landschaften; sie stellen auch Leben her, jetzt, im Moment des Erzählens. «Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können» – dieser Satz Jean Pauls ist zwar falsch – natürlich können wir aus der Erinnerung vertrieben werden, und ein Paradies ist sie auch eher nicht –, aber wir verstehen doch, was er meint. Paul Parin kann Vergangenes nochmals lebendig machen, das sonst unwiderruflich und unbeachtet im Abgrund der Geschichte verschwunden wäre. Im Übrigen kommt es mir beim Lesen so vor, als prüfe Paul Parin beim Erzählen sich und uns immer erneut, wie sehr beziehungsweise ob wir überhaupt noch am Leben sind.

Als ich die Bücher über die Dogon und die Agni wieder vornahm und mich erneut in ihnen festlas, bestätigte sich meine Erinnerung, dass auch sie, die wissenschaftlichen Werke, Erzählungen sind. Insbesondere «Die Weissen denken zu viel» beginnt wie ein Roman und fasziniert durch seinen Reichtum und die Farbigkeit des Erzählten. Etwa der Schöpfungsmythen. Paul Parin berichtet mit einer Sinnlichkeit der Anschauung, die mich hie und da an Ryszard Kapuscinskis «König der Könige» erinnert, ein anderes von Afrika inspiriertes Buch aus dem Grenzgebiet zwischen Faktendokumentation und dem poetischen Beschwören des Fremden. Es ist faszinierend, wie Paul Parin das Werden der ethnopsychoanalytischen Technik und Arbeit erzählt, Schritt für Schritt. Konkretes Handeln konkreter Menschen in einem konkreten Land. So viel Begrifflichkeit wie nötig, so wenig wie möglich. Afrika ist gewiss ein Kontinent, der einem vorerst einmal jeden Begriffsapparat aus der Hand schlägt. Paul Parin wirkt dadurch wie erleichtert, jedenfalls nicht eingeschüchtert.

In den eigentlichen literarischen Erzählungen erkennt man bald Schwerpunkte, magnetische Pole, von denen Paul Parins Erzählen immer wieder angezogen wird. Afrika natürlich. Dann die Jugendzeit in Slowenien. Und drittens die Jagd. Es gibt viele Jagdgeschichten, und sie zeigen uns einen Paul Parin, der einen durchaus auch irritieren mag. Dieses Jagdfieber! Dieses immer erneute Beharren darauf, wie sehr die sexuelle Lust und das Jagen zusammenhängen. Margret Mead hat einmal auf die Frage, wann Männer am glücklichsten seien, geantwortet: «Wenn sie zur Jagd aufbrechen, und weit und breit ist keine Frau und kein Kind.» Auf diese Art glücklich scheint auch Paul Parin gewesen zu sein, und er vermittelt uns Nichtjägern dieses Glück intensiv und plausibel.

Ich danke Paul Parin für die vielen Geschichten, die er mir in seinen Büchern und manchmal auch einfach so erzählt hat. Für so viel Leben. Vielleicht kommt der Tod, wenn uns die Geschichten gleichgültig werden, die eigenen und die der andern. Der Tod ist, keine Geschichten mehr hören und erzählen zu wollen.

URS WIDMER, geboren 1938, lebt als Schriftsteller in Zürich.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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