Pass pour tous

Der Nationalstaat gilt neuerdings wieder als zukunftsträchtiges Gebilde. Zu Unrecht. Jeder Bürger hat verschiedene Herkünfte und Zukunftsoptionen. Besser als Diskussionen über Schweizer Volkszugehörigkeit wäre die Schaffung eines globalen Markts für Pässe.

Der Nationalstaat gehört zu den verhängnisvollsten Kreationen der Neuzeit. Gerade 2014, da sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum einhundertsten Mal jährt, haben wir guten Grund, uns daran zu erinnern: Kaum einer anderen menschlichen Erfindung sind so viele Blutopfer anzulasten wie dem Nationalstaat. Doch auch im angeblich so fortschrittlichen 21. Jahrhundert nehmen es die Menschen schlicht hin, dass sie, ohne befragt zu werden, von ihrer Geburt an eine Nationalität verpasst erhalten. Und dass sie sich in der Regel von ihr in ihrem ganzen Leben nicht mehr lösen können. Ist es Gewohnheit? Oder Mangel an Phantasie?

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verlegenheit blicken wir Modernen auf die grossen Werke, welche fremde und ferne Völker über die Jahrtausende der Geschichte hinweg als Zeugnisse ihrer Existenz in die Welt gesetzt haben, von den Pyramiden in Ägypten und Mexiko über den Grossen Kanal im Reich der Mitte bis zum Taj Mahal in Indien. Diese Monumente sind Ergebnisse der Fron- und Sklavenarbeit, die unter unsäglichen Leiden geleistet worden ist. Immerhin, so wird der aufgeklärte Zeitgenosse einwenden, sei die Menschheit über diese primitiven Zeiten hinausgewachsen. Stimmt das wirklich? Von den Führern moderner Nationalstaaten verordnetes Massentöten und Massensterben war im 20. Jahrhundert durchaus ein Normalzustand. Und eine Neubelebung solcher blutrünstiger Traditionen dürfen wir ja wohl auch für unsere Zeit nicht von vornherein ausschliessen.

Wer dem letzten Satz zustimmt, muss sich auch die vorderhand noch ketzerische Frage gefallen lassen: Warum um alles in der Welt sollen sich die Menschen mit der Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat abfinden, dem sie angeblich ein unergründliches Schicksal zugeordnet hat? Warum in aller Welt soll die Menschheit nicht endlich aus ihrem hündischen Dasein mit der Markierung von Territorien durch allmächtige Nationalstaaten herausgehen können? Letztendlich sind doch Pässe nichts anderes als Hundemarken, die uns bei der Geburt um den Hals gehängt werden. Zwar haben wir heute mehr Freiheiten, in die weite Welt aufzubrechen, als noch vor wenigen Jahrzehnten; doch für das Gros der Menschheit bedeutet die bei der Geburt erfolgte nationalstaatliche Brandmarkung automatisch, dass sie für die Dauer ihres irdischen Daseins eine stolze Hundesteuer für diese Marke bezahlen müssen, ohne mit einer entsprechenden Gegenleistung rechnen zu können.

Seien wir doch ehrlich: die vom Nationalstaat verordnete und oktroyierte Sklaven- und Fronarbeit gibt es auch heute noch, nur in gutgetarnter Form, nämlich als Steuerknechtschaft. Wer an den Fortschritt der Menschheit glaubt, sei nur darauf hingewiesen, dass in den dunklen Tagen des Mittelalters und der Feudalherrschaften auch bei den am meisten ausgebeuteten Volksschichten die Steuerlast nie die monströsen Dimensionen erreicht hat, die wir heute in der direkten und indirekten Form von der Wiege bis zur Bahre zu ertragen haben – mit Zwangsabgabenquoten von 50 Prozent und mehr, je nach «Fortschrittlichkeit» des Landes. Kommt hinzu, dass als Ergebnis unseres irdischen Mühens und Zahlens heute nicht einmal eine Pyramide oder ein Taj Mahal, sondern schlicht ein schwer defizitärer Staatshaushalt und eine aufgeblähte Bürokratie überdauern werden.

Also: ich halte den Nationalstaat nicht für etwas Gottgegebenes, auf alle Zukunft hinaus Erhaltenswertes oder gar als einen Fortschritt der Menschheit, wie uns dies von Hegel bis Habermas viele teutonische und andere Philosophen eingetrichtert haben. Vielmehr bin ich der Meinung, dass Sinn und Zweck des Nationalstaats und der Brandmarkung des hilflosen Individuums mit einem ihm aufgezwungenen Pass mehr denn je hinterfragt werden müssen. Im 13. oder 14. Jahrhundert war eine Zeit ohne Sklaven- und Fronarbeit unvorstellbar gewesen – und doch ist die Sklaverei zuletzt grossflächig beseitigt worden. Warum soll dieses Schicksal nicht auch dem Nationalstaat, seinem hündischen Territorialprinzip und seiner ewigen Steuerknechtschaft beschieden sein?

Technologischer Fortschritt kann der Befreiung des Menschen von Mühsal und Ausbeutung dienen. Wir erinnern uns, dass noch in…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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