«Pas devant les enfants!»

Das waren noch Zeiten, als Mama bei sich anbahnenden Konflikten oder sonstigen heissen Themen Papa anzischte: «Pas devant les enfants!» Will sagen: Heikles sollte bitte erst verhandelt werden, wenn die Kleinen schliefen. Das war einmal. Heute merken die Kinder dank Frühfranzösisch auf und haken natürlich gleich nach: «Was dürfen die Kinder nicht?» Müssen die Eltern […]

«Pas devant les enfants!»

Das waren noch Zeiten, als Mama bei sich anbahnenden Konflikten oder sonstigen heissen Themen Papa anzischte: «Pas devant les enfants!» Will sagen: Heikles sollte bitte erst verhandelt werden, wenn die Kleinen schliefen. Das war einmal. Heute merken die Kinder dank Frühfranzösisch auf und haken natürlich gleich nach: «Was dürfen die Kinder nicht?»

Müssen die Eltern jetzt auf Englisch umstellen? Das wäre zumindest in den Kantonen der Ost- und Zentralschweiz grundfalsch, denn hier ist Englisch spätestens ab der dritten Klasse die erste Fremdsprache. Schon ab der fünften Klasse folgt auch hier Frühfranzösisch als die zweite. Jedenfalls nach der Zählung unserer Bildungsbürokratie.

Denn in Wirklichkeit ist die erste Fremdsprache unserer Deutschschweizer Kinder das Hochdeutsch, wie einst Friedrich Dürrenmatt mit Recht bekannte. Über den Erfolg im Erwerb dieser ersten Fremdsprache gehen die Meinungen bekanntlich ziemlich weit auseinander. Was viele Schweizer als gutes Hochdeutsch betrachten, ist für Deutsche immer noch «Schwizerdütsch». Von den Migrantenkindern, derer es ja doch einige gibt hierzulande, war noch nicht einmal die Rede: Für sie ist zuerst einmal der hiesige Dialekt die erste Fremdsprache, das Hochdeutsch demzufolge die zweite, und dann erst kommen Frühfranzösisch und -englisch.

Heikle Themen sind heute mit der bildungsbürgerlichen Standardformel von einst ohnehin nicht mehr zu umschiffen. Die lieben Kleinen sind dank Handy und YouTube oft über sexuelle Praktiken im Bild, von denen die Eltern keine Ahnung haben. Dazu braucht es nicht einmal den Sexkoffer, der in gewissen Politikerköpfen mehr Aufregung verursacht als im Kindergarten. Wenn also Klein Fritzli am Esstisch unschuldig anrüchige Begriffe aus dem Sexualleben in den Mund nimmt, die er irgendwo aufgeschnappt hat, könnte es durchaus sein, dass ihm die ältere Schwester ins Ohr zischt: «Pas devant les parents!»

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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