Parole Emil

Eschenbach dreht wieder seine Runden. Rechts und links und in der Limmat ist der bissige Züricher Kommissar aus der Feder Michael Theurillats unterwegs. In seinem zweiten Fall läuft er durch das winterliche Zürich, isst zwischendurch viel und fettig und nimmt – zwischen Weihnacht und Neujahr – zehn Kilo ab. Aber darum geht es nicht. Er […]

Eschenbach dreht wieder seine Runden. Rechts und links und in der Limmat ist der bissige Züricher Kommissar aus der Feder Michael Theurillats unterwegs. In seinem zweiten Fall läuft er durch das winterliche Zürich, isst zwischendurch viel und fettig und nimmt – zwischen Weihnacht und Neujahr – zehn Kilo ab. Aber darum geht es nicht. Er verliebt sich hoch über der Stadt in die Sekretärin eines Hauptverdächtigen, und es könnte etwas Ernstes sein. Aber darum geht es auch nicht. Kathrin, seine Tochter, liegt nach zwei Kreislaufzusammenbrüchen auf der Intensivstation, Drogen sind der Grund, und als Vater hätte er es beim letzten Treffen ahnen müssen: die kurz geschorenen schwarzen Haare, das bleiche Gesicht. Aber darum geht es gar nicht.

In «Eistod» geht es um einen der kältesten Winter in Zürich seit Menschengedenken. Die Obdachlosen, Randständigen sterben rechts und links und in der Limmat. Kein Wunder, dass Eschenbach sich dafür interessiert. Prominenten Köpfen der Zürcher High Society missfällt dieses Interesse, doch unterstützt von einem Häuflein verschworener Getreuer entwirrt Eschenbach zahlreiche verschlungene Fäden einer unglaubwürdigen Geschichte: Menschenversuche zur Erforschung des Giftes Tetrodotoxin, das den Nobelpreis bringen kann, den Tod oder eine Menge Geld – je nach gesellschaftlicher Position. Hart an der Grenze zur Albernheit wirkt diese biochemische Verschwörung, wenn mittendrin – oder auch am Rande – die CIA, der Schweizer Geheimdienst SND und die zweite Kompanie (46/II) für elektronische Kriegführung der Schweizer Armee über die eigenen Füsse fallen. Aber darum geht es ja nicht.

Theurillats Stärke ist der warmherzig-ironische Blick auf seine Stadt und die Menschen. Man läuft gerne mit Eschenbach durch Zürich, denn beiden gibt der Autor einen Charme und Charakter, die manche holprige Windung der Krimihandlung vergessen lassen. Wenn Eschenbach dienstbeflissen durch die Strassen seiner Stadt stapft, erinnert er an einen erwachsenen, aber nicht alten Emil Tischbein, der Herrn Grundeis mit dem steifen Hut verfolgt und mehr und mehr Detektive um sich schart. Erich Kästner grüsst aus Berlin, denn Zürich hat eine Stimme bekommen, die sehr weit schallt.

vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach

Michael Theurillat: «Eistod». Berlin: Claassen, 2007.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»