Paranoia City. Der Fall Ernst B.; Selbstzeugnis und Akten aus der Psychiatrie um 1900.

Boomtown Basel

Basel war die Schweizer boomtown des 19. Jahrhunderts: 16’000 Menschen wohnten um 1800 in den beiden Teilen der Stadt, hundert Jahre später bereits fast siebenmal soviel, nämlich 109’000. Eine rasante Industrialisierung hatte Zehntausende von Einwanderern aus dem In- und Ausland angezogen, darunter auch den Coiffeur Ernst B. aus Büren an der Aare, der sich 1886 in Basel niederliess und zwei Jahre später die aus Deutschland stammende Sophie Karoline F. heiratete. Am 18. Juli 1894, sechs Jahre nach der Eheschliessung, gibt die Frau bei der Basler Polizei zu Protokoll, «ihr Mann sei in letzter Zeit dem Trunke ergeben und leide wahrscheinlich an Verfolgungswahn, indem er sich von vielen Personen verfolgt fühle und gestern die Mittagssuppe ab dem Tisch genommen und wahrscheinlich habe nach Gift untersuchen lassen». Einen Tag nach dieser Aussage wird Ernst B., der in der Nähe des Centralbahnhofs wohnt, in die Basler Irrenanstalt Friedmatt eingewiesen. Es folgt die Scheidung von seiner Frau, die Entlassung aus der Friedmatt, die Wiederverheiratung des Paars, ein Suizidversuch des Coiffeurs und schliesslich die endgültige Scheidung. 1903 verfasst er einen 27seitigen handschriftlichen Bericht, der den Behörden beweisen sollte, dass er das Opfer von Immobilienspekulanten und Hypnotiseuren geworden sei. Dieser Rapport, ein bewegendes Zeit- und Lebensdokument, führt jedoch dazu, dass Ernst B., dessen Wahnvorstellungen durchaus Bezüge zur Realität haben, auf Lebenszeit in der Irrenanstalt Münsingen interniert wird. Dort stirbt er 1923.

Vor ein paar Jahren stiessen die beiden Historiker Stefan Nellen und Martin Schaffner sowie der Germanist Martin Stingelin im Basler Staatsarchiv zufällig auf Lebensspuren Ernst B.s und seiner Frau. Die drei Wissenschafter konnten weitere Akten finden, die es erlaubten, die Fallgeschichte weitgehend zu rekonstruieren und sie in grössere zeitgeschichtliche Zusammenhänge zu stellen. Im Buch «Paranoia City» gelingt es den drei Herausgebern, einer weiteren Autorin und drei Autoren, in spannenden, gut dokumentierten und anregenden Essays zu zeigen, dass die Erfahrungen von Ernst B. weit über den Einzelfall hinausweisen und sich in ihnen das nervöse und hysterische Zeitalter um 1900 spiegelt, weshalb – so Martin Stingelin – Ernst B.s «Symptome» nicht nur «als Indizien für eine individuelle, sondern für die kulturkritische Diagnose einer ganzen Epoche gelesen werden» sollten. Einer Epoche, die nicht nur im boomenden Basel Menschen um den Verstand brachte.

vorgestellt von Roger Ehret, Basel

Stefan Nellen, Martin Schaffner & Martin Stingelin (Hrsg.): «Paranoia City. Der Fall Ernst B.; Selbstzeugnis und Akten aus der Psychiatrie um 1900.» Basel: Schwabe, 2007.

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