Osteuropäische Beispiel vor Schweizer Hintergrund

In letzter Zeit ist das Territorialprinzip hierzulande vermehrt als kritikwürdig bezeichnet worden. Vergleiche mit der Minderheitenproblematik in Ostmitteleuropa zeigen indessen auf, wie viel die Eidgenossenschaft dem Grundsatz der kantonalen Sprachhoheit zu verdanken hat.

Die Fragestellung mag ungewöhnlich sein, sie ist aber nicht ganz neu. Ostmitteleuropäische Vergleiche mit der Schweiz reichen in das vorletzte Jahrhundert zurück. Nach 1848 begann das in Europa so seltsame und seltene – nationalstaatlich, aber nicht sprachnationalistisch konzipierte – Schweizer Gemeinwesen, Interesse zu wecken. Blicke richteten sich auf die Schweiz namentlich aus Ostmitteleuropa, wo zuletzt Graf Koudenhove-Kalergi, der Begründer der Paneuropa-Bewegung, die Schweiz geradezu aufforderte, «den helvetischen Nationalismus zu exportieren».

Bewundertes Vorbild, das dennoch keine Nachahmung finden konnte. Die nationalstaatliche Entwicklung in Ost- und Südosteuropa setzte mit Verspätung ein; zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden in der Region noch drei ausgedehnte Vielvölkerstaaten, die Donaumonarchie, das zaristische Russland und das Ottomanische Reich. Ihre Hinterlassenschaft, das Erbe einer besonderen Entwicklung, ist bis in die Gegenwart spürbar. In dieser Perspektive sollen hier drei Konfliktfälle, Beispiele umstrittener Minderheitenbehandlung, herausgegrif-fen und zuletzt als Kontrast mit den Schweizer Verhältnissen verglichen wer-den: der serbisch-albanische Gegensatz in Kosovo, das schwierige Nebeneinander von Rumänen und Ungarn in Siebenbürgen und die Lage der Russen in Estland.

In Kosovo erheben zwei Nationen Anspruch auf das gleiche Land. Die Serben tun dies, indem sie historische Rechte geltend machen. Kosovo war demnach im Mittelalter die Wiege der serbischen Nation; tragische, das serbische Selbstverständnis tief prägende Ereignisse fanden hier statt; orthodoxe Klöster, in denen in Zeiten der ottomanischen Fremdherrschaft die Flamme der Selbstbehauptung bewahrt wurde, stehen in dieser Region. Die albanische Seite demgegenüber verficht ihre Sache unter Hinweis auf die Bevölkerungsmehrheit; nach dem Krieg 1999 sind nun etwa 95 Prozent der schätzungsweise zwei Millionen Einwohner Albaner. Eine historische Version halten im übrigen auch die Albaner bereit, gemäss der es ihre illyrischen Vorfahren und keineswegs die Serben waren, die Kosovo als erste besiedelten. Die Serben ihrerseits behaupten, sie seien in die Minderheit geraten wegen einer brutalen Vertreibungspolitik. Worauf die Albaner antworten, 1999 hätten gerade die Serben Hunderttausende von Albanern aus der Provinz vertrieben.

Nun ist die Weisheit des Friedensschlusses nach den Balkankriegen 1913 zu bezweifeln, der das nicht-slawische Kosovo Serbien zusprach. Immerhin, in dem von Tito eisern zusammengehaltenen Jugoslawien machte die autonome Provinz Kosovo bei all ihrer Armut wenig von sich reden, und der Konflikt brach erst 1981 auf, als von den Kosovo-Albanern die Forderung nach Schaffung einer eigenen Republik innerhalb Jugoslawiens erhoben wurde und als 1989 Belgrad selbst die Autonomie der Provinz aufhob. Die Fortsetzung ist bekannt. Kosovo ist heute unter Uno-Verwaltung praktisch ein unabhängiger, freilich nicht ein anerkannter Staat, in dem die Versuche der Schutzmächte, zwischen Albanern und den noch verbliebenen Serben Zusammenleben und Minderheitenschutz zu verankern, bisher wenig gefruchtet haben.

Von historischen Gegensätzen, wiewohl zur Zeit glücklicherweise nicht von ähnlicher Heftigkeit gekennzeichnet, ist auch das rumänisch-ungarische Nebeneinander in Siebenbürgen. Die Behauptung, dass das ehemals ungarische Gebiet, das 1920 weit über die historischen Siebenbürger Grenzen hinaus Rumänien zugesprochen wurde, heute von beiden Seiten beansprucht werde, trifft nicht zu; Ungarn hat sich in das Unabänderliche gefügt. Richtig allerdings ist, dass der Verlust die meisten Ungarn nach wie vor schmerzt. Ebenso, dass die gegenwärtig noch 1,5 Millionen ethnischen Ungarn in Siebenbürgen nach gut achtzig Jahren sich immer noch als Mitglieder der ungarischen Nation betrachten; dass sie rumänische Staatsbürger sind, erscheint ihnen dagegen als Folge von Zufall oder Zwang. Auch hier gibt es je eine rumänische und eine ungarische Geschichtsversion über die Erstbesiedlung, Darstellungen, die einander widersprechen. Mehrheits- und Minderheitenverhältnisse sind indessen auch da eindeutig angesichts der rund 4,5 Millionen Rumänen, die heute in Siebenbürgen leben.

Rumänien hatte beim Friedensschluss 1920 noch die Verpflichtung zur Gewährleistung von Minderheitenrechten auf sich zu nehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bei der Pariser Friedenskonferenz 1947, hielt man eine solche…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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