Osteria Berlusconi

Sie humpelt, lacht selten, und das Herz trägt sie nicht auf der Zunge. Aber sie ist eine Seele von Mensch: Santina, die Besitzerin der Osteria/Pizzeria auf der Stadtmauer mit Blick in die mittelitalienische Landschaft und auf das Adriatische Meer, hinten im Giardino pubblico unseres Städtchens. Dort, wo wir gerne hingehen, wenn wir angekommen sind, oder […]

Sie humpelt, lacht selten, und das Herz trägt sie nicht auf der Zunge. Aber sie ist eine Seele von Mensch: Santina, die Besitzerin der Osteria/Pizzeria auf der Stadtmauer mit Blick in die mittelitalienische Landschaft und auf das Adriatische Meer, hinten im Giardino pubblico unseres Städtchens. Dort, wo wir gerne hingehen, wenn wir angekommen sind, oder mit Gästen, oder wenn uns sonst nicht nach Kochen zumute ist. Immer hat Santina trotz ihrer lädierten Hüfte – «keine Zeit fürs Spital, später vielleicht» – und ihrer bald siebzig Jahre etwas zu schaffen. Putzt schon am frühen Morgen die Tische und schrubbt den Boden, sitzt jeden Mittag und Abend an der Kasse. Trotz ihrer Bärbeissigkeit hat sie uns ins Herz geschlossen, nimmt am Fortgang des Familienlebens, besonders des Nachwuchses, lebhaften Anteil.

Nach der obligaten Konversation übers Wetter seit dem letzten Aufenthalt komme ich auf die Krise des Landes zu sprechen. «Krise?», fragt Santina ungehalten, «welche Krise? Das ist etwas für Leute, die nicht arbeiten wollen!» Aber, hake ich nach, man sehe doch mehr Leute in diesen Trainingsanzügen, wie man sie sonst nur auf der gegenüberliegenden Seite der Adria finde. Man lese mehr über ausbleibende Touristen, über Einheimische, die kein Geld mehr haben für Restaurantbesuche, über Alberghi, die schliessen? «Papperlapapp, wir haben so gut gearbeitet wie selten. Elf Leute habe ich während der Saison angestellt, und die hatten alle Hände voll zu tun.»

Ja, und die Krise der Politik? Nach zwanzig Jahren endlich die Götterdämmerung der Ära Berlusconi, der endlosen Justizpossen, das muss doch die Menschen hier bewegen? «Ach was, die Politiker! Die können nichts anderes als die Steuern erhöhen. Und dann siehst du nichts mehr von dem Geld – Arbeit hin, Arbeit her.»

Berlusconi? Auch der schaut für sich. Wie Santina. Nur berichtet niemand über sie. Obwohl sie und viele, viele andere Familienbetriebe in dieser Zeit mehr für Italien getan haben als alle Politiker zusammen. Bei ihr gibt’s halt kein Bunga-Bunga.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»