Online Spezial: «Vieles ist Arbeitsvortäuschung»

Um zu arbeiten, benötigt Autorin Kathrin Passig längst nur einen Laptop und Internet. Ronnie Grob spricht mit ihr über Arbeitsproduktivität, über ihre Zeit als «Observer in Residence» an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und über die Frage, weshalb man in Deutschland einen Steuerberater benötigt.

Liebe Kathrin, unter deinen NZZ-Kolumnen, die du zusammen mit Ira Strübel schreibst, steht jeweils: «Kathrin Passig lebt als Sachbuchautorin und Sachenausdenkerin in einem Bett in Berlin». Da frage ich mich: Wie und wo arbeitest du?

In den letzten zwei Jahren wurde mein Dasein, ohne dass ich das wollte, zunehmend nomadischer. Früher hatte man ja einen schlecht transportablen Arbeitsrechner. Und ein Bücherregal, auf das man Zugriff haben musste. Heute hat man einfach alles dabei. Und irgendwie riechen das auch die Auftraggeber – ich bin viel unterwegs in letzter Zeit.

 

Gemeinsam mit Sascha Lobo hast du das Buch «Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin» geschrieben. In einer Amazon-Bewertung zeigt sich eine Frau enttäuscht, dass das Buch diesem Titel in keinster Weise gerecht werde – das Buch sei zwar «unheimlich komisch», aber «überhaupt nicht hilfreich».

Meine Bücher sind voller Fehler, das gebe ich gern zu. In dem Fall allerdings würde ich alles wieder genauso machen. Fast alle Bücher über dieses Thema sind «Produktivitätspornografie», das heisst, sie gaukeln den Lesern vor, man müsste nur den Schreibtisch mal gründlich aufräumen und zehn einfache Regeln befolgen, dann würde man von heute auf morgen ein anderer, besser organisierter Mensch. Natürlich freut man sich als Leser über diese schönen Aussichten. Es bringt nur nichts. Wir versprechen in unserem Buch gar nichts, aber das halten wir dann auch.

 

Welche Arbeitsproduktivitätsmassnahmen hast du selbst ausprobiert? Wie waren deine Erfahrungen?

Vor allem hat sich bewährt, dass ich weniger Zeit und Energie darauf verwende, mir wegen zu geringer Produktivität Vorwürfe zu machen. Wenn wirklich mal etwas dringend getan werden muss, hilft Ritalin. Das bekomme ich wegen meiner Narkolepsie verschrieben – es hält mich davon ab, bei jeder Gelegenheit einzuschlafen. Als Nebenwirkung macht es arbeitsfreudig.

 

Wie stehst du zur protestantisch geprägten Arbeitsmoral – ist sie überhaupt produktiv? Oder betrügen sich viele, die lange Arbeitszeiten und eine ständige Geschäftigkeit zur Schau stellen, selbst?

Es gibt diverse Studien, aus denen hervorgeht, dass Menschen in Festanstellungen keineswegs acht Stunden täglich mit Arbeit zubringen. Vier bis fünf Stunden kommt den Tatsachen wohl näher. Timothy Ferriss weist in «Die 4-Stunden-Woche» darauf hin, dass es gar keinen Grund gebe, warum zufällig alle Tätigkeiten genau fünf Achtstundentage ausfüllen sollten. Vieles davon ist Arbeitsvortäuschung, sich selbst und anderen gegenüber.

 

Im letzten Jahr warst du als «Observer in Residence» an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Toni-Areal tätig. Wie kam es dazu?

Ich wurde herbeigeholt, um Ereignisse im Toni-Areal mit sozialen Medien öffentlich und verständlich zu machen, und habe dazu gebloggt und getwittert. Glücklicherweise hatte ich von den Verhältnissen vor Ort keine Ahnung; ich konnte so wie ein Hofnarr ganz unbefangen in alle Fettnäpfchen treten.

 

Was genau hast du gemacht?

Als eine Art Vermittlerin habe ich Meinungen der Leute im Gebäude öffentlich sichtbar gemacht. Die einen habe ich anonym zitiert, und die anderen haben das dann gelesen. Es gibt ja vieles, das zu sagen wichtig wäre, aber aus den verschiedensten Gründen nicht offen ausgesprochen werden kann.

 

Konkreter?

Auffallend war, dass viele ZHdK-Studierende ihre Arbeiten nicht unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht bei Twitter und Facebook promoten wollten. Privates teilen sie im privaten Kreis, die eigenen Tätigkeiten dagegen machen sie – wenn überhaupt – nur als anonymer Teil von Konglomeraten öffentlich. Das, was Social Media ausmacht, nämlich das öffentliche Auftreten unter dem eigenen Namen, ist den ZHdK-Studierenden zuwider. Mir sind die Gründe dafür rätselhaft. Womöglich hat es zu tun mit dem Unwillen, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Oder mit der Sorge darum, sich damit Nachteile einzuhandeln. Man scheint zu glauben, man komme besser durch, wenn man vorsichtshalber schweigt. Dass alles, was man öffentlich unter dem eigenen Namen macht, einem tendenziell eher zum Nachteil gereicht.

 

Angehende Künstler, die also lieber Teil eines anonymen Kollektivs sind, statt sich zu verkaufen?

Wenn man es positiv deuten will, ist das bescheidene Zurücktreten hinter der Gruppe ja auch sympathisch. Mir als Twitter-Nutzerin geht es anders, ich folge lieber Personen als Gruppen oder Institutionen – von letzteren erwarte ich in aller Regel langweilige Verlautbarungen. Aber ich vermute, die Schweizer können das besser einschätzen als ich. Wahrscheinlich wissen sie eben, dass es ihnen auch ohne die Sichtbarkeit ihrer Person im Internet gut ergehen wird.

 

Was schätzt du: Wie viele von ihnen werden sich als Künstler im Markt behaupten können?

Ich habe den Eindruck erhalten, dass dort hart gearbeitet wird. Aber man muss zwischen den einzelnen Bereichen unterscheiden. Nach vielen ZHdK-Abgängern besteht eine grosse Nachfrage seitens der Wirtschaft, ich denke etwa an die Studiengänge Industriedesign, Gamedesign oder Informationsvisualisierung. Die Vorstellung, dass die Leute an der ZHdK den ganzen Tag dasitzen und mit gefurchter Stirn Selbstverwirklichungsskulpturen in Bronze giessen, scheint mir falsch zu sein.

 

Du bist Unternehmerin, als freie Autorin, aber auch als Betreiberin von Websites. Wie viel Einnahmen bringt etwa deine Seite Zufallsshirt.de, die bedruckte T-Shirts mit zufällig zusammengestellten Grafiken und Slogans verkauft?

Derzeit sind es 3000 bis 4000 Euro im Jahr. Gemessen daran, dass die sich automatisch einspielen, gar nicht so wenig.

 

Wieso eigentlich braucht man, um diese Einkünfte zu versteuern, in Deutschland einen Steuerberater?

Braucht man bei euch keinen?

 

Ich habe meine Steuererklärung über zehn Jahre lang selbst ausgefüllt. Es hat kaum je länger als eine Stunde gedauert, und ich hatte auch nie das Gefühl, deshalb einen Nachteil zu haben. In meiner Zeit in Deutschland habe ich aber auch einen Steuerberater engagiert.

Meine Steuerberaterin kommt eben auf Dinge, die man von der Steuer abziehen kann, auf die ich im Traum nicht gekommen wäre. Mir ist mal – unter dem Einfluss von Substanzen – die Schweiz im grauen Hausmeisterkittel erschienen, um mir ihr Steuersystem zu erläutern. Diese Erklärungen waren zwar anstrengend, weil man sich so eine Erscheinung nicht unbedingt wünscht, aber durchaus einleuchtend. Mir gefällt auch das komplett andere Schweizer Staatsverständnis sehr gut. Den Staat als fernes, fremdes Wesen und den Bürger, der davon möglichst unbehelligt bleiben will – das gibt es nicht. Im Gegenteil: der Bürger soll involviert werden, und damit hat auch eure andere Steuererklärung zu tun: Der Schweizer Bürger kriegt mit, wie ihm der Staat das Geld aus der Tasche zieht. Es verschwindet nicht, wie in Deutschland, ohne dass man je darüber verfügt hätte.

 

Ich glaube, es gibt drei Formen, wie der Bürger zum Staat stehen kann: 1. «Wir sind der Staat» – wie in der Schweiz, 2. «Die sind der Staat» – wie in Deutschland, und 3. «Der Staat ist unser Feind» – wie in Russland.

Ich war mit dem deutschen Staatswesen viel zufriedener, bevor ich mehr über die Schweiz wusste. Aber welchen Ausweg gibt es, wenn es mit einem System mal so weit gekommen ist wie mit Deutschland? Ein überbürokratisches System lässt sich ja nicht einfach rückbauen; alle bisherigen Versuche zur Bürokratievereinfachung sind gescheitert. Die Beharrungskräfte der Bürokratie sind so stark – und die Interessen, die ihr entgegenwirken könnten, so schwach.

 

Kannst du dir vorstellen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen funktioniert?

Aus Bürokratievereinfachungsgründen wäre ich sehr dafür, aber die Welt, in der das funktioniert, ist wohl noch nicht erfunden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ja nur sinnvoll, wenn man gleichzeitig alle speziellen Zuwendungen für bestimmte Bevölkerungsgruppen abschafft – sonst hat man die Nachteile des jetzigen und die Nachteile des neuen Systems. Und ich glaube nicht, dass alle diese Gruppen sich widerstandslos damit abfinden und keine Lobbyarbeit für die Erhaltung ihrer Extragelder betreiben würden.

 

Bist du an konkreter Politik überhaupt interessiert?

Tatsächlich schlafen mir sofort die Füsse ein, wenn ich mit Politikberichterstattung konfrontiert bin. Was mich hingegen interessiert, sind Systemfragen: Wie manövriert man sich in dysfunktionale Situationen und Strukturen hinein und wie kommt man wieder heraus? Ich bin ja eigentlich gerade dabei, ein Buch zu schreiben über die politischen Systeme im Inneren von Online-Communities. Die müssen sich schliesslich mit den gleichen Fragen auseinandersetzen wie das politische Gemeinwesen: Wen lassen wir als Staatsbürger gelten? Wie können wir Machtansammlungen vermeiden?

 

Und?

Zu Beginn der Untersuchungen vermutete ich, dass die reale Politik viel lernen kann vom Internet, weil das eine Art Labor ist, in dem viele politische Verfahren und Strukturen schnell und unkompliziert ausprobiert werden können. Inzwischen glaube ich aber, es ist genau umgekehrt.

 

Online-Communities können von der Politikwissenschaft lernen?

Ja. Die bisher im Netz entwickelten Systeme gleichen nämlich eher Monarchien und Oligarchien – und nicht etwa demokratischen Gemeinwesen. Es gibt aber schon auch bemerkenswerte Entwicklungen: reddit.com etwa hat mit der Einführung von unabhängigen Subreddits einen erfolgreichen Schritt in Richtung Föderalismus gemacht. Oder das Moderationssystem beim Nachrichtenaggregator Slashdot. Dort hat man sich zumindest Mühe gegeben und jahrelang an einem System gefeilt, das Machtansammlungen vermeidet. Ich würde auch gerne wissen, ob von Deutschen gegründete Online-Communities andere Strukturen aufweisen als von Schweizern gegründete – mein Verdacht wäre: ja.

 

Das demokratische Terminfindungswerkzeug Doodle wurde vom Schweizer Michael Näf erfunden.

Es gibt auch Bereiche, die nicht zu vergleichen sind. Während der besiedelbare Raum der Erdoberfläche beschränkt ist, gibt es im Internet keinen Mangel an Aufenthaltsorten – in der Folge ziehen unzufriedene Nutzer oft einfach um. In der Software gibt es den aus der Architektur kommenden Begriff der Design Patterns (Entwurfsmuster), also dass für immer wieder ähnliche Problemstellungen immer wieder ähnliche Lösungen gefunden werden können. In der Politik gibt es diese Muster natürlich auch, und davon könnten neue Staaten, aber auch neue Online-Communities durchaus profitieren.

 

Auf techniktagebuch.tumblr.com hast du ein öffentliches Techniktagebuch angestossen, in dem du mit anderen über die Nutzung von Technik im Wandel der Zeit schreibst. Was hast du dabei für deine eigene Arbeit gelernt?

Das Projekt ist überraschend schnell gewachsen, derzeit tragen über 250 Autorinnen und Autoren regelmässig ihre Erfahrungen mit Technik bei. Der Fokus auf die Technik hat meinen Umgang damit verändert: Ich probiere mehr aus und schaue genauer hin. Es stellt sich oft heraus, dass die Techniknutzung der anderen völlig anders ist als meine eigene. Man kann bei keiner technischen Handhabung davon ausgehen, dass sie die anderen genauso ausführen wie man selbst.

 

Die Auswirkungen des Medienwandels haben ja auch viele alltägliche Auswirkungen. Über die CD, die ich kürzlich erhalten habe, konnte ich mich nicht recht freuen: Ich weiss ganz ernsthaft nicht mehr, was ich damit anfangen soll. Was ist mit Print? Hat Print eine Zukunft?

Ich glaube, das Gerede, das E-Book werde sich nicht durchsetzen, ist Pfeifen im Walde. Ein grosser Teil dieser Diskussionen ist nur durch Propaganda erklärbar. Beispielsweise das immer wieder vermeldete Wiederaufleben der Buchhandlungen in den USA – die Zahl geht zurück auf Medienmitteilungen der American Booksellers Association, die vom Anstieg der eigenen Mitgliederzahlen handeln.

 

Gemäss Goodreads.com hast du 2015 über 50 Bücher gelesen. 2012 sogar 75 Bücher mit insgesamt 24 273 Seiten.

An meinem Leseverhalten hat sich nichts verändert, ich lese praktisch den ganzen Tag. Heute vorwiegend im Internet, Print hat sich tatsächlich aus meinem Leben herausgeschlichen. Eine Weile lang las ich etwas weniger Bücher, aber seit mit den E-Books nun auch die Bücher wieder da sind, wo ich bin, wieder mehr.

 

Im Gegensatz zu den Online-Inhalten haben die Print-Inhalte immerhin funktionierende Geschäftsmodelle.

Bequeme Geschäftsmodelle wünscht sich jeder, ich ja auch. Also solche, bei denen man nicht ständig neu akquirieren muss. Aber das ist eigentlich fatal. Wenn man nicht dazu gezwungen ist, sich regelmässig etwas Neues auszudenken, muss man sich nicht mehr mit der Frage befassen, ob es für ein Angebot überhaupt Interessenten gibt.

 

Dann setzt man sich geistig zur Ruhe.

Ja. Ein Beispiel dafür sind die vielen lausigen Kulturveranstaltungen: Ich hege den Verdacht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Ausmass der erhaltenen Subventionen und dem Interesse und der Zufriedenheit seitens des Publikums. Allerdings keinen besonders schönen: subventionierten Veranstaltungen kommt es nicht so darauf an, ob nun 300 oder nur 30 Personen erscheinen – 30 reichen immer noch für ein schönes Pressefoto. Dass man dadurch bequemer wird, dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber wenn man sich wünscht, dass etwas Interessantes gemacht wird und die Leute das Denken nicht einstellen, dann ist absolute finanzielle Sicherheit kontraproduktiv. Zu viel Geld zur Verfügung zu haben, führt oft zu einer zweckentfremdeten und unsinnigen Verwendung der Mittel.

 

Viele Online-Medien richten sich inzwischen mit klickträchtigen Beiträgen ganz auf die Quote aus. Wie gehst du damit um?

In meinem Facebook-Stream habe ich Websites, die mir vor allem süsse Kätzchen und ähnliches anbieten, konsequent ausgefiltert. Denn Facebook lernt ja dazu, und sonst werden es immer noch mehr Kätzchen. Dennoch kann es nicht verkehrt sein, herauszufinden, was die Leser eigentlich wollen. Ich hoffe, auch mal erfahren zu können, bis wie weit Leser in einem Buch tatsächlich lesen – und wo genau sie aussteigen.

 

Abschlussfrage: Wie schützt du dich persönlich vor der Überwachung?

Ich habe einen Klebstreifen über der Kamera meines Laptops.

 

Das wollte ich auch schon längst machen.

Und ich bin schon in den 1990ern dazu übergegangen, möglichst nichts aufzuschreiben, das nicht alle sehen dürfen. Ich führe ein privilegiertes und bequemes Leben, in dem ich nichts dringend verbergen muss, aber das ist in vielen Ländern, Berufen und Lebenslagen anders. Deshalb ist Anonymität im Internet schützenswert und wichtig.


Kathrin Passig
geboren 1970 in Deggendorf, ist Autorin verschiedener Bücher, die sie oft im Team verfasste. Zusammen mit Sascha Lobo schrieb sie «Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin» und «Internet – Segen oder Fluch», zusammen mit Aleks Scholz das «Lexikon des Unwissens» und «Verirren: Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene». Sie lebt seit 1992 in Berlin-Neukölln. 


Ronnie Grob
ist Redaktor dieser Zeitschrift.