C’est le ton qui fait la musique

Stil und Sprache in der öffentlichen Auseinandersetzung.  

Inhalt

C’est le ton qui fait la musique

Stil und Sprache in der öffentlichen Auseinandersetzung.

 

Um Entscheidungen treffen zu können, brauchen wir einen unverzerrten, unverblümten Blick auf die Welt. Eine unbesonnene Wortwahl jedoch kann den gesamten Prozess der öffentlichen Auseinandersetzung in Mitleidenschaft ziehen und sie auf Nebenschauplätze verlagern – Kulturpessimisten sehen hier seit je einen Unterbietungswettkampf am Werk. Der Erfolg eines Politikers wie Donald Trump, der die oft verkürzte Kommunikationsweise von Social Media zu seinem eigenen Stil gemacht hat und Twitter zu seinem Leitmedium, gibt ihnen recht.

In den Schlagzeilen der Medien dagegen ist ein Überbietungswettkampf im Gang: vulgäre Politiker, menschenverachtende Plakate, Hassreden im Internet, so schlimm wie heute war es noch nie! War es natürlich doch. Die Stammtische sind heute vermutlich auch nach 22 Uhr und nach 2,2 Promille Blutalkoholgehalt in fast allen Belangen um Längen korrekter, salonfähiger und in der Sache gerechter als vor Jahrzehnten.

Sprache, Stil und Inhalt lassen sich tatsächlich nicht völlig voneinander trennen. Geschliffene Gedanken schlagen sich auch im Stil nieder, ungehobelte Sprache lässt nicht selten auf argumentative Leichtgewichtigkeit schliessen. Sprache formt das Denken, und die Werkstatt der Gedanken- und Stilbildung betrifft alle Kommunikationsebenen der Gesellschaft. «Fortiter in re, suaviter in modo» – hart in der Sache, aber weich in der Form zu sein, empfahl der Jesuit Acquaviva einst. Ist es heute umgekehrt? Haben Stil und Form die Sache an den Rand gedrängt?

In diesem Dossier erfahren Sie, was der moderne, technologiegestützte Kommunikationsstil mit unserer Gesellschaft macht und wie heutige Ausdrucksweisen das soziale Zusammenleben beeinflussen. Sie entscheiden dabei auch, ob eine sachliche und faire Diskussionskultur, wie wir sie im «Schweizer Monat» uns zu führen bemühen, eben vielleicht doch einen Wert hat.

Gute Lektüre wünscht

Die Redaktion


Für die Unterstützung dieses Dossiers danken wir der Vontobel-Stiftung. Redaktionell verantwortlich ist der «Schweizer Monat».

In der Debatte ist der Wurm drin

Die Art des Umgangs in der Politik ist mehr als eine Frage der guten Kinderstube. Sie schlägt direkt auf die Substanz der politischen Arbeit durch.

In der Debatte ist der Wurm drin
Kaspar Villiger, fotografiert von Philipp Baer.

I

Mit Sprache vermitteln wir Inhalte. Die Art und Weise aber, wie wir Inhalte in Sprache umsetzen, bezeichnen wir als Stil. Stil reichert Sprache mit Emotionen an, die ihrerseits wiederum Inhalte aller Art reflektieren. Stil ist also nicht einfach eine ab­strakte Weise der sprachlichen Darstellung. Stil ist auch Sub­stanz. In der Politik kann die Wahl des Stils es ausmachen, ob ein Inhalt subversiv zerstörerisch oder konstruktiv aufbauend wirkt. Der politische Stil hat deshalb weitreichenden Einfluss auf das gesamte politische Klima. Und dieses Klima bestimmt mit, ob das stets verletzliche und fragile Gebilde der Demokratie erfolgreich ist oder nicht.

II

Gute Politik ist die Kunst, durch geeignete Institutionen und durch die Pflege einer konstruktiven politischen Kultur normalen Menschen mit ihren Stärken und Schwächen ein selbstbestimmtes Leben in Würde, Wohlstand und Sicherheit zu ermöglichen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Menschen herausfanden, wie das für moderne Massengesellschaften bewerkstelligt werden kann. Während Jahrtausenden waren für die überwältigende Mehrheit der Menschen Not, Armut, Gewalt, Krieg, Hunger und Krankheit Normalität. Erst die Aufklärung schuf die Grundlage für eine spektakuläre Wende. Durch Gedankenfreiheit, Alphabetisierung und Buchdruck wurden gesellschaftliche und religiöse Verkrustungen aufgebrochen. Vernunft, Wissenschaft, Unternehmertum und befreite Märkte ermöglichten in den letzten zweihundert Jahren eine explosive Zunahme des globalen Wohlstandes. Praktisch alle Kennziffern menschlichen Wohlergehens – angefangen bei der Lebenserwartung und der Überlebensrate von Kindern und Müttern über die Erfolge bei der Krankheitsbekämpfung und der Versorgung mit Kalorien pro Kopf und Tag bis zur Abnahme des Analphabetentums – entwickelten sich ähnlich dynamisch. Damit hat sich die Lebenssituation sogar in Ländern signifikant verbessert, die nach wie vor autokratisch regiert werden. Aber erst die Demokratie, eine nach tausend teils katastrophalen Irrungen und Wirrungen entwickelte komplexe Regierungsform, ermöglichte ihren Bürgerinnen und Bürgern ein wirklich menschenwürdiges Leben, und auch das nur, wenn eine kluge Balance zwischen den Säulen Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft gefunden werden konnte. Als fragiles Menschenwerk ist allerdings die Demokratie, die sich in unterschiedlichsten Varianten herausgebildet hat, nach wie vor für menschliche Irrungen und Wirrungen anfällig. Sie bedarf der sorgfältigen Pflege.

III

Dass das gute Zusammenleben von Menschen in einem Staat so schwierig ist, hat viel mit deren Schwächen zu tun. Dazu gehören die sogenannten kognitiven Verzerrungen, die grossenteils evolutionsbiologisch bedingt sind und gegen die niemand von uns gefeit ist. Ich will nur wenige davon aufzählen: Wir empfinden eine negative Erfahrung intensiver als eine positive mit vergleichbarer Substanz. Je wichtiger ein Entscheid für uns ist, desto grösser ist unsere Neigung zu irrationalem Verhalten. Wir gewichten Argumente, die unsere vorgefassten Meinungen stützen, stärker als solche, die ihnen widersprechen. Von Daniel Kahneman wissen wir, dass unser Hirn bei unerwarteten Ereignissen spontan und auf der dürftigen Basis zufällig gespeicherter und für die Bewertung des Ereignisses mehr oder weniger geeigneter Fakten Schlussfolgerungen produziert, die – obwohl sie uns selber durch intuitive Plausibilität überzeugen – kreuzfalsch sein können. Wir lieben es, bei negativ bewerteten Ereignissen Schuldige an deren Entstehung zu finden, und wir lieben es, diese bestraft zu sehen. Deshalb verkennen wir, dass viel mehr, als wir ahnen, durch Zufall verursacht ist und dass es bei solch zufälligen Ereignissen oft keine Schuldigen gibt. Wir überschätzen systematisch unsere eigene Kompetenz und gehen deshalb oft Risiken ein, die wir zu wenig beurteilen können. Immer wieder geraten wir auch in Konflikt mit unserer eigenen Doppelnatur als Individuen und Teilen der Gesellschaft. Obwohl ein würdiges Leben in Sicherheit und Wohlstand nur in arbeitsteiliger Gesellschaft möglich ist, kann es sich auszahlen, von dieser als sogenannter Trittbrettfahrer zu profitieren, ohne einen Beitrag zu deren Wohlergehen zu leisten. So gehört denn auch ein grosser Teil der Menschen schwergewichtig zu den Egoisten, die bei den meisten Handlungen vor allem an den eigenen Nutzen denken.

«In der Politik kann die Wahl des Stils es ausmachen,

ob ein Inhalt subversiv zerstörerisch

oder konstruktiv aufbauend wirkt.»

IV

Kognitive Verzerrungen wie die geschilderten beeinflussen immer wieder das Verhalten von Medien und Politik. Die stärkere Wirkung negativer Vorfälle auf unser Bewusstsein hat zur Folge, dass solche auch leichter unsere Aufmerksamkeit gewinnen. Deshalb basieren die Medien zur Stärkung von Auflage und Einschaltquote vornehmlich auf Negativmeldungen oder malen Populisten ständig irgendwelche Katastrophen an die Wand. Das wiederum verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität. An den Egoismus von Wählergruppen wird etwa dann appelliert, wenn man deren partikularegoistische Anliegen auf Kosten der Allgemeinheit zu erfüllen verspricht und das erst noch ins Mäntelchen des Gemeinwohls verpackt. Unsere Lust an Schuldigen – und bisweilen auch an Helden – wird auch mittels der Personalisierung von Politik und Wirtschaft gestillt. Eine perfide Art, ungeliebte politische Meinungen zu bekämpfen, ist die Verunglimpfung jener, die sie vertreten. Das ist viel einfacher als die differenzierte Auseinandersetzung mit der Sache und häufig auch erfolgreicher. Beim Internet, das uns ursprünglich zuversichtlich hoffen liess, eine hervorragende Plattform für den Wettbewerb von Sachargumenten zu bieten, stellen wir die Bildung von Blasen fest, in denen sich Diskussionsteilnehmer gegenseitig in ihren Irrtümern bestärken und bar jeder moralischen Hemmung Beschimpfungen statt Argumente absondern.

Wir müssen uns nun aber ob all dieser negativen Entwicklungen hüten, selbst ein verzerrtes Bild des Zustandes von Demokratien zu malen. Nach wie vor stehen die bewährten Demokratien hinsichtlich praktisch aller Lebensqualitätsindikatoren überdurchschnittlich gut da, die Bäume der extremen populistischen Parteien wachsen längst nicht überall in den Himmel und die Attraktivität der Demokratien ist ungebrochen. Jedenfalls liest man nie von Warteschlangen von Flüchtlingen vor den Toren Chinas, Russlands oder Nordkoreas.

V

Wohl leiden Menschen unter kognitiven Verzerrungen. Aber sie haben auch gelernt, sie zu überwinden. Steven Pinker stellt fest, dass eine Gemeinschaft nur begrenzt rationaler Denker in der Lage ist, mittels geeigneter Regeln rationale Gedanken zu entwickeln. Ich habe die Motoren der Aufklärung erwähnt: Vernunft ist das Bemühen, unsere Überzeugungen gemäss überprüfbaren Massstäben zu bilden, und Wissenschaft ist die systematische Erweiterung des Wissens mittels überprüfbarer und transparenter Verfahren. Transparenz und Überprüfbarkeit bedeuten, dass wir unsere Erkenntnisse der öffentlichen Diskussion aussetzen. Erst im Widerstreit der Meinungen lässt sich auch der Irrtum enthüllen. Douglass North stellt denn auch fest, dass die Demokratien dank Meinungskonkurrenz für neu auftauchende Probleme rascher Lösungen finden als Autokratien. Oder anders gesagt: Durch sorgfältige Denkanstrengung – mit Betonung auf Anstrengung! – vermögen wir die eigene Vernunft zu aktivieren, und mit gut strukturierten Institutionen und in Gruppen mit Meinungsvielfalt sowie einer offenen Diskussionskultur können vernünftige Einsichten gewonnen werden. Auch der Egoismus ist, wie schon Adam Smith wusste, nicht die einzige Triebkraft unseres Verhaltens. Menschen haben auch Mitgefühl, und das Schicksal ihrer Mitmenschen ist ihnen nicht egal. Ernst Fehr zeigt auf, dass ein grosser Teil der Menschen nicht nur egoistisch motiviert ist, sondern durchaus gewillt ist, Beiträge zum Wohl des Kollektivs zu leisten. Man spricht – im Gegensatz zu den Egoisten – von Kooperatoren. Diese Bereitschaft ist meist bedingt. Sie bemisst sich an der Erwartung, dass auch andere kooperieren. Wird diese Erwartung enttäuscht, ist ein Grossteil der Kooperatoren bereit, sogar die Egoisten für ihr Verhalten zu bestrafen – unter Inkaufnahme eigener Nachteile. Es kann sich deshalb für die Egoisten auszahlen, sich auch eine Reputation als Kooperatoren zu erwerben, um der Bestrafung zu entgehen. Dank dieses Mechanismus ist es möglich, auch in einer Gemeinschaft mit vielen Egoisten (wie das in allen Staaten und Unternehmen natürlicherweise der Fall ist) eine Kultur der Kooperation zu schaffen.

Alles das, die freie Meinungsbildung, die Wissenschaftsfreiheit, natürlich auch die Wirtschaftsfreiheit, sowie die Bereitschaft der Menschen zur Kooperation sind Faktoren, die für den Erfolg von Gemeinwesen genutzt und gebündelt werden müssen. Dazu braucht es geeignete Institutionen, beispielsweise Verfassungen und Gesetze, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Weil aber auch Gesetze und staatliche Vorschriften nur einen begrenzten Einfluss auf das Verhalten der Menschen haben, braucht es zudem informelle und gelebte Regeln, die die Wahrnehmungen, Motive, Absichten und Verhaltensweisen in der Weise beeinflussen, dass eine Kultur der Kooperation entsteht. Stil ist ein wichtiges Element einer solchen Kultur.

VI

Ich will nun unter drei Aspekten auf das Stilproblem eingehen: Demokratie, Vertrauen und Zuspitzung.

Für die Demokratie gilt das erwähnte aufklärerische Erfordernis der Meinungsfreiheit in besonderem Ausmass. Nur im Wettbewerb freier Meinungen schält sich mit der Zeit in der Politik das heraus, was einigermassen das Prädikat Wahrheit verdient. Die liberale Demokratie muss, weil niemand ein Monopol auf absolute Wahrheit hat, auch abstruse Meinungen zulassen. So darf die neue Präsidentin der Jungsozialisten durchaus behaupten, dass sich das kapitalistische Wirtschaftssystem nur nach den Profiten der (von ihr natürlich geschmähten) Reichen richte. Sie belegt damit zwar, dass sie keine Ahnung hat, wie der für ein menschenwürdiges Leben aller so wichtige Wohlstand geschaffen wird. Aber Meinungsfreiheit bedeutet auch das Recht auf Irrtum. So kann auch niemand der SVP die Meinung verbieten, die Politik der über siebzig Prozent Nicht-SVP-Schweizer zerstöre das Land, wie sie das vor den Wahlen 2019 in ihrem berühmt-berüchtigten Apfelinserat symbolisiert hat. Es zeigte den schönen Apfel Schweiz, wie er von den ekligen Würmern SP, CVP, FDP und EU zerfressen wird, und dies unter der Überschrift «Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören?». Dies ist zwar angesichts der Schweizer Erfolgsgeschichte unter der politischen Übermacht der Linken und Netten nicht plausibel, aber offenbar glaubt die SVP, das ihrer Zielgruppe weismachen zu können. Aus der Demokratieperspektive ist die indirekte Aussage des Apfelplakates, man wisse besser als andere, was der Schweiz fromme, nicht zu beanstanden. Das meinen auch andere, etwa die erwähnten Jungsozialisten. Das Problem liegt anderswo. Es liegt im Anspruch, eine höhere Moral als alle andern zu verkörpern. Hier wir, die als einzige das Wohl der Schweiz im Auge haben, dort die anderen, die Würmer, die die Schweiz zerstören wollen. Oder hier wir, die als einzige soziale Gerechtigkeit einfordern, dort die bösen anderen, die ausschliesslich Profit auf Kosten der Armen anstreben.

«Nicht die Ansicht, eine bestimmte Politik könne dem Lande schaden,

ist zu kritisieren, sondern die Herabwürdigung

Andersdenkender zu Gewürm.»

VII

Damit komme ich zum Vertrauensaspekt. Alain Cohn, Michel André Maréchal und Christian Lukas Zünd haben nachgewiesen, dass in einem Land nicht nur Ehrlichkeit und Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung positiv korrelieren, sondern auch Ehrlichkeit und Vertrauen. Ehrlichkeit und Vertrauen sind also Erfolgsfaktoren. Wir wissen heute aus der Verhaltensökonomie, dass die Beherzigung so einfacher Werte wie Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Einhaltung von Versprechen oder Kooperationsbereitschaft, die uns schon unsere Grosseltern und Eltern einzutrichtern versuchten, für den Erfolg oder Misserfolg von Staaten, Unternehmen oder anderen Gemeinschaften von entscheidender Bedeutung ist. So zeigen etwa Forschungen von Ernst Fehr, dass Ehrlichkeit und Einhaltung von Versprechen für das erfolgreiche Funktionieren der Marktwirtschaft unerlässlich sind und dass die Funktionsfähigkeit von Unternehmen stark von der freiwilligen Einhaltung vertrauensfördernder ethischer Standards beeinflusst wird. Unternehmen, deren Geschäftsleitung von den Mitarbeitern als ethisch vertrauenswürdig beurteilt wird, sind erfolgreicher als andere, und kooperative Gruppen sind leistungsfähiger als nicht kooperative. Der Schlüsselbegriff, in den die Beherzigung aller dieser Werte mündet, ist Vertrauen. Ohne Vertrauen ist Zusammenleben schwierig, ohne Vertrauen steigen in allen Bereichen Transaktionskosten, ohne Vertrauen braucht es mehr Gesetze, Vorschriften und Polizisten. Vertrauen aber bedingt, dass ich Andersdenkenden mit Respekt begegne und ihnen nicht ständig den guten Willen abspreche, auch das Gute für das Land zu wollen. Hier nun kommen die Stilmittel Diffamierung, Herabsetzung, Verunglimpfung, Beleidigung und dergleichen ins Spiel. Sie vergiften das politische Klima und vertiefen Gräben. Wenn etwas den Zusammenhalt des Landes schwächt und die für unser erfolgreiches Zusammenleben von Verschiedenem so wichtige Kompromiss-, Konsens- und Konkordanzkultur torpediert, dann ist es nicht das Vorhandensein unterschiedlicher politischer Ideen, sondern die penetrante Zurschaustellung einer solchen Geisteshaltung. Auch ich finde, dass viele politische Ideen der Linken den Wohlstand unseres Landes, der tagtäglich in einem zunehmend schwierigen Umfeld und ohne jede Besitzstandsgarantie neu erarbeitet werden muss, akut gefährden würde. Aber ich zweifle nicht am Willen auch jener Menschen, die solches vertreten, unser Land voranzubringen. Ich schliesse auch nie aus, dass auch ihre Meinung einen Kern von Wahrheit enthalten mag, sowenig wie ich ausschliessen kann, dass auch meine Überzeugungen Irrtümer enthalten können. Deshalb hatte der Philosoph Hans-Georg Gadamer recht, wenn er forderte, dass in der politischen Diskussion auch beim Gegner immer zuerst der Punkt seiner Wahrheit gesucht werden müsse.

VIII

Das bringt mich zur schwierigen Frage der Zuspitzung. Es ist richtig, dass man in der Politik versuchen muss, die Dinge einfach zu erklären, und dass politische Werbung ohne eine gewisse Zuspitzung nicht auskommt. Die Frage stellt sich nur, wo die Zuspitzung in die Lüge überschwappt. Im Extrablatt der SVP zu den Wahlen 2019 versteigt sich der Fraktionschef zur Aussage, das umstrittene EU-Rahmenabkommen komme der Aufgabe der Schweiz gleich. Punkt. Zum einen ist diese Aussage intellektuell nicht klüger als die zitierte Aussage der Juso-Chefin. Zum andern mutiert diese Behauptung durch die masslose Aufblähung der durchaus vorhandenen Nachteile des Abkommens und das Verschweigen der substanziellen Nachteile für die Schweiz im Falle des Scheiterns des Abkommens dazu, dass die Aussage so schlicht unwahr ist. Das ist ja eine der Charakteristiken dessen, was man Populismus nennt: Es gibt immer einen wahren Kern, aber die Zuspitzung wird zur Lüge. Es gibt keine klare Grenze zwischen moralisch noch vertretbarer Zuspitzung und irreführendem Populismus. Es ist auch umstritten, was Populismus überhaupt bedeutet. Meine Definition lautet wie folgt: Populismus ist die bewusste Nutzung der Anfälligkeit der Menschen für kognitive Verzerrungen zur Erreichung politischer Ziele unter Verwendung negativer Stilmittel wie Verunglimpfung, Säen von Misstrauen, Demütigung, Nicht-zu-Wort-kommen-Lassen, Hasspredigten, Auf-den-Mann- oder Auf-die-Frau-Spielen, persönliche Herabsetzung usw., usf.

Während man bei Sachauseinandersetzungen die Frage der Zuspitzung mit einiger Toleranz beurteilen muss – die Andersdenkenden können ja kontern! –, wird die Zuspitzung zum ernsten Problem, wo es um die Herabsetzung anderer Menschen geht. Nicht die Ansicht, eine bestimmte Politik könne dem Lande schaden, ist zu kritisieren, sondern die Herabwürdigung Andersdenkender zu Gewürm. Das erzeugt nicht nur Unmut. Das erzeugt Hass, und zwar auf beiden Seiten. Damit bekommen Stilfragen zerstörerische Substanz. Es werden Gräben aufgeworfen und vertieft, die das konstruktive Gespräch und die Kompromissfindung zunehmend erschweren. Wie verheerend sich solche Polarisierung auf die Problemlösungsfähigkeit eines Staates auswirkt, erleben wir etwa in den Vereinigten Staaten oder in Italien. Die Reformstaus bei uns in wichtigen Dossiers wie der Europapolitik oder der Altersvorsorge können ebenfalls als erste Alarmzeichen interpretiert werden. Wie das letzte Sorgenbarometer der Credit Suisse vom Dezember 2019 belegt, zeigt die verstärkte Nutzung populistischer Mechanismen im Volk Wirkung: Das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik und vor allem in die Parteien ist merklich gesunken, und die sinkende Konsensfähigkeit im Lande wird als grosse Gefahr betrachtet. Das sind Alarmzeichen.

IX

Die direkte Demokratie zwingt die politischen Akteure, Kompromisse auszuhandeln, die vor dem Volk Bestand haben. Gelingt dies nicht mehr, droht eine Blockade. Das bedingt, dass die tragenden politischen Kräfte die Problemlösung vor den Wahlerfolg stellen. Solange sich aber Wahlen gewinnen lassen, wenn Parteien stur auf Extrempositionen sogar dann beharren, wenn sie in Abstimmungen verlieren, wird es schwierig sein, diese Parteien zur Änderung ihrer Position zu motivieren. Weil das die sogenannten Polparteien vermehrt sogar dann tun, wenn sie Regierungsverantwortung tragen, wird die Konkordanz mit der Zeit dysfunktional. Deshalb könnte das Problem von Reformstaus chronisch werden. Das kann sich eine Hochleistungsnation wie die Schweiz nicht leisten. Aber da sie auf Mehrheitsfähigkeit der Problemlösungen angewiesen ist, bleibt ihr keine Wahl. Die Regierungsparteien müssen sich zusammenraufen. Wie aber können wir – um nun wieder den Jargon der Verhaltensökonomie zu verwenden – unsere in der Geschichte so erfolgreiche Kooperationskultur mit neuem Leben erfüllen? Es gibt leider keine Patentrezepte. Moralische Appelle fruchten normalerweise wenig. Und den oft empfohlenen Weg, es müsse uns halt zuerst schlechter gehen, bis wir wieder zur Vernunft kämen, halte ich für untauglich. Beispiele im Ausland zeigen, dass in Notlagen die Populisten oft noch leichteres Spiel haben. Es führt nichts um die Erkenntnis herum, dass die Regierungsparteien, und darunter vor allem die Polparteien, sich ihrer grossen Verantwortung wieder vermehrt bewusst werden müssen und nicht mit Extrempositionen den politischen Reformstrom zum Versiegen bringen dürfen.

X

Aber in einer direkten Demokratie tragen auch die Bürgerinnen und Bürger Verantwortung. Nirgends in der Welt haben sie mehr Möglichkeiten, sich in der Zivilgesellschaft und in Milizfunktionen um unseren Staat zu kümmern. Hier stehen auch die Schulen und die Familien in der Pflicht. Es wäre auch nicht zum ersten Mal in unserer Geschichte, dass in schwierigen Situationen einzelne Persönlichkeiten Blockaden zu überwinden vermöchten. Man muss da nicht einmal zu Bruder Klaus zurückgehen. Carl Spitteler half mit seiner berühmten Rede, im Ersten Weltkrieg den tiefen Graben zwischen Deutsch- und Welschschweiz zu überwinden. Konrad Ilg vom Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband und Ernst Dübi vom Arbeitgeberverband der schweizerischen Maschinen- und Metallindustrie überwanden 1937 mit dem wegweisenden Friedensabkommen die verfahrene Situation zwischen den Sozialpartnern und setzten den Grundstein zur so segensreichen Sozialpartnerschaft in der Schweiz, ein Musterbeispiel einer kooperationsfördernden In­stitution der Zivilgesellschaft. Es ist Zeit für ein echtes Revival der Konkordanz! Es ist Zeit für gegenseitigen Respekt statt gegenseitiger Diffamierung!

Der Aufstieg der
Enfants terribles

Politiker und Parteien setzen zunehmend auf negative Kampagnen. Dadurch wird das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie untergraben: Apathie und Zynismus machen sich breit.

Der Aufstieg der  Enfants terribles
Alessandro Nai, zvg.

 

Politik ist Konflikt. Parteien konkurrieren über unterschiedliche politische Plattformen, die Wähler sind uneinig darüber, welche Kandidaten sie am besten vertreten, und oft geht es in Demokratien im wesentlichen um die Verteilung knapper Ressourcen (z.B. eine beschränkte Anzahl Sitze für viele Kandidaten). Müssten ausserirdische Beobachter das Wesen der irdischen Politik beschreiben, würden sie wohl kaum Konsensfindung und überlegte Deliberation als zentrale Elemente identifizieren.

Wahlkampagnen stellen den Höhepunkt politischer Auseinandersetzungen dar. Dabei zeigt sich zum einen eine Tendenz, anstelle der eigenen Stärken die Gegenseite in den Fokus zu rücken. Mit Angriffen auf den politischen Gegner – von inhaltlichen Auseinandersetzungen bis zu grobschlächtigeren persönlichen Attacken, wie sie soziale Netzwerke zu durchdringen scheinen – versuchen Politiker und Parteien, die Stimmbürger zu überzeugen. Zum anderen wird die Sprache von Wahlkampagnen zunehmend unhöflich und «negative» Emotionen wie Angst und Wut kommen in der heutigen politischen Rhetorik regelmässig zum Einsatz. Eines der naheliegenden Beispiele ist Donald Trump. Während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2016 und auch nach der Wahl liess er kaum eine Gelegenheit aus, seine Gegner zu kritisieren, zu attackieren, herabzusetzen oder zu beleidigen. Hillary Clinton ist in seinen Augen «betrügerisch» («crooked») und ihre Intelligenz «überschätzt»; seinen potentiellen Gegenkandidaten Joe Biden bezeichnete er als «ein weiteres Individuum mit tiefem IQ». Doch auch diesseits des Atlantiks gibt es zahlreiche Beispiele. Man erinnere sich an das Wahlkampfposter der britischen Konservativen, die 1997 den damaligen Labour-Chef Tony Blair mit Dämonenaugen zeigten, begleitet vom Slogan «New Labour, New Danger». Oder, in der jüngeren Vergangenheit, die Kampagne der SVP vor den Wahlen 2019, welche die anderen Parteien als Würmer darstellte.

Doch wie gut funktionieren negative Kampagnen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Zwar gibt es wissenschaftliche Studien, gemäss denen solche Kampagnen den erwünschten Effekt haben, nämlich eine sinkende Unterstützung für den Gegner. Allerdings weisen andere Untersuchungen darauf hin, dass Angriffspolitik eine riskante Strategie ist. Im allgemeinen scheinen Bürger übermässige Negativität nicht zu goutieren – zumindest geben sie das in Umfragen an.1 Kandidaten, die ihre Gegner kritisieren oder gar herabsetzen, laufen Gefahr, dass sich das Blatt gegen sie wendet und die Wähler sich von ihnen abgestossen fühlen.2

Ob sich negative Kampagnen politisch lohnen oder nicht, hängt vom Kontext ab. In der Wissenschaft hat sich ein Konsens herausgebildet, dass gewisse persönliche oder politische Eigenschaften die Inhalte von Wahlkämpfen beeinflussen – das bedeutet, dass manche Kandidaten und Parteien eher negative Kampa­gnen fahren als andere. So tendieren Oppositionsvertreter stärker als Amtsinhaber dazu, ihre Gegner mit negativen Botschaften anzugreifen.3 Letztere können (und müssen) den eigenen Leistungsausweis präsentieren und gehen ein grosses Risiko ein, dass eine negative Kampagne nach hinten losgeht. Oppositionspolitiker dagegen haben nichts zu verlieren – jedenfalls kein Regierungsamt. Für sie können Schmutzkampagnen zudem ein probates Mittel sein, um Medienaufmerksamkeit zu gewinnen. Ebenfalls haben Parteien und Kandidaten, die in Umfragen zurückliegen, einen starken Anreiz, Negativkampagnen einzusetzen – sie brauchen eine mögliche kontraproduktive Wirkung nicht zu befürchten, da sie ohnehin mit einiger Wahrscheinlichkeit die Wahl verlieren.4  Schliesslich gibt es Hinweise darauf, dass weibliche Kandidaten einen strategischen Nachteil haben: Aufgrund traditioneller sozialer Normen und antiquierter Geschlechterstereotypen wird von Frauen eher ein passives, zuvorkommendes und freundliches Verhalten erwartet als von Männern. Politikerinnen, die ihre Gegner mit negativen Botschaften angreifen, gehen ein grösseres Risiko ein, dass ihnen dies schadet.5

«Negativität verkauft sich, und die Faszination heutiger Medien für Sensationalismus und Konflikt ist ein grosser Anreiz für Kandidaten, ihre Kontrahenten mit Negativkampagnen zu überziehen.»

Betrunkene Tischgäste

Zu diesen «klassischen» und ziemlich gut untersuchten Erklärungsfaktoren hinzu kommen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Da ist zunächst der Aufstieg populistischer und euroskeptischer Parteien in vielen Ländern. Diese «Anti-Establishment»-Bewegungen verwenden Untersuchungen zufolge in ihren Kampagnen einen schärferen Ton.6 Populisten haben oft einen «transgressiven Politikstil»7, der auf Aufregung, Spektakel, Übertreibungen, kalkulierte Provokationen und bewusste Verletzung politischer und soziokultureller Tabus setzt. Sie benehmen sich wie «betrunkene Tischgäste»8 und stellen ihren Willen, soziale und politische Normen zu untergraben, ebenso wie ihre schlechten Manieren offen zur Schau. Beispiele sind das exzentrische und subversive Verhalten Donald Trumps auf Twitter, die befremdenden Auftritte eines Geert Wilders in den Niederlanden, eines Alexander Gauland in Deutschland, eines Ro­drigo Duterte auf den Philippinen oder eines Beppe Grillo in Italien. Bei diesen Politikern gehören Negativität und scharfe Attacken auf den politischen Gegner quasi zur Marke.

Der Aufstieg des Populismus ist allerdings nicht der einzige Grund, warum eine erhöhte Negativität und aggressivere Angriffe zu beobachten sind. Drei zusätzliche Dynamiken spielen mit.

Erstens dürfte die Professionalisierung der Politik weltweit (auch in der Schweiz) mehr konfliktive Kampagnen zur Folge haben. Die professionalisierten Kampagnenorganisationen umfassen vermehrt auch spezialisierte Abteilungen, die den Auftrag haben, kompromittierendes Material über Gegner zu sammeln und für gezielte Attacken zu nutzen.

Zweitens führt die zunehmende Polarisierung dazu, dass die Meinungen unterschiedlicher Parteien und Kandidaten in zentralen Fragen mehr und mehr auseinandergehen. Das heizt Konflikte fast zwangsläufig an. Untersuchungen lassen vermuten, dass sich insbesondere konservative Parteien von der Mitte wegbewegen.9  Allerdings ist das Verhältnis zwischen Polarisierung und Negativität keine Einbahnstrasse: Untersuchungen weisen darauf hin, dass Negativität und Schärfe in der politischen Debatte ihrerseits Polarisierung befördern. Wenn führende Politiker ihren Gegnern regelmässig mit offener Feindseligkeit gegenübertreten, dürfte dies bei den Wählern die Abneigung gegen diese andere Seite verstärken.10

Eine dritte Entwicklung ist vielleicht die wichtigste. Die heutigen Medien – nicht nur soziale Netzwerke, sondern auch herkömmliche Kanäle wie Zeitungen und Fernsehsender – haben eine Vorliebe für «negative» Geschichten. Der intensivere Wettbewerb und Marktdruck haben in den letzten Jahrzehnten zu einer Verschiebung hin zu Soft News und Infotainment geführt. News-Medien werden immer mehr zu Unterhaltungsprogrammen. Als Folge davon framen sie die Berichterstattung über politische Entwicklungen mit einem negativen Ton, der Konflikte und Streit zwischen Kandidaten in den Fokus stellt.11

Negativität verkauft sich, und die Faszination heutiger Medien für Sensationalismus und Konflikt ist ein grosser Anreiz für Kandidaten, ihre Kontrahenten mit Negativkampagnen zu überziehen. John G. Geer, einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet, bringt es auf den Punkt: «Kandidaten wollen ihre Botschaft rausbringen, in der Hoffnung, die Bedingungen der Debatte zu kontrollieren. Sie können positive Werbung schalten und versuchen, damit die Wähler zu beeinflussen. Aber die Medien werden sie ziemlich sicher ignorieren. […] Negative Werbung hingegen kann Kontroversen und Konflikt generieren und damit die Aufmerksamkeit von Journalisten anziehen.»12

Ist Negativität positiv?

Negativität ist also zu wesentlichen Teilen ein Symptom gegenwärtiger tektonischer Verschiebungen – des Aufstiegs disruptiver Bewegungen, der politischen Polarisierung oder der neuen Medienlogik. Doch ihre Auswirkungen dürften tiefergehen und noch für längere Zeit nachklingen. Nun kann man sich fragen, ob das wirklich so schlecht ist oder im Gegenteil sogar positiv gesehen werden könnte. Tatsächlich argumentieren einige, dass Negativität positive Auswirkungen haben könne. Menschen nehmen negative Informationen eher wahr, verarbeiten sie besser und erinnern sich leichter an sie.13 Negative Botschaften transportieren wichtige und nützliche Informationen zu den Bürgern, befördern ihr Wissen über Themen und machen ihnen die Bedeutung einer Wahl bewusst. Negativität kann so das politische Interesse und die Beteiligung der Wähler erhöhen.14

Allerdings gibt es eine erdrückende Evidenz, dass negative Kampagnen in modernen Demokratien vor allem schädliche Wirkungen haben. Gemäss der Demobilisierungshypothese reduzieren negative und scharfe Kampagnen die Stimmbeteiligung und die politische Mobilisierung, unterminieren die politische Wirksamkeit, fördern Apathie und führen generell zu einer «düstereren» Stimmung in der Öffentlichkeit.15 Und vielleicht noch wichtiger: Sie senken das Vertrauen in den politischen Prozess und befördern einen Zynismus. Dadurch könnten wiederum neue antagonistische und disruptive Bewegungen entstehen, die sich den Unmut in der Bevölkerung zunutze machen. Wenn das passiert, dürfte die «Spirale des Zynismus» und der Negativität16 sich immer weiterdrehen – mit ungewissen Folgen für die demokratische Stabilität und die Entwicklung der liberalen Demokratie weltweit.

«Es gibt eine erdrückende Evidenz, dass negative Kampagnen in modernen Demokratien vor allem schädliche Wirkungen haben.»

Gesunde Konfrontation

Angesichts der verbreiteten parteipolitischen Verdrossenheit, des Aufstiegs von Enfants terribles in die Regierungsebene und der zunehmenden Professionalisierung und «Amerikanisierung» von Kampagnen scheint es unwahrscheinlich, dass die Negativität in der Politik bald verschwinden wird. Und doch gibt es auch Gründe für einen optimistischeren Ausblick. Erstens lassen Umfragen darauf schliessen, dass die Bürger Angriffspolitik ablehnen und differenzierte Programme bevorzugen. So gesehen ist das Potenzial für einen zivilisierten Politikstil nach wie vor vorhanden. Zweitens zeigt die Erfahrung, dass populistische Parteien, die sich etabliert haben, im Stimmvolk einen zunehmend schweren Stand haben, wenn sie über ihre Anti-Establishment-Rhetorik hinaus wenig zu bieten haben. Das zeigt der schnelle Aufstieg und, wie es scheint, ähnlich schnelle Fall der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien exemplarisch. Und vielleicht senden die Stimmbürger mit der zunehmenden Ablehnung von antagonistischen Figuren ein Si­gnal aus, dass der negative Politikstil seinen Zenit überschritten hat. Schliesslich sei daran erinnert, dass Negativität, je nachdem, wie sie eingesetzt wird, durchaus bereichernd sein kann. Deliberative Foren wie etwa in Ostbelgien, wo Bürger kontrovers, aber gesittet debattieren, können eine Kultur von politischer Konfrontation befördern, in der die Kraft des besseren Arguments wirkt.

Politik bedeutet Konflikt. Das Ziel muss sein, dass Konflikte konstruktiv ausgetragen werden.

Wo bleiben die Manieren?

Die öffentliche Debatte ist geprägt von einem eklatanten Mangel an Stil und gegenseitigem Respekt. Den Akteuren ist der Sinn für Ambivalenzen abhandengekommen.

 

Das Schauspiel, das sich seit einigen Jahren auf den Bühnen der westeuropäischen Gesellschaft abspielt, wird von ganz unterschiedlichen Akteuren geprägt. Zumindest auf den ersten Blick: Naturverbundene Aktivisten, die für alles andere als für ökologische Leitbilder kein Auge haben. Chauvinistische Demonstranten, die für alles andere als für nationalistische Schlagworte kein Gehör besitzen. Linksliberale Journalisten, die nur für sozialdemokratische Ideale Verständnis aufbringen. Rechtskonservative Publizisten, die ausschliesslich für traditionelle Werte Akzeptanz zeigen.

Zwar scheint es, dass diese – jeweils mit unterschiedlichen Werthaltungen auftretenden – Akteure wenig miteinander gemeinsam haben. Im Habitus allerdings zeigen sie überraschende Übereinstimmungen. Der ehemalige «Merkur»-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer hat in bezug auf etliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens während den 1990er Jahren wiederholt von «Provinzialismus» gesprochen, von einem Verhalten, das durch Engstirnigkeit charakterisiert sei.17 Bohrers Beobachtung ist einleuchtend – und zu ergänzen: Nicht nur zeugen diese Akteure von einem enormen Übermass an Provinzialität, sie zeugen auch von einem eklatanten Mangel an Stil.

Ein eklatanter Mangel an Stil? Bevor versucht wird, diese These plausibel zu machen, bedarf es einer Begriffserläuterung. In der ästhetischen Theorie wie in der philosophischen Tradition gilt «Stil» üblicherweise als Hinwendung des Individuellen zum Allgemeinen: Stil hat es, wenn sich etwas respektive wenn sich jemand weniger an sich selbst als vielmehr an der Umwelt orientiert – was gleichermassen bei einem Kunstwerk, bei einem Kleidungsstück oder beim Menschen selbst der Fall sein kann.

Ein Gemälde hat den Stil der italienischen Renaissance, wenn darin nicht nur die Eigenart des Künstlers, sondern auch die Eigenheiten der Epoche ausgedrückt werden. Ein Abendkleid hat den Stil des viktorianischen Englands, wenn daran nicht nur der Charakter der Trägerin, sondern auch die Merkmale der Ära erkennbar werden. Und ein Mensch hat Stil im Umgang mit seinen Mitmenschen, wenn er nicht nur für sich, sondern auch für die anderen da ist – und im Alltagsleben dem Gegenüber den Vortritt, dem Nächsten den Vorrang, dem Umfeld die Freiheit lässt.

Von diesem klassischen Begriffsverständnis her kommt’s, dass man bei einem freundlichen Herrn, der bei der Begrüssung einen kleinen Knicks macht sowie seinen Hut zieht, denkt: Der Mann hat Stil. Von daher kommt’s, dass man bei einer selbstkritischen Dame, die in einer Diskussionsrunde eine respektvolle Art besitzt und ihre Gesprächspartner ernst nimmt, denkt: Die Frau hat Stil. Von daher kommt’s, dass man bei jenen, die Manieren zeigen, denkt: Da haben Leute Stil. Sie alle, Herr, Dame und Wohlerzogene, orientieren ihr Verhalten am Gegenüber, am Mitmenschen, an den anderen und sind deshalb – stilvoll.

Narzisstische Selbstinszenierung

Zu diesem Stil – also zum Stil des Verhaltens, nicht zum Stil der Kunstwerke, der Kleidungsstücke u.a. – lässt sich nun einiges sagen. Das stilvolle Vortrittlassen, das stilvolle Vorranggeben, das stilvolle Benehmen, der – eben: Stil im Verhalten, fehlt nämlich einem Grossteil jener Akteure, die in Westeuropa seit einiger Zeit die öffentliche Szene beherrschen. Insofern ist es für die westeuropäische Gesellschaft der Gegenwart kennzeichnend, dass es ihr an Manieren fehlt.

Als Prüfsteine dieser These mögen typische Veranstaltungen aus dem linken beziehungsweise aus dem rechten Milieu dienen: Wiewohl nicht immer, aber doch sehr oft trifft man dort auf Verhaltensweisen, bei denen die je eigene Position dermassen auf- und die je fremde Position derart abgewertet wird, dass man dieses Verhalten, fände es in einem privaten Umfeld statt, schlicht als stillos bezeichnen würde. Sehr häufig stösst man in diesen Kontexten nicht mal auf den blossen Versuch, weitere Standpunkte als den je eigenen gelten zu lassen.

Das selbstgefällige Statement einer Aktivistin («How dare you!») ist genauso typisch für stilloses Verhalten wie der egozen­trische Ausruf einiger Demonstranten («Der Islam gehört nicht zu Europa!»). Die narzisstische Selbstinszenierung einiger Journalisten als Retter der Demokratie ist ebenso exemplarisch dafür wie die egomanische Selbstbemitleidung anderer als Opfer der politischen Korrektheit. Es ist die Glorifizierung der eigenen Auffassung, die stillos ist, denn immer – das ist entscheidend – stellt man sich dabei in den Mittelpunkt. Es kommt somit nicht zur Hinwendung des Individuellen gegenüber dem Allgemeinen, nicht zur Überschreitung der eigenen Weltsicht, nicht zur Einnahme einer fremden Sichtweise.

Die wohl entscheidende Ursache für den Mangel an Stil liegt beim Fehlen eines Sinns für Ambivalenzen. Die Figuren auf Veranstaltungen innerhalb einer Blase sind sich häufig nicht bewusst, dass bei jeder weltanschaulichen Debatte im Mindesten zwei, meist noch viel mehr Positionierungen möglich sind: Kein Gedanke daran, dass sie mit ihrer Position nur eine und nicht alle denkbaren Positionen einnehmen. Kein Gedanke daran, dass neben ihrer Position noch andere Positionen legitim sind. Kein Gedanke daran, dass auch der andere im Recht sein könnte.

Stillosigkeit äussert sich dann insbesondere auf zwei Arten. Bei jenen, die zugleich sich selbst wie ihre Anschauungen sehr wichtig nehmen, ist dies leicht zu erkennen. Einerseits wird der je eigene Standpunkt verabsolutiert – und ihm eine erlösende Kraft zugesprochen; andererseits wird der je andere Standpunkt missbilligt – und ihm ein zerstörerisches Moment attestiert. Weder Selbstdistanz noch Selbstkritik, geschweige denn ein ironischer Umgang mit dem eigenen Standpunkt sind da zu finden. Im Gegenteil, das negative Moment richtet sich grundsätzlich auf den Standpunkt von anderen.

Die 1950er Jahre als Vorbild

Der Mangel an Stil ist zugleich ein Mangel an Rücksichtnahme: Das ästhetische Defizit erweist sich damit als moralisches Defizit. Daran zu erinnern scheint unzeitgemäss zu sein in einer Zeit, die nicht nur von reaktionären Beobachtern als «hypermoralisch» bezeichnet wird – und in der man bei aller Moralfixierung kaum noch Sinn für den Umstand besitzt, dass Moral auch etwas mit Ästhetik zu tun hat.

Politische Kultur ist genau dann vorhanden, wenn die Personen des öffentlichen Lebens darum bemüht sind, neben eigenen Interessen immer auch fremde Interessen zu berücksichtigen. Politische Kultur ist jene Kultur, die Stil hat. Zur Etikette dieser Kultur gehört selbstredend, dass man permanent versucht, ein Sensorium für die jeweils gegenüberliegende Seite zu haben. Es schickt sich in jener Kultur folglich nicht, Andersdenkende unbedacht als unmoralisch zu disqualifizieren.

In dieser Hinsicht als Vorbild dienen kann nicht zuletzt die europäische Nachkriegszeit. Gerade weil man sich etwa in den vermeintlich bornierten 1950er Jahren noch sehr bewusst gewesen ist, dass die Ausgrenzung von Personen ebenso wie die Ausgrenzung von Ansichten schwere Folgen nach sich ziehen kann, hat man sich einem Prozess der Zivilisierung unterzogen. Es war damals möglich, dass ein linksgesinnter Philosoph, ein rechtsgesinnter Soziologe und ein apolitischer Moderator zusammensitzen – man denke an das legendäre Fernsehgespräch zwischen Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen und Günter Gaus18 – und in aller Ruhe sowie mit gegenseitigem Verständnis über die Konsequenzen des Kapitalismus, über die Folgen der Bürokratisierung, über technische Umwälzungen und über allerlei Themen mehr sprechen konnten. In Sachen Stil wie in Sachen politischer Kultur sind selbst etliche der damaligen Eliten aus dem extremen Politspektrum einem Grossteil der gegenwärtigen, angeblich aufgeklärten Eliten voraus.

Wäre es also nicht angebracht, auf andere Zeiten, auf andere Räume, ja auf andere Verhaltensweisen zu blicken – um zu erfahren, wie man es auch machen könnte? Bei diesem Blick würde man schnell feststellen: Man kann auch, wenn man nicht gleicher Meinung ist, freundlich und höflich miteinander umgehen.

Hate Speech im alten Rom

Wer glaubt, der Umgang miteinander in der öffentlichen Auseinandersetzung sei noch nie so roh gewesen wie heute, dem hilft ein Blick 2000 Jahre zurück.

Hate Speech im alten Rom
Martin Jehne, fotografiert von Juliane Mosterz.

 

Hassreden sind in aller Munde – im doppelten Sinne: Einerseits scheinen Menschen in höherer Zahl und in gesteigerter Weise Schmähungen von sich zu geben, andererseits wird über das Phänomen vermehrt diskutiert. Gerne redet man sich ein, es handle sich dabei um eine ungekannte Verrohung der Sprache ebenso wie des zwischenmenschlichen Umgangs allgemein, aber wie so oft halten die Singularitätsvermutungen in den Selbstbeschreibungen der jeweiligen Gegenwart der historischen Überprüfung nicht stand. Neu – und natürlich höchst bedeutsam – ist nur die Medienrevolution des Internets. Dass jedoch massiv verletzende Beleidigungen und Herabsetzungen auch in anderen Zeiten verbreitet waren, lässt sich leicht zeigen. Im alten Rom jedenfalls waren gnadenlose Schmähungen der Gegner eine gängige Praxis.

56 v.Chr. verteidigte der grosse Redner Marcus Cicero seinen Unterstützer Publius Sestius vor Gericht. Wie es bei römischen Gerichtsverhandlungen üblich war, überzog Cicero die Gegenspieler seines Mandanten und seine eigenen mit Beleidigungen und verbalen Attacken aller Art. Sein grösster Feind Publius Clodius, der die Anklage des Sestius organisiert hatte, stand einmal mehr im Mittelpunkt der ciceronischen Hasstiraden. Cicero bezeichnete ihn als abscheuliche und unmenschliche Bestie, aber auch als einen Schwächling, der durch schändliche Handlungen mit den Brüdern und Unzucht mit den Schwestern schon völlig kraftlos sei. Den ehemaligen Konsul Aulus Gabinius, der mit Clodius partiell kooperiert hatte, beschrieb Cicero als einen eitlen Stutzer, der auf die Mitwisser seiner unzüchtigen Handlungen und die alten Verführer seiner jugendlichen Tugend herabsah wie auf seine früheren Gläubiger, denen er nur knapp entkommen war. Calpurnius Piso, dem anderen ehemaligen Konsul, der sich nicht für Ciceros Rettung eingesetzt hatte, warf er vor, mit ernster Miene den Eindruck eines sittenstrengen Römers hervorrufen zu wollen, während er in Wahrheit nur nach Lust und Ausschweifung strebe. Den nach Aufstieg in der Ämterhierarchie strebenden Zeugen Publius Vatinius, mit dem Cicero auch noch ein Hühnchen zu rupfen hatte, charakterisierte er als völlig unbedeutend: Niemand halte ihn eines Besuchs, niemand einer Stimme bei Wahlen, ja niemand auch nur des Sonnenlichts für wert.

Schaukampf mit urteilendem Publikum

Cicero teilte also hemmungslos aus. Nun bewegte er sich hier in einer Arena, das heisst in einem stabilisierten und ritualisierten öffentlichen Kommunikationsraum, der durch Regeln und Grenzen hinsichtlich des Verhaltens der am Geschehen beteiligten Menschen charakterisiert und normalerweise für alle Teilnehmer wiedererkennbar und einschätzbar war. Vor einem römischen Gericht war es die Rolle des Verteidigers, die Anklageseite nach allen Regeln der rhetorischen Kunst herabzusetzen, da so der Prozess gewonnen werden konnte. In Ermangelung von professioneller Investigation durch Staatsanwaltschaft und Polizei war die Beweislage normalerweise diffus und basierte im wesentlichen auf den Behauptungen der Anklage, denen ähnliche Behauptungen entgegengesetzt wurden. Da die Römer generell der Überzeugung waren, dass sich aus dem Charakter eines Menschen ablesen liess, ob ihm die behaupteten Taten zuzutrauen seien, ging es zentral um die schlechten oder guten Eigenschaften der beteiligten Personen.

Doch Invektivgeschehen, also den aktiven Austausch von Schimpftiraden und Beleidigungen, muss man als Triade konzeptualisieren. Im einfachen Normalfall unterscheiden wir den Invektiver, der beleidigt, und den Invektierten, der beleidigt wird; je nach Arenenregeln kann der Invektierte schnell kontern, und es kann sich ein unberechenbares, schnell eskalierendes Hin und Her ergeben. In diesem Gefecht um die erfolgreiche Herabsetzung des Gegners ist es aber letztlich das Publikum als dritte Instanz, das durch seine Reaktion über Erfolg oder Misserfolg der verbalen Aggression ganz wesentlich entscheidet. Im Gegensatz zu anderen Arenen war dieses Publikum vor Gericht klar definiert: Es handelte sich um die Jury, die am Ende über das Urteil abstimmte.

«Massive Vorwürfe wie Bestechung, Mord und Totschlag,

Plünderung von Provinzen, unrechtmässige Bereicherung,

Lug und Trug aller Art gehörten zu den normalen Versatzstücken

öffentlich ausgetragener Konkurrenzkämpfe.»

Beleidigungen und massive Vorwürfe ohne Beweise

Zweifellos brachte die antagonistische Grundsituation eines Prozesses, in dem Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um Verurteilung und Freispruch rangen, eine besonders hohe Invektivquote hervor. Doch auch in Arenen wie dem römischen Senat, in dem die Verhaltensregeln stark auf Konsensbildung ausgelegt waren, war der invektive Schlagabtausch keine Seltenheit. In einer Senatsrede bezeichnete Cicero den Clodius als die mieseste Figur unter allen Sterblichen, als jemanden, der in seiner Jugend so zum allgemeinen Gebrauch bereitstand wie niemand sonst, der sich zudem ebenso hemmungslos mit Prostituierten vergnügt habe wie mit seinen Schwestern. So etwas hörte sich der römische Senat, das ehrwürdigste Gremium Roms, vermutlich mit Vergnügen an, ohne dass der Wortwahl wegen Empörung ausbrach.

In den Rangkämpfen der römischen Führungsschicht wie in ihren politischen Kontroversen ging es hoch her. Massive Vorwürfe wie Bestechung, Mord und Totschlag, Plünderung von Provinzen, unrechtmässige Bereicherung, Lug und Trug aller Art gehörten zu den normalen Versatzstücken öffentlich ausgetragener Konkurrenzkämpfe. Dazu kamen die persönlichen Beleidigungen und Herabsetzungen, zum Beispiel wegen äusserlicher Auffälligkeiten, Handicaps, ungeschickten Verhaltens, und immer wieder wegen sexueller Gier und Normabweichungen, die dem klaren Bild widersprachen, dass ein römischer Mann nur ein Penetrierer zu sein hatte und niemals ein Penetrierter. Die Palette der Schmähungen musste im übrigen nicht durch den Schatten eines Beweises unterlegt werden. Insgesamt war die römische Beleidigungspalette und -frequenz wohl problemlos konkurrenzfähig mit heutigen Shitstorms. Indes fand das Invektivhandeln ungleich häufiger unter Anwesenden statt als in der Gegenwart, und es fehlte die virale Ausbreitung, die das Internet heute ermöglicht.

Keine physische Gewalt unter den Senatoren

Wie gingen die Römer mit der hohen Beleidigungsquote um? Eine gewisse Abhärtung dürfte es schon gegeben haben, obwohl adelsstolze Senatoren durchaus gekränkt und verärgert sein konnten, wenn sie invektiv attackiert worden waren. Bemerkenswert ist aber, dass es keine Eskalation zur physischen Gewalt unter den Senatoren gab. Die Arenenregeln sorgten dafür, dass die Kontrahenten nicht mit den Fäusten aufeinander losgingen. Zudem folgte aus der Härte der Beleidigungen nicht zwangsläufig, dass man sich lebenslang oder gar über Generationen hinweg spinnefeind blieb. Das liess das politische System nicht zu: Da es keine Parteien gab, keine ideologischen Verfestigungen von politischen Richtungen, keine Programme, suchte man sich für jeden konkreten Punkt eine Mehrheit, indem man Gegenleistungsverpflichtungen anderer abrief und selber welche einging. Beim nächsten Thema wiederholte sich das Spiel vielleicht in umgekehrter Richtung.

Unter solchen Bedingungen half einem Senator nur grosse politische Beweglichkeit zum Erfolg, so dass man sich ein paar Dauerfeindschaften leisten konnte, aber keineswegs sehr viele. Es war Aufgabe der Freunde, verfeindete Senatoren wieder zusammenzuführen. So verteidigte Cicero – durchaus mit langen Zähnen – im Jahre 54 v.Chr. den von ihm nur wenige Jahre vorher geschmähten Vatinius vor Gericht, weil er Caesars Bitte nicht ablehnen wollte, und im selben Jahr auch den Gabinius, da er Pompeius verpflichtet war. Gegen Piso schrieb er sogar eine von Schmähungen nur so triefende Invektive, die Piso mit einem ähnlichen Text beantwortet haben soll. Dennoch war 50/49 Piso einer der Senatoren, dessen Haltung Cicero respektierte, und nach Caesars Ermordung 44 sogar ein Kooperationspartner bei den Versuchen, die alte Republik zu retten.

Tabubrüche des Populismus

Die Römer kannten durchaus Grenzen des Anstands, aber mit ihren Schmähungen setzten sie sich leicht darüber hinweg. Kristallisierte sich ein Verlierer im invektiven Schlagabtausch heraus, dann war er vielleicht für den Moment mundtot gemacht, suchte aber eifrig nach einer Möglichkeit, sich zu rächen. Die heutzutage immer wieder erklingenden Appelle, sich doch nicht auf die Stufe der Hassredner hinabzubegeben, hätten bei den Römern Unverständnis ausgelöst. Tatsächlich scheint mir die vornehme Zurückhaltung als Strategie auch heute nur begrenzt tauglich zu sein. Man muss die invektive Triade im Blick behalten: Ziel der Schmähung ist es nicht, die Invektierten zu bessern, sondern das Publikum zu gewinnen, das dem Invektierer durch Parteinahme zu seinen Gunsten den vorläufigen Sieg beschert.

Insofern ist es ganz folgerichtig, dass populistische Grenzverletzer trotz den Möglichkeiten des Internets gerne vor einer anwesenden Anhängerschar sprechen, die auf Überschreitungen der Grenzen des Sagbaren warten und diese mit Jubel aufnehmen. Für den Populismus in all seinen Varianten ist diese Kommunikation ganz wesentlich, da die in sich heterogene Gruppe über Grenzverletzungen integriert wird – ihre Angehörigen haben viele unterschiedliche Anliegen, aber sie sehnen sich gemeinsam nach angeblichem «Klartext» und Ausgrenzung der anderen. Verbale Tabubrüche werden sofort in den Medien verbreitet und entsetzt kommentiert, was der Binnenintegration der Hassgruppe eher dienlich ist. Und ihre invektierenden Führungsfiguren werden in der Anhängerschaft als Sieger betrachtet, weil ein Gegner, der in den invektiven Modus nicht eintritt, nicht für voll genommen wird. Nun möchte ich natürlich nicht dafür plädieren, dass Hate Speech in gleicher Weise heimgezahlt werden soll – zumal rassistische Äusserungen auf keinen Fall akzeptabel sind. Aber mit den Parlamenten stehen Arenen zur Verfügung, die prinzipiell öffentlich sind und in denen über Gegenrede und Zwischenruf normalerweise schnell reagiert werden kann, so dass man versuchen kann, die Hassredner schlecht aussehen zu lassen – und das geht nicht mit Empörung und Fairness, sondern nur mit Ironie, Überspitzung, auch Sarkasmus. Auf diese Weise könnte man wohl dazu beitragen, die von ihren Anhängern verliehenen Siegeslorbeeren der Populisten schneller welken zu lassen.

«Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken»

Der Meinungskorridor verengt sich, viele Autoren schreiben «mit Schere im Kopf». Ein Einblick in die Schreibwerkstatt eines bekannten deutschen Kolumnisten.

«Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken»
Harald Martenstein, fotografiert von C. Bertelsmann.

Können Sie sich noch an Ihre allererste Kolumne erinnern?

Ich kann mich tatsächlich nicht mehr an meine erste Kolumne erinnern. Vor fast 20 Jahren ging es jedenfalls bei der «Zeit» los, davor hatte ich eine Kolumne bei der «Stuttgarter Zeitung». Dann auch mal eine Vaterkolumne.

Hatten Sie damals ein Vorbild?

Max Goldt, der in der «Titanic» schrieb. Er ist, glaube ich, gar nicht so viel älter als ich, war aber schon Kolumnist, als ich noch Lokaljournalist war. Mein zweites Vorbild war Harry Rowohlt; er hatte in der «Zeit» eine Kolumne namens «Pooh’s Corner», die geradezu dadaistisch war. Seine Texte musste man zweimal lesen, um sie zu begreifen. Ich habe ihn auch als Performer erlebt; es gibt wohl bis heute niemanden, der so gut vorträgt, wie er es konnte.

Was hat sich verändert in den letzten 20 Jahren?

Seit einigen Jahren lese ich die Kolumne auch im Radio vor, das heisst meine Texte sollten sich nun in der Regel vorlesen lassen. Vielleicht habe ich auch als jüngerer Mann aggressiver geschrieben.

Das macht auch Spass…

Das macht auch Spass, ja. Manchmal mache ich das auch heute noch, auf den Putz hauen, aber nicht mehr so gerne wie früher.

Warum? Wegen der Reaktionen?

Vielleicht, weil man mit dem Alter milder wird. Und weil ich es mittlerweile auch selber von der anderen Seite mitbekommen habe: Wenn man selber zum Angriffsobjekt von Journalisten geworden ist, öffnen sich einem die Augen. Das hat mich schon verändert.

Richtet man sein Schreiben manchmal unbewusst auf mögliche Reaktionen aus? Wird man als Autor vom Publikum quasi konditioniert?

Das ist eine ganz grosse Gefahr, dass man in so einen Strudel gerät, ja. Nachdem ich mal in der «Zeit» einen genderkritischen Artikel geschrieben hatte, wurde ich ständig zu Diskussionsrunden über dieses Thema eingeladen; man wird also schnell in eine Schublade gesteckt. Man sollte unberechenbar bleiben und manchmal etwas schreiben, das die Leute nicht von einem erwarten. Man muss manchmal überraschende Positionen einnehmen. Das ist natürlich kein Selbstzweck, aber ich bin dankbar, wenn mir etwas einfällt, das offenbar noch kein anderer gesagt hat. Oft habe ich vor dem Schreiben noch keine feste Meinung zu meinem Thema, sie schält sich erst beim Schreiben heraus. Als Kolumnist lernt man etwas über sich. Als ich angefangen habe, über Genderthemen zu schreiben, war ich zwar plötzlich bei Podiumsdiskussionen gefragt, aber ich war auch der Bad Boy des deutschen Feminismus geworden.

Und was taten Sie dann?

Da dachte ich mir: Ich sollte das öfter machen! (lacht) Ich stamme aus Mainz und bin mit der Fastnacht aufgewachsen. Bei «Mainz bleibt Mainz» macht man sich auch über vieles lustig, die Objekte des Spotts sitzen oft in der ersten Reihe. Sie müssen so tun, als ob sieʼs lustig finden, sonst verlieren sie das Gesicht. Witz hat in der Regel nichts mit Feindseligkeit oder Hass zu tun, auch nicht mit fehlendem Respekt. Man macht Witze übereinander, gibt sich danach aber die Hand und trinkt ein Glas Wein zusammen. So bin ich aufgewachsen. Wenn ich mich über etwas lustig mache, ist damit weder eine totale Abwertung noch eine Infragestellung der Existenz gemeint.

«Es ist die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik,

die unsere Demokratien anderen Regierungsformen voraushaben.»

Wann haben Sie realisiert, dass Sie als Autor und Person wahrgenommen werden?

Die überregionale Wahrnehmung begann natürlich ab dem Moment, als ich «Zeit»-Kolumnist wurde. Ein Grundproblem der Kolumnisten besteht übrigens darin, dass wir einerseits eine unverwechselbare Tonlage brauchen, die sich wiederholt, andererseits muss es aber auch immer wieder irgendwie anders sein. Bei den grossen politischen Themen wird man natürlich häufig angefeindet, man ist eine Reizfigur.

Wie das?

Wenn Sie politisch werden, sind Sie immer angreifbar, egal, aus welcher politischen Ecke Sie kommen – das ist nicht zu vermeiden. Ich behaupte aber nie, die absolute Wahrheit zu besitzen. Ich schreibe, was ich für richtig halte und warum, aber ich könnte mich auch irren. Ich mache nur Vorschläge.

Sehen Sie sich da als eine Art «Trainer» für kritischen Rationalismus und Objektivität?

Das wäre zu hoch gehängt.

Wie gehen Sie um mit Tabus?

Die «Zeit» machte mal eine Serie über Religionen und sollte zu jeder Weltreligion etwas Lustiges und Kritisches schreiben. Was für ein Himmelfahrtskommando! Die Reaktionen der Leser waren aber freundlich. Am meisten haben sich die Buddhisten aufgeregt; sie waren keine Kritik gewöhnt. Ein anderes Mal habe ich von einigen jüdischen Kollegen den anspruchsvollen Auftrag erhalten, eine lustige Kolumne über Juden zu schreiben. Ich habe dann über «Scheinjuden» geplaudert, also Menschen, die manchmal für Juden gehalten werden, etwa weil sie ein «-stein» im Namen haben, wie bei «Goldstein» oder «Silberstein». Manchmal kriege ich, obwohl ich nicht jüdisch bin, antisemitische oder philosemitische Leserbriefe. Ich antworte dann immer als Jude. Wenn George Clooney früher gefragt wurde, ob er schwul sei, hat er angeblich auch immer gesagt: ja, natürlich. Warum sollte er so tun, als ob er sich davon distanzieren müsste? Ist ja keine Schande.

«Ich halte Kontaktverbote, die Einführung

des Deliktes Kontaktverbrechen

oder auch Sippenhaft für nicht akzeptabel.»

Wie gehen Sie mit Hassmails um? Lesen Sie diese überhaupt?

Je nach Stimmung. An Tagen, an denen es mir zum Beispiel aus privaten Gründen schlecht geht, denke ich mir: Nee, das musst du dir jetzt nicht auch noch antun. In normaler Verfassung schaue ich sie mir schon an. Ich versuche, zu verstehen, weshalb die andere Person diese Meinung vertritt, und frage mich, ob es nicht auch in einer Hassmail einen Punkt gibt, der für mich nachvollziehbar ist. Dabei lerne ich etwas. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass eine Kritik berechtigt ist.

Mit welchem Beruf würden Sie die Tätigkeit des Kolumnisten vergleichen?

Mit dem Beruf des Tischlers vielleicht. Auch der Tischler poliert hinterher sein Werk und baut am Tag darauf dann den nächsten Stuhl. Schreiben hat etwas von der Fertigung eines Möbelstücks, ich habe durchaus eine handwerkliche Beziehung zu meinen Texten. Anfangs hatte ich das nicht vorgehabt, aber insgesamt entsteht mit einer Kolumne im Lauf der Jahre eine Art Lebenschronik. Wenn es mal eng wird, man schlecht drauf ist oder krank, dann zeigt sich: Aufs Handwerk kann man sich verlassen, auf In­spiration nicht unbedingt.

Schlafen Sie jeweils noch über eine Kolumne? Wachen Sie in der Früh auf und denken dann plötzlich an faule Stellen aus Ihrem Text?

In der Regel beginne ich einen Tag vor dem Abgabetermin mit dem Schreiben, dann bearbeite ich den Text am nächsten Tag immer noch einmal. Dieser Zeitplan ist eine Wohltat für mich, während meiner Zeit bei Tageszeitungen musste ich meine Artikel sofort raushauen. Qualität braucht ihre Zeit.

Wo kommt die Idee für die Kolumne her? Lesen Sie viel?

Ich lese vier bis fünf Zeitungen pro Tag und pro Woche ein Buch, das nehme ich mir jedenfalls vor.  Das Leben ist aber der ergiebigste Themenlieferant.

Wurde schon mal eine Ihrer Kolumnen abgelehnt?

Das ist mir nur in meinem allerersten Jahr passiert. Mein erstes Feedback kommt natürlich von meinem Sparringpartner in der Redaktion, einem Redakteur beim «Zeit-Magazin», Jürgen von Rutenberg, mit dem ich von Anfang an zusammenarbeitete. Seine Einwände sind zu 60 Prozent zutreffend, bei 30 Prozent diskutieren wir und finden einen Kompromiss, bei 10 Prozent sehe ich es nicht ein.

Hat der mal gesagt: Du, Harald, es verändert sich was bei dir, dein Ton ist anders?

Das nicht. Aber die Gesellschaft verändert sich ja auch, der Streit wird immer härter geführt. Ich bilde das ab, nicht, indem der Ton härter wird, wohl aber, indem ich über die polarisierenden Themen schreibe, die beschäftigen ja auch mich. Die Kolumne muss ehrlich sein, das ist vielleicht die moralische Prämisse dieser Form. Auf Dauer können Sie nicht anders schreiben, als Sie denken, falls es gut werden soll. Die Polarisierung hat in der Gesellschaft ja auch zugenommen, insofern schreibe ich realitätsnah, indem ich das dann auch abbilde.

Darf man über alles schreiben? Oder hat Freiheit einen Preis?

Ich darf nicht über alles schreiben.

Dürfen wir das jetzt so schreiben, dass Sie nicht über alles schreiben dürfen?

(lacht)

Im Ernst: Ist der Meinungskorridor enger geworden in den letzten Jahren?

Zweifellos.

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Lokal, es tritt Herr Meuthen von der AfD ein. Würden Sie sich zu ihm setzen?

Selbstverständlich. Ich würde mit Herrn Meuthen jederzeit einen Kaffee trinken. Ich halte Kontaktverbote, die Einführung des Deliktes Kontaktverbrechen, eine Kontaktschuld oder auch Sippenhaft für nicht akzeptabel. Ich möchte ungern in einem Land leben, in dem ich den Job verliere, weil ich mit jemandem einen Kaffee getrunken habe. Als Journalist sollte man mit vielen verschiedenen Personen Kontakt haben, das ist ja quasi Berufsvoraussetzung.

Der gesellschaftliche Konsens würde da vielleicht sagen: «Das geht so nicht»…

Kaffee trinken? Ich halte das für eine antidemokratische Position. Jeder muss jederzeit sich öffentlich äussern dürfen, bis zu einer gewissen Grenze, etwa Gewaltverherrlichung – ob diese Grenze überschritten wird, haben Gerichte zu entscheiden. Wer sagt: «Wir bestimmen, wer öffentlich etwas sagen darf», verlässt den Boden des Grundgesetzes. Ich bin gegen Denkverbote und Sprachverbote, bis zu der oben erwähnten Grenze natürlich. Der Debattenraum gehört erst mal allen. Es ist die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik, die unsere Demokratien anderen Regierungsformen voraushaben. Deswegen besitzen demokratische Systeme auch eine erstaunliche Stabilität. Die Demokratie bietet den grossartigen Vorteil, dass man seine Regierung loswerden kann, ohne sie umzubringen oder einzusperren.

Was halten Sie von «Deplatforming»?

Es gibt Meinungen, denen man keine Plattform bieten sollte. «Die Juden sind schuld an allem» oder «Die Schwulen sollte man totschlagen» zum Beispiel. Aber ist so was überhaupt eine Meinung? Oder bloss Gegröle? Diese Dinge sind zu Recht strafbar. Aber ich bin wirklich ein Anhänger weitgehender Meinungsfreiheit, wie sie etwa in den USA oder England herrscht. Allerdings finde ich es richtig, das Leugnen des Holocausts unter Strafe zu stellen, in Deutschland ist das so, in Grossbritannien nicht. Die Nachfahren von Opfern müssen sich das nicht gefallen lassen.

Was war die witzigste Reaktion auf eine Kolumne?

Eine Frau hat mir einmal geschrieben, dass sie meine Texte toll fände und nächste Woche in Berlin sei; ob ich mit ihr essen gehen wolle. Wir sind jetzt verheiratet.


Das Gespräch fand anlässlich der «Kolumination» zum Thema Grenzen auf dem Säntis statt, dem ersten Treffen dieser Art von Kolumnisten und Slam-Poeten aus dem deutschsprachigen Raum. Die nächste Kolumination findet statt am 23./24. Oktober 2020 (www.kolumination.ch). 

Die finstere Psychologie
sozialer Netzwerke

Warum fühlt es sich gerade so an,als geriete die Diskussionskultur ausser Kontrolle?

Die finstere Psychologie  sozialer Netzwerke
Jonathan Haidt, fotografiert von Jayne Riew.

 

Angenommen, die biblische Schöpfungsgeschichte wäre wahr und Gott hätte die Welt in sechs Tagen geschaffen, samt allen physikalischen Gesetzen und Konstanten, die überall im Universum gelten. Was nun, wenn Gott, so um das frühe 21. Jahrhundert herum, sich zu langweilen anfinge und zum Spass die Gravitationskonstante verdoppelte? Wie würde es sich anfühlen, eine solche Veränderung zu erleben? Wir würden alle zu Boden gehen, Gebäude würden einstürzen, Vögel vom Himmel fallen, die Erde näher an die Sonne rücken und eine neue, weit heissere Umlaufbahn einnehmen.

Transponieren wir dieses Gedankenexperiment nun von der physikalischen in die soziale und politische Welt: Die amerikanische Verfassung verdankt sich einem Akt von Intelligent Design. Die Gründerväter der USA wussten, dass sich die meisten bisherigen Demokratien als instabil und kurzlebig herausgestellt hatten. Doch waren sie ausgezeichnete Psychologen und bemühten sich daher, Institutionen und Verfahren so zu gestalten, dass sie kraft der menschlichen Natur den Mächten widerstanden, von denen so viele andere junge Republiken zerrissen worden waren.

James Madison schilderte im Federalist-Artikel Nr. 10 seine Angst vor «Parteienkampf» – womit er starken Parteigeist meinte bzw. Partikularinteressen, die Menschen «mit Feindseligkeit gegeneinander» erfüllen und sie das Gemeinwohl vergessen lassen. Madison glaubte, die unendlichen Weiten der Vereinigten Staaten böten ein gewisses Mass an Schutz gegen das Wüten des Parteienkampfs, da sich Empörung über so grosse Entfernungen nur schwer verbreiten lasse. Er nahm an, sektiererische Anführer könnten wohl «innerhalb einzelner Staaten der Union die Flamme des Aufruhrs (…) entfachen», seien aber unfähig, «eine Feuersbrunst auszulösen, die alle Staaten ergreift». In die Verfassung wurden Mechanismen eingeschrieben, die auf Verlangsamung zielten, auf Abkühlung von Leidenschaften, auf Ermutigung zur Reflexion, zur Abwägung.

Madisons Entwurf hat sich als beständig erwiesen. Doch wie würde sich die amerikanische Demokratie verändern, wenn eines Tages im frühen 21. Jahrhundert eine neue Technologie aufkäme, die – im Verlauf eines Jahrzehnts – mehrere grundlegende Parameter des gesellschaftlichen und politischen Lebens veränderte? Was, wenn diese Technologie die Menge «gegenseitiger Feindschaft» drastisch erhöhte wie auch die Geschwindigkeit, mit der sich Empörung verbreitet? Würden wir dann Zeugen der politischen Entsprechung zu einstürzenden Gebäuden, vom Himmel fallenden Vögeln und einer Annäherung der Erde an die Sonne? Möglicherweise erlebt Amerika gerade eine solche Zeit.

«Womöglich ist aber gar nicht die Vernetztheit selbst das Problem,

sondern die Art und Weise, wie Social Media unsere Kommunikation

in einen öffentlichen Auftritt verwandeln.»

Was Social Media verändert haben

Anfangs war es das Ziel von Facebook, «die Welt offener und vernetzter zu machen» – und in den ersten Jahren von Social Media gingen viele Menschen davon aus, dass ein gewaltiger weltweiter Zuwachs an Vernetzung Demokratie fördern würde. Inzwischen ist der Optimismus weitgehend verflogen und die Liste bekannter oder vermuteter Gefahren, die von Social Media ausgehen, ist angewachsen: Online-Diskussionen über Politik – oft anonym und unter wildfremden Menschen – werden als wütender und unhöflicher erlebt als solche im wirklichen Leben. Netzwerke Gleichgesinnter entwerfen gemeinsam immer extremere Weltbilder. Desinformationskampa­gnen gedeihen. Gewalttätige Ideologien ziehen Jünger an.

Womöglich ist aber gar nicht die Vernetztheit selbst das Pro­blem, sondern die Art und Weise, wie Social Media unsere Kommunikation in einen öffentlichen Auftritt verwandeln. Kommunikation im herkömmlichen Sinne ist eigentlich etwas Gegenseitiges. Man wechselt sich mit dem Reden ab, lacht über des anderen Witze, eröffnet einander Geheimnisse, Vertrautheit entsteht. Was aber, wenn rund um ein solches Duett herum plötzlich Tribünen errichtet werden und sich mit Freunden, Bekannten, Konkurrenten und Fremden füllen, die das Geschehen kommentieren und bewerten? Der Sozialpsychologe Mark Leary prägte das Wort «Soziometer» als Begriff für das innere Messinstrument, das uns sagt, wie gut wir gerade in den Augen anderer dastehen. Es ist nicht Selbstachtung, auf die es uns wirklich ankommt, meint Leary, sondern die Einstufung durch andere als begehrenswerter Partner für Aktivitäten verschiedenster Art. Mit der Zurschaustellung von Likes, Freunden, Followern oder Retweets machen Social Media unseren inneren Soziometer für jedermann sichtbar.

Wer in persönlichen Gesprächen ständig seinem Ärger Luft macht, wird von seinen Freunden bald als ermüdend empfunden. Wenn es aber ein Publikum gibt, kann dieselbe Eigenschaft sich als einträglich erweisen – sich zu empören, wirkt unter Umständen statuserhöhend. In einer Studie ermittelten Forscher um William J. Brady von der New York University die Reichweite einer halben Million Tweets. Dabei zeigte sich, dass auf Twitter jedes moralisch oder emotional aufgeladene Wort die Viralität eines Tweets um 20 Prozent steigerte. In einer anderen Studie von 2017 zeigten Wissenschafter des Pew Research Centers, dass Posts, die «empörten Widerspruch» zum Ausdruck brachten, fast doppelt so viel Reaktionen erzeugten – einschliesslich Likes und Shares – wie andersartige Inhalte auf Facebook.

Die Philosophen Justin Tosi und Brandon Warmke schlagen den nützlichen Begriff «moralische Grosssprecherei» («Moral Grandstanding») vor, um auszudrücken, was passiert, wenn Menschen moralisieren, um ihr öffentliches Ansehen zu vermehren. Wie eine Abfolge von Rednern, die vor ein skeptisches Publikum treten, versucht jeder, seinen Vorgänger zu übertrumpfen, was zu gewissen Mustern führt. Solche Grosssprecher «fabrizieren moralische Vorwürfe, betreiben masslos Shaming, verkünden, dass jeder, der nicht ihrer Meinung ist, offenkundig unrecht hat – oder legen übertriebene Gefühlsausbrüche an den Tag». In diesem Kampf um Bestätigung durch das Publikum sind Wahrheit und Nuancen die ersten Opfer. Moralische Grosssprecher klopfen jedes Wort ihrer Gegner – manchmal sogar ihrer Freunde – daraufhin ab, ob sich damit öffentliche Empörung erregen lässt. Der Kontext wird ausgeblendet, die Absicht des Sprechers ignoriert.

Die Evolution hat im Menschen die Neigung zum Tratschen, Angeben, Manipulieren und Ächten angelegt. Wir lassen uns leicht in diese modernen Gladiatorenkämpfe hineinziehen, obwohl wir wissen, dass sie uns grausam und oberflächlich erscheinen lassen. Wie die Yale-Psychologin Molly Crockett bemerkt, versagen die üblichen Hemmschwellen, die uns daran hindern, Teil eines empörten Mobs zu werden – etwa Auszeiten zum Reflektieren und Abkühlen oder Empathie angesichts eines gedemütigten Mitmenschen –, sobald wir das Gesicht der Person nicht sehen können. Hinzu kommt, dass wir immer wieder aufgefordert werden, die ächtenden Kommentare zu liken.

Mit anderen Worten: Social Media verwandeln viele der politisch engagiertesten Bürger in Madisons Albtraum – Brandstifter, die darum wetteifern, die brisantesten Kommentare abzugeben und Bilder zu posten. Diese verbreiten sich augenblicklich rund um die Welt, während die öffentlichen Soziometer der Brandstifter anzeigen, welche Reichweite sie bereits gewonnen haben.

«Viele Kräfte zerren an Amerikas politischer Mitte.

Doch seit 2013 sind Social Media zu einem mächtigen

Brandbeschleuniger für jeden geworden,

der sich als Feuerteufel versuchen will.»

Upgrade für die Empörungsmaschine

Anfänglich fühlten Social Media sich deutlich anders an als heute. Friendster, Myspace und Facebook starteten allesamt zwischen 2002 und 2004. Mit ihrer Hilfe konnten Nutzer sich mit Freunden verbinden. Sie animierten die Menschen, stark aufgehübschte Versionen ihres Lebens online zu stellen – boten aber noch keine Möglichkeit, virale Empörung auszulösen. Das änderte sich erst mit einer Reihe kleiner Modifikationen, die das Nutzererlebnis verbessern sollten. In deren Folge veränderte sich die Art und Weise, wie Nachrichten und Wut sich in der amerikanischen Gesellschaft verbreiteten. Um Social Media zu korrigieren – und die Gefahr zu mindern, die sie für die Demokratie darstellen –, müssen wir diese Entwicklung verstehen lernen.

Als 2006 Twitter aufkam, war seine hauptsächliche Neuerung die sogenannte Timeline: eine ununterbrochene Abfolge von 140-Zeichen-Updates, die Nutzer auf ihren Handys lesen konnten. Die Timeline war eine neue Art, Informationen zu konsumieren – ein endloser Strom von Inhalten, der sich für viele anfühlte, als tränken sie aus einem Feuerwehrschlauch. Im selben Jahr lancierte Facebook eine eigene Version der Timeline unter dem Namen News Feed. 2009 kam der Like-Button hinzu. Jetzt gab es erstmals einen öffentlichen Massstab für die Beliebtheit von Inhalten. Eine weitere bahnbrechende Neuerung war ein Algorithmus, der entschied, welche Inhalte ein Nutzer sah. Die Entscheidung beruhte auf einer Einschätzung darüber, wie wahrscheinlich es war, dass eine Person auf einen bestimmten Post reagieren würde. Diese Berechnung wiederum beruhte auf früheren Like-Klicks des Nutzers. Damit war der Schwall aus dem Feuerwehrschlauch gebändigt und in einen kuratierten Fluss verwandelt.

Die algorithmische Filterung von Inhalten ebnete die Hierarchie der Glaubwürdigkeit ein. Jeder Post jedes Posters konnte sich nun an die Spitze eines Feeds setzen, wenn er nur genug Interaktion erzeugte. «Fake News» sollten später in einem solchen Umfeld fröhlich gedeihen, da ein persönlicher Blogpost fast genauso aussah und sich genauso anfühlte wie eine Story der «New York Times».

Twitter führte 2009 ebenfalls eine entscheidende Änderung ein: den Retweet-Button. Bis dahin mussten Nutzer alte Tweets in ihr Status-Update kopieren – eine kleine Hürde, die ein paar Sekunden Aufmerksamkeit benötigte. Der Retweet-Button ermöglichte sozusagen die reibungslose Verbreitung von Inhalten. Mit einem einzigen Klick konnte nun der Tweet eines anderen an die eigenen Follower weitergereicht werden. Der Retweeter strich ein wenig Ruhm für das Weiterreichen des viralen Inhalts ein. 2012 reagierte Facebook mit seiner eigenen Version des Retweet-Buttons, dem «Teilen»-Button, der auf die am schnellsten wachsende Kundengruppe zielte: Smartphone-Nutzer.

Chris Wetherell war einer der Entwickler des Retweet-Buttons bei Twitter – was er inzwischen bereut, wie er jüngst auf BuzzFeed gestand. Während Wetherell den ersten Twitter-Mobs zusah, die den Button einsetzten, dachte er bei sich: «Genauso gut hätten wir einem vierjährigen Kind eine geladene Waffe geben können.»

Der Gnadenstoss erfolgte 2012 und 2013, als Upworthy und andere Websites begannen, aus den neuen Features Kapital zu schlagen. Sie bereiteten den Weg für die Kunst, Schlagzeilen in Dutzenden Varianten auszuspielen, um diejenige Formulierung zu ermitteln, die die meisten Klicks erhielt. Das war der Anfang jener «Sie werden nicht glauben …»-Artikel und ihresgleichen, mit Bildern kombiniert, die auf maximale Attraktivität optimiert waren. Solche Artikel zielten normalerweise nicht auf Empörung ab (die Gründer von Upworthy waren eher an Erbaulichkeit inter­essiert), doch der Erfolg der Strategie sorgte dafür, dass andere – digitale und herkömmliche – Medien sie übernahmen und ihre Storys ähnlich emotional verpackten. In den nächsten Jahren gediehen grelle, moralisch aufgeladene Schlagzeilen. Luke OʼNeill erklärte das Jahr 2013 in einem Artikel im Magazin «Esquire» zum «Jahr, in dem wir das Internet kaputtgemacht haben». Ein Jahr später begann Russland mit seiner Internet Research Agency, ein Netzwerk aus Fake-Accounts über alle grösseren Social-Media-Plattformen hinweg zu mobilisieren. Dabei machte es sich die neue Empörungsmaschine zunutze, um die Gesellschaft auseinanderzudividieren – und damit russische Interessen zu fördern.

Natürlich ist das Internet für die rasante Zunahme politischer Wut nicht allein verantwortlich. Seit Madisons Zeiten schüren Medien die Glut des Parteigeistes, und Politologen bringen einen Teil der heutigen Empörungskultur mit dem Aufkommen von Kabelfernsehen und Talkradio in den 1980er und ʼ90er Jahren in Verbindung. Viele Kräfte zerren an Amerikas politischer Mitte. Doch seit 2013 sind Social Media zu einem mächtigen Brandbeschleuniger für jeden geworden, der sich als Feuerteufel versuchen will.

«Social Media nötigen Menschen jeden Alters,

ihre Aufmerksamkeit auf den Skandal, Witz

oder Konflikt des Tages zu verengen.»

Der Niedergang der Weisheit

Selbst wenn den Social Media ihre empörungsverstärkende Wirkung ausgetrieben werden könnte, würden sie unsere Demokratie doch weiterhin vor Probleme stellen. Eines dieser Probleme ist die Macht, mit der aktuelle Ideen und Konflikte die Ideen und Lektionen der Vergangenheit verdrängen. Die Augen und Ohren amerikanischer Kinder werden beständig mit Informationen überflutet – einer Mischung aus Ideen, Narrativen, Liedern, Bildern und vielem mehr.

Angenommen, wir könnten drei dieser Ströme einfangen und quantifizieren: neue Informationen (innerhalb des letzten Monats erzeugt), mittelalte Informationen (innerhalb der letzten 10 bis 50 Jahre von Angehörigen der Eltern- und Grosselterngenerationen erzeugt) und alte Informationen (vor mehr als 100 Jahren erzeugt). Als etwa 2012 eine Mehrheit von Amerikanern begann, regelmässig Social Media zu nutzen, vernetzten sie sich miteinander auf eine Art und Weise, die den Konsum neuer Informationen massiv steigerte und den Anteil alter Information verringerte. Welche Folgen könnte diese Verschiebung zeitigen?

1790 schrieb der angloirische Philosoph und Politiker Edmund Burke: «Wir zittern, die Menschen jeden nach seiner einzelnen Vernunft leben und handeln zu lassen, weil wir jedem nur einen kleinen Anteil zutrauen, weil wir glauben, dass er mit dem allgemeinen Kapital der Nation und der Zeiten in Berechnung einen glücklicheren Handel treibt.» Dank Social Media stehen wir am Anfang eines globalen Experiments, das zeigen wird, ob Burke mit seiner Befürchtung recht hat. Social Media nötigen Menschen jeden Alters, ihre Aufmerksamkeit auf den Skandal, Witz oder Konflikt des Tages zu verengen. Doch auf die jüngeren Generationen wirken sie womöglich noch stärker, da junge Menschen weniger Gelegenheit gehabt haben, ältere Ideen und Informationen aufzunehmen, bevor sie sich in den Social-Media-Strom einklinkten.

Amerika durchlebt James Madisons Albtraum

Unsere kulturellen Vorgänger waren im Schnitt wohl kaum klüger als wir. Die Ideen aber, die von ihnen auf uns gekommen sind, haben einen Filterprozess durchlaufen. Die meisten dieser Ideen sind von vielen aufeinanderfolgenden Generationen für wert befunden worden, weitergegeben zu werden. Das heisst nicht, dass sie immer korrekt sind. Vielmehr sind sie auf lange Sicht mit grösserer Wahrscheinlichkeit wertvoller als Ideen, die etwa erst einen Monat alt sind. Angehörige der Generation Z (nach 1995 Geborene) haben zwar nie dagewesenen Zugriff auf alles, was jemals geschrieben und digitalisiert worden ist. Und doch sind sie mit dem über Jahrtausende angehäuften Wissensschatz der Menschheit weniger vertraut als andere Generationen der jüngeren Vergangenheit. Das macht sie anfällig für Ideen, die ihnen Prestige innerhalb ihres unmittelbaren Netzwerkes verschaffen, die aber letztlich Holzwege sind.

So führen einige wenige rechtsextreme Social-Media-Plattformen der verhasstesten Ideologie des 20. Jahrhunderts junge Menschen zu, die nach Sinn und Zugehörigkeit hungern. Diese Menschen sind bereit, dem Nazismus eine zweite Chance zu geben. Hingegen scheinen linksgerichtete Jugendliche die Ideen des Sozialismus oder sogar des Kommunismus mit einer solchen Begeisterung wieder aufzugreifen, die bisweilen völlig abgehoben von der Geschichte des 20. Jahrhunderts scheint. Umfragen deuten darauf hin, dass junge Menschen aller politischen Richtungen Vertrauen in die Demokratie verlieren.

Gibt es einen Weg zurück?

Social Media haben das Leben von Millionen Amerikanern mit unvorstellbarer Macht und Plötzlichkeit verändert. Es fragt sich, ob diese Veränderungen womöglich einigen der Annahmen ihre Gültigkeit nehmen, von denen Madison und die anderen Gründerväter sich bei ihrem Entwurf eines Selbstverwaltungssystems hatten leiten lassen. Verglichen mit Amerikanern des 18. Jahrhunderts – und sogar des späten 20. Jahrhunderts – sind heutige US-Bürger weit stärker vernetzt. Und dies auf eine Weise, die öffentliche Selbstdarstellung und moralische Grosssprecherei fördert, und auf Plattformen, die geschaffen wurden, um Empörung ansteckend zu machen und die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer auf unmittelbare Konflikte und ungeprüfte Ideen zu lenken – von allen Traditionen, Erfahrungen und Werten abgekoppelt, die zuvor eine stabilisierende Wirkung ausgeübt hatten. Hierin sehen wir den Grund, dass viele Amerikaner – und Bürger vieler anderer Länder – Demokratie als einen Ort erleben, an dem alles drunter und drüber geht.

Doch das alles muss nicht sein. Social Media sind nicht per se schlecht, können sogar Gutes bewirken – etwa, wo sie Unrecht ans Licht bringen, das früher verborgen geblieben wäre, oder wo sie einst ohnmächtigen gesellschaftlichen Gruppen eine Stimme geben. Jede neue Kommunikationstechnologie bringt eine Spanne konstruktiver wie destruktiver Effekte mit sich, und allmählich finden sich Wege, die Bilanz zu verbessern. Viele Forscher, Politiker, Stiftungen und Technologen arbeiten heute zusammen, um solche Verbesserungen zu erzielen. Wir schlagen drei Arten womöglich hilfreicher Reformen vor:

Erstens: Die Häufigkeit und Intensität öffentlichen Auftretens vermindern. Wenn Social Media Anreize für moralische Grosssprecherei schaffen statt für authentische Kommunikation, sollten wir versuchen, solche Anreize zu reduzieren. Ein solcher Ansatz wird inzwischen unter dem Begriff «Demetrikation» von mehreren Plattformen ausprobiert. Dabei werden Likes und Shares nicht mehr angezeigt, so dass Inhalte nicht mehr anhand ihrer Beliebtheit, sondern nur noch für sich genommen bewertet werden. Social-Media-Nutzer unterliegen dadurch nicht mehr einem ständigen öffentlichen Popularitätswettbewerb.

Zweitens: Die Reichweite unverifizierter Profile reduzieren. Böswillige Akteure – Trolle, ausländische Geheimdienste, einheimische Provokateure – profitieren am meisten vom derzeitigen System, in dem jedermann Hunderte Fake-Profile anlegen und zur massenhaften Manipulation einsetzen kann. Social Media würden sofort weniger destruktiv, Demokratien weniger anfällig für Manipulation, wenn die grossen Plattformen auf Identitätsprüfungen bestehen würden. Wenigstens solche Profile, die ihrem Besitzer eine grosse Reichweite verschaffen, sollten geprüft sein. (Nutzer könnten weiterhin anonym posten, und die Registrierung sollte so erfolgen, dass die Daten von Nutzern aus Ländern, in denen Dissidenten verfolgt werden, geschützt wären. Die Verifikation könnte etwa in Zusammenarbeit mit unabhängigen Non-Profit-Organisationen durchgeführt werden.)

Drittens: Die Viralität minderwertiger Information reduzieren. Je leichter Social Media nutzbar wurden, desto destruktiver wurden sie. Ein gewisses Mass an Erleichterung könnte wieder zurückgenommen werden. Zum Beispiel könnte künstliche Intelligenz bestimmte Kommentare vor dem Senden als bedenklich erkennen und den Nutzer fragen: «Wollen Sie das wirklich senden?» Ein solcher Zwischenschritt wurde von Instagram eingeführt und hat sich als wirksam bei der Reduzierung verletzender Kommentare erwiesen. Auch könnte die Qualität der von Empfehlungsalgorithmen verbreiteten Informationen verbessert werden, indem Expertengremien Gelegenheit bekämen, die Algorithmen auf implizite Ungerechtigkeiten zu überprüfen.

Wenn wir am Bestehen unserer Demokratie interessiert sind – ja wenn wir der Idee der Demokratie in einem Zeitalter wieder Respekt verschaffen wollen, in dem Bürger weltweit mit ihr hadern –, müssen wir erforschen, auf welch mannigfaltige Weise Social-Media-Plattformen Bedingungen schaffen, die dem Erfolg des demokratischen Systems entgegenstehen. Dann müssen wir entschlossen handeln und Social Media reformieren.


Dieser Beitrag ist die übersetzte und leicht gekürzte Fassung des Artikels «The Dark Psychology of Social Networks», der im Dezember 2019 in «The Atlantic» erschienen ist.

© 2019 The Atlantic Media Co., as first published in «The Atlantic Magazine». All rights reserved. Distributed by Tribune Content.

Debattieren für Profis

Von den Hobbyrhetorikern im Debattierclub Winterthur könnten sich Politiker und PR-Berater noch eine Scheibe abschneiden.

 

Ein Dienstagabend in Winterthur, 18.45 Uhr. In der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften treffen sich Berufstätige aus der Region – einer ist gar aus Schaffhausen angereist –, die ihre Debattierfähigkeiten schärfen möchten. Ziel des Clubs ist es, so heisst es auf der Webseite, die Argumentationsfähigkeit «auf sportliche, humorvolle Weise» zu trainieren. Um den eigenen Standpunkt im Alltag besser durchzusetzen, um in Sitzungen besser mitreden zu können, um Ideen mehr Gehör zu verschaffen: «Oder auch einfach, weil es Spass macht, verbal in den Ring zu steigen.»

Im Raum O4.23 des SI-Gebäudes der ZHAW müssen zuerst mal die Tische umgestellt werden: Aus den Frontalunterrichtreihen wird ein Viereck, das vom Diskussionsleiter präsidiert wird und an dessen Seiten sich zwei Debattierteams à 3 Personen gegenübersitzen: zwei Lehrpersonen, eine Betriebspsychologin, ein Finanzberater, ein Buchhalter, ein Akademiker. Finanzberater Jan Koller war bereits Mitglied im Rhetorikclub in Winterthur, und weil er seine Debattierfähigkeiten verbessern wollte, ist er seit Gründung ein Mitglied des DC Winterthur: «Ich dachte zunächst, das sei eine Übung, die irgendwann abgeschlossen wird. Aber…», lacht er, «…es ist zu einem Sport ausgeartet!» Um das eigene Niveau zu halten oder es zu erhöhen, müsse man immer wieder üben. Es sei eine ziemliche Herausforderung, sich in kurzer Zeit in ein Thema einzuarbeiten und dabei nicht nur eine Position zu vertreten, sondern auch auf die Gegenargumente einzugehen: «Die Debatte ist die Königsdisziplin der Rhetorik. Man muss eine Rede halten, beobachten, was beim Gegner passiert, aufnehmen, was gesagt wird, und widerlegen.»

Wir debattieren nach den Regeln der «offenen parlamentarischen Debatte», in der jeweils eine praktische Entscheidungsfrage gestellt wird. Heute: «Sollen Kinder per Gesetz vor Prügeleltern geschützt werden?» Nach einer Auslosung, wer im Team Pro und wer im Team Contra sein wird – Debattieren ist ein Teamsport –, treten Silvio, Jan und Monika (dafür) gegen Lukas, Noemi und Doris (dagegen) an. Leiter der Diskussion ist Peter Brechbühler, er ist verantwortlich für die Einhaltung der Regeln, entscheidet über ihre Auslegung in Zweifelsfällen und ergreift Massnahmen zu ihrer Durchsetzung. Mittels der App «Debatekeeper» wacht er über die jedem Redner zugeteilten sieben Minuten Redezeit, wovon jeweils die erste und die letzte Minute geschützt sind vor den sonst erlaubten Zwischenfragen und Zwischenrufen.

Zuerst wird die Eröffnungsrede der Befürworter gehalten, gekontert von der Eröffnungsrede der Gegner. Dann fügen je ein Ergänzungsredner weitere Argumente hinzu oder vertiefen die bereits vorgebrachten Gesichtspunkte. Als «freier Redner» darf ich die Argumente und Widerlegungen prüfen und Zwischenfragen stellen, worauf je ein Schlussredner die Debatte beschliesst. Die Befürworter von Massnahmen, die Prügeleltern bestrafen sollen, argumentieren, dass zwischen Kindern und Erwachsenen ein grosses Machtgefälle existiere und dass einem expliziten Züchtigungsverbot die gesetzliche Grundlage fehle. Sie fordern Nulltoleranz für Prügel, scheitern aber daran, auszuformulieren, wie so ein Gesetz aussehen könnte. Die Gegner dagegen finden, dass Kinder von der aktuellen Gesetzeslage ausreichend geschützt seien, ihre Erziehung von weiteren gesetzlichen Massnahmen verunmöglicht würde.

Diskussionsleiter Brechbühler kam 1997 in Südkorea das erste Mal in Kontakt mit dem 1924 gegründeten Toastmaster International Club (toastmasters.org). Während für ihn anfänglich der Kampfgeist und die Freude am Wettbewerb ausschlaggebend dafür waren, beim Debattieren mitzumachen, ist ihm heute der Lerneffekt, der Erkenntnisgewinn wichtiger: «Mir hilft es dabei, die Gedanken zu schärfen; heute erkenne ich emotionale Argumente rascher als früher. Ausserdem habe ich gemerkt, dass sehr viel mehr hängen bleibt in meinem Gedächtnis, wenn ich die Argumente selbst vertreten habe.» Wer hinzustossen und mitdiskutieren will: Der erste Termin im März ist am 3.3., und dann werden alle zwei Wochen argumentativ die Klingen gekreuzt. www.debattierclubs.ch

Mit unterschiedlichen
Verhandlungsmethoden ans Ziel

Aus einem «Nein» ein «Vielleicht» und dann ein «Ja» machen? Zwischen dem Westen und China gibt es gewichtige Unterschiede.

 

«Das Harvard-Konzept» von Roger Fisher, William Ury und Bruce Patton wird vom Verlag als weltweit «das Standardwerk zum Thema Verhandeln» angepriesen.19

Es ist auch in der Volksrepublik China bekannt. Doch dort werden zudem Verhandlungsfibeln von Chinesen für Chinesen gelesen, zum Beispiel das im Jahr 2008 vom renommierten Verlag der Beijing-Universität veröffentlichte Werk «Shangwu Tanpan Gaojie Bingfa» (Die Hohe Schule der Kriegskunst bei Geschäftsverhandlungen). Florian W. Mehring hat es in einer von mir an der Universität Freiburg im Breisgau betreuten Doktorarbeit vollständig ins Deutsche übersetzt und kommentiert.20 Es handelt sich um die – soweit bekannt – erste westliche Übersetzung eines ausschliesslich an ein chinesisches Publikum gerichteten Verhandlungsratgebers. Verfasst hat ihn Liu Birong (geb. 1957), den ich 2012 in Taipeh kennengelernt habe, ein im ganzen chinesischen Sprachraum bekannter taiwanesischer Verhandlungsforscher. Er bekleidet eine Professorenstelle in der Fakultät für Politik an der taiwanesischen Soochow-Universität und ist derjenige chinesischsprachige Autor, der die meisten Monografien zum Thema Verhandlung vorzuweisen vermag. Den Vergleich zwischen chinesischer und westlicher Verhandlungstechnik möchte ich anhand einer Gegenüberstellung einiger Positionen im «Harvard-Konzept» und in «Die Hohe Schule der Kriegskunst bei Geschäftsverhandlungen» vornehmen. Dabei stütze ich mich auf Florian W. Mehrings Doktorarbeit.

 Im Westen gilt: alles, nur nicht feilschen

Die Autoren des «Harvard-Konzeptes» empfehlen eine offene und ehrliche Verhandlungsmethodik, die allen beteiligten Seiten das Erzielen von zufriedenstellenden Übereinkünften ermöglicht. Alle verhandelnden Seiten sollen sich darum bemühen, gemeinsam optimale Verhandlungslösungen zu erarbeiten. «Eine kluge Einigung lässt sich definieren als eine, die den berechtigten Interessen beider Seiten so weit wie möglich gerecht wird, eine faire Lösung für einen Konflikt findet, von Dauer ist und die Interessen der Gemeinschaft wahrt.» Das «Harvard-Konzept» empfiehlt weiter: «Nicht Positionen, sondern Interessen in den Mittelpunkt stellen.» Das folgende Beispiel stellt den Gegensatz zwischen einer positions- und einer interessengestützten Verhandlung dar: «Zwei Männer streiten sich in einer Bibliothek. Einer will das Fenster öffnen, der andere will, dass es geschlossen bleibt. Sie zanken hin und her, wie weit es offen stehen darf: einen Spaltbreit, halb, drei Viertel oder ganz offen. Keine Lösung stellt beide zufrieden. Da kommt die Bibliothekarin herein. Sie fragt den ersten, warum er das Fenster öffnen will: ‹Damit frische Luft hereinkommt.› Dann fragt sie den zweiten, warum er das Fenster nicht öffnen will: ‹Damit es nicht zieht.› Sie denkt kurz nach, dann öffnet sie ein Fenster im Nebenzimmer, damit frische Luft in den Raum kommt, ohne dass es zieht.»

Eine Alternative zum Feilschen um Positionen stellt das sachgerechte Verhandeln dar. Das «Harvard-Konzept» rät dem Verhandelnden, er solle seine Interessen deutlich machen, um das Gegenüber von deren Legitimität zu überzeugen. Liu Birong hingegen weist auf Gefahren hin, die dadurch entstehen, dass an das Gegenüber zu viele Informationen gelangen. Dadurch erhöhe sich das Risiko, vom Gegenüber ausgespielt zu werden. Bei Liu Birong ist von einem Spiel mit völlig aufgedeckten Karten nicht die Rede.

Die im «Harvard-Konzept» vorgestellten Verhandlungsmethoden sind nicht listiger Natur. «Verhandlungstricks» sollen von dem Verhandelnden nicht eingesetzt werden: «Es gibt eine Menge Taktiken und Tricks, mit denen andere versuchen können, Sie auszunutzen. Jeder kennt ein paar davon. Das beginnt bei Lügen, geht über Psychotricks und endet bei verschiedenen Taktiken des Druckausübens. Einige dieser Methoden sind rechtswidrig, andere ethisch fragwürdig oder zumindest unangenehm. Sie werden angewendet, um sich in einer als Armdrücken verstandenen Verhandlung einen Vorteil zu verschaffen.»

Einer der sogenannten «schmutzigen Verhandlungstricks» besteht laut «Harvard-Konzept» darin, dass bei einer verhandelnden Partei zwei gegensätzliche Rollenträger auftreten: ein «Good Cop» und ein «Bad Cop». Eine derartige Taktik wird vom «Harvard-Konzept» als eine «Form der psychologischen Manipulation» abgelehnt. Diese Taktik wird dem Leser lediglich vorgestellt, damit er auf derartige Angriffe vorbereitet ist und sich dagegen zu schützen vermag.

«Das «Harvard-Konzept» rät dem Verhandelnden, er solle seine

Interessen deutlich machen, um das Gegenüber von deren Legitimität

zu überzeugen. Liu Birong hingegen weist auf Gefahren hin, die dadurch

entstehen, dass an das Gegenüber zu viele Informationen gelangen.»

Im Osten ist der Verhandlungsspielraum grösser

Liu Birong spricht von weisser Maske und schwarzer Maske. Deren Doppelspiel widmet er längere Ausführungen, und er stellt mehrere Anwendungsmöglichkeiten dieser Taktik vor. Er bezeichnet diese Vorgehensweise keineswegs als «betrügerisches Manöver», sondern betrachtet sie als eine Methode, mit deren Hilfe man gewisse Konfliktsituationen zu bewältigen vermag. Liu Birong geht im Gegensatz zu den Autoren des «Harvard-Konzeptes» auf Fragen ein wie zum Beispiel, ob in einer Verhandlung zuerst die schwarze oder die weisse Maske eingesetzt werden soll.

In einem Abschnitt, in dem er auf die Vorzüge des Verhandlungsheimspiels eingeht, schreibt Liu Birong, dass man, wenn man eine Verhandlung am eigenen Standort führe, vergleichsweise einfach den Auftritt eines zusätzlichen Akteurs improvisieren könne, um mit ihm ein Doppelspiel aufzuführen. Derartige Überlegungen sind dem «Harvard-Konzept» fremd. Auch Drohtaktiken werden von den Autoren des «Harvard-Konzeptes» u.a. wegen mangelnder Wirksamkeit abgelehnt.

Demgegenüber kommt für Liu Birong die Drohung als Verhandlungsmethode durchaus in Frage. Beim Einsatz einer Drohung bekräftigt Liu Birong die Notwendigkeit, deren Glaubwürdigkeit zu erhöhen, indem man eine Drohung teilweise in die Wirklichkeit  umsetzt. Verzögerungen setzt man laut «Harvard-Konzept» dazu ein, um «Druck» auszuüben. Aber nur die Nachteile einer absichtlichen Verzögerung werden hervorgehoben. Laut «Harvard-Konzept» kann «das Warten auf den günstigen Zeitpunkt teuer werden».

Empfohlen wird demgegenüber die Verzögerungstaktik von Liu Birong. So ist das sogenannte Schmorenlassen laut ihm eine wirksame Methode, die dazu dienen kann, das Gegenüber dazu zu bewegen, einen günstigeren Vorschlag zu unterbreiten. Das Gegenüber in eine Stresssituation zu manövrieren, ist laut «Harvard-Konzept» ein schmutziger Trick der psychologischen Kriegsführung: «Wenn es im Raum zu laut, zu heiss oder zu kalt ist oder wenn Sie keinen Ort haben, um sich ungestört mit Ihren Kollegen zu besprechen, dann sollten Sie sich klarmachen, dass der Ort bewusst so gestaltet sein könnte, dass Sie die Verhandlungen rasch zum Abschluss bringen und aus diesem Grund Zugeständnisse machen.»

Das «Harvard-Konzept» empfiehlt, das Problem «anzusprechen und objektiv und sachbezogen für ein geeignetes Umfeld zu verhandeln». Liu Birong spricht dieses Thema in seinem Werk an, wobei er sich auf den Kunstgriff der Erhöhung der Raumtemperatur beschränkt. Dieser Kunstgriff werde eingesetzt, da Verhandelnde bei Unwohlsein die Tendenz zeigten, unvorsichtig zu handeln und den Überblick zu verlieren. Eine Wertung dieses Kunstgriffs nimmt Liu Birong nicht vor.

Wie wichtig ist es, «das Gesicht zu wahren»?

So wie Liu Birong kommen auch die Autoren des «Harvard-Konzeptes» auf das Bedürfnis, «das Gesicht zu wahren», zu sprechen. Sie schreiben aber bloss: «Verhandlungspartner beharren oft nicht deshalb auf einer Position, weil der Vorschlag der anderen Seite an und für sich inakzeptabel ist, sondern weil sie nicht den Eindruck erwecken wollen, dass sie einknicken.»

Weiter geht Liu Birong. Er bezeichnet es als lästig, wenn man dem Gesicht einen grösseren Stellenwert als dem Profit einräumt, und erläutert dies anhand eines Beispiels. Ein verstimmter Käufer verlässt den Laden des Verkäufers, weil er den Preis für zu hoch hält, stellt aber später fest, dass der Preis vergleichsweise billig war. Zur Wahrung seines Gesichts kehrt er aber nicht in den Laden zurück.21

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei dem Werk Liu Birongs um eine bodennahe Anleitung handelt, die ohne Scheuklappen unterschiedliche Wege aufzeigt, auf denen ein erfolgreicher Verhandlungsbeginn und -abschluss erzielt werden kann. Auch martialische und «strategemische» – also aus westlicher Sicht nichtkooperative – Methoden werden als zulässig erachtet.22 Listige Methoden werden nicht verurteilt. Dieser zentrale Aspekt in Liu Birongs Werk, wonach der verhandlungsspezifische Zweck das listige – allerdings nicht arglistige – Mittel heiligt, wird vom «Harvard-Konzept» abgelehnt.

Das konkrete, manchmal listige Verhandlungsgebaren von Führungspersonen der Volksrepublik China scheint sich weniger am «Harvard-Konzept» als an Liu Birongs Methoden auszurichten. Donald Trumps «Art of the Deal»23  beispielsweise schliesst den Einsatz von Drohungen nicht aus und erinnert eher an die Ratschläge Liu Birongs als an das «Harvard-Konzept».

Die Welt als
Wille und Verstellung

Kann man einfach nur mit angelernter Fachsprache und etwas forschem Auftreten als Oberarzt für Psychiatrie durchkommen? Ja, kann man.

 

Gert Postel ist einmal von einem Gericht zu vier Jahren Haft für seine zweijährige Tätigkeit als psychiatrischer Oberarzt in einer Klinik in der Nähe von Leipzig verurteilt worden – weil er eben kein psychiatrischer Oberarzt, sondern nur ausgebildeter Postbote mit mittelmässigem Hauptschulabschluss ist.

Wie schafft man das? Kann man durch den trickreichen Einsatz von Sprache nicht nur die Tonlage eines Gesprächs, sondern womöglich auch die Wirklichkeit ein Stück weit verändern? Ja, meint Gert Postel, der Psychiatrie für reine Wortakrobatik, letztlich also Scharlatanerie hält. Ich hole ihn in der Eingangshalle des Hotels «Baur au Lac» in Zürich zum Gespräch ab und schlendere mit ihm zur Kunsthalle. Wer erwartet mich? Ein Werber, ein Verführer, ein Sprach- und Menschenmanipulator? Postel sieht sich am ehesten als Hochstapler unter Hochstaplern. «Ich hätte Sie damals jederzeit zwangseinweisen lassen können», eröffnet er mir mit der freundlichen Bestimmtheit des falschen Arztes a.D. – und beisst in sein Pastrami-Sandwich.

«Ich bin der ehrlichste Mensch, den man sich vorstellen kann.»

Unnahbar, arrogant sein: Wer fragt, führt

Schon bei der ersten Begegnung mit ihm fällt es mir auf: Postel dampft jede zwischenmenschliche Distanz in kürzester Zeit ein; mit Bemerkungen über das Wetter hält er sich nicht lange auf. Schon nach wenigen Minuten sinnieren wir beim Spaziergang darüber, warum ich als Jurist denn nun Journalist sei, als Jurist verdiene man doch mehr; ausserdem will er unbedingt meine Examensnoten erfahren. Das Stellen vieler Fragen ist – wie er mir später erklärt – Teil seiner Kommunikationsstrategie: Wer fragt, führt. Viele Gesprächspartner sind zudem geschmeichelt, wenn sie gefragt werden, es suggeriert Interesse am Gegenüber. Ich kann das gut nachvollziehen. Postel erschlägt einen fast mit einer brutalen Form von Empathie: Er saugt Infos aus seinem Gesprächspartner im gleichen Masse, wie er ihm zu verstehen gibt, dass man mit ihm auf der gleichen Welle liegt. Postel will möglichst schnell verstehen, wie jemand «tickt».

Auf zu bohrende Fragen reagiert Postel abweisend und macht dann auch mal plötzlich «dicht», weiss ich aus Interviews, die ich auf YouTube gesehen habe. Er kann mal höchst einnehmend freundlich und dann wieder genauso abweisend unfreundlich sein. Das musste er als falscher Arzt aber auch: Man kann sich sehr gut vorstellen, wie er in der Klinik im sächsischen Zschadrass schnoddrig, kurz angebunden und auch arrogant mit Kollegen und Patienten umging. Postel meint, dass er so nicht wirklich sei und auch zu normalen Menschen, Freunden gar, nie unehrlich sein könnte: «Ich bin der ehrlichste Mensch, den man sich vorstellen kann.» Den persönlichen Kontakt zu Mitarbeitern blockte er mit seiner nassforschen Art stets ab. Freundschaften innerhalb des Klinikbetriebs hätten seine Rolle gefährdet.

Postel ist belesen, intelligent und er hat eine empathische Begabung – all das kann man schwerlich bestreiten und man kann das auch nicht von allen Akademikern, geschweige denn Ärzten behaupten. Er hat also durchaus Fähigkeiten, die ihm geholfen haben, seine Rolle zu spielen und lange damit durchzukommen. Für ihn war die Hochstapelei eine Art «Kunstwerk», ein tägliches Happening. Das Buch «Die Welt als Wille und Vorstellung» des Philosophen Arthur Schopenhauer wurde für ihn quasi zu einer Blaupause, zu einer Art Schlüssel für eine neue Welt. Er merkte, dass Realität nicht das ist, was da ist, sondern das, was man durch willentliche Steuerung selbst erschaffen kann. Wenn er will, dass andere ihm glauben, dass er Arzt ist, dann kann er es so einrichten. Es war dann so, als hätte er einen Zauberspruch aufgesagt, mit dem ihm alle aufs Wort folgten. Die plötzlich erlangte Macht über Menschen muss für einen Postboten wie eine Droge gewirkt haben. Lange plagten ihn Minderwertigkeitskomplexe, erzählt er mir. Er suchte sich immer Freundinnen mit akademischem Hintergrund, fühlte sich ihnen aber häufig unterlegen, was ihn quälte. Plötzlich war er wer. Eine Autoritätsperson.

38 Ärzte bewerben sich – den Job bekommt der Postbote

Man muss nicht gut finden, was Postel getan hat – die Zunft der Psychiater und Psychologen hasst ihn heute verständlicherweise für sein Schelmenstück. Doch man fragt sich schon, wie das sein kann: Da werden 39 überwiegend promovierte, teils sogar habilitierte Ärzte zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und wer erhält am Ende den Job? Der Postbote! Das Thema seines Bewerbungsvortrags hätte dreister nicht sein können: «Pseudologia Fantastica – die Lügensucht im Dienste der Ich-Überhöhung am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull aus dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann». Frechheit siegt eben. Nachfragen erhält er keine. Auf die Nennung seines Doktorarbeitsthemas «Kognitive Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung» (was nach seiner Aussage nur eine Ansammlung leerer Begriffe ist) bekommt er gesagt: «Wunderbar, Sie werden sich bei uns sicher wohlfühlen.»

Postel mag auf der akademischen Leiter nicht weit gekommen sein, aber er hat dafür nie aufgehört zu lernen: Jedes Gespräch, jede Begegnung, seine gesamte Umwelt ist für ihn eine Art Volkshochschule, ein ständiges learning by doing. Postel imprägnierte und imitierte eine Fachsprache und machte sich so zum Arzt. Kurz kommt mir der Gedanke: Wenn ich als gelernter Jurist Journa­lismus betreibe – ich habe nie eine Journalistenschule von innen gesehen –, kann dann nicht auch ein Postbote ein Psychiater sein? Er traut sich übrigens auch noch die Rolle des Soziologen oder aber des Strafrichters zu, und auch Aussenminister oder Bundespräsident könnte er sein. Nicht aber ein Zivilrechtler oder ein Chirurg: «Die müssen wirklich was können.» Es geht ihm also nicht pauschal darum, Akademiker blosszustellen oder geringzuschätzen. Er will vielmehr aufzeigen, dass es für manche Tätigkeiten weit weniger Wissen braucht als vielmehr eine Art von Begabung und Berufung.

Einfühlung ist ein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist der Zugang zur Psyche eines Menschen, was ihn nach eigenen Angaben von seinen Kollegen unterschied: Nur wenige machten sich die Mühe, die Patienten wirklich zu verstehen, die meisten verschrieben einfach gleich irgendeine Standardmedikation. Die Schelte von Postel mag pauschal und böse sein, aber er trifft doch einen Punkt: Psychiater, die geschult wurden, Menschen zu durchschauen, und dann nicht mal einem Postboten auf die Schliche kommen. Wie wenig Gespür haben sie dann wohl erst für die Patienten?

«Wenn Sie ganz fest dran glauben, sind Sieʼs irgendwann»

Ich las Postels Buch «Doktorspiele» vor etwa 15 Jahren. Wenn man ihn also so schon etwas kennt, fällt einem auf, dass er fast wortwörtlich in Versatzstücken, die man schon aus anderen Interviews kennt, spricht: «Sie werden sich bei uns sicher wohlfühlen», «Ich bin ein Hochstapler unter Hochstaplern», Felix Krull, das Doktorarbeitsthema – als hätte er eine Art Drehbuch zu befolgen. Meint er das so, oder ist er inzwischen nicht selbst längst Teil einer neuen Rolle geworden, ein PR-Mann in eigener Sache, mit Katze, Pfeife und Twitter-Kanal?

Ich für meinen Teil ziehe es weiter vor, von echten Ärzten behandelt zu werden, ohne diesen gleichwohl alles zu glauben. Auch wenn Postel beteuert, dass stets Kollegen die Arbeit machten, wenn es ernst wurde: Theoretisch hätten unter seiner Ägide Pa­tienten geschädigt werden können, wenn er allein und im Notfall falsch reagiert hätte. Postel macht es sich also etwas arg einfach mit seinem Motto: «Wenn es aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente, schnattert wie eine Ente – dann ist es eine Ente.» Bei ihm ist die Ente eben schlicht der Psychiater. «Wenn Sie ganz fest dran glauben, sind Sieʼs irgendwann», meint er. Dass man es auch dann nicht «ist», weiss Postel natürlich. Er hatte keine Wahnvorstellung, tatsächlich ein Arzt zu sein. Aber er hat die perfekte Mimikry hinbekommen, mit Fachjargon und richtigem Habitus: Er wählte bevorzugt klassische, aber zugleich etwas sportliche Kleidung. Wie sie zu einem jungen Akademiker eben passt.

Aufgeflogen ist Postel letztlich, weil ihn die Eltern einer Ärztekollegin erkannten. Sie kamen aus Flensburg, wo Postel mit 24 Jahren schon einmal als Arzt praktiziert hatte und aufgeflogen war. Da hiess er noch Dr. Dr. Clemens Bartholdy. «Ein schöner Name», findet Postel immer noch: «Clemens» heisst «der Sanftmütige» und «Bartholdy» klingt nach Musik. Aber gleich zwei Doktortitel bei jemandem, der sich altersmässig als Anfang 30 ausgibt? Ich finde das stark übertrieben und auch verdächtig. Postel winkt ab. Bei der Einstellung hatte man ihn das zwar auch gefragt, wie er das hinbekommen habe. Er hatte nur schnoddrig geantwortet: «Ich habe in Bayern studiert, da wird eben noch richtig gearbeitet» – und war eingestellt. «Genau solche Leute brauchen wir hier.» Auch diesen Satz hat man von ihm schon oft gehört. Aber es klingt immer wieder gut, das muss ich zugeben. «Worauf es ankommt», so Postel, «ist nicht Wahrheit, sondern Plausibilität.» Adorno hätte ihn gehasst, denke ich mir. Für Postel gibt es ein richtiges Leben im falschen.

Am Ende wird er von der gleichen Strafkammer verurteilt, vor der er zuvor als Gutachter tätig war. Von einem Richter des Bundesgerichtshofs bekam Postel den Ritterschlag: «Postel ist besser als die professionellen Gutachter gewesen», befand Richter Armin Nack. Keines seiner Gutachten wurde später revidiert. Er kam über verschlungene Wege letztlich immer zu akzeptablen Ergebnissen. Postel gefällt das natürlich und er bemerkt schelmisch: «Ist das nicht verrückt? Da wird man von einem ranghöheren Gericht für etwas gelobt, wofür man von einem rangniedrigeren Gericht verurteilt worden ist!» Klar ist: Mit Postel als vorsitzendem Richter wäre das nicht passiert.