Die Macht der Sprache

Und die Sprache der Macht.  

Für die Unterstützung dieses Dossiers danken wir der UBS Kulturstiftung und dem Sprachkreis Deutsch.

Inhalt

Die Macht der Sprache

Und die Sprache der Macht.

 

Sprache hält die Welt zusammen. Das Medium, in dem wir sprechen, lesen und schreiben, denken und dichten, e-mailen und twittern, ist ein spezifisch menschliches Natur- und Kulturprodukt. Sprache ist der Baustoff unserer Selbst- und Weltbilder und hält Gemeinschaften verschiedenster Grössen zusammen. Doch ob in Kunst, Krieg oder Kultur: Sprache ist auch Macht. Besteht Macht demnach immer auch aus Sprache, ist Herrschaft in der Sprache angelegt, verankert, eingegossen? Gemessen an der Intensität der Debatten der letzten Jahre über Gendersternchen und «korrekte» Begriffswahl muss es so sein. Es ist ein Politikum.

Erst wenn Wörter nach einem festgelegten Regelwerk aneinandergefügt werden, ergeben sie Bedeutung. Wer aber legt dieses Regelwerk fest oder übt Druck darauf aus? Wer beeinflusst ganz offen oder im Verborgenen, was wir sagen, schreiben und lesen, und wie haben sich diese Einflüsse durch politische Machtverschiebungen und neue Medien verändert? Ein tieferes Verständnis von Sprache wird erst möglich, wenn nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische Aspekte miteinbezogen werden.

Die einzelnen Sprachen selbst stehen miteinander im Wettbewerb und sind ein Machtfaktor: Trotz Brexit wird sich in Europa die Macht der englischen Sprache und Denkweise kaum ­zugunsten des Französischen zurückdrängen lassen. Die deutsche Sprachgemeinschaft hat sich aus diesem Konkurrenzkampf längst zurück­gezogen.

Dennoch lesen Sie dieses Dossier natürlich, wie jeden «Monat» in den letzten 99 Jahren, auf Deutsch.

Viel Vergnügen dabei wünscht

Die Redaktion


Für die Unterstützung dieses Dossiers danken wir der UBS Kulturstiftung und dem Sprachkreis Deutsch.

Von Macht und Ohnmacht
grosser Worte

Probleme, die nur mit verschleierten Begriffen benannt werden, bleiben ungelöst.

Von Macht und Ohnmacht grosser Worte
Bild: Djamila Grossman.

 

Meine Mutter, eine Bauersfrau mit acht Jahren obligato­rischer Schulbildung, hatte es nicht mit den grossen Worten. Nur einmal, als ich mich nach der Bedeutung der Kasse mit dem nickenden Negerlein erkundigt hatte, verstieg sie sich auf Höheres und sagte: «Kongolesen und Inder sind auch Menschen.» Spätestens seit Paul Watzlawick wissen wir, dass Sprache einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt hat. Oft wird mit der Wortwahl kundgetan, dass der Sprecher dem Adressaten überlegen ist. Mit ihrem grossen Wort – vielleicht der Grund, weshalb es mich später in die Entwicklungszusammenarbeit zog – setzte sich die Bauersfrau über ihre «altmodischen» Nachbarn, welche geistig in der Vorkriegszeit steckengeblieben waren.

Grosse Worte, ersetzt

Wie wir heute global miteinander reden sollten, verdient einen Blick zurück in den Imperialismus. Meine Mutter war in den zwanziger Jahren aufgewachsen. Die späteren grossen Worte eines Joseph Goebbels waren damals weiter verbreitet, als heute zugegeben wird. Leute aus gutem Haus wie Arthur de Gobineau, Madison Grant, Houston Stewart Chamberlain hatten Bestseller zur Überlegenheit der weissen Rasse geschrieben, was die kolonialen Eroberungen des 19. Jahrhunderts legitimieren sollte. Hitler las sie alle – und eben: nicht nur er.

Nach dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg verschwand die rassistische Literatur aus den Büchergestellen. Es kam zur radikalsten Änderung des Vokabulars in der Geschichte. Getrieben von schlechtem Gewissen und der kommunistischen Konkurrenz, besannen sich die westlichen Siegermächte auf die liberalen Revolutionen. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurden alle biologischen und kulturellen Varianten des Menschseins – Hautfarbe, Sprache, Weltanschauung – einander gleichgestellt. Die Völkerkundlerinnen Ruth Benedict und später Margaret Mead studierten die Unterschiede exotischer Kulturen. Ethnozentrismus sei Arroganz; fremde Kulturen könnten einzig an ihren eigenen Werten gemessen werden, schrieben sie. Der Kulturrelativismus war geboren.

Grosse Worte, linksgedreht

Der Vietnamkrieg gab der Studentensprache der siebziger Jahre einen Linksdrall. Wer sich zu den Progressiven zählte, machte jetzt Reisen nach Moskau, war gegen «Imperialismus», «Kolonialismus», «Neokolonialismus» und gegen «die Ausbeutung des ­Südens». Nichts weniger als die «Überwindung des Kapitalismus» war angesagt. Als Bauernkind auf dem Weg in die gebildete Welt ging ich solchen grossen Worten aus dem Weg. In der Sekundarschule wurde ich von den Städtern mit dem Übernamen «Cowboy» versehen. Unzählige Schulprüfungen später, an der Universität, sagte meine erste grosse Liebe vom Zürichberg: «Du weisst nicht, wer Tschechow war?» Solche kleinen Demütigungen müssen mich lebenslang gegen Franz Innerhofers «arrogante grosse Wörter» geimpft haben. Die meisten grossen Worte waren ohnehin unangreifbar. Für mich klangen sie so trivial wie «Du sollst nicht töten». Angreifbar dagegen war deren unkritische Nutzung durch Studenten, die damit ihre bürgerlichen Eltern ärgern wollten.

Grosse Worte, wirkungsvoll

Dass in grossen Begriffen wie «Menschenrechte», «humanitäres Völkerrecht» oder «Flüchtlingsrecht» erwünschte Macht steckt, lernte ich beim Besuch von vietnamesischen Kriegsgefangenen und kambodschanischen Kriegsvertriebenen beim IKRK in Thailand. Kein Offizier oder Gefängniswärter hätte diese Rechte 1986 einem Delegierten des Roten Kreuzes gegenüber in Frage gestellt. Gerade als ich an die heilsame Wirkung grosser Worte zu glauben begonnen hatte, fiel in Europa der Eiserne und in Ostasien der Bambus-Vorhang. Vorbei war der Kalte Krieg. Liberalismus und Marktwirtschaft hatten gewonnen. Die ganze Welt würde nun ­demokratisch werden.

Grosse Worte, weichgespült

Ich erhielt einen neuen Posten im UNO-Entwicklungsprogramm in New York. Im grünen Büroturm am East River gab es neue re­spekteinflössende Worte zu lernen: «Empowerment», «Democratic Governance», «Mutual Responsibility», «Corporate Social Responsibility». Es waren grosse Worte, welche an Geberkonferenzen die wundersame Macht besassen, Millionen Dollar von einem Budget auf ein anderes zu verschieben. Bewirkt wurde damit wenig – nicht zuletzt, weil es damals in der UNO Mode wurde, jedem grossen Wort ein politisch korrektes Korsett anzuziehen. Die auf den Strassen New Yorks noch üblichen Sprüche über anderes Aussehen oder Akzente galten in der UNO-Oase als unfein. Das «schwarze Schaf», die «gelbe Gefahr» und mit ihnen jede Redensart, die als verletzend hätte empfunden werden können, wurden ausgerottet. Was im Grundsatz richtig sein mag, führte dazu, dass weisse und japanische Vorgesetzte aus Angst vor der Rassismus- oder Kolonialismuskeule es nur in Extremfällen wagten, den Kollegen des Afrikabüros oder der Nahostabteilung professionelle Mängel vorzuwerfen. Es half nichts, zu wissen, dass die meisten arabischen Länder viel länger durch das Osmanische Reich kolonisiert waren, welches den Handel mit Sklaven so brutal betrieb wie der Westen. Unsere Kollegen, die an Ivy-League-Universi­täten ausgebildeten Söhne und Töchter afrikanischer Chefs und arabischer Scheichs – alles Meister der grossen Worte –, sahen sich auch nach 30 Jahren Unabhängigkeit noch als Opfer, mit uns Weissen und Japanern als Tätern. Probleme, die nur mit verschleierten Worten benannt werden dürfen, bleiben ungelöst. Die meisten UNO-Beamten kannten die Probleme armer Länder, unterfinanzierte Schulen, unqualifizierte Minister, Korruption, fehlender Rechtsstaat, doch Regierungen direkt zu kritisieren glich einer diplomatischen Todsünde. Statt konkret zu sagen, was an der Gouvernanz in Burkina Faso mangelhaft war, hiess es, dort bestehe «Raum für Verbesserungen». Statt zu sagen, Auslandhilfe habe wegen der Bevölkerungszunahme in der Sahelzone nichts erreicht, hiess es, die Demografie und das Kulturelle dort blieben «eine Herausforderung». Statt zu sagen, der Mangel an Fortschritt in vielen Teilen Afrikas sei auch die Folge einer Kindererziehung, die Selbstverantwortung und Leistungswillen kleinschreibe, hiess es, die Geber müssten ihre Bildungsbudgets für Afrika aufbessern. Und statt zu sagen, in islamischen Schulen werde dem Glauben mehr Zeit eingeräumt als dem kritischen Denken, schwieg man.

«Probleme, die nur mit verschleierten Worten  benannt werden dürfen,

bleiben ungelöst. Die meisten UNO-Beamten kannten die Probleme

armer Länder, unterfinanzierte Schulen, unqualifizierte Minister,

Korruption, fehlender Rechtsstaat, doch Regierungen direkt zu kritisieren

glich einer diplomatischen Todsünde.»

Grosse Worte, abgenützt

Als ich viele Jahre später, bei der DEZA, nach den Vorgaben von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey eine neue Strategie für die Bemühungen der Schweiz in der Entwicklungszusammenarbeit entwarf, gehörten «weltweite Solidarität», «soziale Gerechtigkeit» und «globale Beseitigung der Armut» zu den wichtigsten rhetorischen Pfeilern. Auch diese grossen Worte waren unangreifbar. Weil kein vernünftiger Mensch ihr Gegenteil wollen kann. Angreifbar war deren Nutzung als vereinfachende Wahlkampfslogans durch Mitte-links-Parteien. Mich störte der jahrzehntelang wiederholte Gebrauch dieses Vokabulars und dass sich ein ganzer Berufsstand mit ihm schmückte. Abgenutzte grosse Worte schläfern das Denken ein, bewegen nichts, verkommen zu ohnmächtigen Floskeln. Weshalb sind sie in der Entwicklungspolitik westlicher Länder so beliebt? Vielleicht, weil sich ­Experten gegenüber den eigentlichen Ursachen der Armut oft machtlos fühlen? Weil sie an die Leute mit Macht im armen Land keine Forderungen zu stellen wagen? Liegt es daran, dass die Resultate ihrer Arbeit schlecht messbar sind und deshalb von rechts dauernd angezweifelt werden? Oder nur, weil Entwicklungsleute ihren Beruf gerne als edel und selbstlos präsentieren wollen? An der gegenwärtigen Corona-Epidemie fällt auf, dass das Gesundheitswesen – eine am ehesten mit der internationalen Hilfe vergleichbare Berufstätigkeit – praktisch ohne grosse Worte auskommt. Medizinisches Personal arbeitet, weil seine Berufe interessant, die Saläre anständig und die Resultate messbar sind. Keine Ärztin hat je gesagt, sie praktiziere Medizin aus Solidarität mit den Patienten. Kein Krankenpfleger, er verrichte seine Arbeit, um die soziale Ungerechtigkeit zu reduzieren. Mir scheint, seinen Kopf regelmässig von abgenutzten grossen Worten zu entrümpeln und wieder in Sätzen mit Subjekt und Prädikat zu reden, täte nicht nur der internationalen Zusammenarbeit gut, sondern auch den Beamten des Asylwesens und dem ideologischen Teil der Klimaaktivisten. Sich grosser Worte zu bedienen, ohne gleichzeitig zu sagen, was genau damit gemeint ist, was man persönlich für deren Umsetzung zu tun, zu bezahlen oder zu erdulden bereit ist, ist eine billige Selbstbeförderung in den Himmel der besseren Menschen. Kaum ist dieser Satz geschrieben, machen virus­bedingt neue grosse Worte Karriere, etwa: «Herdenresistenz», «Systemrelevanz» oder «essentielle Bedürfnisse». Die Denkarbeit geht uns also nicht aus.

Jedes Wort zählt

In der Diplomatie lauern so viele kommunikative Fallstricke wie sonst nirgends. Eine kleine Schulung in der Fachrichtung «Neutrales Reden».

Jedes Wort zählt
Thomas Greminger, Generalsekretär der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), im Gespräch.

Herr Greminger, Sie sind 1990 in den diplomatischen Dienst des EDA eingetreten, seit 30 Jahren sind Sie Diplomat. Welche Fähigkeiten muss ein Diplomat aus Ihrer Sicht mitbringen?

Er muss zuhören und Empathie für sein Gegenüber entwickeln können. Er muss kreativ sein, sonst können in Verhandlungs­situationen keine Win-win-Lösungen gefunden werden. Zudem soll er kommunikativ begabt sein und über Führungs- und ­Managementtalent verfügen. Wie ausgeprägt die verschiedenen Eigenschaften sein sollen, kommt auf die Funktion des Diplomaten an: Es gibt zum Beispiel Diplomaten, die primär hervorragende Unterhändler sind. In meiner Funktion als Chief Administrative Officer der OSZE – ich bin im Prinzip der General Manager der OSZE – geht es dagegen nicht ohne Kommunikations- und Führungsfähigkeiten.

In der Schweizer Armee sind Sie Generalstabsoffizier im Rang eines Oberstleutnants. Die Sprache des Militärs ist sehr direkt und scheinbar nur wenig diplomatisch. War Ihre militärische Laufbahn trotzdem hilfreich für Ihre Diplomatenkarriere?

Wenn man Diplomatie mit Führungsaufgaben verbindet, sind natürlich auch Leadership und Organisationskompetenzen gefragt. Im Militär erhält man schon in jungen Jahren die Möglichkeit, Führungserfahrung zu sammeln und das Einmaleins des ­Managements konkret anzuwenden. Laufend wird man an anspruchsvollere Aufgaben herangeführt, wobei Fehler passieren dürfen. Man lernt, sich präzise auszudrücken: Gerade in der Generalstabsausbildung erfährt man, wie man Probleme strukturiert angeht und sie konzis kommuniziert. In meiner diplomatischen Tätigkeit hat mir das auf jeden Fall sehr genützt.

Bei Ihrem Amtsantritt meinten Sie gegenüber der NZZ, dass Sie sowohl Manager als auch Vermittler seien und auf politisch-diplomatischer Ebene etwas bewegen wollten. Ist Ihnen das in den letzten drei Jahren gelungen?

Ich habe unter dem Titel «Fit for Purpose» anfangs 2018 eine relativ ambitionierte Reformagenda angepackt, weil ich die Organisation an die Herausforderungen der Zukunft heranführen will. Dabei habe ich beispielsweise mit Unterstützung von Ernst & Young sämtliche Managementprozesse des Sekretariats durchleuchten lassen. Etwa 80 Verbesserungsmassnahmen wurden initiiert, davon sind nun 60 umgesetzt, womit Kosten gespart und die Wirkung gesteigert werden konnte.

Sind Sie dabei auf Widerstände gestossen?

Natürlich, sowohl sekretariatsintern wie auch seitens der Teilnehmerstaaten. Reformen in einer Organisation wie der OSZE durchzuführen braucht Durchhaltevermögen und strategische Geduld. So konnte ich die Reform des schwerfälligen Budgetprozesses bisher leider noch nicht durchbringen. Dafür braucht es den Konsens von allen 57 Teilnehmerstaaten, und der ist, gerade in den angespannten politischen Verhältnissen von heute, schwierig zu erzielen.

Ich habe mir eine Karte mit allen 57 Teilnehmerstaaten angeschaut. Praktisch alle liegen auf der nördlichen Halbkugel, die südlichsten Länder sind südeuropäische Staaten. Gibt es dennoch spürbare kulturelle Unterschiede zwischen den Teilnehmern?

Im Prinzip umfassen wir den euroatlantischen und euroasiatischen Sicherheitsraum. Obwohl man ja vielleicht denken könnte, eine Regionalorganisation wie die OSZE sei homogener als eine weltumspannende, muss man sich vergegenwärtigen, dass mit Staaten aus Nordamerika, Europa und der ehemaligen Sowjetunion inklusive Zentralasiens sehr unterschiedliche Subregionen Teil der Organisation sind. Unser jüngstes Mitglied ist die Mongolei. In dieser grossen Bandbreite gibt es entsprechend unterschiedliche Selbstverständnisse und Wahrnehmungen, wofür diese Organisation steht und wo ihre Prioritäten liegen sollen. Die Prioritäten der Staaten des Westbalkans und des Südkaukasus oder Zentralasiens sind nicht dieselben wie die der Amerikaner oder der EU-Mitgliedländer.

So müssen Sie und Ihre Mitarbeiter viel verhandeln und vermitteln. Auf was kann man sich denn einigen?

Die OSZE ist eine Organisation, die im Konsens entscheidet. Das heisst, es muss auch eine Konsenssprache gefunden werden, um den Entscheid zum Ausdruck zu bringen. Nehmen wir als Beispiel die Ukraine: Hier manifestiert sich der sprachliche Minimalkonsens im Begriff «der Krise in und um die Ukraine». Die Wendung «der Ukraine-Konflikt» dagegen verwendet man nicht, denn es gibt keinen Konsens darüber, ob wir von einem Konflikt oder von einer Krise sprechen sollen. Es gibt auch keinen Konsens darüber, worauf der Fokus der OSZE liegen soll: Für die einen ist es nur der Donbass, für die anderen ist es der Donbass und ebenso die Krim. Viele Staaten der EU und die Vereinigten Staaten verwenden das Konzept der «russischen Aggression gegenüber der Ukraine». Die Russen ihrerseits sprechen von einem internen Konflikt innerhalb der Ukraine, bei dem sie lediglich eine Vermittlungsrolle innehaben.

Gibt es eine exemplarische Verhandlungssituation, die Sie uns schildern könnten?

Ich habe die Verhandlung zum Mandat der Special Monitoring Mission to Ukraine (SMM) geleitet. Sehr rasch hat sich herauskristallisiert, dass sich die Definition des geografischen Geltungsbereichs der Mission nur über eine sprachliche Ambiguität lösen lässt. Praktisch alle Staaten, darunter natürlich die Ukraine, wollten die Krim als Teil des ukrainischen Territoriums sehen und auch so im Text verankert haben. Ebenso klar war für die Russen die Krim ausgenommen. Wir mussten also Wendungen finden, die jede Seite auf ihre Weise interpretieren konnte. So konnte nach dreieinhalb Wochen intensiver Verhandlungen ein Konsens erzielt werden.

Bei mir als Journalist und auch für Teile der Öffentlichkeit lösen Schlusserklärungen oft eine gewisse Enttäuschung aus – es wirkt manchmal, als sei gar nichts erreicht worden. Ist es schon wertvoll, dass die Beteiligten überhaupt miteinander an den Tisch sitzen und ­reden? Besser agree to disagree als gar keine Kommunikation?

Wir sind ganz klar der Auffassung, dass es besser ist, miteinander zu reden, als nicht zu reden. Die OSZE ist heute zweifelsohne eine Organisation von nicht gleichgesinnten Staaten. Wir bieten eine Dialogplattform, auf der sich 57 Botschafter treffen können, und das ist per se ein Vorteil. Anfangs der 1990er Jahre hatte man noch die Hoffnung, die OSZE könne sich zu einer veritablen Werte­gemeinschaft entwickeln, doch sie hat sich leider nicht erfüllt. Gerade die Ost-West-Gegensätze sind heute wieder sehr tief.

Wie hat sich die Nutzung dieser Plattform verändert?

In den letzten Jahren sind die formellen Dialogmechanismen, also zum Beispiel der Ständige Rat mit den Botschaftern oder das Forum für Sicherheitskooperation mit den Militärberatern, sehr stark zu Plattformen der öffentlichen Diplomatie geworden. Man vertritt dort Positionen und Ansätze, die hauptsächlich auf ein Heimpublikum ausgerichtet sind. Die Vertreter kommunizieren primär das, was zu Hause gerne gehört wird, und weniger das, was mögliche Lösungsansätze auf den Tisch bringen würde. Öffent­liche Diplomatie hat eine legitime Funktion, sie drängt die klassische Diplomatie jedoch oft in den Hintergrund. Der Versuch, trotz grosser Differenzen Probleme auszuloten, wird durch die Megafondiplomatie, heute oft auch die Twitterdiplomatie, heraus­gefordert. Wir müssen deshalb alternative, informelle Räume zur Verfügung stellen, in denen man weiterhin konstruktiv mitein­ander reden kann. Das Selbstverständnis der Diplomatie per se ändert sich: weg vom Versuch, sich auch unter schwierigen Umständen zu verständigen, hin zum Deklarieren von Positionen.

Ereignen sich die echten Erfolge der Diplomatie gerade im Stillen und können gar nicht öffentlich kommuniziert werden?

Die Räume, in denen konstruktiv miteinander gesprochen werden kann, müssen geschützt sein. Man darf der Öffentlichkeit nicht im Nachhinein im Detail verraten, wer welche Positionen ver­treten hat, weil man das gegenseitige Vertrauen nicht aufs Spiel setzen will. Es geht vielmehr darum, in den Vordergrund zu stellen, dass man überhaupt einen Lösungsansatz gefunden hat. Erfolgreiche Konfliktprävention verhindert einen Ausbruch von realen und medialpolitisch wahrgenommenen Konflikten. ­Solche Erfolge lassen sich oft im Nachhinein nur schlecht nachweisen und sind entsprechend schwierig zu verkaufen.

Können Sie auch konkret aufzeigen, wo etwas gelungen ist?

Ja, klar! Der Umstand, dass es uns gelungen ist, die Monitoring-Mission in der Ukraine zu realisieren, wirkte stark deeskalierend. Die Gefahr eines Flächenbrandes, wie er in der ersten Jahreshälfte 2014 durchaus bestanden hat, konnte man so eindämmen. Es gelingt dieser Mission auch regelmässig, die Eskalation lokaler Waffenstillstandsverletzungen zu verhindern und das Leben von vielen Millionen Menschen auf beiden Seiten der Kontaktlinie zu erleichtern.

Wie das?

Die Mission stellt sicher, dass man zerstörte Strom-, Gas- oder Wasserleitungen während lokaler Waffenstillstände reparieren kann. Letztes Jahr alleine hat sie 1100 solcher lokalen Waffenstillstände vermittelt, und das hat eine messbare humanitäre Wirkung. Wenn ein Konflikt nicht völlig aus dem Ruder läuft, kann ein Ende des Konflikts auch deutlich leichter herbeigeführt werden. Der Bergkarabach-Konflikt ist ein weiteres Beispiel für die positive Wirkung des OSZE-Konfliktmanagements: Wir konnten dort zwar keine grossen Schritte bezüglich einer Konfliktlösung erreichen, denn dafür scheint der politische Wille der beiden ­Parteien zu fehlen. Doch immerhin ist die Lage an der Kontaktlinie relativ ruhig. Es gibt seit Herbst 2018 deutlich weniger Waffenstillstandsverletzungen, weniger Verletzte, weniger Tote. Erfolge verzeichnen wir auch in der Bekämpfung der sogenannten transnationalen Bedrohungen wie von Terrorismus und Menschenhandel, in der Prävention von gewalttätigem Extremismus und bei der Cyber-Security. Es gibt viele handfeste Resultate, die die OSZE nachweislich erzielen konnte.

Gibt es eine Anekdote von einer Verhandlung, bei der es entgegen allen Erwartungen doch noch zu einer Einigung gekommen ist? Ich stelle mir solche Verhandlungen sehr frustrierend vor.

Gerade wenn Sie einen Konsens von 57 Mitgliedern brauchen, ist das natürlich eine ständige Einladung zum Tanz, denn de facto hat jeder ein Vetorecht. Das kann gebraucht werden, um legitime Interessen geltend zu machen, häufig wird es aber auch missbraucht. Bei der erwähnten Budgetreform etwa waren wir sehr nahe an einem Konsens, doch ein einzelner Staat, der von einem Konflikt betroffen ist, hat Einwände geltend gemacht, die absolut nichts mit diesem Prozess zu tun hatten, und blockierte die Reform während eines ganzen Jahres. Das positive Momentum brach zusammen und muss nun zuerst wiederaufgebaut werden. Solche Dinge geschehen immer wieder in einer konsensbasierten Organisation. Da muss man einen langen Atem und Widerstandsfähigkeit haben.

Wie geht man um mit einem Teilnehmer, der sich bockig verhält?

Zuerst sucht man nach einer Win-win-Lösung auf der Arbeits­ebene, dann mit dem Botschafter. Erreicht man diese nicht, muss man die Frage in die Hauptstädte eskalieren und abtasten, inwiefern die Haltungen der Botschafter in Wien von denjenigen daheim divergieren. Danach bleiben nur noch die nächsthöheren Hierarchieebenen. Man versucht, den Aussenminister zu überzeugen oder auf die Stufe des Premiers oder Staatschefs zu gelangen. Um auf das Beispiel der OSZE-Ukraine-Mission zurückzukommen: Da waren wir während dreieinhalb Wochen dreimal völlig blockiert. Wir mussten die Hauptstädte in die Diskussion integrieren, und das ging hoch bis zu Telefonaten zwischen dem damaligen Schweizer Bundespräsidenten und OSZE-Vorsitzenden Didier Burkhalter mit Präsident Putin. Bundeskanzlerin Merkel hat sich unterdessen mit der ukrainischen Führung kurzgeschlossen. Um die Verhandlungsblockade in Wien zu überwinden, braucht es manchmal einen politischen Impuls von oben.

«Die OSZE ist eine Organisation, die im Konsens entscheidet.

Das heisst, es muss auch eine Konsenssprache gefunden

werden, um den Entscheid zum Ausdruck zu bringen.»

Nochmals zu den für viele häufig enttäuschenden Abschluss­erklärungen von grossen Gipfeln. Hand aufs Herz: Manchmal sind die Sätze, die man da zu lesen bekommt, schon ziemlich nichtssagend – oder muss man nur wissen, wie man sie lesen muss?

Manchmal sind sie in der Tat nichtssagend. Man kann dann davon ausgehen, dass sich die Verhandlungspartner nicht einig wurden. Gar nichts zu verlautbaren ist häufig mit einem zu grossen Gesichtsverlust verbunden, also versucht man lieber, einen Minimalkonsens zu kommunizieren. Manchmal muss man allerdings auch sehr genau wissen, worum es geht, um zwischen den Zeilen vordergründig wirkender Floskeln lesen zu können.

Können Sie ein Beispiel schildern?

Eines meiner allerersten Erlebnisse mit der OSZE war die Teilnahme am OSZE-Gipfeltreffen 2010 in Astana, heute Nur-Sultan, in Kasachstan, bei dem es um die Formulierung einer Zukunfts­vision für die Organisation ging. Der Gipfelverlauf war dramatisch: Am Vorabend des Treffens wurde deutlich, dass der vorgesehene Aktionsplan nicht zustande kommen würde, dass kein Konsens zu erzielen war. Letztlich scheiterte es daran, den Georgien-Konflikt so zu beschreiben, dass alle damals 56 Mitglieder zustimmen konnten. Doch im letzten Moment gelang es einigen initiativen Diplo­maten – die Staatschefs waren alle bereits wieder abgereist –, einen alternativen Text, eine sogenannte «kommemorative Deklaration», vorzulegen und zum Konsens zu bringen. Trotzdem folgte eine grosse Ernüchterung. Als man ein paar Monate später jedoch den Text wieder genauer unter die Lupe nahm, merkte man, dass er eigentlich ganz gut war. Er beinhaltet beispielsweise die noch immer wegweisende Vision einer euroatlantischen und euroasiatischen Sicherheitsgemeinschaft und bestätigte das Grundprinzip der OSZE, dass Menschenrechte eine Angelegenheit aller Staaten sind. Dass man das im Jahr 2010 deutlich bestätigen konnte, war rückblickend erstaunlich. Der Text stellte sich somit nachträglich als gelungen und gar kühn heraus. Manchmal kann also auch in extremis eine bemerkenswerte diplomatische Leistung erzielt werden.

Oftmals werden solche Kompromisse morgens um 3 Uhr von über­nächtigten Politikern verkündigt. Wie ist das: Knickt man aus Erschöpfung irgendwann einfach ein?

Ich würde nicht ausschliessen, dass es Verhandlungssituationen gibt, in denen sich irgendwann die beständigeren Unterhändler durchsetzen können. Es ist aber auch so, dass es zu Hause einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, wenn man als Unterhändler zu rasch nachgibt. Selbst wenn man als Unterhändler im voraus weiss, dass man vermutlich auf verlorenem Posten steht, muss man als jemanden wahrgenommen werden, der wie ein Löwe gekämpft und sich für seine Verhandlungsposition möglichst lange eingesetzt hat. Irgendwann, und das kann natürlich zu vorgesetzter Stunde sein, gibt man nach. Eine wichtige diplomatische Fähigkeit ist es zudem auch, gesichtswahrende Auswege aus einer verfahrenen Situation zu finden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die N4-Gruppe, also Vertreter aus Russland, der Ukraine, Frankreich und Deutschland, traf sich am 9. Dezember 2019 in Paris zu einem Ukraine-Gipfel. Vielleicht waren die Resultate für einige ein wenig enttäuschend, doch niemand kehrte als klarer Verlierer nach Hause. Insbesondere für Wolodymyr Selenskyj, den neuen ukrainischen Präsidenten, war das sehr wichtig. Er wurde als ­jemanden wahrgenommen, der Wladimir Putin die Stirn bieten konnte, was auch für den weiteren Prozess sehr wichtig ist. Gleichzeitig haben sich die Teilnehmer darauf geeinigt, sich wieder zu treffen, und so zum Ausdruck gegeben, dass sie sich der Komplexität der Materie bewusst sind und dass der Prozess dieses politische Engagement der Staats- und Regierungschefs erfordert.

Die Schweizer Kommunikationskultur ist oft indirekt. Sind die Schweizer die besseren Diplomaten als andere? Haben sie besonderes diplomatisches Grundgeschick?

Wir Schweizer pflegen eine Kultur des Ausgleichs. Die Mehrsprachigkeit und die verschiedenen Kulturen, mit denen wir hierzulande aufwachsen, führen zu diesem Mindset, das gerade in sehr angespannten Situationen nützlich ist. Sicher hilft auch, dass wir aufgrund unserer Geschichte als unparteilich wahrgenommen werden. Gerade in meinem Job ist es auch ein gewisser Vorteil, dass wir keiner der ganz grossen Organisationen wie der NATO oder der EU angehören.

Wie stehen Sie zur Neutralität der Schweiz?

Ich stehe klar hinter dem völkerrechtlichen Verständnis von Neutralität. Was die Neutralitätspolitik anbelangt, bin ich der Auffassung, dass man sie durchaus sehr aktiv interpretieren kann. Die Schweiz muss sich aussenpolitisch nicht verstecken, sondern sollte ihre hervorragende Ausgangslage nutzen, um sich aussenpolitisch zu engagieren.

Was treibt Sie ganz persönlich an?

Mich treibt das Gestalten von internationalen Beziehungen hin zu Frieden, Stabilität und sozialer Gerechtigkeit an.

Da muss eine Figur wie Donald Trump für Sie ja ein Albtraum sein. Nicht selten torpediert er Verhandlungsergebnisse mit seinen Tweets.

Sicher steht Trump für Ansätze, die dem kooperativen Verständnis der OSZE widersprechen. Das unilaterale oder lediglich bila­terale Herangehen an Probleme, das Transaktionale, das Deal-Making – das alles sind direkte Kontrapunkte zur Art und Weise, wie wir versuchen, Probleme zu lösen. Unsere Herangehensweise ist vielmehr, gemeinsame Regeln zu definieren und dann auf Grundlage dieser Regeln ein Problem zu lösen. Aber Trump ist nicht alleine: Es gibt eine ganze Reihe von Staatschefs, die eine Vorliebe für unilaterales und transaktionales Vorgehen haben und über die Vorzüge der Kooperation hinwegblicken. Das kooperative Vorgehen ist natürlich aufwendiger, denn man muss mit vielen unterschiedlichen Parteien verhandeln und Kompromisse eingehen. Ich würde mir wieder mehr Leader wünschen, die hinter diesen kooperativen Ansätzen stehen und die sich an vereinbarte Regeln halten. Einer der wichtigsten Grundsätze des internationalen Völkerrechts lautet: Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten. Wenn man das zunehmend in Frage stellt, wird internationale Kooperation noch schwieriger.

Der Krieg der Worte in Zeiten der Seuche

Politiker erhalten ihre Macht nicht zuletzt durch einen geschickten Einsatz von Sprache. Das lässt sich auch in der Coronakrise wieder anschaulich beobachten.

 

«Die deutsche Kanzlerin Merkel bewahrt ihre Macht, indem sie ihre Macht bewahrt.» Im ersten Moment erscheint dieser Satz als Tautologie. Der zweite Teilsatz wiederholt als Begründung des ersten dessen Inhalt: X = X. Eine inhaltsfreie Aussage – oder doch nicht? Mit dem richtigen Blick (manche nennen es «Weisheit») erkennen wir zuweilen eben doch Unterschiede in den Instanzen von X. So auch im Falle Angela Merkels. Hinter dem zweiten Teilsatz liegt etwas verborgen.

Wenn im Jahre 2020 jemand in Deutschland das sagte, was Angela Merkel noch 2002 oder 2003 als Chefin der damals oppositionellen CDU von sich gab, würde er umgehend als «Rechter» und «Populist» beschimpft werden (in der inzwischen verlotterten Sprache deutscher Debatte wohl auch als «Rechtsextremer» oder «Faschist»). Vor dem «Missbrauch des Asylrechts» warnte Merkel damals. Die «Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung» forderte sie. «Das Mass des Zumutbaren ist überschritten», mahnte sie. Es wäre interessant, wie es ausgehen würde, wenn heute jemand von der AfD im Deutschen Bundestag eine Rede hielte, die im Kern aus wörtlichen Merkel-Versatzstücken bestünde, und dies erst am Ende der Rede, nach vielen Buh-Rufen der parteiübergreifenden Merkel-Koalition, aufklärte.

Ein berlinüblicher Merkel-Apologet wird die deutsche Kanzlerin dafür preisen, dass Merkel ein Saulus-Paulus-Erweckungserlebnis gehabt haben muss (während er ihren politischen Gegnern noch viele Jahrzehnte später selbst die lässlichste der Jugendsünden zum Strick knüpft). – Mit dem Ockham’schen Rasiermesser in der Hand greife ich zur einfacheren Erklärung und sage: Merkels Aussagen von 2015 mögen das Gegenteil jener von 2002 bedeuten, ihre Motivation war dieselbe: der Machterwerb bzw. -erhalt, was auch immer man dafür sagen muss.

Die 180-Grad-Drehung von 2002 nach 2015 war ja nicht die einzige (wir erinnern uns an grössere Manöver wie die «Energiewendewende» und an kleinere wie die Haltung zu den USA). Man würde von der Politik erwarten, dass sie in einer Weise handelt, die gut für Land und Volk ist, und dass sie es dann nach besten rhetorischen Möglichkeiten den Regierten vermittelt – und dass wir es erwarten, ist die Achillesferse, an der Merkel die intellektuell auf dem Rücken liegenden Deutschen durchs eigene Haus und in den Hinterhof der Geschichte zerrt.

Talking Points: Formulierungen für die Macht

Merkel sagt, was ihre Macht bewahrt – und anschliessend setzt sie es (manchmal) um, wie viel Schaden und Leid es auch dem Land bringen mag. Merkel denkt nicht in politischen Handlungen, sie denkt in «Talking Points» – in machtbewahrenden Formulierungen. Sie bewahrt ihre Macht, indem sie ihre Macht bewahrt. Merkel sagt Beliebiges – mal das, was es braucht, um an die Macht zu gelangen; mal das, was es braucht, um den Rückhalt in den meinungsdominierenden Kreisen zu sichern – doch die Auswahl und Konstruktion des Gesagten, der Talking Points, ist keineswegs beliebig.

Politiker und andere öffentlich wirkende Personen reden in Talking Points: in psychologisch wirksamen Formulierungen, die uns motivieren, den Sprechern die Macht über unser Leben zu geben. Ob «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben», «Wir schaffen das!» oder «Make America Great Again!» – es sind ­Talking Points, welche die Macht und Autorität des Sprechers begründen (sollen).

Die Sprache der Macht ist stets moralisch aufgeladen (selbst und gerade dort, wo technisch gar keine moralische Begründung notwendig wäre, sprich: in Diktaturen). Um die Moral des Menschen zu verstehen, muss man betrachten, welche Strukturen sich für ihn im Moment emotional relevant anfühlen. Erfolgreiche Talking Points lassen die Hörer fühlen, dass der Sprecher die dem Publikum wichtigen Strukturen stärkt – und dass der politische Gegner sie schwächt. Politiker können sich als «weise» inszenieren oder als «biologisch fit», können Angst einjagen oder Hoffnung wecken. Merkel verzichtete als Kanzlerin eineinhalb Jahrzehnte lang auf die meisten dieser Tricks. Sie nutzte, «wenn es drauf ankam», bislang immer genau einen Trick – sie sprach über die Gefühlsreaktion auf die Lage (und brave Journalisten plapperten jedes Mal wie auf Bestellung, wie «emotional» die «sonst so sachliche» Kanzlerin geworden sei). Ob Fukushima oder Bankenkrise, offene Grenzen oder Terroranschlag, stets waren die Talking Points der Kanzlerin anschliessend eine Variante von «viele Bürger sind besorgt/panisch/erschrocken, und ich verstehe das». Und dann kam die «Coronakrise» – die Angst vor SARS-CoV-2.

«Die «Moral der Weltoffenheit» fiel in der Coronakrise

als «relevante Struktur» praktisch weg –

die Talking Points mussten sich an die Regeln der Realität anpassen.»

Welche Strukturen sind aktuell relevant?

Zu Beginn der europäischen Coronakrise schien Merkel zunächst auf Tauchstation zu gehen. Es war Gesundheitsminister Jens Spahn, der die üblichen Durchhalteparolen ausgab. Man sei «gut vorbereitet» (2020-Lingo für «Wir schaffen das!») auf die «dynamische Lage», und überhaupt seien «Verschwörungstheorien» mehr zu fürchten als das Virus selbst.

Es ist anzunehmen, dass Merkel in ihrem Machtinstinkt zunächst die Meinungsumfragen abwartete, um zu wissen, welche Talking Points gut ankommen würden, sprich welche Strukturen den Menschen aktuell «relevant» erscheinen. (Wir wissen, dass sie kontinuierlich Umfragen erstellen lässt.) Die Willkommenskulturbegeisterung von 2015 schien zu belegen, dass das Gros der Deutschen bereit ist, im Namen der «Moral» den Tod von Mitbürgern (durch importierte Gewalt) wie auch (aufs Meer gelockter) Migranten hinzunehmen – die Opfer waren ja meist weit weg, sozial und/oder geografisch. 2020 ist die Lage anders – die Erfahrungen des Auslands zeigen, dass alle gesellschaftlichen Schichten betroffen sein und die Opferzahlen weit höher liegen können. Innerhalb von Tagen drehten die Regierung und synchron natürlich die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ihre Sicht auf das neue Coronavirus und die notwendigen Massnahmen um 180 Grad.

Zu Beginn der Krise beschwichtigten Regierung und Öffentlich-Rechtliche in Deutschland. «Lasst euch nicht von der Corona-Panikmache anstecken!», hiess es im ZDF, und bei ARD-Sendern hörte man Beruhigungen wie: «Experten warnen vor ­Panikmache» – die relevanteste Struktur der Bürger, so glaubte man, sei die Ruhe, das heilige deutsche «Weiter so». Als Polen zum Schutz seiner Bürger die Grenze zu Deutschland schloss, klagte «Tagesthemen»-Moderator Claus Kleber am 14. März 2020 im ZDF noch pathetisch, da ginge «ein Teil des Wunders von ­Europa» verloren – als einen Tag später Deutschland Ähnliches ankündigte, vollzog auch Herr Kleber eine 180-Grad-Wende, und die neuen Talking Points schwenkten innerhalb von Tagesfrist von «Europa» zu den möglichen «gefährlichen Folgen» des Virus «für Gesundheit, Wirtschaft und Politik im Land» um.

Selbst im direkten Kampf gegen Covid-19 sind solche Kehrtwenden festzustellen: So wurde das Tragen von Atemmasken zum Schutz vor Ansteckung in der Schweiz (und nicht nur da) von den Behörden lange als «unnötig» eingeordnet; die Masken würden von den Profis in den Spitälern gebraucht. Anfang April erwägten die Behörden dann praktisch von einem Tag auf den anderen, eine Maskentragpflicht einzuführen.

Politikern, welche das Wohl der Bürger und des Landes in ihren Talking Points vorangestellt haben (statt des Redens über Moral und Gefühle), und zwar schon vor der Coronakrise, was denen schon mal den Vorwurf des «Populismus» einbrachte, fiel es in der Krise leichter, ihren Bürgern schnell tiefgreifende Massnahmen zu vermitteln. «So einen brauchen wir auch!», schrieb bild.de am 13. März 2020 über den österreichischen Kanzler ­Sebastian Kurz, und: «Während Kanzlerin Angela Merkel (65, CDU) angeschlagen wirkt, sich mit den Ministerpräsidenten auf keine gemeinsame Linie einigen kann, zeigt Österreichs Kanzler ­Sebastian Kurz (33) Führungsstärke. Fast täglich steht er kerzengerade vor den TV-Kameras, präsentiert eine Knallhartm-Massnahme nach der anderen: …»

Trotz des praktisch synchronen Schwenks von Regierung und Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland ist noch nicht für alle Strukturen die jeweilige Relevanz geklärt. Vor der Coronakrise wurden ältere Bürger regelmässig abgewertet – der «alte weisse Mann» als Feindbild aufgebaut, «Oma» samt ihrer ganzen Generation als «Umweltsau» diffamiert. In der Krise nun reicht das Spektrum der Stimmen von «Risikogruppen isolieren» und «sterben lassen» bis zu «Väter und Mütter» und «ältere Mitbürger», die Respekt, Rücksicht und besonderen Schutz verdienten.

Die «Moral der Weltoffenheit» fiel in der Coronakrise als ­«relevante Struktur» praktisch weg – die Talking Points mussten sich an die Regeln der Realität anpassen. (Welche Realität und ­Relevanz man in Betracht zieht und welche Schlüsse daraus ge­zogen werden, bleibt verschieden – die Grünen fordern weiterhin und mit Nachdruck, in die Krise hinein die Migration aus griechischen Lagern nach Deutschland zu fördern.) In der Pandemie müssen Politiker in ihren Talking Points wieder das Wohl der (eigenen) Bürger zur relevanten Struktur erklären. Ist das denn nicht selbstverständlich?

Corona bringt die Vernunft zurück

Ein Machtpolitiker bleibt Machtpolitiker, und er braucht immer Talking Points dafür – doch was die relevanten Strukturen sind, die er in seinen Talking Points ansprechen muss, das ändert sich mit der Welt. Im Angesicht einer globalen Pandemie passen Poli­tiker wie Merkel ihre relevanten Strukturen, ihre Talking Points und daraus abgeleitet ihre Handlungen (wieder) an Wohl und Realität der Bürger an. Endlich! Es ist gewissermassen «logisch». In der Logik könne es keine Überraschungen geben, schrieb Ludwig Wittgenstein, also sollten wir nicht allzu überrascht sein – aber dankbar dürfen wir doch sein. Und hoffen – dass die Gefahr bald vorüber ist, die Kranken genesen und auch danach ein wenig Vernunft bleibt.

Madame, geben Sie
Gedankenfreiheit!

«Gendersensible Sprache» ist ein autoritärer Angriff auf unsere Gedankenfreiheit. Dass Universitäten zu Hochburgen dieser neuen Volksbelehrung gemacht werden, widerspricht jedem aufgeklärten ­Verständnis von Wisssenschaft.

 

Sie war gross, schlank und schön. Ihr braunes Haar trug sie hochtoupiert, wie es seit Brigitte Bardots bravourösem Auftritt in «Die Wahrheit» Mode war. Sie war nicht nur eine Erscheinung, sie konnte auch alles. Sie konnte singen und Gitarre spielen, Geschichten erzählen, malen, zeichnen und basteln und sie wusste auf jede Frage eine überzeugende Antwort. Wir nannten sie «Fröli».

«Fröli» leitete sich vom Wort «Fräulein» ab, wobei bemerkenswerterweise das Genus änderte und weiblich wurde. Eigentlich war sie verheiratet. Aber das war uns egal. Für uns war sie «die Fröli». In diesem Wort steckte all die kindliche Schwärmerei, die wir Fünf-, Sechsjährigen für unsere Kindergärtnerin empfanden.

Es ist nicht überliefert, dass sich «die Fröli» an dem Namen, den wir ihr sicher hundert Mal am Tag zuriefen, jemals gestört oder sich dadurch diskriminiert gefühlt hätte. Es war jene unschuldige Zeit, lange bevor uns das Gendermainstreaming heimsuchte, die Sprache verstümmelte und die akademisch konstruierte Erbsünde des sterbenden Patriarchats in unser aller Gewissen einpflanzte.

Eine Ansprache wie «Fröli» wäre heute wohl fast eine Menschenrechtsverletzung – und sei sie noch so liebevoll gemeint. Vielleicht würde sie die Direktangesprochene gar nicht so sehr schmerzen. Aber die Vorkämpferinnen des feministischen Klassenkampfes müssen darin alle Abgründe weisser Männerherrschaft wiederfinden. Wer den Begriff «Fräulein» verwendet, gilt im deutschen Sprachraum als Sexist – das beklagenswerte Resultat einer vierzigjährigen Entwicklung. 1980 publizierten vier feministische Linguistinnen die ersten «Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprach­gebrauchs» im Deutschen. Dem Staat, der seine Macht ausdehnt, wo es nur geht, kam das wie gerufen. Bald unterstützte er das Anliegen tatkräftig. Die Stunde der Gleichstellungsbeauftragten und Sprachleitfäden kam und die Ära des sprachlichen Tugenddiktats konnte beginnen.

Entscheidet sich jemand aus freien Stücken, etwa den «Genderstern» zu verwenden, ist dagegen nichts einzuwenden. Aus der freien Entscheidung ist aber längst ein gesellschaftlicher Imperativ geworden: Wer nicht nach den gerade geltenden Gesetzmässigkeiten der «gendersensiblen Sprache» spricht, schreibt und denkt, macht sich automatisch schuldig, nicht im strafrechtlichen Sinn, aber vor den Gerichtshöfen der Moral – und das erzeugt ­sozialen Druck. Das «Fräulein» ist wohl das prominenteste Opfer dieser manipulativen Sprachpolitik, die ohne demokratische Legitimation, aber mit behördlicher Unterstützung seit Jahrzehnten unsere Sprache und unser Denken säubert. Das «Fräulein» ist heute so gut wie tot, obwohl sich manche Frauen gerne so ansprechen lassen würden – etwa die Schauspielerin Iris Berben. Doch die hat keiner gefragt. Und auch in der Gastronomie hört man kaum noch ein «Fräulein!». Stattdessen ruft man nun ein plumpes «Hallo!» durch die Gastwirtschaft, ein nüchternes «Zahlen, bitte!» oder ein verlegenes «Entschuldigung!», als mache sich ein Gast schuldig, wenn er um Bedienung bittet. Aber alles ist besser, als im sozialen Raum einen reaktionären Eindruck zu hinterlassen.

Entmenschlichte «Kräfte»

Nicht nur das «Fräulein» ist verschwunden, auch der Lehrer ist weg. Er ist jetzt eine «Lehrperson» – biologisch männlich, grammatikalisch weiblich und doch seltsam geschlechtslos. Zudem ist «Person» keineswegs schmeichelhaft. Spricht Senator Buddenbrook nicht demonstrativ von «der Person», wenn er Aline Puvogel meint, die missliebige Halbweltdame an der Seite seines Bruders Christian, nur um ihren Namen nicht in den Mund nehmen zu müssen? Noch schlimmer trifft es die «Putzkraft»; sie ist gar nicht mehr als Mensch erkennbar. Eine Putzkraft könnte auch ein Putzmittel sein.

Wo früher Männer und Frauen wirkten, arbeiten heute also «Personen» und «Kräfte». Und so gut wie alle machen bei diesem Trauerspiel mit, wohl weniger aus Überzeugung als vielmehr aus Konformitätsdruck, um Ärger zu vermeiden. Die Universitäten befördern das Sprachdiktat an vorderster Stelle, genauso wie ungezählte Medienschaffende, die an den Universitäten entsprechend sozialisiert worden sind. Dabei wäre es beider Auftrag, vermeintliche «Wahrheiten» zu hinterfragen und zu widerlegen. In Anlehnung an Noam Chomsky könnte man also konstatieren: Der Konsens (über die Verwendung der «gendersensiblen Sprache») ist hergestellt – durch freiwillige Gleichschaltung der Medien und dank der Sprachregelungen in Universitäten, Behörden und ganz besonders im öffentlichen Rundfunk, der bis zur Bewusstlosigkeit gendert.

Kleinen, militanten Gruppen aus dem linksakademischen Milieu ist es auf diese Weise gelungen, der grossen Mehrheit ihre Weltsicht und ihre Sprache aufzuzwingen. Auch grosse Unternehmen wie die Swiss Re machen mit. Die Durchsetzung der «gendergerechten Sprache» ist die erfolgreichste Gehirnwäscheaktion in der freien Welt. Sie befördert nicht nur Wortmonster, sondern – viel schlimmer – auch Sprech- und Denkverbote und stigmatisiert Andersdenkende. Damit widerspricht sie diametral ihrem eigenen Anspruch, die Diskriminierung zu bekämpfen.

Der deutsche Linguist Henning Lobin erhebt die Verwendung der «gendergerechten Sprache» sogar zur demokratischen Pflicht. Wie es in einer liberalen Demokratie legitim sein soll, die Bürger sprachlich zu erziehen, bleibt indes sein Geheimnis, zumal unter anderem eine repräsentative Studie des Vereins Deutsche Sprache von 2019 belegt, dass die Gendersprache in der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt wird. Kann es sein, dass die «Gendersprache» vor allem von denjenigen begrüsst wird, die Freude daran haben, anderen Leuten Vorschriften zu machen?

Rechtlich unhaltbarer Formalismus

Die Anordnung des «Gendersprechs» hält auch einer juris­tischen Prüfung nicht stand. Dies hat eine Auseinandersetzung zwischen der Zürcher Gemeinderätin Susanne Brunner (SVP) und dem Büro des Gemeinderats gezeigt. Letzteres hatte einen Vorstoss Brunners mehrfach mit der Begründung abgewiesen, er sei nicht in «gendergerechter Sprache» verfasst. Die rot-grüne Mehrheit im Gemeinderat stützte diesen Entscheid.

Das liess sich die Gemeinderätin nicht gefallen und legte bei der Aufsichtsbehörde, dem Bezirksrat Zürich, Rekurs ein. Sie hatte eine ganze Palette von Argumenten auf ihrer Seite: Der Gemeinderatsbeschluss habe keine rechtliche Grundlage, sei willkürlich. Er verstosse gegen das Verbot des überspitzten Formalismus als besondere Form der Rechtsverweigerung, verletze ihre politischen Rechte als Gemeinderätin und missachte den Grundsatz der Verhältnismässigkeit und den Anspruch auf Meinungsfreiheit.

Der Bezirksrat gab Susanne Brunner recht. Er stellte fest, dass es zum Erlass von solch sprachformalen Vorgaben keine genügende gesetzliche Grundlage gebe. Ja mehr als das: Er warf grundsätzlich die Frage auf, ob es zulässig sei, das Eintreten auf poli­tische Vorstösse vom Einhalten solcherlei Sprachvorgaben abhängig zu machen, und urteilte, dass nicht ersichtlich sei, inwiefern solche Vorgaben für das Funktionieren des Parlaments von Bedeutung sein sollen.

Aus rechtsstaatlichen und demokratiepolitischen Überlegungen sei der Entscheid des Bezirksrats sehr zu begrüssen, meint Rechtsanwalt Lukas Rich, der Susanne Brunner in diesem Verfahren vertreten hat. Das Büro des Gemeinderates sei daran erinnert worden, dass es nicht nach freiem Ermessen sprachformale Hürden für politische Vorstösse aufstellen dürfe. Parlamentsmitglieder seien in freien Wahlen gewählt und an keine Instruktionen gebunden. Es könne nicht sein, sagt Rich, dass sie ihren Sprachgebrauch an die Vorgaben der politischen Mehrheit anpassen müssten, damit ihre parlamentarischen Vorstösse überhaupt behandelt werden.

Das Urteil ist rechtskräftig. Es ist zu hoffen, dass dieser Entscheid auch die Universitäten nachdenken lässt. Es ist noch nicht lange her, da liess Christa Binswanger, ständige Dozentin an der Universität St. Gallen, die Nation über den öffentlichen Rundfunk wissen, bei ihr sei die «gendergerechte Sprache» ein Beurteilungskriterium. Die Dozentin verteilt also Gesinnungsnoten und bestraft «Ungläubige». Dass dies unwissenschaftlich ist, dürfte jedem klar sein. Aber ist es legitim? «Dozierenden steht es frei, gendergerechten Sprachgebrauch zu prüfen, wenn der Dozent/die Dozentin dies im Rahmen einer Lehrveranstaltung zu gendergerechtem Sprachgebrauch tut», schreibt dazu gendergerecht die Pressestelle der Universität. In Anlehnung an Schiller und mit Referenz auf die Kriterien der Wissenschaftlichkeit kann man Christa Binswanger nur zurufen: «Madame, geben Sie Gedankenfreiheit!» Diese passt besser zu einer Universität als politische Korrektheit.

Sagen Sie mal Volker Ranisch,

was ist der Reiz am Rezitieren?

 

So wie manch einer, der als Kind Probleme mit der Atmung hatte, sich später eine Profession sucht, bei der ausgerechnet der Atem eine gewichtige Rolle spielt – unter klassischen Sängerinnen und Sängern, aber auch unter Sportlern soll es überproportional viele Asthmatiker geben –, so ist auch meiner Passion, Dichtersprache in freier Rede zu rezitieren, ein Leidensweg vorausgegangen. Am Fusse des Erzgebirges geboren und aufgewachsen, war meine Aussprache mit einem Dialekt behaftet, der sich grundsätzlich wenig dafür eignete, der formvollendeten Sprache unserer grossen Meister auch nur annähernd zu genügen. Darüber hinaus wurde mein breites Sächsisch in herber Lieblichkeit von holländisch vernuschelten Zischlauten verziert – die Kriegswirren hatten die Mutter meiner Mutter von den Niederlanden her in diesen Landstrich verschlagen.

Besagte Grossmutter begegnete dem Sprachendilemma auf eigene Art und machte aus ihrer Not eine Tugend. Sie verstieg sich ins Deklamieren, was mich als Kind stark beeindruckt hat. Es wehte mich etwas von weiter Welt an, von Stil und Form. So wollte ich auch reden können. Die wirkliche Schönheit von Kunst, von Inhalten, brachte mir und einem Grüppchen Gleichgesinnter dann eine theaterbesessene Musikpädagogin näher, indem sie mit uns über Jahre hinweg einen kleinen Schülertheaterbetrieb am Laufen hielt.

Als solch gearteter Rohling sollte ich nun auf der Hochschule in Leipzig zu einem Schauspieldiamanten geschliffen werden. Es gelang. Und gelang doch nur halb. Warum? Die Sprache! Darf sie noch Pathos haben? Interessieren Inhalte noch? Interessieren Dichter? Natürlich tun sie das. (Merkt euch das, Banausen!)

Mich jedenfalls interessiert am Theater – beim Film nicht unbedingt – sehr wesentlich die Sprache. Es ist für mich ein lustvoll energetischer Vorgang, mir Texte anzueignen. Das heisst Sätze zu begreifen, mir Worte einzuverleiben, diese dann als gesprochene Sprache zu behandeln und zu erkennen, wenn zum Beispiel die musikalische Form der Sprache im wunderbaren Widerspruch zum Inhalt des Gesagten steht. Dabei kann es Situationen geben, die das Mass des sonst Erlebbaren übersteigen: ein Déjà-vu etwa, aber auch das Gegenteil – ein Jamais-vu-Erlebnis, bei dem das eben noch Vertraute fremd wird. Für einen Moment ist die Welt dann eine andere und wird vielleicht sogar ein wenig fassbarer, als sie eben noch war.

Ich «übe» nicht speziell. Die Texte begleiten mich ohnehin, sie sind da und warten darauf, wieder neu gedacht und gesprochen zu werden. Es gibt eine mir unbewusste Seite, die in ständigem Kontakt zu ihnen steht und sie scheinbar willkürlich aktiviert: beim Autofahren, nachts, tags, wann immer. Dann widme ich mich ihnen, um zu erfahren, was sie wollen. Manchmal wollen sie nur da sein.

Da ich also Texte nicht lerne, sondern bestenfalls auf geschilderte Weise erlebe, empfinde ich den Vorgang der Aneignung prinzipiell als eine Bereicherung. Ich lese Texte wie ein Musiker die Partitur. Sind mir deren Strukturen zu eigen geworden, kann ich mich darin frei bewegen und lade dazu ein, mir als Wanderer durch diese Landschaft zu folgen. Wie jeder passionierte Wanderer erkunde ich gern neue Landschaften, kehre aber auch gern an liebgewonnene Orte zurück. Übertragen auf die Texte heisst das, dass mein Repertoire stetig wächst. Derzeit bin ich mit sechs verschiedenen Theaterinszenierungen parallel unterwegs.

Nein, es wird mir noch immer nicht langweilig, immer dasselbe zu sagen – da es nicht immer dasselbe ist. Beständig wechseln Ort und Publikum; die Welt ist nicht die, die sie gestern noch war, und mit ihr ich; das macht etwas mit jedem Abend. Es gibt Gäste, die darauf schwören, dass ich damals, als sie den Abend zum ersten Mal gesehen haben, ganz andere Texte gesprochen hätte. Ich weiss es besser.

Nein, ich vermisse auch die sonst üblichen Bühnenpartner nicht, da ich bei diesen Veranstaltungen viel stärker als sonst im Dialog mit dem Publikum bin und dieses als meinen Partner empfinde. Ein Monolog ist es also ohnehin nicht. Darüber hinaus habe ich noch das Vergnügen, alle anfallenden Rollen selber spielen zu dürfen.

Was mich antreibt, sind die Lust und die Neugier auf etwas an sich Überflüssiges im besten Sinne des Wortes. Zu diesem Thema gibt es übrigens auch einen schönen Text, eine Novelle von Ludwig Tieck: «Des Lebens Überfluss». Daraus wird ein neuer Theaterabend entstehen. Achten Sie im Herbst auf die «Eisblumen».

Sagen Sie mal Pater Schulze,

wie ist es, wenn man dauernd zu Gott spricht, aber keine Antwort bekommt?

 

Unsere öffentliche Vernunft ist religiös unmusikalisch, weniger poetisch gesagt: agnostisch. Sie rechnet nicht mit Antworten Gottes und hat viele Gründe zu lehren, man solle solche auch nicht erwarten.

Doch Gott ist nicht ein Gesprächspartner, der mir im Dialog – von mir getrennt – gegenübersitzt. Würde er das, er hörte im selben Augenblick auf, Gott zu sein. Gott als Unendlicher ist nicht nur mir gegenüber, sondern auch in mir, er übersteigt und er durchdringt mich (wie jeden anderen) gleichermassen. Das bedeutet: Eine Antwort auf meine betend-besinnliche Ausrichtung auf ihn kann es, wenn es denn seine ist, nicht rein von aussen an mich geben, sie muss auch aus meinem eigenen Inneren aufsteigen. Die Antwort auf Not und Zweifel, die ich mir selber gebe, und die, die mir von Gott zuteil wird, lassen sich nicht fein säuberlich trennen, denn der Gott, der meine Seele in Schwingung versetzt, und der Gott, der mich durch äussere Umstände angeht, ist ein und derselbe.

Schwingung? Wie versetzt mich der Schöpfer und Vollender in Schwingung? Dadurch, dass uns keine besinnlich-betende Annäherung an ihn kalt lässt. Selbst wenn wir im Gebet nur traurig oder wütend werden, ist das schon Schwingung und zeigt uns zumindest unsere Wahrheit, den Ort, wo wir in der Beziehung zu Gott stehen – und vielleicht auch den, wo er wirkt. Gott spricht zu uns im Ganzen der Wirkungen, die er geschehen lässt, denn Gott ist die Ganzheit, die meine Ganzheit und die aller anderen in lebendigem Austausch hält.

Braucht es dazu Gott? Könnte man nicht einfach auch sagen: das Leben als Ganzes? Doch, das kann man sagen; als Theologe würde ich ergänzend dazu Gott als das Leben in Person ansprechen, denn nur eine Person kann Personen verstehen und ihnen Antwort zukommen lassen.

Gott hat keine Antwort, er ist Antwort – auf unser Woher und Wohin, auf unser Warum und Wozu, auf unser Wie und Wielange. In der Annäherung an diese Antwort ergibt sich jene Schwingung des eigenen und fremden Lebens, aus welcher sich auch (ohne empirische Überprüfbarkeit und ohne dogmatische Vorabfestlegung – aber wirksam) Antworten im einzelnen ergeben können. Mehr liegt nicht drin; aber darin liegt mehr als alles, worüber wir selbstgewiss verfügen.

Sagen Sie mal Edda Moser,

warum verstehen wir die Oper so wenig?

 

Ich sehe zwei Ursachen. Erstens: Wenn wir als junge Leute – aus Bildungsgründen – von unseren Eltern in die Oper gebracht wurden, dann waren wir vorbereitet. Es gibt ja hervorragende Opernführer, und als wir zum ersten Mal in die «Meistersinger» gegangen sind, hat unser Vater uns vorab eben etwas über die Handlung erzählt, aber auch über Nürnberg im 15. und 16. Jahrhundert, Hans Sachs und so weiter. Wir sind aber auch mit der Schule immer wieder in die Oper gefahren, in den «Freischütz» oder die «Zauberflöte», ebenfalls gut vorbereitet. Diese Vorbereitung prägt einen für ein ganzes Leben. Leider werden der Musik- und der Deutschunterricht in den Schulen heute enorm vernachlässigt. Das Gewicht liegt eben woanders: auf der Technik, der Mathematik oder was weiss ich. Es ist tragisch.

Auf der anderen Seite wird die Oper heute durch die Regisseure in einer so sträflichen Weise verändert, dass die jungen Leute den Inhalt gar nicht mehr kennen. Das ist eine ­Verletzung der guten Sitten und ein Betrug am Komponisten und am Textdichter! Die glauben, ein Stück «zeitgenössischer» und fürs heutige Publikum verständlicher zu machen, indem sie eine vollkommen selbst erdachte Version zeigen. Heraus kommt aber nichts als eine Fälschung. Das beschränkt sich nicht auf die Oper: Als ich einmal in Weimar war, um an die Quelle des «Faust» zu kommen, habe ich das Stück nicht wiedererkannt. Da sprach der Mephisto die Worte, die der Faust sprechen sollte, die Mephisto-Passagen sprach der Faust, und beim Prolog im Himmel sprach Faust, wo Gott sprechen sollte. Goethe hätte sich im Grab umgedreht – und alle, die ihn als grossen Dichter verehren, mit ihm! Wie soll man so die Tragik und Dramatik des «Faust» begreifen? Ich bin in der Pause nach Hause gefahren. Diese Regisseure bekommen viel Geld, und je verfälschender die Inszenierungen sind, desto mehr schlagen sie heraus. Wir ­leben in der ganzen Theaterwelt im Betrug. Die Demut ist uns abhandengekommen, nicht nur auf der Bühne.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen modernes Theater. Die «Salome», die ich in Paris mit Kent Nagano und Jorge Lavelli gesungen habe, war hochmodern – ich spielte barfuss in einer Wüste zwischen Autowracks, und Jochanaan kam völlig verdreckt aus irgendeiner Höhle gekrochen. Man muss das nicht mit Federhüten und Rokokokleidern spielen – überhaupt nicht nötig. Ein Wieland Wagner hat so viel von der Bühne weggenommen, aber das Stück hat als solches immer gestimmt. Man kann machen, was man will, aber der Inhalt muss gewährleistet sein. Beim «Festspiel der deutschen Sprache», das ich 2006 ins Leben gerufen habe, habe ich deshalb gesagt: Regie kommt nicht in Frage. Die Künstler sitzen an Tischen, und dann wird «Kabale und Liebe» gelesen. Die Regie macht die Sprache. Und das klappt. Dieses Jahr machen wir unter anderem die «Zauberflöte» – in einer Version von Goethe. Der meinte ja in ­seiner ganzen Selbstgefälligkeit, Mozart noch verbessern zu können.

In meinem hohen Alter muss ich zuweilen von der guten alten Zeit sprechen, sehen Sie mir das nach. Ich durfte mit grossen – aber eben: demütigen! – Regisseuren arbeiten, die wissend und gebildet waren, dass es zum Zungenschnalzen war. Ich habe am Tag der deutschen Wiedervereinigung in Leipzig «Fidelio» gesungen und dem Florestan die Ketten abgelegt – was für ein Bild! Und meine Aufnahme der Königin der Nacht aus der «Zauberflöte» schwebt auf einer Kupferplatte durch die Galaxien, die 500 Millionen Jahre halten soll. Eine Gnade. Ich hatte wahrlich ein erfülltes Bühnenleben. Mir tun bloss die jungen Leute leid, die kaum noch die Möglichkeit haben, die Leidenschaft eines Theaterabends zu erleben, wie ich das noch kenne: Wie wir uns die Augen ausgeweint haben über den «Faust», wenn das Ende endlich da war! Ja, auch die Träne ist aus den Theatersälen völlig verschwunden.

Sagen Sie mal Marianne
Degginger,

wie sprechen Juden über die Shoah?

 

Zunächst einmal und vor allen Dingen: gar nicht. Meine Eltern haben mir zwar schon mit drei Jahren eingebleut, dass ich nur mit diesen und jenen Kindern und nur in bestimmten Gärten spielen durfte. «Wir sind anders als die anderen», haben sie gesagt, und viel mehr an Erklärung kam da in den folgenden Jahren auch nicht dazu. Man hat die Kinder nicht eingeweiht – und ich habe auch nicht weiter gefragt. Ich habe einfach nur meinen Eltern gehorcht. Ich sollte auf meinen jüngeren Bruder aufpassen und pünktlich zu Hause sein, und also tat ich wie geheissen.

Das war preussische Erziehung, aber natürlich steckte dahinter auch die grosse Angst meiner Eltern, dass uns als «jüdische Mischlinge ersten Grades» etwas zustossen könnte. Das einzige Mal, dass mich mein Vater geschlagen hat, mit der Hand auf den Po, war denn auch, als ich einmal auf dem Heimweg von der Sonntagsschule – der evangelischen! – getrödelt habe und eine Stunde später als gewohnt nach Hause kam. Gesagt hat er nichts, gewirkt hat es trotzdem: Ich kann es heute noch nicht ertragen, zu spät zu kommen. Dass sich mir das derart eingebrannt hatte, dass es zu einem zwanghaften Tick geworden war, habe ich erst viel später gemerkt; ich dachte, jeder sei so.

Im Krieg durften wir dann gar nicht mehr auf die Strasse. Aber auch das reichte nicht, obwohl wir ein grosses Haus und sogar noch eine Angestellte hatten, als das für Juden längst verboten war. Der Berliner Vorort Kleinmachnow, wo wir lebten, war zu klein, als dass wir uns da auf Dauer hätten versteckt halten können. Nicht weit von uns wohnte zudem eine besonders eifrige Führerin vom Bund Deutscher Mädel. Wir mussten also weg – aber das half auch nicht auf Dauer. Einmal sollten wir Kinder im Heimatort unseres «Mädchens» in Sicherheit gebracht werden, bis alles vorbei sein würde, aber schon nach sechs Wochen standen Beamte vor der Tür und wollten unsere Geburtsurkunden sehen. Also mussten wir wieder weiter. So zogen wir ständig um, mehrmals für kurze Zeit auch nach Hause zurück. Dass wir überlebt haben, mussten wir dennoch einer schützenden Hand zu verdanken haben. Mein Vater war Übersetzer für die höheren Kader bei der Reichskreditanstalt, sie brauchten ihn wohl. Aber das sind nur Vermutungen.

Meine Grossmutter hat den Krieg nicht überlebt, sie ist nach Theresienstadt deportiert worden. Ich habe natürlich mitbekommen, dass meine Mutter tagelang geweint hat, aber sprechen konnte oder wollte sie darüber nicht. Hat sie sich vorgeworfen, dass wir in Deutschland geblieben waren? Vermutlich. Sie ist 1935 nach London gefahren, um meinen jüngeren Bruder zu gebären – so weit hat sie gedacht. Aber das Angebot einer wohlhabenden Bekannten, mit uns allen dort unterzukommen, schlug sie aus. Auch darüber wurde nie geredet.

Das Schweigen blieb auch nach dem Krieg. Die Existenz meiner Eltern war zerstört, und sie waren durch die ständige Umzieherei so ausgelaugt, dass sie ohnehin kaum noch sprachen. Dass mein eigenes Bedürfnis, mein Erlebtes auszudrücken und aufzuschreiben, erst im Rentenalter stärker wurde, hatte andere Gründe: Ich musste ja Geld verdienen. Als Büroleiterin einer Bekleidungsfabrik in St. Gallen war ich für die gesamte Korrespondenz und das Personalwesen verantwortlich – ich weiss gar nicht, wie ich daneben noch meine Kinder grossgezogen habe.

Dass ich meine Erinnerungen auf Deutsch aufschreiben würde, war für mich klar. Wie denn auch sonst? Deutsch war mein liebstes Schulfach, es ist meine Sprache, warum sollte ich mir das nehmen lassen? Das Jüdische ist ja nur ein Teil meiner Identität – und das Gerede von der «Sprache der Täter» ist ohnehin Quatsch: Die Nazis konnten doch gar kein Deutsch! Haben Sie einmal in Hitlers «Mein Kampf» hineingelesen? Furchtbar! Der ist doch vor Neid erblasst, weil er einem Joseph Roth, einem Stefan Zweig, einer Nelly Sachs niemals das Wasser reichen konnte! Hätte man ihn bloss Maler werden lassen, dann wäre Europa vielleicht einiges erspart geblieben.

Sagen Sie mal Michael Fehr,

wie liest und schreibt ein fast blinder Autor?

 

Mit mir kann man nicht über Neuerscheinungen sprechen, dafür bin ich zu langsam. Vom Temperament her, aber eben auch durch meine Lebensumstände. I lise ja nid, i lose, und bis neue Titel bei der Schweizerischen Blindenbibliothek als Hörbuch verfügbar sind, dauert es seine Zeit. In der Regel warte ich so lange, eigentlich meistens noch länger. Wenn sich ein Roman zehn Jahre bewährt hat, kann ich ihn ja immer noch lesen.

Es ginge schon schneller, wenn ich unbedingt wollte: Ich könnte mir vom Verlag ein PDF schicken lassen und mir den Text vorlesen lassen. Bei Autoren, die ich kenne oder schätze oder beides, mache ich das auch. Nur liest da dann natürlich kein Erzähler, sondern eine blechern klingende Computerstimme. Das ist nicht immer ein Vergnügen, obwohl man ziemlich routiniert werden kann. Was mir bleibt, sind Mord und Totschlag – oder dann radikaler Tiefgang. Ich lese immer wieder Ovids «Metamorphosen», Laotse, auch die Bibel – pure Story! Wenn es spannend ist oder richtig kompliziert, kommt es weniger auf den Vortrag an, die «delivery», die für mich sonst zentral ist.

Ich schreibe auch nicht, ich spreche. Am Anfang habe ich meine Texte mit zwei Fisher-Price-Geräten aufgenommen. Das eine spielte die letzte Aufnahme ab, auf dem anderen nahm ich auf, was mir daran gefiel, und liess weg, was mir nicht gefiel. Play, Pause, Rewind, Record: Meine Finger wurden ganz wund dabei. Ein Ingenieur hat dann für mich ein virtuelles Aufnahmegerät entwickelt, bei dem man Aufnahmen mittendrin ergänzen konnte, ohne zu überspielen, was danach kam – eine Funktion, die bei gängigen Programmen höchstens irgendwo ganz kompliziert zu finden war, also für mich gar nicht. Allerdings entstanden so pro Text Tausende kurzer Soundfiles. Einmal sind die Dateien eines fertigen Buches durcheinandergeraten. Ich musste es komplett neu einsprechen. Da ist mir zugutegekommen, dass ich im Hören so geübt bin. Ich habe viele Stellen noch im Kopf gehabt.

Heute mache ich alles mit dem iPhone. Die Aufnahmen werden automatisch in einem gängigen Format gespeichert, und als E-Mail erhalte ich sie auch noch. Genial! Aber es bleibt so, dass mein Erzählen sich im Kopf konkretisiert. Einmal eingesprochen, glätte und poliere ich nur noch. Je weniger Datenhandling, desto weniger wiegt meine Einschränkung. Die Transkription für meine Publikationen müssen aber immer noch Menschen machen. Einem Arzt oder einer Juristin mögen heutige Spracherkennungsprogramme perfekt erscheinen. Mit literarischer Sprache können sie aber nicht umgehen.

«Müssig geht der Pfau»

Wie die Kunstform des Schauspiels Texte mittels Körpereinsatzes zum Leben erweckt. Und der Körper sogar als Gedächtnis fungiert.Ein Gespräch über Sprache und Spiel.

«Müssig geht der Pfau»
Schauspieler Robert Hunger-Bühler im Gespräch.

 

Herr Hunger-Bühler, Ihr Beruf heisst «Schauspieler». Darin stecken das (Nach-)Spielen und das «Zurschaustellen» vor anderen. Die Sprache fehlt – dabei ist sie doch Ihr täglich Brot.

Indem ich etwas «nach»-spiele, spiele ich dem Zuschauer etwas «vor», also wird Vergangenheit mit Zukunft gemischt, und so ergibt sich beim Schauspieler die unnachahmliche Gegenwart. Der Rhapsode bei den alten Griechen ist der mit Sprache gefüllte Sänger der Sprache. Da ist der Schauspieler der Geschichtenerzähler. Er ist Sänger und Rezitator zugleich. Die Sprache ist ja, bevor sie überhaupt gesprochen ist, eine Körpersprache, sie ist im Körper. Ich hatte das Glück, dies schon weit vor dem Ergreifen des Schauspielberufes entwickeln zu dürfen.

Wie kam das?

Ich hatte die Gnade, eine hochdeutschsprechende Mutter im Haushalt zu haben, dazu einen Vater, der auch sehr sprachaffin war. Wir haben ständig über Wortschöpfungen philosophiert, nicht im akademischen Sinn, sondern eher einfach so aus Lust an der Sprache. Meine Mutter hat mir dann schon vor der Schule das Lesen beigebracht, und so konnte ich leicht mit den Worten umgehen und habe gemerkt: Damit bin ich zumindest bis zum Gymnasium unschlagbar und kann auch meine Schwächen in Mathematik und Algebra wettmachen.

In Ihrem Buch «Den Menschen spielen» erzählen Sie, auch Ihr Deutschlehrer habe eine wichtige Rolle gespielt bei Ihrem Schauspielerwerden.

In der Bezirksschule sollten wir in der sechsten oder siebten Klasse ein freies Referat halten – das konnte ein Gedicht sein, eine Geschichte, ein Essay. Ich habe ein Buch von Hermann Buhl gewählt, der den Nanga Parbat als erster bestiegen hat, ein Österreicher. Diese autobiografische Beschreibung des Gipfelsturms habe ich, ohne es zu wissen, komplett auswendig gekonnt und 20 Minuten lang in voller Länge vorgetragen. Danach war Stille im Raum. Der Lehrer, Heinrich Stirnemann, hat dann gesagt, dafür gebe es einen Beruf. Ich war ganz begeistert, denn Stirnemann war auch Fussballer beim FC Aarau und sowieso der Grösste für mich. Als ich dann in Aarau meine ersten Theateraufführungen gesehen habe, hat mich das so fasziniert, dass ich schliesslich in den Nachtzug nach Wien gestiegen bin, um Schauspieler zu werden.

Der Schauspieler «erweckt den Text zum Leben», heisst es in einer klassischen Umschreibung – sozusagen augmented literature. Sind Sie Literaturvermittler?

Ich würde mal hochtrabend sagen, ich bin der Philosoph des Wortes oder, um es mit Roland Barthes zu sagen, der Verwalter des Wortes, wenn das Wort eine Augenscheinlichkeit bekommt. Selbst wenn ich es lese, ist es noch nicht in sprechbarem Zustand, aber schon da wird das Wort eigentlich einverleibt und gewinnt Gestalt. Und ich mache nichts anderes, als dem durch mein Tönen und durch meine Artikulation nochmals eine andere Höhe zu geben, eine Höhe der Verständlichkeit oder sogar des Genusses.

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, Verständlichkeit sei im heutigen deutschsprachigen Theater nicht immer das oberste Gebot. Einverstanden?

Ja, wir sind in einem endlosen postmodernen Prozess, dessen Ende immer noch nicht abzusehen ist. Es ist, als habe man Angst vor der leeren Bühne und dem von mir schon oft zitierten einen Scheinwerfer. Ein Schauspieler darunter, allein mit der Macht des Wortes. Dann würde die sogenannte Verständlichkeit sofort viel höher. Man braucht auch keine Angst zu haben, dass das zu trivial wird, im Gegenteil. Genau das würde die Magie wiederbringen.

Ihr Theater hätte also weniger Bühnenbild, weniger Action, weniger Musik, weniger Video?

Das kann alles sein, aber immer rückgeführt und gesichert durch die lebendige und vitale Zeitgenossin, die da auf der Bühne steht. Das ist das Unschlagbare am Theater. Die ersten Aufführungen, die Sie in Ihrem Leben gesehen haben, da tauchen doch Urbilder auf – ein Geschmack, ein Geruch, eine Farbe, ein Klang einer Stimme.

Kann nicht auch der Text allein genügen? Ich kann mich genau ­erinnern, wo ich war, als ich die berühmten Abschnitte rund um die Grossinquisitor-Episode in Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» las – schlaflos und zitternd in einem rumänischen Nachtzug.

Das ist ein ganz ähnlicher Vorgang. Sie sind dabei aber ganz allein mit Ihrem Buch. Im Theater teilen Sie auch noch etwas mit anderen. (Hält inne.) Ich lese gerade zum zweiten Mal in meinem Leben «Nachsommer» von Adalbert Stifter. Es ist unglaublich wohltuend, in diese Welt, die es überhaupt nicht mehr gibt, die sogar für Stifter artifiziell war, einzutauchen. Bis er das Wort «Liebe» ausspricht, braucht es 300 Seiten. Dieses unglaublich Monotone, Gleichmässige, das Verharren in den Naturbeschreibungen, das tut so wahnsinnig gut. Wenn man sich das jetzt in meinem Alltag vorstellen würde, wäre das so absurd, man müsste darüber lachen. Das ist das Ungeheure, was das Lesen ausmacht. Das müsste auch das Theater viel mehr beschwören, in vergangene, andere Welten eintauchen und sich darin verlieren.

Ist das auch ein Wunsch nach weniger Streichungen und Änderungen in älteren Originaltexten?

Ja, schon. Es gibt ja heute die theatralische Form der «Überschreibung»: Man nimmt einen klassischen Text und macht daraus eine sogenannte «zeitgenössische» Fassung. Da überschreibt dann zum Beispiel Dietmar Dath einen Strindberg-Text oder «Frankenstein». Das kann gut gehen, aber wenn so einer seine Theorie auf ein Stück draufstülpt, tut es mitunter auch weh. Im Falle von «Frankenstein» ist ganz klar zu sagen, dass der Urtext von Mary Shelley einfach weit, weit besser ist als der von Dietmar Dath. Dichter haben eine «Sprache» – oder nicht.

Woran bemessen Sie das?

Das kann ich beurteilen, weil ich beide Texte gesprochen habe.

Was ist generell gute Sprache, gutes Deutsch auf der Bühne?

Es gibt diese zwei klassischen Pole: das eher weichere Wiener Hochdeutsch und das Hannoveraner Hochdeutsch, das irgendwie das reinste sein soll. Aber das sind letztlich Behauptungen. Ich finde, eine Sprache darf, ja soll bei jedem Schauspieler anders klingen, bei jedem schwingt sowieso ein regionales oder sogar ein ganz lokales Idiom mit. Und das ist doch wunderbar. Bruno Ganz ist das beste Beispiel. Bei ihm hat man das immer durchgehört. Wir – ich wegen meiner deutschen Mutter etwas weniger – mussten ja das Hochdeutsche als Fremdsprache noch einmal neu ­lernen.

Ist das Schweizersein deswegen ein Karrierehindernis im Schauspiel? Es gibt ja, jedenfalls auf den grossen Bühnen, kein schweizerdeutsches Theater.

…und das finde ich sehr schade! Meine Frau hat mal den «Kirschgarten» von Tschechow als «Chriesigarte» inszeniert, und ich habe die schweizerdeutsche Fassung gemacht. Da habe ich gemerkt: Was für ein Traum! Wie nahe ich diesem Tschechow komme, der auch nicht nur in russischer Hochsprache geschrieben hat! Man müsste das viel öfter machen. Das Problem ist, dass man glaubt, das sei dann zu regional und die Leute, die mit den Bussen aus dem Ausland kommen, verstünden dann gar nichts mehr. Aber man kann es ja übertiteln, wie bei Filmen.

Oder in der Oper.

Ich finde, man sollte viel mehr dazu stehen, was für einen ­unglaublichen Reichtum wir an Sprache haben, also was für unglaubliche Wortschöpfungen unser Helvetismus birgt. Wenn ich einem Deutschen gegenüber von «Erdäpfeln» spreche, lacht er mich aus. Aber ist das nicht enorm bildhaft? Der Erdapfel sieht einfach anders aus als die Kartoffel. Ich verbinde Worte, um sie mir merken zu können, oft mit meinem ursprünglichen Schweizer Ausdruck dafür. Weil die Sprachbilder oft näher sind. Kennen Sie das Wort «verschnäpfe»?

 Nein.

Das heisst «ein Geheimnis verraten».

Interessant eigentlich, dass Hannover zum Orientierungspunkt wurde. Dort sprach man ja jahrhundertelang Niederdeutsch – Standardsprache wurde aber das Hochdeutsche aus dem Süden. Wir haben uns durchgesetzt!

Genau, wir sind der Ursprung, selbstverständlich (Lachen). Andererseits ist es schon stupend, wie die Deutschen ihre Sätze parat haben. So ein Fernsehmoderator – das ist schon ein gewal­tiger Unterschied im Vergleich dazu, was bei uns so dahergestammelt wird.

Sie sind für Ihre Monologe bekannt. Mögen Sie das auch am liebsten? Brauchen Sie gar keine Mitspieler?

Der Monologist ist entsetzlich einsam. Aber er hat auch die Autonomie der Mittel.

Ist eine gemeinsame Autonomie der Mittel im Ensemble nicht möglich?

Doch, natürlich! Lang hat’s gedauert, jetzt muss eine Fussballmetapher her. Wenn ein Ensemble oder eben eine Mannschaft gut eingespielt ist, dann gibt jede Volte eines Stürmers oder eines Aussenverteidigers einen Ruck durch die ganze Mannschaft: Die Volte wird von den anderen gelesen und übernommen. Da wird nicht gesagt: «Das haben wir im Training aber nicht geübt.» Es wird rochiert, links, rechts, ein Linksfüsser auf der halbrechten Position und so weiter. Das ist bei der Schauspielerei ähnlich.

Wie gross ist eigentlich die Überschneidung zwischen Schauspiel und Sport? Das Schauspiel ist extrem körperlich. Ist die Fitness ein entscheidender Faktor?

Die Sprache eines Schauspielers gerät erst durch den Körper in Bewegung. Ich hab das schon getestet, wenn ich ein Stück länger nicht mehr gespielt habe gehe ich auf die Bühne und erinnere ich mich an den Orten, an denen ich bei den letzten Aufführungen schon gewesen bin, auch an den Text. Mein Körper erinnert sich, es ist nicht eine Gedächtnisarbeit, keine kognitive Leistung, sondern es entwickelt sich dort eine Erinnerung, die über den Körper läuft.

Also nicht wie damals bei «Wetten, dass…», als sich ein Kandidat eine 600 Stellen lange Zahl merken und dann beliebige abgefragte Stellen aus dem Kopf aufsagen konnte? Er meinte, er merke sich die Ziffern in Dreiergruppen, für die er feste Bilder im Kopf gespeichert habe.

Das ist gut beschrieben. Mein grosser Zeichenmeister ist ja Roland Barthes: Es geht um das Beherrschen des sprachlosen Zustandes, das heisst sich immer wieder in einen «Reset»-Zustand zurückzuversetzen, um das Ganze neu aufzuladen. Wie bei einem Palimpsest. Es geht einfach nicht, dass man ständig nur immer weiter auffüllt. Wir halten viel zu wenig die Schnauze.

Sie müssen Ihr Sprachreservoir also immer wieder leeren. Heisst das, dass Sie den «Faust» gar nicht mehr können?

Doch, der ist da! Löchrig, aber er ist da, abgespeichert auf einer Festplatte, der ist abgekoppelt.

Sie haben fast alle grossen Rollen gespielt. Gab es den einen Stoff, der Sie überfordert hat, der sprachlich übermächtig war im Vergleich zu Ihren Versuchen?

Immer wieder Shakespeare. Da habe ich jedes Mal das Gefühl, ich hätte einiges ordentlich geschafft, aber ich könnte es nochmals spielen, um das noch komplexer zu erfahren. Das sind Autoren, wo man merkt: Da wird man nie fertig. Aber die eben auch nie ihren Reiz verlieren. Das gilt auch für Haikus mit ihrer unglaublichen Strenge. Ich hab wieder mal eins geschrieben (zückt sein Notizbuch und blättert). Das heisst, ich schreibe dauernd welche, ich bin nur meistens nicht zufrieden damit.

Wenn Erinnerung beginnt,

verbrennt Gegenwart

im Licht der Kindheit.

Der ist gelungen. Haben Sie mitgezählt?

Ich habe mich ganz dem Inhalt hingegeben. Erinnert mich an eine Liedzeile von Tocotronic: «Im Blick zurück entstehen die Dinge, im Blick nach vorn entsteht das Glück.»

Sehr schön. Darf ich noch mal, wie beim Schachspielen, den nächsten Zug machen?

Bitte.

Müssig geht der Pfau

und schüttelt sein Gefieder

am Wildschwein vorbei.

Ein Schauspieler-Haiku?

(gespielter Protest) Jetzt drängen Sie mich natürlich sofort wieder in eine Rolle. Ich bin im übrigen auch kein Wildschwein.

Nicht mal eine Rampensau? Sie sind bald 67 Jahre alt. Was kommt noch?

Ich habe am Schauspielhaus Zürich meine sogenannte vertragliche Mission erfüllt und bin wieder frei. Aber: «Everybody has to serve somebody», sagt Bob Dylan, und ich diene jetzt einfach anderen Leuten. Es ist keine totale Freiheit, das wäre ja furchtbar.

Sie wollen noch spielen.

Wie soll ein Maler mit sechsundsechzig den Pinsel weglegen?

Rechtschreibfrieden? Leider nein!

Aktuell herrscht ein unübersichtliches und willkürliches Regelchaos, das dringend nach Bereinigung schreit. Mehr Sprachdemokratie würde helfen.

 

Rechtschreibung – ist das nicht ein Thema aus einer vergangenen, vordigitalen Zeit? Sollten wir heutzutage nicht einfach den Luxus geniessen, das sprachliche Richtig und Falsch den Korrekturprogrammen zu überlassen, um uns ganz inhaltlichen Fragen zu widmen?

Die Problematik ist mehrschichtig. Die Frage, wie viel wir in Zukunft überhaupt noch selbst schreiben und lesen und wie viel wir mit Diktierprogrammen bzw. den Vorlesefunktionen unserer Handys und Computer arbeiten werden, ist das eine. Das andere ist, welche Rechtschreibung wir und unsere heutigen und künftigen digitalen Helfer verwenden sollen. Etwas ist klar: Die 2006 getroffene Entscheidung, sowohl herkömmliche Schreibungen, die seit 1900 oder noch länger gültig gewesen waren, als auch die betreffenden 1996 neu erfundenen Reformschreibungen als «Varianten» für richtig zu erklären, war unbefriedigend, gerade auch aus dem Blickwinkel unserer digitalen Helfer. Diese wollen wissen, was richtig ist, und alles andere nötigenfalls korrigieren, aber nicht entscheiden müssen, ob bei schönem Wetter seit langem und bei Regen seit Langem richtig ist oder umgekehrt. Wo nur eine Form gilt – und das ist ja zum Glück der Normalfall –, sind die digitalen Helfer zuverlässige Aufpasser und sorgen effizient dafür, dass uns die richtige Schreibweise vertraut wird und bleibt. Aber für Varianten sind sie untauglich – und wir Menschen, gründlich verwirrt durch dieses Hin und Her, auch! Deshalb fordert die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) seit ihrer Gründung 2006 wieder eine einheitliche Rechtschreibung, wie wir sie vor der Reform hatten. Im genannten Fall galt seit weit über hundert Jahren seit langem.

 Wenn das Sprachempfinden verletzt ist

Die zweite Forderung der SOK ist die nach einer sprachrichtigen Rechtschreibung. Einer Rechtschreibung also, die die Logik des Deutschen und das Gefühl für richtige Sprache nicht mit Füssen tritt. Wenn man heute zum Beispiel schreiben muss: Dazu wäre noch manches, etliches zu sagen, aber: Dazu ist Verschiedenes, Folgendes zu sagen, so widerstrebt dies dem Sprachempfinden. Ebenso, wenn man heute ein greuliches Verbrechen nicht mehr von gräulichem Blau unterscheiden darf oder wenn behauptet wird, ein wohlbekannter Schriftsteller sei dasselbe wie ein wohl bekannter Schriftsteller (beide Schreibungen sind zugelassen).

Diese Dinge sind nicht nur eine Frage der Orthografie, sondern sie betreffen ganz direkt auch die Sprache. Die genannten Fälle zeigen es beispielhaft: Die Reform 1996 hat mehrere Neuerungen eingeführt, die bewährten Tendenzen der deutschen Rechtschreibung diametral entgegenlaufen und in der Bevölkerung deshalb auf breites Unverständnis gestossen sind. Denn seit etwa 150 Jahren war die Entwicklung konsequent in Richtung von mehr Zusammenschreibung und mehr Kleinschreibung gegangen. Die Reform aber trennte viele Komposita auf, sofern nichts grammatisch Falsches resultierte: so genannt, Strom sparend, auseinander gehen (aber natürlich nicht: Hunde müde). Der Protest war so gross, dass 2006 fast alle herkömmlichen Zusammenschreibungen als «Varianten» wieder gestattet und Fälle wie auseinander gehen sogar wieder verboten wurden. Inzwischen wird die Getrenntschreibung auch in den noch gestatteten Fällen kaum mehr gebraucht und auch von Duden nicht mehr empfohlen. Hier hatte die Varianten-Regelung ­zunächst durchaus ihre Berechtigung: Sie verhalf den von der Reform verbotenen herkömmlichen Schreibungen wieder zu ihrem Recht. Der konsequente letzte Schritt fehlt allerdings noch: nämlich, dass die Reformvarianten – mit einer grosszügigen Übergangsfrist – wieder ausser Kraft gesetzt werden. Diesen Mut haben die Politiker noch nicht aufgebracht, und die Reformer sträuben sich hinter den Kulissen mit Händen und Füssen gegen die Zerstörung ihres Lebenswerks (oder was sie dafür halten).

Im zweiten Bereich, der Gross- und Kleinschreibung, ist die Situation noch viel schlimmer. Denn hier sind fast alle von der Reform verbotenen herkömmlichen Schreibungen bis heute nicht wieder gestattet worden. So haben sie keine Chance, sich gegen die Reformschreibungen zu behaupten und gegebenenfalls sogar durchzusetzen. Es ist blanker Hohn, wenn aus Reformerkreisen immer wieder verlautet, die Reformschreibungen seien deutlich beliebter als die herkömmlichen, somit bestehe kein Handlungsbedarf. Alle hier folgenden Beispiele wurden in herkömmlicher Schreibung klein geschrieben – wie einfach das doch war! Seit 1996 aber herrscht ein unlogisches Regelgeflecht, das sich niemand merken kann:

der eine flucht, der andere lacht, aber: der Dritte schweigt.

kein Einziger, das Gleiche, aber wie früher klein: die meisten, ein jeder.

Erstere, Letztere, Folgendes, aber wie früher klein: etliche, manche, dies.

nicht im Geringsten, etwas zum Besten geben, aber wie früher klein: am besten, am schnellsten, am weitesten.

im Voraus, im Übrigen, des Weiteren, zum Vornherein, aber wie früher klein: von vornherein; und um die Verwirrung komplett zu machen, dürfen ohne weiteres, seit kurzem usw. heute gross oder klein geschrieben werden.

Das Urteil der «Nutzer» des Deutschen über die Reformschreibungen ist übrigens auch hier eindeutig: Wo man das noch darf, schreiben heute fast alle klein.

«Auf Schritt und Tritt begegnen uns Schreibungen,

die die Reformer gewiss niemals beabsichtigt haben,

die aber ganz natürliche Folgen ihrer unüberlegten Änderungen sind.»

Kaum verwunderlicher Wildwuchs

Man kann über solche konzeptlose Willkür heulen, fluchen oder lachen, nur schweigen sollte man nicht! Längst sind die negativen Auswirkungen der Reform flächendeckend feststellbar. Auf Schritt und Tritt begegnen uns Schreibungen, die die Reformer gewiss niemals beabsichtigt haben, die aber ganz natürliche Folgen ihrer unüberlegten Änderungen sind, wie einschänken und Weihnachtsgeschänke oder, gravierender, ab zu reisen, zusammen zu lesen, dunkel blau, Geheimnis voll, Wut entbrannt oder eben Hunde müde, im Bereich der Gross- und Kleinschreibung Etliche, Andere, fünf Mal (auch ohne «besondere ­Betonung») und besonders häufig am Schönsten, am Liebsten usw. sowie gleich in beide Bereiche fallend zum wahnsinnig werden (auch zum W. w., zum w. W., zum W. W.), wo seit jeher nur zum Wahnsinnigwerden richtig ist. Es wird ein Weilchen dauern, bis solche Unsicherheiten wieder verschwinden.

Leider hat der Rat für Rechtschreibung von der sprachlichen Vernunft der grossen (schreibenden) deutschsprachigen Gemeinschaft keine sehr hohe Meinung. Wenn aber die allermeisten Leute heute wieder stromsparend schreiben, obwohl die ­Reformer in allen Positionen viele Jahre lang mit allen Mitteln versucht haben, die Getrenntschreibung Strom sparend durchzusetzen, so ist das eben just diese Macht des Demokratischen in der Sprache. Einseitige Dudenempfehlungen, darauf getrimmte Korrekturprogramme und die Eitelkeit der Politiker, die nie gerne zugeben, wenn sie etwas Dummes gemacht haben, sind freilich Hemmnisse für diesen sprachdemokratischen Prozess in der Rechtschreibung.

Die grossmundige Proklamation des Rechtschreibfriedens anlässlich der «Reform der Reform» im Jahr 2006 war reine Augenwischerei. Dieser kann überhaupt erst eintreten, wenn auch die noch verbotenen herkömmlichen Schreibungen wieder erlaubt werden und die Reformschreibungen sich ihnen stellen müssen – und zwar ohne die Hilfe reformlastiger Duden-Empfehlungen. Auch Gemse und jedesmal müssen ihre Chance ­bekommen. Dann wird alles sehr schnell gehen. Denn ob es den Reformern passt oder nicht: Die Reform war verfehlt, das wusste die Bevölkerung von Anfang an, und auch die Politiker haben es längst zugegeben. Wir werden alle miteinander die Reform 1996 zu dem machen, was sie zu sein verdient: ein kurzer Hustenanfall, ja wohl gar nur ein leises Räuspern in der jahrhundertelangen deutschen Sprachgeschichte. Die Millionen oder Milliarden, die sie verschlungen hat, müssen wir leider abschreiben.

Eine gute Rechtschreibung gleicht sauber geputzten grossen Fenstern in einem Panoramarestaurant in den Alpen. Genauso wie wir dort die schöne Aussicht geniessen wollen und durch schmutzige Fensterscheiben daran gehindert würden, möchten wir Texte um ihres Inhaltes willen lesen und nicht alle paar Zeilen auf eine Variantenschreibung oder eine sprachlich zweifelhafte Orthografieregel stossen, die uns verwirrt oder ärgert.

Zurück zur eingangs aufgeworfenen Frage! Niemand wird im Ernst annehmen, dass wir unser Leben, so durchdrungen von Digitalisierung es auch werden mag, je werden meistern können, ohne lesen und schreiben gelernt zu haben. Wenn sich die Politik nun aber endlich zusammenrauft und auch die letzten Reformschreibungen in einen fairen Konkurrenzkampf mit den herkömmlichen Schreibungen schickt, indem sie letztere wieder für richtig erklärt, so werden gerade die digitalen Helfer die Auswertung der Vorlieben der schreibenden Bevölkerung für die herkömmlichen oder die Reformschreibungen stark vereinfachen und beschleunigen. Dies wird die Spreu rasch vom Weizen trennen, gezielte Empfehlungen ermöglichen und so dafür sorgen, dass der echte Rechtschreibfrieden innert gut zehn Jahren wieder erreicht sein wird. Mit einer wiedererlangten einheitlichen und sprachrichtigen Rechtschreibung aber werden wir uns getrost auch den dannzumaligen Korrekturprogrammen anvertrauen können. Dass sie hingegen in alle Zukunft die zurzeit herrschende inkonsequente und willkürliche Rechtschreibung in unsere Hirne einbrennen werden, ist eine grausige Vorstellung.

Wie man eine
Rechtschreibreform durchsetzt

Man kann hundert Millionen Menschen nicht zu neuen Schreibweisen zwingen, man kann sie aber zum Mitmachen überreden. Die Geschichte der Reform von 1996 ist ein Lehrstück geschickter Propaganda und vorauseilenden Jasagertums.

 

Pläne für eine Reform der deutschen Rechtschreibung gingen seit je von Volksschullehrern aus. Durch die «emanzipatorische» Didaktik der 1970er Jahre erhielten sie neuen Schwung: «Unterprivilegierten» Kindern und Wenigschreibern sollte das Fortkommen erleichtert werden. Weil Schriftsteller, Wissenschafter und Journalisten sich stets gegen eine Veränderung ihres in Jahrhunderten ausgereiften Handwerkszeugs gestellt hatten und dabei einen Grossteil der lesenden Bevölkerung an ihrer Seite wussten, waren bisherige Reformbestrebungen mehrfach gescheitert.

Im Vorfeld der Reform von 1996 stand nach diesen Erfahrungen fest, wie vorzugehen war: Man musste die Schüler als Geiseln nehmen, um dann mit dem unwiderstehlichen Argument «Unsere Kinder schreiben schon reformiert» den Dingen ihren Lauf zu lassen. Dazu genügte es, eine Handvoll Ministerialbeamte zu gewinnen. Die flankierende Propaganda arbeitete mit dem bewährten Mittel: Falsche Behauptungen aufstellen und wiederholen, bis sie geglaubt werden. Das beste Beispiel: «Die bisherigen Rechtschreibregeln werden von 212 Duden-Regeln auf 112 verringert, die Komma-Regeln von 52 auf 9.» Die Duden-Richtlinien lassen sich zwar nicht mit dem Erlass der Kultusminister vergleichen, aber die Rechnung stimmt auch so nicht. Die Neuregelung ist umfangreicher als die entsprechenden 171 (nicht 212) Duden-Richtlinien, und die neue Kommaregelung umfasst wie die alte zehn DIN-A4-Seiten. Nur die neue Numerierung der Paragrafen täuscht eine verminderte Regelzahl vor. Dazu schrieb die Dudenredaktion in einer internen Anweisung: «Die inhaltlich falsche, aber politisch wirksame Formel ‹aus 212 mach 112› muss auch im Duden ihren angemessenen Ausdruck finden.»

Diese Propaganda setzte sich auch nach der handstreichartigen Einführung der Reform fort. So behaupteten die Reformbetreiber, die Reform habe «nachweislich deutliche Erleichterungen gebracht». Einen solchen Nachweis gibt es nicht und kann es nicht geben. Das «Mogeldiktat», mit dem 1997 bewiesen werden sollte, dass Schüler nach der Neuregelung weniger Fehler machen würden, erwähnen wohlweislich selbst Reformbefürworter nicht mehr, derart indiskutabel wurde dabei methodisch vorgegangen. Allzu bekannt ist dagegen die stete Abnahme der Rechtschreibleistungen deutschsprachiger Schüler sowie ein orthografisches Durcheinander in Druckmedien. Dass die Reform durch ihren ­Inhalt und durch die angerichtete Verwirrung ihren Anteil dazu beigetragen hat, ist nachgewiesen.

Die Reformbetreiber schieben den Kritikern die Schuld zu: Durch die von ihnen erzwungenen Revisionen sei die heutige Verunsicherung entstanden. Dagegen genügt der Hinweis, dass die Reformer zugleich mit der Reform einen Sammelband mit dem erstaunlichen Titel «Zur Neuregelung der deutschen Ortho­graphie. Begründung und Kritik (!)» herausbrachten. Darin artikulierten sie ihre Unzufriedenheit mit dem eigenen Werk und versäumten auch nicht, die Verantwortung für verschiedene Mängel den jeweiligen Kollegen zuzuweisen. Dass die Reformgegner noch vieles andere mit Recht kritisierten, bestätigten die von Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Umsetzung der Neuregelung betrauten Gremien1 durch zahllose Rückbaumassnahmen. Nur: Diese Korrekturen und Reparaturen wurden niemals als solche benannt. Stattdessen sprechen die Reformer von «Präzisierungen», «Anpassungen», «Arrondierungen» oder dem «Glätten von Unebenheiten».

Viele Menschen glaubten, die Reformschreibung sei für jeden Bürger verbindlich, darunter auch etliche mit erheblichem öffentlichem Einfluss. Der Allgemeine Deutsche Automobilclub begründete die Umstellung seiner Mitgliederzeitschrift – bis 2019 mit einer Auflage von über 13 Millionen Exemplaren auflagenstärkste Zeitschrift Europas – damit, dass laut Bundesverfassungsgericht «die neue Rechtschreibung Pflicht und die bisherige Schreibweise nicht mehr zulässig sei». Das stellt den Inhalt des Urteils auf den Kopf, das zwar die Einführung der neuen Rechtschreibung an Schulen nicht beanstandete, aber unmissverständlich schrieb: «Personen ausserhalb des Schulbereichs sind rechtlich an die neuen Regeln nicht gebunden; sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben.» Einen ähnlichen Putativgehorsam zeigten das «Deutsche Ärzteblatt», «Bild der Wissenschaft», «DIE WELT», «Geo» und viele andere. Noch bemerkenswerter als der sachliche Irrtum ist seine Voraussetzung: dass der Staat überhaupt befugt sein könnte, in die Sprache der ganzen Gesellschaft einzugreifen.

Die FAZ widersetzte sich jahrelang, bis sie nach entsprechender Bearbeitung durch den Vorsitzenden des Rechtschreibrates doch noch nachgab, dabei aber auf eine paradoxe Lösung verfiel: Angeblich um der Schüler willen folgt sie einer reformierten Hausorthografie, die gerade in solchen Fällen wie «rauh» (statt reformiert «rau») den Prunkstücken der Neuregelung widerspricht. Damit ist weder den Schülern noch den Lesern gedient, aber man bezeugt grundsätzliche Unterwerfungsbereitschaft. Mehr brauchten die Kultusminister nicht für ihren Triumph – sie zählen ohnehin nur die «ss».

Um die Folgsamkeit der Professoren machten sich die Reformer mit Recht keine Sorgen. Als im Frühjahr 1998 rund 1000 Hochschullehrer der philologischen Fächer um ihre Unterschrift unter eine reformkritische Petition gebeten wurden, kamen zwar in wenigen Tagen 800 Bestätigungen zusammen – ein traumhafter Rücklauf. Aber die protestierenden Bekenner schwenkten mit ganz seltenen Ausnahmen sehr bald auf die Reform um. (Laut dem Meinungsforschungsinstitut Allensbach ist heute immerhin jeder vierte Professor der Ansicht, an den Hochschulen solle die Verweigerung des Genderns nicht zulässig sein!) Auf der Website der Humboldt-Universität liest man: «Die Humboldt-Universität zu Berlin ist als Einrichtung öffentlichen Rechts dazu verpflichtet, die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung anzuwenden.» Der Reformer Peter Eisenberg stimmt zu: Reformverweigerer begingen «Dienstpflichtverletzungen, die disziplinarische Massnahmen nach sich ziehen können». Auf diese Pflicht will er sogar die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die öffentlich-rechtlichen Medien festlegen. Von der höchstrichterlichen Beschränkung auf die Schule ist nichts mehr übrig.

Die Hochschullehrer gaben den Druck an ihre Studenten weiter: «Es gelten die amtlichen Schreibungen» oder «Es gilt die neue Rechtschreibung», heisst es in ihren Hinweisen für die Gestaltung von schriftlichen Arbeiten. Selbst wenn Studenten bei der als «alt» diffamierten Rechtschreibung bleiben wollten – womit bei ihrer Vorliebe für alles «Neue» selten zu rechnen ist –, sind sie sich ihrer schwachen Position bewusst und fügen sich, kennen ja inzwischen aus ihrer Schulzeit auch nichts anderes mehr, verlassen sich auf das Korrekturprogramm oder übernehmen Textbausteine aus der reformfreudigen Wikipedia.

Auf diese Mentalität war auch anderswo Verlass: Als einige Zeitungen sich entschlossen, zur üblichen Schreibweise zurückzukehren, hackte niemand gehässiger auf sie ein als die Journalistenkollegen, die das nicht geschafft hatten. Dass die Zeitungen dann auch alle Leserbriefe und sogar bezahlte Familienanzeigen auf Reformschreibung umstellten, entsprach der Strategie der ­Reformer, die «alte» Schreibweise völlig dem Vergessen anheimzugeben. Sie werden ihrem Selbstläufer mit Vergnügen zugeschaut haben.

Der ehemalige bayerische Bildungsminister Hans Zehetmair, als Vorsitzender des «Rats für Deutsche Rechtschreibung» mitverantwortlich für die Durchsetzung der Reform, hat gelegentlich Zerknirschung zur Schau gestellt, aber dann wieder alles verdorben durch Bemerkungen wie diese: «Etwas sehr Erfreuliches … hat die Rechtschreibreform ganz sicher mit sich gebracht: die intensive, ja bisweilen leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache und ihrer Orthografie. … Sprache ist wieder zum Thema geworden.»2 Es gibt erfreulichere Anlässe, sich mit der Sprache zu beschäftigen, als dieses Beispiel staatlicher Machtausübung.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Sprachpflegevereinigung der Schriftsteller und Gelehrten, hatte sich zunächst gewehrt und 1997 einstimmig ein Gegenprogramm zur Rechtschreibreform verabschiedet, bevor sie sich im Januar 1999 zum Mitmachen überreden liess. Dies geschehe «angesichts der Machtverhältnisse» – ein seltsamer Massstab für eine Sprach- und Literaturakademie. Wie es zu gehen pflegt, beugte sich ihr Präsident Klaus Reichert nicht nur nach oben, sondern trat nach unten. Als einige Mitglieder um den Lyriker Wulf Kirsten gegen den Kotau zu protestieren wagten, zog er sie wie Schuljungen am Ohr und unterstellte den Abtrünnigen, dass sie «die alte Rechtschreibung fetischisierten und vor keinem Mittel der Agitation zurückscheuten und dabei auch Schriftsteller und Journalisten auf ihre Seite brachten, die mangels Kenntnissen nicht wissen konnten, wie kompliziert die Sache der deutschen Rechtschreibung in Wirklichkeit war». Wohlgemerkt: Bei den Zurechtgewiesenen, denen Reichert einen solchen Grad von Ignoranz unterstellte, handelte es sich um Mitglieder wie Günter Grass, Elfriede Jelinek, Thomas Hürlimann oder Vicco von Bülow (Loriot). – Die Akademie nahm später ihre beiden Sitze im Rat für deutsche Rechtschreibung ein und wirkte an der Rettung der Reform mit. Die Mitglieder wurden nie befragt, hielten aber still; so gross war ihr Interesse denn doch nicht.

Die allgemeinsten Interessen haben die geringsten Chancen, sich durchzusetzen, weil sie am wenigsten organisiert sind. Die Sprache hat viele Fürsprecher, aber keine Lobby.

Lingua franca – das Original

Zur bleibenden Wirkung der ersten Weltsprache Latein.

 

Anfänge sind oft unsicher. Wer das Bewusstsein hat, der erste zu sein, irrt vielleicht und hat jedenfalls kaum Zeit, der Nachwelt seinen Anfang deutlich zu bekunden; er muss handeln. Vieles zeigt sich erst dem Rückblick als Beginn, und in der allgemeinen Unsicherheit der Überlieferung und Deutung bleibt mancher Ursprung verschwommen.

res publica

Die Urkunde von 1291, die als Schweizer Bundesbrief bezeichnet wird, ist unscharf auf Anfang August datiert; daraus hat man im 19. Jahrhundert als Nationalfeiertag den 1. August gewonnen. Der Weg von den nüchternen Vereinbarungen, die sie festhält, zu Friedrich Schillers feierlichem Rütlischwur «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern» ist lang. Es ist der Weg durch die steinige Wirklichkeit ins Reich begeisternder Ideen. Das Schriftstück sollte als amtliches Dokument in einem grossen geistigen Raum wirken, und so ist seine Sprache Latein; heute wäre sie Englisch. Die Worte, die der ungenannte Schreiber wählte, trugen eine ganze Welt in die Innerschweiz. Wenn die Satzungen dem Gemeinwohl dienen wollen (pro communi utilitate), so spricht der Römer Cicero mit, der den Staat als die Sache des Volkes bestimmt und das Volk als Gemeinschaft derer, die sich in der Rechtsauffassung und in der Gemeinsamkeit des Nutzens verbunden wissen (utilitatis communione). Es ist bemerkenswert, dass Cicero nichts sagt von Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion. Unserem «Staat» entspricht das lateinische res publica, die «öffentliche Sache». Alle Wörter der lateinischen Sprache werden seit 125 Jahren in München untersucht und im Wörterbuch Thesaurus linguae Latinae (Schatzhaus der lateinischen Sprache) gesammelt. An res publica arbeitet zurzeit der junge amerikanische Philologe Adam Gitner, und es ist eine offene Frage, ob sich feststellen lässt, wann die zwei Wörter zum festen Begriff geworden sind, wie wir ihn in anderen Sprachen kennen: die Republik, la république, the republic, la repubblica. Für das Verständnis dieser Staatsform ist die Grundbedeutung wesentlich, und wem als Übersetzung «die öffentliche Sache» zu kühl wirkt, dem sei «die gemeinsame Sache» vorgeschlagen.

civilization

Im Nürnberger Gerichtsverfahren gegen die führenden Nationalsozialisten sprach Robert H. Jackson, Hauptankläger der Vereinigten Staaten von Amerika, am 21. November 1945 den klassischen Satz, die wahre Klägerin vor den Schranken dieses Gerichts sei die Zivilisation: «The real complaining party at your bar is Civili­zation.» Was Zivilisation ist, weiss im Umriss jeder; ein Blick auf den Kern des Wortes sieht den römischen Bürger (civis). Zwei Geschichten erzählen von ihm. Der Historiker Livius überliefert die Sage vom Helden Gaius Mucius Scaevola, der, als Rom von den Etruskern belagert wurde, den Plan fasste, Porsenna, ihren König, zu töten. Nach missglücktem Anschlag bekannte er stolz, er sei römischer Bürger (Romanus sum civis), und streckte, um zu bekräftigen, dass der Römer bereit ist, alle Folgen seines Mutes zu tragen, die Rechte in ein Flammenbecken; er legte seine Hand ins Feuer. Die zweite Geschichte steht im Neuen Testament. Als der Apostel Paulus in Jerusalem von der römischen Besatzungsmacht verhaftet wurde, verwies er auf sein römisches Bürgerrecht. Der Hauptmann machte dem Oberst Meldung, und der, heisst es, habe sich gefürchtet, da er einen civis Romanus unter Peitschenhieben hatte verhören lassen wollen. Hier geht es nicht um das stolze Selbstbewusstsein des ­römischen Bürgers, sondern um sein Recht. Das Bürgerrecht Roms bedeutete in jener Zeit vor allem Rechtssicherheit, nämlich Schutz vor körperlichen Strafen und die Möglichkeit, beim Kaiser Berufung einzulegen. Diese Berufung nahm Paulus später von Caesaréa aus wahr. In der Apostelgeschichte steht für den civis Romanus meist «Römer» oder «römischer Mensch». Die Wissenschaft prüft, wann genau im Lauf der Zeit das Bewusstsein wach geworden ist, dass der Mensch überhaupt, ohne jedes weitere Wort, grund­legende Rechte hat. Noch zu erwarten ist der Tag, an dem dieses Bewusstsein von allen Menschen geteilt wird.

humanity

Im Nürnberger Prozess lautete der vierte Anklagepunkt auf «Verbrechen gegen die Humanität» (crimes against humanity). Hinter dem englischen und unserem Fremdwort steht das lateinische ­humanitas und prägt sie bis heute; bezeichnend für die Bedeutung ist ein Vorfall aus dem Zweiten Punischen Krieg. Gegen die Stadt Locri, die von Rom zu Karthago abgefallen war, schickte Rom zwei Militärtribune mit dreitausend Mann und als Kommandanten Pleminius, der eigene Soldaten befehligte. Die Karthager mussten die Stadt aufgeben, und die römischen Soldaten begannen zu plündern und die weiteren Schandtaten des Krieges zu begehen. Ein Soldat des Pleminius raubte einen silbernen Becher und wurde von den zwei Tribunen aufgehalten, die ihm, wohl um die militärische Ordnung wiederherzustellen, den Becher abnehmen liessen. Folge: ein Streit, der zu Auseinandersetzung und Gefecht zwischen den Soldaten des Pleminius und denen der Tribune auswuchs. Pleminius nahm, was schwer zu begreifen ist, die Partei seiner plündernden Leute und wollte die Tribune sogleich der Prügelstrafe unterwerfen. Nun griffen deren Soldaten in blinder Wut Pleminius an und töteten ihn fast. Sie handelten, wie Livius schreibt, ohne Achtung (respectus) vor seinem hohen Rang (maiéstas) und vor der Humanität (humanitas). Was meint Livius mit dem Wort? Wenn maiéstas die Hoheit ist, die einen Menschen zum Amtsträger macht und die zu achten ist, so steht humanitas für das eigentliche Wesen des Menschen, für Anstand, Bildung, Freundlichkeit und, hier besonders spürbar, für sein Mitgefühl, das zu wahren ist. Das lateinische und englische Wort ist mit «Menschlichkeit» gut wiedergegeben, und dass die Verletzung dieser Menschlichkeit in Nürnberg als Verbrechen durchgesetzt wurde, bedeutet einen Fortschritt.

Den Artikel über humanitas im Nachschlagewerk «Real-Enzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft» schrieb Isaak Heinemann. Wenige Jahre nach der Veröffentlichung wurde er seiner jüdischen Herkunft wegen aus Deutschland vertrieben.

 Silsersee

Was bedeutet der Mensch für den Menschen? In der Zeit, als das schreckliche Corona-Virus fast alle Sport- und Feriengäste aus dem Oberengadin heimgeschickt hat oder fernhält, fahre ich auf Langlaufski über den Silsersee. Ich fahre unter blendender Sonne und blauem Himmel, und meine Jacke ist leuchtend rot. Die Verkäuferin im verwaisten Bäckerladen des leeren Bahnhofs hielt mich für einen Beamten der Rhätischen Bahn und wollte mir den üblichen Preisnachlass gewähren. Bei St. Moritz und Silvaplana sind die Seen bereits gesperrt, und ob das Silser Eis noch sicher trägt, weiss ich nicht. Die Luft ist freilich kalt. Meine Latten zischen und knirschen in den eisigen Spuren, ein schabendes Rasiermesser klingt und ich höre das Bohren des Zahnarzts. Wie ich dahingleite und über die Ebene und in die Sonne schaue, denke ich, die alte Ansicht habe doch etwas für sich, dass die Erde eine Scheibe ist. Ab und zu knackt es. Zeigen sich Sprünge? Ein Grunzen fährt durch die Eisdecke. Der See ist ein graublauer gefrorener Walfisch, ich rutsche über seinen gefurchten Rücken. Wie, wenn er jetzt erwacht, seine Schwanzflosse hochschlägt und abtaucht? Plötzlich ist die Panik nahe, fast wende ich. Da sehe ich in der Ferne zwei Skiläufer, die mir entgegenkommen. Sie sind der Hoffnungsanker meines Blicks; wenn sie es wagen, wage ich es auch, und ihre Sicherheit macht mich sicher. Vielleicht blicken sie mit derselben Zuversicht auf mich in meiner roten Jacke und wir bestärken uns gegenseitig auf dem Weg ins Unglück.

 Essay

Essay ist ein erlesenes Wort für einen Aufsatz. Nach seinem lateinischen Ursprung (exagium) bedeutet es «das Wiegen, Abwägen, Prüfen». Zum Namen einer literarischen Form hat es Montaigne gewählt und zugleich diese Form geprägt, so dass, wer einen Essay schreibt, leicht in den geräumigen Schatten des französischen Denkers gerät. Einer seiner Vorgänger und Meister ist der römische Philosoph Seneca. Seneca vergleicht unsere Gesellschaft (societas nostra) mit dem gewölbten Bogen, mit dem die bauenden Römer grosse Gewichte tragbar machten. Die einzelnen Steine neigen sich gegeneinander und würden fallen, wenn sie sich nicht im Fallen aufhielten. So bilden sie den Bogen, der vieles trägt. Dass sich die Steine sozusagen in ihrer Schwäche gegenseitig halten, macht das Ganze stark.

Die Arbeit an Wörtern und ihrer Geschichte hilft, die Begriffe zu klären. Klare Begriffe begeistern zum Handeln. Volle Klarheit erhalten sie, wenn sie zu Wirklichkeiten werden.

«Haben Sie einen Sack für mich?»

Manchmal sind es sprachliche Eigenheiten, die uns an die Heimat erinnern. Aber welche Heimat eigentlich? Eine moderne Odyssee aus der Fünften Schweiz.

«Haben Sie einen Sack für mich?»
Bild: Djamila Grossman.

 

Woher ich komme? Immerhin erkannte der Zürcher Herr, mit dem ich inmitten von Berlin auf Schweizerdeutsch konversierte, dass ich, Berndeutsch sprechend, aus Bern kommen musste. Was für manch einen die einfachste Frage auf Erden ist, bedeutet für andere ein sofortiges Abtasten unterschiedlichster Erinnerungen, emotionaler Momentaufnahmen, Erfahrungen von einst und die Frage nach dem Jetzt. Und woher komme ich denn nun wirklich? Weiss ich es? Werde ich es je wissen, wie andere aus einer grundlegenden Überzeugung heraus sagen können, sie kämen aus Bern? Wenn ich sage: Ich bin Schweizerin, dann kommt’s mir vor wie Verrat, als würde ich etwas verschweigen. Ich bin’s ja, aber da ist noch etwas anderes: Vergangenes, das in die Gegenwart wirkt. Mag sein, dass man die Heimat verlassen und eine neue Heimat finden kann; was geschieht aber, wenn man auch diese zweite Heimat verlässt?

Während ich einst noch sagen konnte: Mehr als mein halbes Leben habe ich nun in der Schweiz verbracht, muss ich heute eingestehen, mindestens ein Drittel meines Lebens irgendwie deutsch gelebt zu haben. Wenn ich aber heute noch sagen kann: I am Swiss, so könnte ich niemals behaupten: Ich bin aus Deutschland, geschweige denn: Deutsche, immer nur, dass ich in Deutschland lebe. Warum ist das so? Und was ist mit England, wo ich ebenfalls mehrere Jahre gelebt habe und immer wieder forsche?

Aber eines nach dem anderen. Die Schweiz, das war für mich zunächst Adelboden und Adelbodnerdeutsch, reinste Luft, weisse Weihnachten, das Dorfschulhaus; es folgte die Hauptstadt und das gemütliche Berndeutsch, dort das multikulturelle Lorraine-Quartier, dann aber zog es mich allmählich in den Westen zum Dreiseenland, zuerst La Neuveville (Neustadt) mit wöchentlichen Reisen nach Neuchâtel (Neuenburg) zum Théâtre du Passage und einigen Abstechern nach Murten, auch Morat genannt, und schliesslich Vevey und Lausanne am prächtigen Lac Léman. Zum Berndeutschen und Hochdeutschen gesellte sich das Französische hinzu, zuletzt sprach ich nicht nur Französisch, ich schrieb, dachte, ja träumte französisch; ich fühlte mich welsch. Diese Sprachen waren mir zu dem geworden, was man gemeinhin als Muttersprache bezeichnet, das Albanische blieb irgendwie hängen, einfachste Gespräche mit der Familie, mehr nicht. Doch mit jedem neuen Ort verlagerte sich auch die (innere) Ausrichtung. In der deutschsprachigen Schweiz leben hiess immer, willentlich oder auch nicht, nach Deutschland schielen, derweil wir am ­Genfersee meinten, Paris sei das Zentrum der Welt. Zwischen Bern und Lausanne zu pendeln, war, trotz der kurzen Stunde, heftiges Oszillieren zwischen Kulturen.

Sprach ich Schweizerdeutsch, konnte keiner erkennen, dass ich kosovo-albanischer Herkunft war; mein Akzent im Französischen erweckte bei vielen den Anschein, ich sei Italienerin, aber niemals hätte man mich mit meiner wahren Abstammung in Verbindung gebracht, was mir recht war. Manchmal war’s Scham, doch gelegentlich dienten mir meine kosovarischen Wurzeln auch als Trumpfkarte, der Überraschungseffekt war garantiert, insbesondere wenn ich es mit einer Person gleicher Abstammung zu tun hatte. «Qysh bre, a shqiptare je a?» Eine Fremdsprache so sprechen zu lernen, dass es keiner merkt. Nirgends war mir das wichtiger als in Deutschland, wohin es mich dann verschlug. Ich hatte noch in der Schweiz zu üben begonnen; Bühnendeutsch war unser Ziel, wir, die wir Schauspieler werden wollten und die Berner Bühnen eroberten, nun, zumindest die des Schlachthaus-Theaters. Mir sollte nie wieder ein Missgeschick widerfahren wie einst in einem Leipziger Supermarkt, als ich die Verkäuferin fragte, ob sie einen Sack für mich hätte. Im Hochdeutschen zu Hause sein bedeutete auch, allmählich die Helvetismen aus dem Vokabular zu streichen, «das tönt gut» hiess von nun an «das hört sich gut an», und es kam der Tag, da war ich, zumindest was meine Aussprache anbelangte, ganz deutsch.

Und damit begann sich die ohnehin bereits sehr intrikate Herkunftsthematik zu einem gordischen Knoten zu schlingen. Früher hatte ich mich in der Schweiz «nur» als Kosovarin zu erkennen geben können. Nun aber, war ich in der Schweiz zu Besuch, konnte, ja musste – wollte? – ich mich ausserdem als Schweizerin oder zumindest Schweizerdeutschsprechende zu erkennen geben. Traf ich Freunde, sprachen wir selbstverständlich Schweizer­deutsch miteinander; die Schwierigkeit ergab sich erst, wenn ich berufsbedingt dort auftreten musste, wo man naturgemäss Hochdeutsch spricht: in akademischen Kreisen. Ich konnte unmöglich einen Schweizer Akzent auflegen, nur weil wir gerade in der Schweiz waren; meine deutschen Kollegen hätten sich totgelacht. Wenn ich mich später inmitten eines Gesprächs doch zu erkennen gab und etwas auf Berndeutsch sagte, war das Entsetzen einiger Urschweizer gross: wie seltsam, dass ich nicht gleich Schweizerdeutsch gesprochen hätte. Als müsste mir auf der Stirn stehen: Schweizerin. Auch diese unmissverständliche Bezeichnung hätte aber mein Wesens-Enigma nicht zu vereinfachen vermocht: Ich, eine Schweizerin? Es wäre nur die halbe, womöglich noch geringere Wahrheit gewesen. In diese Wunde legte so mancher seinen Finger, freilich ohne dies ahnen zu können, wie einst in Lindau, als ich einer Schweizerin vorgestellt wurde mit dem Hinweis: «Frau Latifi ist auch Schweizerin»; wir geben uns die Hand, sie fragt: «Eine echte?» Auch in England nun, in London, wo ich ­zwischendrin einige Jahre lebte, gab’s keine einfachen Antworten, auch weil dort, etwas provokativ gesagt, die Mehrheit meint, alles, was sich im deutschsprachigen Raum bewegt, sei German. Die Frage «Where do you come from?» war wie ein Stachel im Fleisch. Buchstäblich war ich gerade aus Deutschland gekommen, «from Germany». Aber diese Jahre in Deutschland hatten mich nicht in eine Deutsche verwandelt. Ich musste also hinzufügen: «Actually, I am from Switzerland, but I have lived in Germany for many years.» Und wenn ich einfachheitshalber dabei blieb: «I am Swiss, from Switzerland», befürchtete ich, mein Name könnte mich verraten und ich müsste wieder weit ausholen. Seltsamerweise nahm kaum einer daran Anstoss, manche glaubten sogar zu wissen: «Latifi, that is a very Swiss name, isn’t it?»

Was ist mir die Schweiz? Sie ist Sprachenvielfalt und multi­dialektale Besonderheit; das heimelig anmutende Empfinden eines sonderbaren Inseldaseins: inmitten des europäischen Kontinents, ja in seinem Herzen und zugleich in der Peripherie; stolz, mittendrin zu sein und doch willentlich aussen vor bleiben zu können. Ihre Magie geht aus ihrer tatsächlichen Verschiedenheit hervor, der unvermeidlichen Aussicht auf das, was die Schweiz umgibt, nämlich die grosse europäische Welt, direkt vor unserer Haustür.

Eingemauert im eigenen Körper

Die Bedeutung von Kommunikation wird einem bewusst, wenn man die Fähigkeit dazu verliert. So wie ich, als ich nach einem Schlaganfall weder sprechen noch mich bewegen konnte.

 

Was ist, wenn man nicht sprechen kann? Man kommuniziert mit Hilfe eines Stiftes. Was ist, wenn man das Sprachvokabular verloren hat? Man kompensiert es durch Mimik, Gestik sowie gezeichnete Piktogramme und macht sich damit verständlich. Was aber, wenn man nicht sprechen kann und zu keiner ­Motorik fähig ist? Dann hat man die Fähigkeit zur Kommunikation verloren – man ist wie in sich selbst eingeschlossen.

Das sogenannte Locked-in-Syndrom stellt neben dem Tod die wohl schärfste Bedrohung der menschlichen Existenz dar. Dies mag auch der Grund sein, warum Literaten wie Alexandre Dumas in «Der Graf von Monte Christo» und Emile Zola in «Thérèse ­Raquin» sich dieses Themas annahmen. Die Medizin bearbeitete es erst rund hundert Jahre später und fand den passenden Fachbegriff dafür (locked-in = eingeschlossen).

Ich erlebte das Locked-in-Syndrom nach einem schweren Schlaganfall. Mein gesamter Körper war gelähmt, auch Sprechen und Schlucken waren nicht möglich. In der Anfangszeit musste ich beatmet werden. Da ich nicht sprechen konnte und unfähig zu jeglicher Motorik war, konnte ich keinerlei Kontakt mit der Umwelt aufnehmen.

Ich war wach, mein Verstand war klar, doch ich war in meinem Körper eingemauert und konnte nicht mehr kommunizieren. Ja ich hatte das Gefühl, einen Körper zu besitzen, verloren. Auch hatte ich kein Ich-Gefühl mehr. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, realisierte ich nicht, in welchem Zustand ich mich befand. Wahrscheinlich ist die Verdrängung der Realität die schärfste Waffe, die unsere Psyche in einer derartigen Extremsituation zu bieten hat. Trotzdem war der Verlust der Kommunikationsfähigkeit und jeglicher Selbständigkeit für mich das Schlimmste an meinem Zustand.

Es gab jedoch auch Situationen, in denen mir meine Hilflosigkeit auf schmerzhafte Weise bewusst gemacht wurde. Direkt nach dem Schlaganfall wurde ich von einem Krankenwagen in die nächstliegende Notfallklinik gebracht. Im Wagen beugte sich ein Sanitäter über mich und sprach die Worte «und Exitus». Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass ich gerade für tot erklärt worden war. Ich versuchte mich irgendwie bemerkbar zu machen – keine Chance. Panische Angst stieg in mir auf, als ich dachte: «Bringen die dich jetzt ins Leichenschauhaus oder landest du sogar auf dem Seziertisch?» Die Situation liegt, als ich diesen Text schreibe, fast auf den Tag genau 25 Jahre zurück. Mir ist sie so gegenwärtig, als sei sie gestern passiert.

Ich bin dann doch nicht im Leichenschauhaus oder der Pathologie gelandet. Nach einigen Tagen konnte ich die Augen öffnen und schliessen. Damit war es möglich, eine einfache Ja-Nein-Kommunikation aufzubauen. Auf gestellte Fragen konnte ich mit einmaligem (für «Ja») oder zweimaligem Augenschluss (für «Nein») antworten. Später wurde diese Kommunikation erweitert. Pflegekräfte fragten einzelne Buchstaben ab, und so konnte ich mit ihrer Hilfe ganze Worte und Sätze bilden. Extrem langsam zwar – aber welche Erleichterung das bedeutete!

Durch diese Erfahrung wurde mir mehr denn je bewusst, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und was das bedeutet. Wir müssen uns ständig mit unseren Mitmenschen austauschen. Ist dies nicht mehr möglich, geht ein wesentlicher Teil der Lebensqualität verloren. Ein betroffener Arzt, Steffen Sassie, formulierte es so: «Wie zu erkennen ist, läuft es immer wieder auf eines hinaus: die Kommunikationsfähigkeit. In der Tat ist sie mir am wichtigsten. Ihr sind alle anderen Dinge und Fähigkeiten untergeordnet: die Beendigung der künstlichen Beatmung, der künstlichen Ernährung, wieder selbständig laufen zu können.»3

«Man kann nicht nicht kommunizieren», lautet ein berühmter Satz des Philosophen und Psychoanalytikers Paul Watzlawick. Ich weiss es besser. Die Erfahrung zu machen, wünsche ich aber niemandem.