Das Monster des Moralismus

Die Rückkehr der Moralfrage in Politik, Technologie und Kultur.

Für die Unterstützung dieses Dossiers danken wir der JT International AG.

Inhalt

Die Rückkehr der Moralfrage in Politik, Technologie und Kultur.

Das Monster des Moralismus

Die Rückkehr der Moralfrage in Politik, Technologie und Kultur.

 

«Bleiben Sie zu Hause. Bitte. Alle.» Dank beträchtlichem Einsatz von Steuergeldern ist das an jeder Ecke zu lesen, auf Plakaten, in Inseraten, auf Polizeiautos. Darum haben die Behörden eindringlich gebeten, und bisher sind die Bürger dem gefolgt. Doch wie lange noch? «Der Schweizer murrt zuerst, und dann folgt er nicht richtig», sagte kürzlich Publizist Markus Somm in einem Interview mit den CH-Media-Zeitungen.

Genau so ist es ja auch richtig. Wer selbst über die Folgen seiner Taten nachdenkt und danach handelt, verhält sich zumeist eigenverantwortlich und sozialverantwortlich. Ein freier Mensch benötigt keinen Aufpasser, keine Nanny, keine Gouvernante – überhaupt niemanden, der ihm sagt, was er zu tun, zu lassen, zu sagen hat. Als Demokrat hält er sich an die Gesetze des demokratisch legitimierten Rechtsstaats, und darüber hinaus muss er gar nichts. Wie wir ­Bürger ­leben und reden wollen, hat die Behörden nicht zu interessieren.

Wie dreist sich der Staat dennoch anmasst, sich einzumischen, macht die Coronakrise nun ­allen deutlich. Das Neueste kommt aus Singapur: Ein mit Kameras ausgestatteter Roboterhund streift durch die Parks und ermahnt die Besucher, gebührenden Abstand zueinander zu halten. Bei uns ist’s noch nicht ganz so weit, hier informiert erst die Tür der S-Bahn, sprachlich ­einigermassen abenteuerlich: «Bitte während der Fahrt sich gut festhalten!» – man wäre nie von selbst darauf gekommen. Die Durchsagen im Tram, im Lebensmittelladen, durch das ­Megafon der Polizei, vor, in und nach den Radionachrichten häufen sich. Meistens sind es Verhaltens­anweisungen, durch die nur die gefühlte Sicherheit steigt, nicht aber die ­tatsächliche.

Was war zuerst da, der entmündigende Staatsapparat oder der zunehmend unmündige Bürger? Das Huhn oder das Ei? Finden Sie es selbst heraus. Lesen und eigene Schlüsse ziehen reicht.

Gute Lektüre wünscht

Die Redaktion


Für die Unterstützung dieses Dossiers danken wir der JT International AG.
Redaktionell verantwortlich ist der «Schweizer Monat».

Alexander Grau, zvg.

Die letzte Ideologie

Von der Moral über die Hypermoral zum Hypermoralismus.

 

Wir leben im Zeitalter der Hypermoral. Egal ob es um Migration geht, um Klimaschutz, Wirtschaft, Verkehr, Bildung oder Forschung: So gut wie jedes politische Thema wird umgehend in einen Jargon aufgekratzter Moralität überführt. Und nicht nur das: Bei all dem fällt auf, dass die Bewertung dessen, was gut oder schlecht, erwünscht oder weniger erwünscht ist, anhand linker Politkoordinaten verläuft: Gut ist demnach alles, was sozial, nachhaltig, friedliebend und gerecht ist. Das Ideal ist die bunte, multikulturelle, ökosozialpazifistische Gesellschaft. Wer diesen Idealen widerspricht, gilt als verdächtig oder schlimmer noch: als überführt.

Diese historisch einmalige Reputation und Allgegenwart moralischer Begründungen des politischen und gesellschaftlichen Handelns ist dringend erklärungsbedürftig. Nicht dass in anderen Epochen moralisch begründete Handlungen und Restriktionen keine Rolle gespielt hätten – im Gegenteil. Doch erstmals in der abendländischen Kulturgeschichte ist Moral heutzutage nicht länger der Ausdruck eines übergeordneten und normierenden Wertesystems wie etwa der Tradition oder einer Religion. Der moderne moralische Diskurs kreist vielmehr ausschliesslich um sich selbst und bekommt damit nicht nur eine singuläre Geltung, sondern zugleich eine meinungsbildende Monopolstellung, die andere Erwägungen diskreditiert. Geradezu reflexartig werden etwa technische, wissenschaftliche oder ökonomische Probleme zu moralischen Fragen umgedeutet und in einen süsslichen Moralismus übersetzt.

Hinzu kommt, dass die Moral vom Privaten ins Politische verlagert wurde. Kreisten noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts moralische Diskurse weitgehend um die private Lebensführung, also um das, was einmal Sitte und Anstand hiess, so wurden moralische Überlegungen weitgehend in den Bereich des Gesellschaftspolitischen verbannt. Für das sich selbst verwirklichende Individuum hat das den unbestreitbaren Vorteil, eine dionysisch-hedonistische Lebensführung mit maximaler moralischer Rechthaberei verbinden zu können – eine kulturhistorisch singuläre Konstellation.

Verlagerung der Moral vom Privaten ins Politische

Erstaunlich an dieser Entwicklung ist dabei weniger die Moralisierung von Sachfragen an sich, sondern vielmehr die Kompromisslosigkeit, mit der dies geschieht. Denn natürlich kann man so ziemlich jede private oder gesellschaftliche Frage auch moralisch betrachten. Die Penetranz und Ausschliesslichkeit, mit der dies heutzutage geschieht, ist jedoch auffällig und erklärungsbedürftig.

An dieser Stelle könnte man natürlich einwenden: Wo liegt eigentlich das Problem? Ein Zuviel an Moral kann es schliesslich nicht geben. Ist es nicht ein Gewinn, wenn moralische Probleme nicht zynisch wegdiskutiert werden? Und ist es nicht ein Fortschritt, wenn moralische Fragen nicht auf Grundlage irgendwelcher Traditionen diskutiert werden, sondern auf Basis einer im besten Fall universalen ethischen Vernunft? Handelt es sich dabei letztlich nicht um einen Triumph der Aufklärung, einen Sieg der vernunftorientierten Argumentation?

So könnte es sein. Doch leider: Der Eindruck täuscht. Abgesehen davon, dass es natürlich immer ein Zuviel an Moral geben kann: Die Inbrunst und die Emphase, mit denen in den westlichen Gesellschaften politische und private Fragen moralisch hochgekocht werden, zeigen, dass es mitnichten um rationale Erwägungen und nüchterne Entscheidungen geht. Vielmehr dient die Moralisierung quasi aller gesellschaftlichen und politischen Fragen der Emotionalisierung und damit der Massenmobilisierung im Kampf um die öffentliche Meinung. Genauer gesagt: Massenmedial geprägte Demokratien modernen Zuschnitts können Sachfragen kaum anders kommunizieren als im Modus der Erregung und Empörung. Das liegt in ihrer Logik. Und nichts empört oder erregt so sehr wie der Streit um das Gute.

Doch moralische Debatten haben nicht nur ein enormes Emotionalisierungspotenzial. Indem sie Gefühle mobilisieren, entlasten sie zugleich vom Nachdenken. Das macht sie so erfolgreich. Moralische Normen bilden das Wohlfühlbecken, in dem die Seele des modernen Menschen munter planscht, den intellektuellen Wellnessbereich, in dem sich das Gemüt beschützt sieht vor den kalten Winden rationaler Begründung und nüchterner Erwägung.

Der Zorn der Empörten und Selbstgerechten

Doch Moral fühlt sich nicht nur gut an, sie verschafft auch eine einmalige rhetorische Ausgangsposition, mit der man etwaige Gegenargumente im Keim ersticken kann. Wer es wagt, zumindest in Erwägung zu ziehen, ob Atomkraft vielleicht doch eine sinnvolle Übergangstechnologie sei, wer darauf hinweist, dass es notwendig sein könnte, Armutsmigration zu unterbinden, oder wer gegen Quotenregelungen argumentiert, der bekommt umgehend den geballten Zorn der Empörten und Selbstgerechten zu spüren. Und da Moralisten in dem Bewusstsein leben, das Gute an sich zu vertreten, sind etwaige Kritiker zum verbalen Abschuss freigegeben und werden, je nach Thema und Ausgangslage, als neoliberal, kapitalistisch, militaristisch, sexistisch oder noch schlimmer gebrandmarkt.

Damit trägt der grassierende Moralismus nicht nur zu einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zu einer extremen Ideologisierung aller möglichen Debatten und Streitfragen bei. Seine rhetorische Schlagkraft und Vehemenz gewinnt er dadurch, dass er zum letzten Gewissheitsanker einer Gesellschaft wird, die tief verunsichert ist von der Beliebigkeit aller Institutionen und Sinnangebote. Allein der Glaube an das Gute scheint die letzte Gewissheit aller jener zu sein, die ansonsten an gar nichts mehr glauben. Moral ist unsere letzte Religion. Das ist auch der einfache Grund dafür, dass die Kirchen ihrerseits Religion im wesentlichen auf Moral reduziert haben.

Entsprechend wird das Gute zum Fetisch der halbaufgeklärten Gesellschaft, zum Zaubermittel, das allein den Kontakt zu einer höheren Sinnwelt zu garantieren scheint. Doch Religionen kennen nur Fromme oder Ketzer, Gläubige oder Verblendete. Und so hält mit dem Moralismus eine manichäische Rhetorik Einzug in die gesellschaftlichen Debatten: Es gibt nur noch Hell oder Dunkel, das Reich des Lichtes oder das der Schatten. Wer sich der herrschenden Moral und ihrer aufgeblasenen Selbstgewissheit verweigert, hat nicht einfach nur eine andere Meinung, er wird zum Häretiker. Der Moralismus wandelt sich zum Hypermoralismus, also der Vision einer ausschliesslich nach rigiden moralischen Normen organisierten Gesellschaft.

Der quasireligiöse Status, den die Moral in den Gesellschaften des Westens geniesst, ist ein Ergebnis der Aufklärung. Diese entlarvte traditionelle Moralvorstellungen als Produkte der jeweiligen Kultur, der Lebensbedingungen oder Herrschaftsinteressen. Demgegenüber versuchte sie, Normen und Werte vernünftig zu begründen und ihnen so eine rationale Basis und universelle Gültigkeit zu geben.

Doch leider lassen sich moralische Vorstellungen nur bedingt rational begründen. Sie sind immer Produkte irrationaler Vorentscheidungen, von Vorlieben, Ressentiments und Affekten. Mehr noch: Der Anspruch der Aufklärung, Moralvorstellungen ausschliesslich rational zu begründen, zementierte deren totalitären Charakter. Denn kulturelle Überlieferungen kann man hinterfragen, nicht aber angebliche Gebote der Vernunft.

Allerdings gibt es nicht nur eine Vernunft, sondern viele Vernünfte. Und so entlarvten sich die angeblich voraussetzungslosen Vernunftgründe sehr bald als Aspekte umfassender Ideologien. Aus dem Zusammenprall unterschiedlicher Moralen wurde so ein Krieg der Weltanschauungen.

«Der Hypermoralismus pathologisiert

alle abweichenden Einschätzungen

und baut damit zugleich eine Drohkulisse

auf, um abweichende normative

Debatten im Keim zu ersticken.»

Moral, die letzte Ideologie

Mit dem Zusammenbruch der Grossideologien des 19. Jahrhunderts emanzipierte sich die Moral schliesslich von allen übergeordneten normativen Vorstellungen. Waren Sozialismus, Nationalismus und Liberalismus im Kern geschichtsphilosophische Konzepte, aus denen erst eine Moral abgeleitet wurde, so wurde nun Moral selbst zum Ziel der Geschichte ernannt. Aus der Asche der Weltanschauungen stieg der Phoenix der Moral als letzte Ideologie. Das erklärt den autoritären und verbissenen Anspruch, mit dem sie in postmodernen Gesellschaften auftritt.

Tatsächlich ist der moderne Hypermoralismus die einzige und konsequente Ideologie des postideologischen Zeitalters. Nur eine Moral, die versucht, sich als Ausdruck der evident Guten darzustellen, kann für sich in Anspruch nehmen, nicht ideologisch zu sein, und so ihren weltanschaulichen Charakter verbergen.

Allerdings braucht auch eine postideologische Moral einen Orientierungsrahmen. Und den liefert ihr der sich emanzipierende Mensch der Moderne. Denn wo alle Götter tot sind, ist der Mensch selbst Gott geworden. Wo aber der Mensch sich selbst anbetet, wird Mitmenschlichkeit zum sentimentalen Kult und dementsprechend die Beschwörung sozialer Gerechtigkeit zum ewigen Mantra. Der Mensch der Moderne findet keinen gnädigen Gott, sondern eine soziale Gesellschaft. Das erklärt den hohen Status, den alles Soziale in hoch individualistischen Kulturen hat.

Indem der herrschende Moralismus mit dem hedonistischen Lebensgefühl des emanzipierten Wohlstandsbürgers amalgamiert, gelingt es ihm endgültig, seinen ideologischen Charakter zu verschleiern. Die proklamierte Moral von Buntheit, Gleichheit und Vielfalt mutiert zum evident Guten. Wer das nicht einsieht, ist entweder intellektuell nicht in der Lage, das allein Gute und Wahre zu erkennen, aus psychologischen Gründen dazu nicht fähig oder weltanschaulich verblendet.

Sahen traditionelle Ideologien im Abweichler entweder einen vom rechten Glauben abgefallenen Ketzer oder schlicht einen Ungläubigen, so stempelt der zeitgenössische Hypermoralismus seinen Widersacher zum Opfer persönlicher oder sozialer Defizite und diskreditiert ihn als minderbemittelt, unmenschlich oder von Vorurteilen getrieben.

So pathologisiert der Hypermoralismus alle abweichenden Einschätzungen und baut damit zugleich eine Drohkulisse auf, um abweichende normative Debatten im Keim zu ersticken. Denn wer gilt schon gerne als minderbemittelt, krank oder emotional deformiert? Indem der zeitgenössische Moralismus so mit sozialer Ächtung droht, gelingt es ihm, kontroverse normative Auseinandersetzungen im Vorfeld zu verhindern und an die politischen Ränder umzulenken, wo sie leicht als intolerant oder undemokratisch zu diskreditieren sind – Beispiele dafür sind Legion.

Da der Hypermoralismus charakteristischerweise Moral zur Begründung ihrer selbst erhebt, anerkennt er zudem keine nichtmoralischen Gegenargumente. Moral wird zum allein gültigen Massstab normativer Debatten. Und da jede persönliche oder gesellschaftliche Frage auch moralisch betrachtet werden kann, muss sie moralisch betrachtet werden. Wer sich diesem Diktat des moralischen Diskurses entzieht, gilt bestenfalls als Zyniker, sehr viel wahrscheinlicher aber als gefühlskalt, inhuman und empathielos.

Grenzenloser Hypermoralismus

Doch der Hypermoralismus ist nicht nur in seinem sachlichen Anspruch absolut und expansiv, er kennt auch keine räumlichen und zeitlichen Grenzen. Das bedeutet: Jeder ist für alles verantwortlich. Denn wo man verantwortlich sein kann, so die etwas unterkomplexe Logik, da ist man verantwortlich. Der Verantwortungsbereich des einzelnen wird sowohl ins Globale als auch ins Mikroskopische gesteigert. Insbesondere der einzelne Mitteleuropäer erweist sich als verantwortlich für jedes Ungemach der Welt, für Umweltkrisen, Ressourcenknappheit, Kriege und soziales Elend, für die Rettung eines Kleinstbiotops an irgendeiner Bahnstrecke ebenso wie für den Schutz einer Vogelart auf Papua-Neuguinea.

Auch hier entlarvt sich der zeitgenössische Hypermoralismus – seiner antiideologischen Fassade zum Trotz – als echte Ideologie. Denn Ideologien geht es ums Prinzip. Entsprechend kennt der Moralismus auch keine Abstufung der Verantwortung oder Nuancierung der normativen Geltung. Mehr noch: Wer behauptet, nur für sein unmittelbares Umfeld, seine Angehörigen und Bekannten, seine eigene Lebenswelt verantwortlich zu sein, der hat aus Sicht des Moralisten entweder die globalisierten Zusammenhänge nicht verstanden oder ist schlicht egoistisch, eurozentrisch oder gegebenenfalls gleich rassistisch.

Doch der zeitgenössische Hypermoralismus kennt nicht nur keine räumlichen Differenzierungen und Grenzen, er ignoriert auch zeitliche und historische Unterschiede. Selbst der Vergangenheit widmet er daher seine normativ missionarische Aufmerksamkeit. Frauenfeindliche Darstellungen in der bildenden Kunst vergangener Jahrhunderte, angeblich diskriminierende Formulierungen in Werken der klassischen Literatur oder Denkmäler ehemals gefeierter Kriegshelden: all das empört den moralhypertrophen Bürger des spätindustriellen Zeitalters auf das Äusserste.

Historische oder kulturelle Erklärungen interessieren das moralistische Bewusstsein naturgemäss nicht. Denn die moralistische Wahrheit ist zeitlos. Vergangene Epochen und ihre Menschenbilder sind daher nicht nur anders, sie sind verwerflich, also inhuman und diskriminierend.

Konsequenterweise sieht sich der hypertrophe Moralismus nicht nur als Überwinder einer moralisch fragwürdigen Vergangenheit und Kulturgeschichte, sondern vor allem als Ausdruck und Beglaubigung des moralischen Fortschritts. Schliesslich wusste schon Schiller: Die Geschichte ist das Weltgericht. Und der zeitgenössische Hypermoralismus erkennt sich selbst als dessen letzte Instanz. Spätestens an diesem Punkt wird der Hypermoralismus zu einem globalen politischen Projekt, einer geradezu heilsgeschichtlichen Utopie, die es rechtfertigt, die eigenen Moralvorstellungen mit jakobinischem Eifer durchzusetzen.

Hier entlarvt sich der Hypermoralismus als endzeitliche, quasi eschatologische Lehre. Nach seiner Vorstellung treten wir soeben ein in eine letzte Phase menschlicher Moralentwicklung, in der sich die Menschheit endgültig zum zeitlos Guten emporschwingt – zum weltweiten Edelmenschentum. Dass es sich dabei lediglich um die Marotte einer postindustriellen Wohlstandsgesellschaft handeln könnte, kommt dabei den wenigsten in den Sinn.

Faites vos jeux!

Nutzen Sie die Gunst der Stunde und schöpfen Sie aus dem Vollen! Ein Plädoyer für ein Leben mit Stil, Spiel und Genuss – sobald es wieder geht und solange es noch geht.

 

Angenommen, im Sommer dürfen alle wieder nach Lust und Laune raus und man spaziert an einem sonnigen Tag am Zürcher Bürkliplatz vorbei. Unverzüglich wird einem der scharfe Geruch des Grills an der Schiffhaltestelle in die Nase steigen. Stimmt das Timing, hat die «Stadt Rapperswil» soeben angelegt, und man erhält einen Blick auf die Leute vom Raddampfer, die – nun an Land – in Grüppchen um Plastikstehtischchen verteilt rauchen, Bier trinken und heiter Bratwürste essen.

An sich hat dieses Bild nichts Ungewöhnliches. Aufschlussreich ist, wer diese Menschen sind, die sich hier versammelt haben: Es ist die letzte Generation, die von der unaufhaltbaren Flut der Selbstoptimierung gerade noch verschont geblieben ist. Es handelt sich bei ihnen um Menschen, die sich nicht mehr mit den Konsequenzen von #MeToo herumschlagen müssen und welche die von politischer Seite wegen des Klimawandels und des Konsumverhaltens geforderten Einschränkungen nicht mehr in aller Härte erleben werden. Es sind jene, über die der Kinderchor des öffentlich-rechtlichen WDR vor ein paar Monaten – um Heiligabend herum – respektvermissend sang: «Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.» Also die letzten Menschen, die noch relativ unbekümmert dick werden, nach Spanien fliegen, mit Öl heizen, in der Schule bedenkenlos Weihnachtslieder singen, Autorennen veranstalten, Steak essen oder Sex haben konnten. Oder anders ausgedrückt: die letzte Generation, die im westlich-wesentlichen Sinn ein ordentliches, aber lustvolles, ein möglichst sorgenfreies, selbstbestimmtes Leben führen konnte.

 Was würde Epikur denken?

Was ist ein glückliches Leben? An den Rezepten dafür schieden sich die Geister schon immer. Der Hedonist Aristippos von Kyrene sah das Gute in der Lust, Stoiker wie Zenon von Kition glaubten, mit Verzicht und Gelassenheit ans Ziel zu kommen, und Epikur erkannte die Erfüllung irgendwo dazwischen. Begegnete man den dreien am besagten Sonntag am besagten Bratwurststand, blinzelte wohl bloss Epikur zufrieden in die Sonne. Er blickte auf Menschen, die es sich gut gehen lassen und sich bald wieder auf ihre privaten Balkone, Terrassen oder in ihre Gärten zurückziehen, wo sie sich ein vernünftiges Leben in Mass und Mitte eingerichtet haben – ohne zu viele Richtlinien und Einschränkungen.

Masshalten und tolerant sein sind unbestritten edle Tugenden. Wenn Verzicht und Nachsicht aber zur Pflicht werden – zur blossen Einhaltung der Gesetze –, schwindet der Zauber. Die heute Zehnjährigen, die 2040 eine Familie gründen, werden ihre Kinder wohl in einer ganz anderen Welt mit neuen Gewohnheiten und Regulierungen grossziehen. Vielleicht wachsen sie in einem verdichtet gebauten Hochhaus auf, in dem sie nicht mehr als 1000 Watt pro Jahr verbrauchen dürfen, mit einer heissen Dusche einmal die Woche. Sie werden möglicherweise in eine Welt hineingeboren, in der Süssigkeiten des Teufels sind, Familienreisen kaum mehr möglich, feine Würste inexistent und sexueller Kontakt nur noch per Kontrakt möglich ist. Ostern – der Hase aus Zucker, das Gigot aus Fleisch, das Ei vom Huhn und der Anlass christlich – bestünden in einer solchen Welt bloss noch aus Karfreitag.

 Des Zürchers Lust am Karfreitag

Apropos: Den düsteren Prognosen trotzend, trifft sich manchmal am Karfreitag, wenn es langsam dunkel wird in der Zwinglistadt, die Zürcher Szene an einem fast geheimen Ort zu einer der beschwingtesten Veranstaltungen des Jahres. Der kleinste gemeinsame Nenner an dieser Party sind die grossen Mengen an Drogen, die konsumiert werden. Man hat sich mehr oder weniger stillschweigend darauf geeinigt: Nicht normal ist hier, wer nicht drauf ist. Unter dem Einfluss mehrheitlich illegaler Rauschmittel lässt man den verschiedensten Formen menschlicher Lust freien Lauf. Salopp ausgedrückt: fressen (es gibt Ostereier), saufen, bumsen. Für ein paar Stunden befinden sich diese Zürcher am höchsten Feiertag der Reformierten im hedonistischen Paradies. Und man wundert sich, dass sich auch nationale Prominenz unter den Gästen tummelt und feiert, als gäbe es kein Morgen.

An eine Welt, für die es zu spät ist und die – durch Umweltsünden – dem Untergang geweiht ist, glaubt Schriftsteller Jonathan Franzen. Man solle, solange es noch möglich sei, schützen, was zu schützen sei. Im Sinn von: Weil wir ohnehin verloren seien, sollten wir lieber Dämme gegen den Anstieg der Meere bauen als Milliarden in erneuerbare Energien buttern. Der Gedanke hat etwas Kluges. Sieht man es so dramatisch wie der amerikanische Vorzeigedichter, ist die Gefahr allerdings gross, vom Endzeitfieber erfasst und in eine dunkle Sackgasse der Psyche geschleudert zu werden.

Etwas angenehmer erscheint – sicher mal einen Sommer lang – die Haltung des irischen Poetendandys Oscar Wilde, der uns durch seine Romanfigur Lord Henry in «The Picture of Dorian Gray» mitteilen lässt: «Leben Sie! Leben Sie das wunderschöne Leben, das in Ihnen ist! (…) Mit Ihrer Persönlichkeit können Sie alles wagen. Die Welt gehört Ihnen einen Sommer hindurch …» Oder wie es der spätantike Kirchenphilosoph Augustinus Aurelius formulierte: «Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit – aber jetzt noch nicht.» Die Raucher am Zürcher Grillstand würden dieses Lebensgefühl vielleicht so ausdrücken, indem der eine zum anderen sagt: «Leihst du mir nächste Woche deinen Porsche?» – «Klar, aber nur, wenn du zuerst den Aschenbecher leerst.»

 Den Flow im Spiel erleben

Was also ist zu tun im Sommer, wie könnte ein Hedonismus 2020 ausschauen? Wenn, ja wenn sich denn das lebensfeindliche Coronavirus in die langen Ferien verabschiedet.

Manche werden vermutlich überrascht sein: Der Weg zu einem lustvollen Leben, vielleicht sogar der Schlüssel dazu, ist Sportlichkeit. Dazu gehören auch Spielregeln, Gewinner und Verlierer. Nur so bleibt es interessant und prickelnd – oder wer spielt denn schon gerne Tennis, ohne die Punkte zu zählen?

Wir reden hier darum nicht von Yoga oder Ähnlichem. Die angestrengt lust- und humorfreie Art dieses Zeitgeistturnens hat doch eher etwas Menschaustreibendes. Ich meine, es ist kraftvolles Rauslassen angesagt und nicht Unterdrückung durch zwanghaftes Ausbalancieren. Für irgendetwas schlafen wir ja. Also: den Selbstoptimierungstrieb ausschalten, etwas riskieren und dem Spielerischen Platz machen. Erst im Spiel vergisst man sich und erreicht so das Flow-Erleben am wahrscheinlichsten. So jedenfalls sieht es Mihaly Csikszentmihaly, der berühmte Psychologieprofessor und Spezialist auf diesem Gebiet.

Immer dann, wenn es darum geht, sich vorzustellen, wie ein Sommer ausschauen könnte, wie eigentlich jeder Sommer aussehen sollte, lohnt sich ein kurzer Blick auf das Leben von Gunter Sachs. Der Unternehmer, Roulettespieler (Glückszahl 14), Sportler, Kunstsammler, Mathematiker und Astrologe vereinte in sich den Homo oeconomicus, den Homo faber und den Homo ludens, also den rechnenden, den arbeitenden und den spielenden Menschen, auch Playboy genannt, wie kaum ein anderer. Seine Verspieltheit ist legendär, spannte der Schweizer-Deutsche den Franzosen doch Brigitte Bardot aus, indem er – in der wohl berühmtesten Liebeserklärung der Geschichte – über ihrem Garten vom Helikopter aus Rosen regnen liess. «Alles oder nichts» war sein Motto, und er gewann: Superstar Bardot beschrieb ihre Beziehung mit Sachs später als ihren extravagantesten Lebensabschnitt. Sachs’ Sexyness, Humor und Leichtigkeit, die er auch noch im höheren Alter ausstrahlte, bleiben inspirierend. «Ich gestehe», sagte er einmal, kurz vor seinem Tod 2011, «dass ich kürzlich eine Bardot von Warhol verkauft und dafür einen Breughel gekauft habe. Da ich acht BBs besitze, habe ich also den Breughel für ein Achtel Bardot bekommen.» Ein Zitat für die Ewigkeit.

 Griff zum Champagnerglas

Es gibt derzeit kaum Persönlichkeiten mit Vorbildcharakter, die es wagen, ihre volle Lebensfreude zu zeigen, ohne dabei in moralisierende Sphären abzuheben oder in eine unerträgliche Dekadenz abzurutschen. Der britische Premier Boris Johnson dagegen beherrscht dieses Kunststück wie wenige, und auch das hat mit Sportlichkeit zu tun. Obwohl er immer wieder in intellektuelle Hochform kommt – er kann etwa aus dem Stegreif minutenlang Homer im altgriechischen Original zitieren –, hat er die Bodenständigkeit nicht verloren. Er strahlt eine unverstellte Heiterkeit aus, die ihm jeder abnimmt. Eines der ersten Bilder Johnsons zeigt ihn als zirka Einjährigen, wie er seiner hochschwangeren Mutter ein Glas Champagner aus der Hand zerrt. Köstlich. Freud würde vom «Es» sprechen, das stante pede seine Bedürfnisse befriedigt haben will.

Nun, Boris Johnson macht keinen Hehl daraus, dass er ein genussvoller Mensch und fehlerhaft ist. Das macht ihn sympathisch. Und es muss nicht immer Champagner sein. «Meine Lieblinge sind Würstchen, Kartoffelstock und Senf, dazu Rotwein», sagt er. Selbst die Coronavirus-Infektion hat er überstanden – so schlecht er dabei aussah, so wenig wird es auf lange Frist seiner Beliebtheit schaden. Was Johnson ausmacht, erkennt man auch an einer Antwort, die er einmal dem Männermagazin «GQ» auf die Frage, weshalb man die Tories Wählen sollte, gab: «Dein Auto wird schneller, deine Freundin wird einen grösseren BH brauchen. Es ist ein Fakt, dass unter konservativen Regierungen die Lebensqualität der Briten unermesslich gestiegen ist, was zu besseren Zähnen und mehr Kalziumkonsum führte, was wiederum unabdingbar der erhöhten Entwicklung der Brust zuträglich ist.» Der 55-Jährige vermag Lebenslust, Humor und Utilitarismus zu verbinden wie kein anderer. Seine rustikale Art verleitete einen Bekannten Johnsons, einen Gastrokritiker, dazu, Johnsons Freundin mit den Worten zu hofieren: «Wieso Steak und Pommes, wenn du Foie gras haben könntest?»

«Gehen Sie also Tennis oder Rugby spielen oder,

falls das nicht möglich ist,

fordern Sie Ihre Freunde zum Pingpong heraus.

Würfeln Sie beim Sex um die Stellung.»

 Der Kuchen der Französinnen

Der lustvoll verschwenderische Lebenswandel mit dem gewissen Etwas ist nach wie vor Männersache. Kim Kardashian? Hedonistisch, aber streng. Miley Cyrus? Sorglos, aber arrogant. Eines der dekadentesten Zitate geht nichtsdestotrotz auf eine Frau zurück: «Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.» Es war aber nicht, wie oft angenommen, Frankreichs Königin Marie-Antoinette, die sich so äusserte. Die Worte stammen aus Jean-Jacques Rousseaus «Bekenntnissen» (1769). Er berief sich auf eine «grosse Prinzessin», die sagte: «S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche.» Das Brioche wich in der deutschen Übersetzung dem Kuchen.

Ein kleines Stück Kuchen konnten die Französinnen stilvoll über die Jahrhunderte retten. So sagte Schauspielikone und François Truffauts letzte Muse, Fanny Ardant (71, «La femme d’à coté»), jüngst im «Spiegel»: «Ich hasse die Idee, sich exzessiv um den eigenen Körper zu kümmern. Ich hasse auch diese Dialoge, die man neuerdings führt: Huch, du isst Fleisch. Huch, du trinkst Wein. Auf keinen Fall Gluten essen. Das ist doch fürchterlich. Ich mag die Gainsbourgs dieser Welt, Leute, die gefährlich leben. Und deshalb esse ich Fleisch und trinke Wein und Bier.» In Zeiten der Scham und Angst, das Falsche zu konsumieren, das politisch Inkorrekte zu sagen, wirkt eine solche Aussage erfrischend jugendlich. Ardants Landsfrau, Catherine Deneuve, liess sich schon ähnlich zitieren. Man muss ja nicht derselben Meinung sein.

In der Eliteschule Eton, wo auch Boris Johnson ausgebildet wurde, wird neben vielen Traditionen das legendäre und gleichwohl unspektakuläre «Wall Game» gepflegt: Der wohl letzte sportliche Wettkampf der totalen Ablehnung von Zuschaueranreizen. Die Lust am Gewinnen und am körperlichen Austoben ist aber ungebrochen. Eine Zeitschrift bezeichnete es einmal als eine Art «rugby gone wrong». Teil der Faszination des Spiels ist, dass es praktisch unverständlich ist. Zwei Teams à zehn Spieler versammeln sich vor einer Wand und versuchen, einen kleinen, ledernen Ball ins gegnerische Tor zu bringen. Den Ball sieht man eigentlich nie, weil er unter den Mitspielern, die darum kämpfen, begraben ist. Gepunktet wird kaum. Es gibt haufenweise Regeln, die nur den Jungs bekannt sind. Lange passiert von aussen gesehen nichts. Plötzlich, für einen kurzen Moment, wird der Ball frei, und dann entscheidet sich das Spiel: Wer jetzt richtig reagiert, wird gewinnen. Boris Johnson, der erfolgreich mitspielte, sagte: «Meine Taktik beim Wall Game: plötzliche, krampfartige Bewegungen von unkontrollierter Aggression.» Solches Verhalten beschreibt der emeritierte Medienprofessor Norbert Bolz in Alexander von Schönburgs Buch «Die Kunst des lässigen Anstands» mit den Worten: «Das Spiel (als solches) ist der letzte Ort, an dem es uns möglich ist, ohne Angst gefährlich zu leben.» Eine wunderbare Formulierung.

 Würfeln ums Universum

Gehen Sie also Tennis oder Rugby spielen oder, falls das nicht möglich ist, fordern Sie Ihre Freunde zum Pingpong heraus. Würfeln Sie beim Sex um die Stellung. Fahren Sie zum Sommerskifahren auf den Gletscher nach Zermatt, solange das noch möglich ist. Essen Sie iranischen Kaviar. Machen Sie einer Frau oder einem Mann an einer Bar ein anzügliches Angebot, bevor es strafbar wird. Oder bestellen Sie im Restaurant mit Freunden, wenn alle rundherum bewusst vegetarisch essen, aus Lust am Spiel einfach mal ein Fleischplättchen zur Vorspeise. Solange Sie noch können. Ein kürzlich vorgenommener Selbstversuch in diese Richtung zeigte: Sie werden neidische Blicke ernten, und wenn Sie den Teller zum Probieren freigeben, bleibt Ihnen mit Glück noch etwas übrig. Nehmen Sie’s sportlich.

Der Esprit sportif ist das Gebot der Stunde. Und das lustvolle, spielerische Leben verdanken wir der Freiheit und darin der freien Zeit. Es war die Musse, die im antiken Griechenland das höchste Ansehen genoss. Autor von Schönburg schreibt: «Ein Spiel stand für die Griechen auch am Anfang des Universums – ein Würfelspiel zwischen Zeus, Poseidon und Hades. Zeus gewann den Himmel und die Erde, Poseidon das Meer und Hades, der Loser, die Unterwelt.» Der Einsatz kann auch etwas tiefer sein.

Vitaly Malkin, zvg.

Ich bin ein Libertin und das ist auch gut so

Der Moralismus wurde erfunden, um den Menschen zu versklaven. Warum haben wir dieses Joch immer noch nicht auf die Müllhalde der Geschichte abgelegt?

 

Ich glaube nicht an die Moral und habe es nie getan. Wer mich kennt, wäre erstaunt darüber, dass ich ihretwegen meine Feder bemühe. Doch entflammte mein Interesse für die Moral kürzlich, als ich entdeckte, wie Nietzsche das Bewusstsein beschrieb: als überflüssig und oberflächlich. Wenn aber das Bewusstsein überflüssig und oberflächlich ist, was sagt uns das über seinen unglücklichen Nachkommen, die Moral? Ich bin kein Professor, aber als Freigeist und Libertin im wahrsten Sinne des Wortes macht es mir Sorgen, wie die Moral wieder die Macht über unsere Gesellschaft ergreift. Nachdem die Religion, diese der menschlichen Natur zutiefst fremde Erfindung, schon fast begraben war, kehrt die Moral in Form von neopuritanistischen Ideologien zurück.

Ein regelmässiger Blick in die Nachrichten genügt, um zu sehen, wie die «Guten» Woche für Woche an Terrain gewinnen. Ob in der Politik oder der Welt der Kunst, die Neopuritaner sind zum Kampf bereit. Vor wenigen Monaten fungierte der französische Politiker Benjamin Griveaux als Zielscheibe. Nach einem aufsehenerregenden Skandal musste Macrons Favorit von seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Paris zurücktreten. Auslöser war ein Video, welches vom Aktionskünstler Pjotr Pawlenski auf seiner Seite mit dem Namen «Pornopolitik» verbreitet worden war. Ein militanter Akt, vorgelegt als Widerstand gegen «die Heuchelei» des Kandidaten, «der sich als Bürgermeister der Familien inszeniert», so der Aktivist.

 Die Natur ist «böse», besonders der Geschlechtstrieb

Man muss sich fragen, ob die von ihren Anhängern als «revolutionär» präsentierte Moral nicht vielmehr die Moral einer von politischer Korrektheit besessenen Gesellschaft ist. Was geht es uns an, dass ein Mann sich nackt gefilmt und das Video einer jungen Frau geschickt hat? Mir scheint, dass die Empörung aus einer impliziten Argumentation entspringt, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Da der Mensch frei ist, hat er seine Begierden zu kontrollieren, ansonsten gilt er als Lüstling. Schlimmer: Wenn der Mensch Begierde verspürt, liegt dies daran, dass die Natur selbst fehlerhaft und unvollkommen und deshalb zu bekämpfen ist. Mir erschliesst sich nicht, wie unsere Gesellschaft diesen irreführenden Syllogismus akzeptieren kann. Mehrere Philosophen haben die Lust als eine Essenz unseres Lebens erkannt. «Begierde ist das Wesen des Menschen selbst», schreibt Spinoza feierlich und fügt in der «Ethik» hinzu, das Streben nach Selbsterhaltung sei als Wesensbestimmung eines jeden Dings aufzufassen. Unserer Natur nach sind wir alle Libertins. Also wieso sich auf einen Mann einschiessen, der seiner Natur gefolgt ist? Und wenn er den Abend auf einer Sexparty mit einer Geliebten verbracht hätte, hätte er dann einen Fehler begangen? Nach meiner Auffassung nicht.

Leider scheinen nicht alle Menschen diese Auffassung zu teilen, Spinozas Bestrebungen zum Trotz. Die Moralisten zögen es vor, so der niederländische Philosoph, menschliche Gefühle und Handlungen zu verabscheuen oder zu verhöhnen, anstatt sie zu verstehen. Dabei wäre es doch so einfach zu erkennen, dass die Moral uns getäuscht hat. Sie will uns glauben machen, Gut und Böse seien absolute Werte. Unter den Konsequenzen dieses Trugschlusses leiden wir nach wie vor. Es gilt, sich von diesem Dogma zu emanzipieren und sich von den Menschen zu befreien, die uns die Lebenslust verbieten. Niemand hat diese Haltung je besser auf den Punkt gebracht als Horaz mit seiner Sentenz: «Nutze den Tag, traue nicht dem nächsten.» – Carpe diem quam minimum credula postero. Wenn eine solche Haltung möglich ist, so scheint sie mir die einzig echte Philosophie zu sein, die es sich zu verteidigen lohnt.

 Moral als Wurmfortsatz des Monotheismus

Müssen wir die Moral abschaffen? Könnte es nicht auch eine Moral geben, die, anstatt unsere Begierde und Persönlichkeit einzuschränken, uns vielmehr erlauben würde, wir selbst sein zu dürfen und mit unseren Mitmenschen in Harmonie zu koexistieren? Absolut! Dies wäre meines Erachtens die «natürliche Moral». Keine Denkweise, sondern eine Lebensweise. Eine Lebensweise, die Instinkten, Lust und Vergnügen freien Lauf lässt. So wird sich die Moral mit der Natur versöhnen und wieder gänzlich menschlich werden. Die überflüssige und oberflächliche, von der Gesellschaft diktierte Moral und das damit einhergehende schlechte Gewissen müssen wir dagegen abstreifen. Sie ist das Produkt des Monotheismus, einer der menschlichen Natur zutiefst fremden und doch in uns verwurzelten Doktrin, die uns am Leben und an unserer vollen Entfaltung hindert. Tatsächlich hat die Moral die religiösen Dogmen abgelöst und erlaubt keine Weiterentwicklung unserer inneren Ethik. Wir sehen uns unserer Handlungsfreiheit, Individualität und unseres Lebensglücks durch sie beraubt. Kurz gesagt: Die Moral ist des Menschen Feind.

Die Religion hat an Wichtigkeit verloren und dennoch ist festzustellen, dass die Menschen nicht sämtlich zu Verbrechern oder Verkommenen mutiert sind. Die Welt ist nach wie vor ein angenehmer Ort zum Leben, auch wenn das einigen nicht gefallen mag. Religion diktiert nicht mehr unsere Lebensweise und Denkinhalte; wir haben mit der Vorstellung, der Mensch sei ein Missverständnis Gottes, aufgeräumt. Und doch höre ich immer wieder denselben Unfug, wonach es um absolute Werte gehe. Es erscheint seltsam, dass die westliche Gesellschaft nach ihrer Befreiung aus den Fesseln der Religion noch Bedarf verspürt, an den Begriffen eines anderen Jahrtausends festzuhalten. Der Erfolg der Moral hat wohl einen anderen Ursprung. Nämlich in einer vagen Überzeugung, die uns mutmassen lässt, die Schwachen beanspruchten das Recht immer für sich und die Mächtigen hätten stets unrecht.

Die scharfsinnigste Analyse der Macht haben wir Nietzsche zu verdanken. Er entlarvt sie als Willen der Schwachen zur Macht. Die Moral gibt vor, gegen die Leidenschaft zu kämpfen, und ist doch selbst nur eine stärkere Leidenschaft, die darin besteht, andere niederzuschlagen. Gemäss Nietzsches «Morgenröte: Gedanken über die moralischen Vorurteile», veröffentlicht unter «Aurore» im Jahre 1881, kommt dieser heimliche Wille zur Macht in einer Reihe von Abstufungen daher, deren gesamte Nomenklatur einer ganzen Kulturgeschichte gleichkäme. Diese Leidenschaft hat einen Namen: Ressentiment. Genau – dieser Selbsthass, der die Opfer zur Machtergreifung und Verkehrung dessen, was für die Stärksten gut war, ins schlechte Gegenteil treibt. Die berühmte «Umwertung aller Werte» als Ursprung jedweden moralischen Verhaltens.

Die Neopuritaner, Gefangene ihrer Ohnmacht, möchten die Gesellschaft einer idealen Reinheit unterwerfen, welche nicht nur unerreichbar, sondern auch widernatürlich ist. Ihre «überflüssige» Moral unterscheidet zwei Realitäten und trennt uns vom Leben. In ihren Träumen vermögen sie zwischen Körper und Bewusstsein, Versuchung und Übel zu unterscheiden. Wenn wir doch Gott getötet und die Macht der Religion als Organisationsgrundsatz moderner Gesellschaften in Frage gestellt haben, wie kann es sein, dass ihr Schatten uns nach wie vor verfolgt? Auf Grundlage ihres Systems leiten sich die Werte nicht mehr aus einem Überlebensinstinkt, sondern einem Willen nach Selbstzerstörung oder, gemäss Nietzsche, von einer «Verneinung des Lebens» ab. Doch jene «traurigen Leidenschaften» wie Neid und Ressentiment haben keinen Platz in einer Moral, in welcher das Individuum zufrieden ist mit dem, was es ist.

Lust ist nicht gleich Wille. Dies muss den Predigern der Tugend, die von einer solchen Unterscheidung träumen, klargemacht werden. Sie vergessen, dass der Mensch aus den verschiedensten widersprüchlichen Leidenschaften besteht. In einer Gesellschaft der vorherrschenden Moral sind Menschen nicht mehr als eine Rinderherde, genährt von denselben Zielen, getrieben von derselben Ideologie und verbunden durch einen Hass gegen den Körper, die Mächtigen und jede Abweichung von der Gruppenmoral. In einer für die Meute gemachten Moral verschwindet die Individualität des einzelnen. «Dass man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat!», mahnte Nietzsche, der darin eine für Tiere geschaffene Moral erkannte: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.» Was würde Nietzsche heute sagen? Lebte er heute noch, würde er wohl eiligst Suizid begehen!

«Wenn Sie wieder einmal eine Einladung zu einer Sexparty erhalten,

gehen Sie nicht alleine hin.

Nehmen Sie Ihre Geliebte mit!»

Das neue Vehikel: die progressistische Ideologie

Die Idee einer solchen Gesellschaft hat in mir immer Schrecken ausgelöst. Dabei denke ich etwa daran, was Golf-Champion Tiger Woods durchmachen musste, als 2009 eine Liste seiner Beziehungen mit mehreren Frauen, darunter einem Model, einer Kellnerin und einem Pin-up-Girl, veröffentlicht wurde. Der Aufruhr in den USA war gross. Monatelang zeigten die Vereinigten Staaten mit dem Finger auf Woods, weil er seine Frau betrogen hatte. Hatte er, der ideale Familienvater und Vorzeigesportler, also nicht das Recht, einer eintönigen, langweiligen und letztlich elenden Beziehung zu entfliehen?

Die Inquisition gegen Filmproduzenten und -regisseure in Hollywood hat diese Tendenz, das öffentliche Leben der Moralisierung zu unterwerfen, noch verstärkt. Käme diese Moral nicht im «progressistischen», modernen Gewand daher, wäre dieser Diskurs vielleicht noch zu ertragen. Es ist, als bestünde die Modernität in der Verschwendung gewaltiger Ressourcen für Konfliktlösungen, um die Schwachen und Unfähigen zu stützen. Das ist nicht verwunderlich. Die Moral wandelt sich im Lauf der Zeit, um möglichst vielen zu gefallen.

Die neuen Kritiker wollen unter Berufung auf ihre Prinzipien den Klartext aus dem Wortschatz verbannen, jede ihnen zuwiderlaufende Wortwahl entfernen. Progressistische Moral geht jedoch über die Ablehnung jedweder Form kritischen Denkens hinaus. Der neue «Progressivismus» macht Jagd auf ihm nicht genehme Denkweisen, die es wagen, Probleme anzusprechen, etwa den Islamismus auf den Tisch zu bringen oder die aufstrebende Identitäts- und Minderheitenpolitik in Europa zu verurteilen. Gemäss Neusprech der modernen Puritaner darf man nicht mehr «blind» oder «Geschlecht» sagen, es hat vielmehr «sehbehindert» oder «binär» zu heissen. Diese Begriffe, die nichts anderes bedeuten, erobern schleichend unsere Sprache und ahnden «Entgleisungen» der Humoristen und «zweifelhafte Witze» unseres Tischnachbarn.

Wer diesen Ansatz nicht unterstützt, ihm sich nicht unterwirft, gilt natürlich als Lump, der sich der Verwirklichung des Guten entgegenstellt. Der geringste falsche Schritt löst Shitstorms und kollektive Empörung aus. Die Gedankenpolizei gewinnt jeden Tag etwas mehr an Terrain. Es kommt aber noch schlimmer: Die Jagd auf Sünder verleiht einer (virtuellen) Masse die Vollmacht, sämtliche Schritte gegen «den Feind» zu unternehmen.

Wir sind nicht weit entfernt von der «Tyrannei der Mehrheit», die Alexis de Tocqueville in seiner Analyse der amerikanischen Demokratie vor fast 200 Jahren vorhergesagt hat. Sie gründet auf ihrer Ordnung, dem Recht, greift dann auf die Moral über und erhebt sich schliesslich selbst zum Volksgericht. Unter dem Deckmantel der Wahrheit tyrannisiert sie die Masse – eine Mehrheit blinder Individuen mit dem gleichen Eifer nach Wahrheit und moralischem Korrektivismus – und das soziale Leben. Die Individuen sind gefangen in einer Spirale erzwungener Sozialisierung, in der jeder die anderen übertrumpfen will und sich mit ihnen vergleicht.

In solch einem Teufelskreis gelten diejenigen, die auf der «falschen Seite» stehen, von vornherein als schuldig, faire Gerichtsverfahren werden ihnen verwehrt – Aspekte, die an die dunkelsten Stunden der Geschichte erinnern. Ein Schritt zurück ist aber noch möglich, eine Form der Weisheit könnte wiedererlangt werden, wenn wir es annehmen wollen, durch uns selbst und nicht durch Wiederkauen der Inhalte anderer zu denken. Alle Völker verfügten über ähnliche Regeln mit dem Ziel der Erhaltung ihrer Existenz vor Bedrohungen von aussen. Dabei ist mir nicht an der Behauptung gelegen, sie hätten diese Regeln nicht gebraucht, denn ich bin nicht naiv. Es scheint mir vielmehr, dass jede Moral, die der Mensch braucht, sich im Straf- oder Zivilgesetzbuch wiederfindet. Die Einhaltung des Zivilgesetzes gehört zu unserem Naturgesetz. Zivilgesetz und Naturgesetz sind damit nicht grundsätzlich verschieden, sondern lediglich zwei verschiedene Teile eines Gesetzes. Der eine Teil wurde als «Zivilgesetz» niedergeschrieben, der andere gilt ungeschrieben als «Naturgesetz». Ihre Erfinder waren im übrigen gut beraten, niederzulegen, dass die Gesetze, derer der Mensch bedürfe, sich bereits in der Natur fänden.

Sie lieben Ihre Geliebte? Umso besser!

Auf unserer Suche nach einer friedlichen Welt und Harmonie, wie Hobbes sie thematisiert, müssen wir das wiederfinden, was wir von Natur aus sind. In einem gewissen Sinne bestehen alle unsere Bestrebungen in der Wiedererlangung jener «grossen Gesundheit», von welcher Nietzsche spricht. Darin, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, mit all ihrer Ungleichheit und Brutalität, die ihr innewohnen und aus Perspektive der Natur weder als gut noch böse zu beurteilen sind. Gleichgültigkeit gegenüber «Gut» und «Böse» ist eine Stärke.

Wir müssen zur Natürlichkeit zurückfinden! Und zu dieser Unschuld, von der Zarathustra spricht, die den Geschmack des Lebens ausmacht! «Ihr höheren Menschen, lernt mir – lachen!», als ob man lieben lernen müsste, was das Schicksal uns gibt – amor fati. Tatsächlich? Sie lieben Ihre Geliebte? Schämen Sie sich nicht, sie zu einem gemeinsamen Abendessen mit den «Treuesten» Ihrer Freunde einzuladen, jenen, die in einer Beziehung leben und noch niemals fremd gegangen sind. Das Leben ist kurz und man muss es mitsamt seinen Risiken leben können, um den eigentlichen dionysischen Sinn darin wiederzufinden. Beweinen Sie nicht, dass die Welt nicht ideal ist – lieben Sie sie, wie sie ist. Gehen Sie bis zum Ende der eigenen Natur, jener Trunkenheit, die die Existenz lebenswürdig und Leidenschaften würdig macht. Kurzum, wenn Sie wieder einmal eine Einladung zu einer Sexparty erhalten, gehen Sie nicht alleine hin. Nehmen Sie Ihre Geliebte mit!

Kerngesund sterben, bitte!

Auch in der Schweiz spielen sich die Bundesbehörden mittlerweile als das gesundheitliche Gewissen der Nation auf. Mit «präventiver Gesundheitsförderung» wollen sie Zivilisationskrankheiten den Garaus machen.

 

Am 15. Dezember 1980 kochten die Gemüter sogar im gehobenen britischen Oberhaus ungewohnt hoch: Nachdem einige Länder auf dem europäischen Festland eine Sitzgurtentragpflicht im Auto eingeführt hatten, wollte man nun auch auf der Insel nachziehen. Zahlreiche britische Konservative zeigten sich empört: Ein Gurtenobligatorium sei ein einschneidender Eingriff in die persönliche Freiheit der Bürger, sinnbildlich für die immer weitreichenderen Konsequenzen des «Nanny State». Und ohnehin: Weshalb eigentlich will man im Strassenverkehr Leben retten? Der konservative Baron Balfour of Inchrye hinterfragte mit ironischem Unterton die Prioritätensetzung der Regierung: «Wenn ich mich nicht irre, sterben jährlich 60 000 Menschen an Lungenkrebs. Ich kann mich nicht erinnern, dass die medizinische Gemeinschaft eine Interessengruppe gegründet hat, die sich auch in dieser Angelegenheit für staatlichen Zwang einsetzt.»

Heute sieht die gesundheitspolitische Realität anders aus: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich die präventive Gesundheitsförderung gross auf die Fahne geschrieben, weil beispielsweise (eigenen Angaben gemäss) jährlich 7,2 Millionen Menschen an den Folgen von Tabak und knapp 4,1 Millionen an übermässigem Salzkonsum sterben. Weltweit bilden sich Allianzen für Steuern und Verbote, etwa gegen den ungesunden und kostentreibenden «sitzenden Lebensstil». In der Schweiz fliessen jährlich Ausgaben von knapp 1,5 Milliarden Franken in die koordinierte Präventionsarbeit. Mehr als die Hälfte der nichtübertragbaren Erkrankungen lasse sich mit einem «gesunden Lebensstil» verzögern oder gar vermeiden, argumentieren die verantwortlichen Behörden. In einem gewöhnlichen Jahr ohne Covid-19 werden rund 80 Prozent aller direkten Gesundheitskosten in der Schweiz durch nichtübertragbare Krankheiten verursacht. Eine Zahl, die sich gemäss Erwartungen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) auch in der nächsten statistischen Erhebung im Jahr 2023 bestätigen wird.

Die verfassungsrechtliche Grundlage der Präventionsmassnahmen lässt viel Spielraum für Interpretation: Der Bund darf gemäss einem halben Satz aus Artikel 118 2b Vorschriften zur «Bekämpfung… bösartiger Krankheiten» erlassen. Die Krankenversicherungen fördern nach Artikel 19 im Bundesgesetz für Krankenversicherung «die Verhütung von Krankheiten». Diese schwache und unübersichtliche Verankerung der Präventionsprogramme ist dem Bundesrat schon lange ein Dorn im Auge: 2008 lancierte er die Diskussion um ein Präventionsgesetz, das die nationalen Gesundheitsförderungsmassnahmen besser koordinieren und gesetzlich abstützen wollte. Der Gesetzesentwurf scheiterte im September 2012, weil der Ständerat die Ausgabenbremse nicht lockern wollte. Viele bürgerliche Vertreter befürchteten einen behördlichen Aktivismus im Bereich der Gesundheitsfürsorge; der Schwyzer Ständerat Alex Kuprecht kritisierte etwa den «lehrerhaften» Einfluss des Staates. Bis heute bleibt die gesetzliche Verankerung der staatlichen Gesundheitsförderung vom Tisch. Weitergeführt werden die Präventionspakete dennoch: Am 6. April 2016 hiess der Bundesrat gemeinsam mit dem Dialog Nationale Gesundheitspolitik, einer Plattform von Bund und Kantonen, die NCD-Strategie1 für die Zeitfrist von 2017 bis 2024 gut.

Kerngesund ist die Schweiz natürlich nicht: Landesweit leiden 2,2 Millionen Menschen an nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch wie weit darf ein liberaler Staat mündige Bürger zu einem «gesunden» Leben erziehen? Für viele hinterlassen die heute aktiven Präventionsprogramme kaum mehr als einen schalen Beigeschmack. «Essen Sie am Tisch» oder «Schränken Sie Ihren Konsum von gesüssten und alkoholischen Getränken ein» sind bis jetzt nur unverbindliche Handlungsvorschläge vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Doch folgen bald Steuern und Verbote, Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten? Die unscharfe Rechtsgrundlage der Gesundheitsprävention setzt dem Walten der Gesundheitsbehörden kaum Grenzen. Offenbar hat bereits Baron Balfour of Inchrye den Regulierungsfuror von Regierungen unterschätzt.

Zu gut, um legal zu sein

Das Regulieren von Genussmitteln ist in jüngerer Zeit zu einem irrsinnigen Wetteifern zwischen Staaten verkommen – obwohl der Nutzen von immer rigideren Gesetzen zweifelhaft ist.

 

C. S. Lewis schrieb einst, er würde lieber von Räuberbaronen regiert werden als von Tugendwächtern. Die Räuberbarone würden ihm von Zeit zu Zeit eine Pause gönnen, während «jene, die uns um unseres Wohles willen quälen, nie von uns ablassen, da sie mit Zustimmung ihres Gewissens handeln». Als Redaktor des Nanny-State-Index seit 2016 kann ich bestätigen: Die Tugendwächter marschieren ohne Unterlass.

 Unbändige Regulierungswut

Alkohol, Softdrinks, Tabak und E-Zigaretten: Weil diese Genussmittel im Überfluss gesundheitsschädigend sein können, haben ihnen die Gesundheitsbehörden dieser Welt den Kampf angesagt. Der Trend der vergangenen Jahre ist eindeutig: Das Nanny-State-Virus scheint alle Länder gleichermassen infiziert zu haben. Die Griechen haben 2016 zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Steuer auf Wein eingeführt. Frankreich hat 2017 das kostenlose Nachfüllen von zuckerhaltigen Getränken verboten. Tschechien, über Jahrzehnte eine Raucheroase, hat am 31. Mai 2017, dem internationalen Weltnichtrauchertag, ein drakonisches Rauchverbot erlassen. Wales und Schottland experimentieren als erste europäische Länder mit Mindestpreisen für Alkohol. Immer mehr Staaten schreiben neutrale Packungen für Tabakprodukte vor. Sogar die traditionell toleranten Niederlande haben etliche illiberale Verbrauchervorschriften erlassen. EU-weit sind Genussmittelsteuern auf Alkohol und Zigaretten gestiegen und auf Lebensmittel und Softdrinks ausgeweitet worden. In mittlerweile neun EU-Ländern gelten Steuern auf zuckerhaltige Getränke, einige besteuern sogar solche ohne Zuckerzusatz. Der Regulierungswahnsinn kennt kaum Grenzen.

Nutzer von E-Zigaretten hat es besonders hart getroffen. Als ich den ersten Index zusammenstellte, gab es nur ein einziges Land, das E-Zigaretten-Liquid besteuerte. Inzwischen sind es elf Länder. In 15 Nationen gelten umfassende Verbote für den Konsum von E-Zigaretten in geschlossenen Räumen, obwohl es keine eindeutigen Beweise gibt, dass der nikotinhaltige Dampf den Konsumenten oder gar umstehenden Personen schadet. Die übertriebene Regulierung von E-Zigaretten und Tabakprodukten geht zum Teil auf eine Einmischung der EU zurück. Doch der Grossteil der Probleme mit staatlicher Bevormundung wird von den betroffenen Ländern selbst verursacht. Der Index macht eine riesige Lücke sichtbar zwischen den freiesten Ländern wie Deutschland oder Tschechien und den am stärksten regulierten: Finnland, Litauen, Estland und Grossbritannien. Erwachsene wie Kinder zu behandeln, ist weitgehend eine innenpolitische Entscheidung.

Zugegeben, es hat auch gewisse liberale Lichtblicke gegeben – etwa die Gesetzgebung zu E-Zigaretten in Dänemark und Belgien. In der Slowakei dürfen Radfahrer neuerdings einen halben Liter Bier trinken, bevor sie einen Radweg nutzen. Finnland hat seine Steuer auf Speiseeis zurückgenommen. Nachdem die Einwohner Estlands angefangen hatten, ihren Bedarf an alkoholischen Getränken in den Nachbarländern zu decken, senkte die Regierung die Alkoholsteuer. Doch das sind Ausnahmen. Insgesamt ist das Bild ein düsteres.

«Obwohl doch volksgesundheitliche Gesetze

gut für unsere Gesundheit sein sollten,

gibt es keine Korrelation zwischen

dem Nanny-State-Index und der Lebens­erwartung.»

Der Schlüssel zu mehr Gesundheit: Wohlstand

Die Wahrheit ist unbequem: Obwohl doch volksgesundheitliche Gesetze gut für unsere Gesundheit sein sollten, gibt es keine Korrelation zwischen dem Nanny-State-Index und der Lebenserwartung. Auch gibt es keinen statistischen Zusammenhang zwischen der Strenge von Raucherschutzgesetzen und der Raucherquote, keine Verbindung zwischen der Rigidität von Alkoholregulierungen und Komatrinken. Die Länder mit den strengsten Gesetzen zur Vorbeugung gegen Fettleibigkeit haben keineswegs einen niedrigeren Anteil an Fettleibigen. Und obwohl es schwierig ist, Vorschriften zur Nutzung von E-Zigaretten zu evaluieren – es ist unklar, was sie überhaupt bezwecken –, lässt sich auch hier sagen: Falls sie zum Ziel hatten, irgendwie zur Volksgesundheit beizutragen, dürfen sie als gescheitert gelten. Der einzige Faktor, der verlässlich mit einer höheren Lebenserwartung korreliert, ist das Nationaleinkommen. Wohlstand ist der Schlüssel zu mehr Gesundheit, nicht kleinliche Vorschriften.

Dass die Gesetze kaum Wirkung entfalten, wäre halb so schlimm, wenn sie nicht so viele Probleme und so hohe Kosten verursachen würden. Genussmittelsteuern treffen besonders die einkommensschwachen Schichten. Hohe Preise lassen den Schwarzmarkt florieren. Werbeverbote beschränken den Wettbewerb und erschweren Innovationen. Rauchverbote setzen Kneipen und Clubs zu. Übertriebene Regulierung schafft teure Bürokratien und bindet polizeiliche Ressourcen. Vor allem aber hindert sie erwachsene Menschen daran, ihr Leben frei zu gestalten.

Und doch haben die Tugendwächter Rückenwind – und die Aufmerksamkeit der Politik. Rotes Fleisch, Glücksspiel und sogenanntes Junkfood könnten als nächstes der Regulierungsbehörde zum Opfer fallen. Auch im kommenden Jahr werde ich den Nanny-State-Index mit den neusten Daten und Entwicklungen aktualisieren. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Eigenverantwortung und Vertrauen dem Bürger gegenüber scheint derzeit unwahrscheinlich.

Roger Harlacher, zvg.

«Noch sind wir in der Schweiz in einem liberaleren Umfeld»

Der politische Druck nimmt zu, den Salz-, Fett- oder Zuckergehalt von Produkten zu regulieren. Der CEO von Zweifel Pomy-Chips wehrt sich dagegen und setzt auf die Macht der Konsumenten.

 

Herr Harlacher, noch im Februar 2020 vermeldete Zweifel ein weiteres Rekordergebnis bei den Umsätzen. Wie ist die Firma nun von der Coronakrise betroffen?

Wir beliefern normalerweise die Hotellerie, die Gastronomie, Vereine, Snackstände, Ausflugsorte – all diese Kunden können wir derzeit nicht mehr bedienen. Supermärkte und Tankstellen erhalten natürlich weiterhin unsere Produkte, und im Detailhandel legen wir sogar zu – in der Summe setzen wir eher grössere Mengen ab. Dies auch, weil die Bewohner der etwa 3,8 Millionen Haushalte jetzt mehrheitlich zu Hause sind, dort ihr Mittag- und Abendessen einnehmen und zwischendurch auch snacken. Im operativen Geschäft haben die vom Coronavirus ausgelösten Weisungen des Bundesrats unsere Organisation, die Prozesse und Produktion deutlich verändert, was einen besonderen Einsatz unserer Mitarbeitenden erforderte. Glücklicherweise blieben wir alle bisher von einer Ansteckung mit dem Coronavirus verschont.

 Wer Gewicht abnehmen will, sollte nicht zu Chips greifen. Bestätigen oder dementieren Sie das?

Wie bei allem ist es eine Frage der Dosis, da bin ich ganz bei Paracelsus. Wer auf seine Gesundheit achtet, darf gut zwischendurch Pommes Chips essen, so wie er zwischendurch Schokolade, Käse, Wein oder Softdrinks konsumiert. Viele Leute essen gerne Pommes Chips, wissen aber gleichzeitig auch, dass sie nicht zu viel davon zu sich nehmen sollen. Der bewusste Genuss soll beim Konsum im Vordergrund stehen.

Was für Reaktionen erhalten Sie denn auf Ihre Produkte?

Ich staune oft über die vielen, auch emotionalen Rückmeldungen unserer Kunden. Ein Beispiel: Wir drucken ja – weltweit einzigartig – auf jeder Packung Chips ab, von welchem Bauernhof die Kartoffeln stammen. Die Kartoffeln für diese Packung hier (er nimmt eine Packung zur Hand) kommen von Christine Studer in Zuzwil im Kanton Bern. Im langjährigen Durchschnitt sind über 95 Prozent der von uns eingesetzten Kartoffeln aus der Schweiz. Trotzdem gibt es Situationen, in denen zu wenig Schweizer Kartoffeln für die Produktion zur Verfügung stehen, und dann gibt es Kunden, die nachfragen, warum kein Schweizer Bauer auf der Packung stehe. Aber schlechte Ernten können nun mal vorkommen. Kartoffeln sind ein Naturprodukt und der Ernteertrag ist stark witterungsabhängig.

Und Rückmeldungen zu gesundheitlichen Auswirkungen?

Die kommen hauptsächlich von Konsumentenschutzorganisationen. Sie üben Druck aus, bilden Interessengruppen und instrumentalisieren Politiker, bis das allenfalls in eine Initiative mündet, ein neues Gesetz oder eine neue Präventionsmassnahme entsteht. Politiker nehmen diese Vorlagen oft dankbar auf, schliesslich sieht sich jeder Konsument gerne geschützt. Noch sind wir in der Schweiz in einem liberaleren Umfeld. Der Druck nimmt aber zu, Regulierungen nachzuvollziehen, die von Regierungen und Verwaltungen in Brüssel ausgegangen sind.

Wie stehen Sie zu Zucker- und Fettsteuern?

Lenkungsmassnahmen sind nicht per se negativ, denken wir an die CO2-Lenkungsabgabe. Die gewonnenen Mittel müssen aber unbedingt zweckgebunden eingesetzt werden, und nicht, um irgendwo ein Finanzloch zu stopfen. Ähnlich könnte man bei Zucker, Fett und Tabak argumentieren, aber das gilt natürlich immer nur dann, wenn es übermässig konsumiert wird. Und da sind wir sofort wieder bei der Eigenverantwortung des einzelnen: Eigentlich haben wir Konsumenten enorm viel selbst in der Hand mit unserem Verhalten.

Ja, fast alles!

Würde die breite Masse massvolles Verhalten nicht nur artikulieren, sondern auch im täglichen Gebrauch konsequent ausüben, wäre vieles nicht notwendig. Fragt man Menschen vor dem Laden, ob sie für Tierschutz und nachhaltige Produktion seien, sagen fast alle Ja. An der Theke aber greifen dann doch viele beispielsweise zum billigsten Pouletfleisch und nicht zum ausgewogen gefütterten Schweizer Biohuhn mit viel Auslauf. Ein einleuchtendes Erlebnis zur Dissonanz zwischen Aussage und Verhalten hatte ich, als ich vor vielen Jahren bei Coca-Cola arbeitete: Es ging um die Einführung der Aludose in der Schweiz, und eine von uns durchgeführte Befragung zeigte, dass insbesondere Junge die Aludose aus ökologischen Gründen für völlig unangebracht hielten. Als Coca-Cola die Dose dann einführte, waren es dann aber die Jungen, die sie hauptsächlich kauften. Unser Hauptproblem ist die Nichtkonsequenz! Würden Menschen konsequent ausüben, was sie beabsichtigen, gäbe es weniger Notwendigkeiten für Einschränkungen.

Wiederum kann man feststellen, dass sich die allermeisten völlig vernünftig verhalten. Ich kenne niemanden, der jeden Abend drei Packungen Pommes Chips isst.

Zwischen medial vermittelter und tatsächlicher Realität verläuft ein Graben. Geht es um das Thema Fett und Zucker, zeigen die Medien gerne ein dickes Kind vor dem Fernseher mit einem Süssgetränk und einer Packung Chips. Dadurch wird ein Klischee bedient. Ich sage damit nicht, dass es solche Fälle nicht gibt, aber es sind wenige und bei ihnen ist das Problem oft vielschichtig und teilweise in der Familie, der Lebenssituation oder bei der fehlenden Bewegung zu suchen.

«Unser Hauptproblem ist die Nichtkonsequenz!

Würden Menschen konsequent ausüben, was sie beab­sichtigen,

gäbe es weniger Notwendigkeiten für Einschränkungen.»

Wie viel Chips werden denn gegessen?

Der Konsum von Chips und Snacks in der Schweiz beläuft sich pro Kopf und Jahr auf 1,4 Kilogramm. Eine Person verzehrt also im Monat durchschnittlich etwas mehr als eine 100-Gramm-Packung.

Mir fällt auf, dass die Erwartungen an produzierende Unternehmen ständig ansteigen: Nun sind nicht mehr nur einwandfreie Produkte gefragt, sondern auch ein moralisches Verhalten. Wie gehen Sie damit um?

Wir achten darauf, woher unsere Rohstoffe kommen und wie wir mit unseren Partnern umgehen. Etwas aus einer Selbstverständlichkeit heraus zu tun, ist ein wirklicher Wert. Moralische und ethische Werte im Unternehmen zu vertreten und zu leben, erachte ich als wichtig.

Wie hat sich die Diskussion auf das Produkt ausgewirkt: Haben Sie bei der Herstellung etwas geändert? Streuen Sie beispielsweise weniger Salz auf die Chips?

Vor drei Jahren haben wir von Sonnenblumenöl auf Schweizer Rapsöl und beim Salz auf Schweizer Alpensalz der Saline de Bex umgestellt. Den Salzgehalt der Chips und Snacks konnten wir in den letzten Jahren leicht reduzieren. Was wir zudem anbieten, sind Chips und neue Produkte auf Bohnenbasis mit etwa 40 Prozent weniger Fettanteil. Den Salzgehalt oder den Fettanteil zu reduzieren, ist eine Gratwanderung bei unseren Produkten, denn beides sind auch Geschmacksträger. Natürlich könnten auch wir sogenannte «Low Salt Chips» anbieten. Der weltweite Marktanteil dieser Produkte ist jedoch verschwindend gering. Wichtig ist auch, den Salzgehalt in Relation zu sehen: Konsumieren Sie Chips, die sensorisch als stark salzhaltig wahrgenommen werden, nehmen Sie damit weniger Salz auf als mit Brot, bei dem das Salz in den Teig eingearbeitet ist und in deutlich höheren Mengen konsumiert wird.

Was sagen Sie dazu, wenn sich der Staat, beispielsweise mit ­Informationskampagnen, aufschwingt, darüber zu richten, was der einzelne Bürger konsumiert? Soll das nicht die Freiheit des Bürgers bleiben?

Das ist die Freiheit des Bürgers. Indem er sich konsequent verhält, hat er es in der Hand, dafür zu sorgen, dass niemand anders in Versuchung kommt, für ihn Entscheidungen zu fällen.

Die Konsumentenschutzorganisationen üben doch aber durchaus Druck aus.

Nehmen wir das Ampelsystem, das von Konsumentenschutzorganisationen in Europa entwickelt wurde, die der Ansicht waren, man müsse den Konsumenten noch besser schützen. Konsumentenschutzorganisationen, Firmen und die Verantwortlichen für Gesundheit in Regierung und Verwaltung haben sich hier gegenseitig angetrieben, so dass heute mehrere Systeme bestehen, die miteinander konkurrieren. Es ist davon auszugehen, dass wir diese in ein paar Jahren auch in der Schweiz haben werden. Nicht weil es das BAG so wollte, sondern weil sie sich im europäischen Umfeld etabliert haben und so auch für uns unumgänglich werden.

«Geht es um das Thema Fett und Zucker,

zeigen die Medien gerne ein dickes Kind vor dem Fernseher

mit einem Süssgetränk und einer Packung Chips.»

Wie ist die aktuelle Gesetzeslage – was alles muss zwingend auf eine Packung Chips?

Zwingend aufgeführt werden müssen Sachbezeichnung, Zutatenliste, Nährwertdeklaration und das Haltbarkeitsdatum. Aus freien Stücken drucken wir zudem informative Icons (für Veganer, laktosefrei, glutenfrei).

Wird es dereinst eine Situation geben, in der das BAG sagt: «Diese Chips haben so viel Fett und Salz drin: Wir verbieten sie im Sinne des Konsumenten und Kunden»?

Dass das in den nächsten zwanzig Jahren so passiert, erachte ich als unwahrscheinlich.

Es wird also weiterhin erlaubt sein, Chips zu essen?

Da habe ich keine Bedenken! Lenkungssteuern wie eine Zucker- oder Fettsteuer könnten aber entstehen und unsere Produkte verteuern. Eine Zuckersteuer wurde letzten Herbst im Ständerat debattiert. Auch in den Kantonen Wallis oder Neuenburg wurden ähnliche Initiativen lanciert.

Was halten Sie von Werbeverboten? Singapur hat 2019 das Bewerben von stark zuckerhaltigen Getränken untersagt.

Die Kommunikations- und Werbefreiheit ist ein Grundprinzip einer freien Wirtschaft und auch eine wichtige Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz. Als Präsident des Schweizerischen Werbeauftraggeber-Verbandes setze ich mich für die Werbefreiheit ein, notabene für Produkte, die legal verkauft werden können.

Welche Regulierungen im Betrieb belasten Sie?

Mehr als unter Regulierungen leiden wir unter dem zunehmenden Zertifizierungsdruck. Das Problem dabei ist, dass der Aufwand für eine Zertifizierung stark ansteigt. Zertifikaten liegt ja eigentlich eine gute Idee zugrunde: Detailhändler können von ihren Lieferanten verlangen, dass diese nach gewissen Richtlinien zertifiziert werden, damit sie weniger Aufwand für Kontrollen haben – schwarze Schafe können so identifiziert werden. Nur hat sich das Zertifizieren mittlerweile zu einem lukrativen Businessmodell entwickelt, das ständig ausgebaut wird. Was inzwischen alles zertifiziert wird, ist aus meiner Sicht zu umfassend: Neben den Produktionsbedingungen und -abläufen werden ganze Managementprozesse und Strategiedokumente diskutiert und beurteilt. Wie oft werden eigentlich Journalisten zertifiziert?

Zum Glück nie!

Qualitätsjournalismus müsste doch auch zertifiziert werden. Wenn Journalisten nach der Anzahl Klicks bezahlt werden, ist das doch ein Thema.

Bernd Stegemann, Bertolt-Brecht-Denkmal, fotografiert von Peter Rigaud / laif.

Keine Macht den Denunzianten und Reinheitsfanatikern der Kulturszene!

Kämpfer für Political Correctness sehen sich als selbsternannte geistige Seuchenbeauftragte. Ein kolossaler Irrtum:
Sie sind selbst die Seuche.

 

Krisenzeiten stellen nicht nur Gewohnheiten auf den Kopf, sie bringen im Menschen auch so manchen Abgrund zum Vorschein. Als die Coronakrise im Frühjahr 2020 die deutsche Gesellschaft zum Lockdown brachte, führte das nicht nur zum Stillstand des öffentlichen Lebens, sondern produzierte auch moralische Ausnahmesituationen. So schloss nicht nur Deutschland die Grenzen zu seinen Nachbarn, einzelne Bundesländer machten sogar ihre Grenzen für Reisende dicht. Als wäre dieser Rückfall in Kleinstaaterei nicht seltsam genug, verfügte das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, dass alle Menschen, die dort einen Zweitwohnsitz haben, ausreisen mussten. Öffentlich wurde dieser Vorgang, weil die bekannte Autorin Monika Maron, die dort seit DDR-Zeiten ein Haus bewohnt, nachts von Polizisten aufgesucht wurde, die ihre Ausweisung anordneten und dabei in Frage stellten, ob sie überhaupt eine Schriftstellerin sei.

Die Stunde der Denunzianten

Gerahmt wurde diese Aktion von empörten Bürgern, die sich als fleissige Denunzianten betätigten und jedes ortsfremde Autokennzeichen der Polizei meldeten. Erschien diese dann nicht unmittelbar, wurden im Akt der Selbstjustiz schon mal die Reifen zerstochen.2 Wenn es gilt, die eigene kleine Welt reinzuhalten, erwachen offensichtlich viele böse Geister. Nun könnte man diesen Rückfall ins Autoritäre als Nebenwirkung eines weltweiten Kampfs gegen die Viren abtun. Doch völlig unabhängig von den Gesundheitsmassnahmen erfreuen sich die Denunzianten schon seit Jahren wachsender Beliebtheit. Ihr Ziel: Veranstaltungen oder missliebige Kulturprodukte zu torpedieren. Was unter der Überschrift der «Cancel-Culture» propagiert wird, bedeutet Denunziation und Reinheitsfanatismus in Zeiten des Internets.

Als im Frühjahr die Autobiografie von Woody Allen im Rowohlt-Verlag erscheinen sollte, fühlten sich einige Autoren und Autorinnen des Verlags davon beschmutzt.3 Sie forderten in einem offenen Brief den Verleger auf, das Buch nicht zu veröffentlichen. Hintergrund ihres Protestes ist der seit Jahrzehnten schwelende Ehekrieg zwischen Woody Allen und Mia Farrow. In dessen Verlauf kam es zu einer Anklage wegen sexueller Belästigung seiner Tochter. Trotz langwieriger Verfahren wurde Woody Allen nie für schuldig erklärt, stattdessen gibt es inzwischen eine plausible Beschreibung des Vorgangs durch ein anderes Adoptivkind der beiden. Moses Farrow hat ausführlich geschildert, wie manipulativ Mia Farrow ihre Kinder dazu gebracht habe, Missbrauchsgeschichten über Woody Allen zu erzählen.4

Eine halbwegs funktionierende Öffentlichkeit müsste an dieser Stelle die Sache auf sich beruhen lassen, da Aussage gegen Aussage steht und ein seriöses Urteil nicht zu treffen ist. Doch die erregte US-amerikanische Öffentlichkeit fordert weiterhin die Ächtung von Woody Allen, Schauspieler entschuldigen sich dafür, in seinen Filmen mitgespielt zu haben, und kein Verleih traut sich mehr, noch eines seiner Werke zu zeigen. Die deutschen Unterzeichner des Protestbriefes sehen sich als Teil dieser globalen Erregungswelle und beharren auf ihrer moralischen Maximalposition: Dem Opfer muss immer geglaubt werden, weswegen der Beschuldigte behandelt werden muss, als wäre er ein rechtskräftig verurteilter Täter.

Der Boykottbrief der Empörungsprofis vom Rowohlt-Verlag konnte jedoch keine Wirkung entfalten. Der Verlag gab bekannt, an der Veröffentlichung der Biografie festhalten zu wollen. Das Ganze fiel zudem in die Hochphase der Coronakrise. Die Flut von neuen Grenzen und Reinheitsvorschriften liess offenbar keinen Raum mehr für weitere Ausgrenzungsforderungen. Die Cancel-Culture war auf ihr grosses Vorbild getroffen, den Seuchenschutz. Doch durch den historischen Zufall wird die Parallele zwischen beiden deutlich, und dabei fällt auf, wie unangemessen und rückschrittlich die Mechanismen der Cancel-Culture sind.

«Was unter der Überschrift der «Cancel-Culture» propagiert wird,

bedeutet Denunziation und Reinheitsfanatismus

in Zeiten des Internets. »

Mit Moralismus Menschen fertigmachen

Der fundamentale Unterschied zwischen den Massnahmen zur Eindämmung einer Epidemie und der Cancel-Culture besteht dar­in, dass die Virenausbreitung durch wissenschaftliche Erkenntnisse identifiziert und bekämpft wird, während die Cancel-Culture aufgrund von moralischen Urteilen Menschen und Meinungen bekämpft. Kommunikation ist immer dann moralisch, wenn sie Achtung oder Missachtung zuteilt. Die Forderung, jemanden auszuschliessen, ist die radikalste Form der moralischen Kommunikation. Die Missachtung wird dabei bis zur Ächtung gesteigert, die nicht eher ruht, bis jemand ausgegrenzt ist. In früheren Gesellschaften bedeutete das fast immer den Tod, heute führt es zumindest noch zum sozialen Tod, der neben den seelischen Schäden nicht selten auch materielle Einbussen mit sich bringt.

Da es sich bei der moralischen Kommunikation um ein sehr scharfes Schwert handelt, wurde sie zu allen Zeiten unter eine Aufsichtsinstanz gestellt. Lange hatte die Religion diese Funktion übernommen, seit der Neuzeit rückt die Ethik an diese Stelle. In beiden Systemen wird anspruchsvoll reflektiert, welches moralische Gesetz überhaupt gut ist und welches nicht, und es wird die komplizierte Frage behandelt, in welchen Situationen es überhaupt gut ist, über Gut und Böse zu urteilen. Im Fall von Woody Allen ist es offensichtlich nicht gut, ihn als böse zu ächten. Doch das hält die Ächtungsprofis unserer Tage nicht von ihrem Tun ab.

Denn die Moral unserer Tage hat sich weitestgehend von der Infragestellung durch Ethik oder Religion befreit. Sie ist individualisiert und erfüllt vor allem eine Funktion für denjenigen, der moralisch urteilt. Die Kernfrage, ob es überhaupt gut ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wird heute mit einer raffinierten Wendung beantwortet: Wer moralisch urteilt, steht allein dadurch auf der Seite des Guten, weil er andere als böse identifiziert hat. Wer sich empört, ist moralisch im Recht. Wer den Ausschluss von Woody Allen fordert, ist gut, weil er das Böse verhindern will.

In früheren Zeiten wurde jemand, der die Moral benutzt, um sich selbst zu erhöhen, als Moralist bezeichnet. Sein Moralmissbrauch führt in einer fatalen Konsequenz dazu, dass die Moral nicht mehr auf universellen Werten beruht, sondern aus dem individuellen Urteil resultiert, das zwangsläufig zur Doppelmoral führt. Die empörten Woody-Allen-Verächter fühlen sich moralisch auf der richtigen Seite, aber fühlen sich die deutschen Protestbriefschreiber gut, wenn sie realisieren, dass sie zum Boykott eines jüdischen Regisseurs aufrufen? Die doppelten Standards des Moralismus produzieren Widersprüche, die sie selbst nicht mehr auflösen können.

Das Pendant zum Schauprozess

Schaut man nüchtern auf diese Mechanik, so fällt als erstes auf, dass eine derartige Kommunikation nichts mehr mit den Fragen der Ethik oder Religion zu tun hat. Sie erfüllt lediglich den Zweck, sich innerhalb von kulturellen Konflikten Vorteile zu verschaffen. Der Moralist hat aus der Moral eine Waffe gemacht, die ihm helfen soll, seine Gegner zu schädigen und selbst wertvoll zu erscheinen. Dass der Moralismus überhaupt zu einer solchen Macht gekommen ist, ist wiederum ein bedenkliches Zeichen für den Zustand der Gesellschaft.

Die öffentliche Wirkung der Moralisten liegt in einer Überwältigung des Denkens aufgrund von Empörung. Damit die Reflexion möglichst lange durch die Empörung gelähmt bleibt, braucht es eine Öffentlichkeit, in der Anklage und Vorverurteilung identisch sind. Ist die Öffentlichkeit erst mal so strukturiert wie ak­tuell die US-amerikanische, so genügt der moralische Aufschrei, um eine Existenz zu gefährden. Damit ist ein weiterer Archaismus aus der dunklen Menschheitsgeschichte wiedererwacht. Was in Hexenprozessen oder stalinistischen Schauprozessen grausam angewendet wurde, findet heute wieder Zulauf. In den Augen der Moralisten ist jeder verdächtig oder sogar schuldig, der angeklagt wird. Damit ist ein sich selbst verstärkender Mechanismus in Gang gesetzt. Denn je enger Anklage und Urteil zusammenhängen, desto grösser wird die Furcht, selbst angeklagt zu werden, und desto vorauseilender wird der Gehorsam, jede Anklage als Urteil anzuerkennen, um nicht selbst in den Fokus der Moralisten zu geraten. Eine moralistische Öffentlichkeit verlangt Unterordnung und bestraft jede rationale und kritische Befragung.

Die Angst, in Verdacht zu geraten, verbindet sich in der Cancel-Culture mit dem Reinheitsdrang, und beide zusammen führen zur Abschliessung der Moralblasen. Wer verdächtig ist, wird ausgegrenzt, und schon der blosse Kontakt kann schuldig machen. So konnte das Foto eines gemeinsamen Kaffeetrinkens des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen mit dem Vorsitzenden der hessischen Filmförderung dazu führen, dass der Mann von der Filmförderung seines Amtes enthoben wurde. Im Weltbild der Moralisten soll nicht nur die Ansteckung durch böse Viren vermieden werden, sondern vor allem die Ansteckung durch böse Meinungen verhindert werden. Viren machen krank, fremde Meinungen machen schuldig. Und Kranke wie Schuldige müssen isoliert werden.

Wenn der Keks mit Dunkelschokolade «rassistisch» ist

Je mehr Erfolg die Moralisten haben, desto weitreichender werden ihre Forderungen. Im neuen Phänomen der «Wokeness» findet man inzwischen die nächste Stufe der Denunziation. Mit Wokesein wird eine besondere Aufmerksamkeit beschrieben, die aktiv nach Verfehlungen gegen die politische Korrektheit sucht. So wie der Corona-Blockwart aus Mecklenburg-Vorpommern seine Umgebung überwacht, um jedes fremde Autokennzeichen zu melden, macht sich der Woke im Internet auf die Suche, ob jemand ein anstössiges Wort oder Bild verwendet hat. Ist er fündig geworden, setzt er die Skandalisierungsmaschinerie in Gang.

Die besondere Eigenart der Wokeness besteht darin, dass kein Vergehen zu klein ist, als dass man es nicht doch skandalisieren könnte. Höchste Sensibilität beim Aufspüren von Fehlern und grösste Aggressivität beim Verfolgen der Übeltäter arbeiten hier eng zusammen.

Jüngst wurde ein Keks der Firma Bahlsen, der seit siebzig Jahren «Afrika» heisst, von woken Aktivisten skandalisiert. Beim Keks handelt es sich um eine dünne Waffel, die mit dunkler Schokolade überzogen ist. Dass sie Afrika heisst, ist für die woke Logik ein klarer Fall von Rassismus. Warum ein Schokoladenkeks rassistisch sein soll, weil er nach einem Kontinent benannt ist, auf dem überwiegend dunkelhäutige Menschen leben, erschliesst sich nicht jedem. Das hat jedoch der Empörungswelle keinen Abbruch getan, und der Kekshersteller war gut beraten, als er sich dem Druck unterworfen hat. Der Keks wurde zeitnah umbenannt.

Es wird wohl niemand behaupten, dass durch die Umbenennung des Kekses die Welt etwas besser geworden sei. Denn weder die Produktionsbedingungen des Kekses noch seine sicherlich hohen Anteile an Fett und Zucker wurden verändert. Die einzige Funktion des woken Aufschreis besteht in der Stärkung der moralischen Machtposition innerhalb der kulturellen Konflikte. Die Moralisten haben ein weiteres Mal vorgeführt, wie einflussreich sie sind und dass es keinen Bereich mehr gibt, der vor ihrer Skandalisierungswut sicher ist. Der woke Aktivismus ist das Symbol einer Protestkultur, die den Moralismus als Waffe perfektioniert hat. Wer woke moralisiert, will radikal wirken und dabei in seinem sensiblen Weltbild ungestört bleiben. Darum fordert er den Ausschluss von allem, was seine Reinheit stören könnte. Das ist es, worum es woken Denunzianten letztlich geht: um Unterwerfung unter ihre Norm. Der Moraldiskurs ist ein Machtdiskurs.

Der Woke ist die postmoderne Variante der schönen Seele, wie sie Hegel bereits im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Die schöne Seele leidet unter der Hässlichkeit der Welt und macht ihr Leiden zu einem Geschäftsmodell. Sie führt ihr Leiden demons­trativ vor, um dadurch als besserer, da empfindsamer Mensch zu erscheinen. Erst der Dialektiker Hegel erkannte, dass die schöne Seele die Hässlichkeit braucht, um selbst strahlen zu können. Er kam dadurch zu der verblüffenden Aussage, dass es nur ein absolut Böses in der Welt gebe, und das sei die schöne Seele. Sie ist böse, weil sie die Hässlichkeit der Welt nicht nur für ihre eigene Aufwertung missbraucht, sondern weil sie dadurch den schlechten Zustand konserviert. Wer als schöne Seele auf die Welt schaut, sucht das Schlechte, nicht um es zu verändern, sondern um an ihm zu leiden und dadurch wertvoll zu erscheinen. Sie handelt objektiv böse und empfindet sich selbst doch als gut.

«Viren machen krank, fremde Meinungen machen schuldig.

Und Kranke wie Schuldige müssen isoliert werden.»

Der Moralist ist ein autoritärer Charakter

Die woken Aktivisten folgen exakt dieser Strategie. Dass sie heute damit so erfolgreich sind, zeigt, wie sehr wir von der dialektischen Genauigkeit eines Hegel entwöhnt wurden. An die Stelle der ethischen Reflexion sind die Empörung und die Denunziationen der Cancel-Culture getreten. Der woke Moralismus ist die moralische Orientierung unserer Tage geworden. Dass eine solche Orientierung in Krisen schnell überfordert ist und dann manch Dunkles wieder auftaucht, wundert darum wenig. Denn in jedem Moralisten wohnt ein autoritärer Charakter. Die woken Denunzianten und schönen Seelen finden sich inzwischen in allen Milieus. Die einen schwärzen ihre Nachbarn an, weil sie die Reinheit des Ortes bedrohen, und die anderen setzen einen Verlag unter Druck, damit er einen Autor ausschliesst, der ihr reines Weltbild beschmutzt. In einem Punkt sind die Moralisten aller Lager gleich: Sie halten sich für die Guten, egal wie falsch ihr Verhalten ist.

Eine Allzweckwaffe für alle

Als sich Künstler gegen den Moralismus aufgelehnt haben: Eine Tour d’Horizon der Avantgarde-Manifeste des 20. Jahrhunderts.

 

Wer dieser Tage Moralisierung kritisiert, macht sich schnell einer rechten Gesinnung verdächtig. In Tat und Wahrheit ist es zu einer beliebten Strategie von Rechtsaussen geworden, Gegner mundtot zu machen, indem man ihnen Moralisierung, Moralismus, Hypermoral vorwirft. Dass viele Kritiker des Moralismus selbigem keineswegs abhold sind, sondern einfach ihren Moralismus durchdrücken wollen, so wie viele Kritiker des Mainstreams von heute sich einfach nur den Mainstream von gestern zurückwünschen – geschenkt.

Unter dieser Idiotisierung des Diskurses leiden insbesondere jene, denen der öffentliche Gebrauch der Moral zwar suspekt ist, die ihre Kritik an der Moralisierung aber anders begründen als selbstgerechte Ideologen. Diese Menschen werden schnell einmal mit Trollen und Wutbürgern in eine Schublade gepackt, wenn sie anmerken, dass moralische Begründungen keine Letztbegründungen seien und oftmals auf Kosten der Argumentation gingen, sprich: dogmatisch würden.

Die Kritik an den Unzulänglichkeiten eines vereinfachten moralischen Diskurses, der seine Prämissen absolut setzt – wie könnte man abstreiten, dass dies gut und jenes schlecht ist? –, ist mitnichten auf dem Mist von Rechtsradikalen gewachsen. Bereits im «Kommunistischen Manifest» (1848) halten Karl Marx und Friedrich Engels fest, für «den Proletarier» – man weiss nicht so recht, ob Proletarierinnen mitgemeint sind – sei Moral ein «bürgerliches Vorurteil», hinter dem nur Machtinteressen stünden. Ulkig also, dass heute viele Vertreter der ins Völkische entglittenen Rechtspartei Alternative für Deutschland (AfD) in der Moral ihrer Gegner ebenfalls nur Machtinteressen und Vorurteile sehen – zeichnet sich da etwa eine Bestätigung der Hufeisentheorie ab?

Dadaisten gegen Moralisierung

Auch ein Blick in die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zeigt, dass die Kritik an Moral und Moralismus ideologisch unspezifisch ist. So polemisierten die des Rechtsradikalismus eher unverdächtigen Dadaisten gegen Moralisierung. In seinem Dada-Manifest des Jahres 1918 schrieb Tristan Tzara, «Moralität» habe mit Güte nichts gemeinsam: «Güte ist klarsichtig, hell und entschieden, unerbittlich gegen Kompromiss und Politik. Die Moralität ist Schokoladeaufguss in den Adern aller Menschen. Diese Aufgabe wird von keiner übernatürlichen Kraft angeordnet, sondern vom Trust der Gedankenhändler und der akademischen Aufkäufer.»

Die Dadaisten misstrauten moralischen Sonntagsreden und öffentlichen Bekenntnissen zum Wahren, Edlen, Guten. Wer braucht schon so viele hehre Erläuterungen, wenn er voller Güte ist? Haben diejenigen, die so eifrig betonen, dass sie auf der richtigen Seite stehen, vielleicht etwas zu verbergen? Tzara bezog sich in seinem Manifest implizit auf die Priesterbetrugstheorie der französischen Aufklärung, Marx’ und Engels’ Theorie des Vorurteils und Friedrich Nietzsches Moralphilosophie. Letzterer hatte beobachtet, wie aus Schwachen Starke wurden; wie der Stand der Bürger den Stand des Adels ablöste. In den Worten des Philosophen Daniel-Pascal Zorn kritisierte Nietzsche, dass die Schwachen auf ihrem Weg zur Macht die «gleiche Gewalt gegen die Starken [anwenden], wie die Starken vorher gegen sie. Nur ist diese Gewalt zunächst moralisch, nicht physisch.» Die Betonung liegt auf «zunächst».

Der machtgetriebenen Moral hielten die Dadaisten das Absurde entgegen – nicht weil sie die Zersetzung der Ordnung anstrebten, wie ihnen kulturkonservative Rechte vorwarfen, sondern um nicht in die Falle zu tappen, Moralität mit noch mehr Moralität zu bekämpfen. Allerdings blieb es nicht dabei. Sahen die Nazis im Dadaismus eine Verschwörung von Linken und Juden, so wandelte sich der Dada-Mitbegründer Hugo Ball binnen weniger Jahre von einem Priester des Absurden zu einem reaktionären, zumindest zeitweise auch antisemitischen Katholiken. Mit seinem Briefkorrespondenten Carl Schmitt, dem späteren NS-Juristen, verband ihn eine tiefe Ablehnung der westlichen Moderne. 1926 schrieb Ball in einem Essay: «Es ist nötig, die Sozietät vor einem Primitivismus zu schützen, der den Sturz der traditionellen Moralbegriffe herbeizuführen versucht, ohne die Garantien einer wahrhaften Förderung des Volkswohls aufzeigen zu können.»

«Moral in voller Konsequenz zu leben,

auch was den moralischen Gebrauch der Mittel betrifft,

wäre die höchste Form der Lebenskunst.»

Die eine Moral gegen die andere

In weiteren Kunstmanifesten des frühen 20. Jahrhunderts sticht die Kritik an Moral als Ideologien und Mentalitäten verbindendes Band ins Auge. So verhöhnten die italienischen Futuristen die Moral als Agentin einer erstarrten Vergangenheit. Filippo Tommaso Marinetti, der anarchofaschistische Futurismus-Vordenker und Mussolini-Unterstützer, setzte in seinem sozialdarwinistisch durchpulsten «Futuristischen Manifest» (1909) «Moralismus» mit «Feigheit» gleich. Dass Marinetti in seinem fiebrigen Rundumschlag wiederum eine Moral formulierte, bekümmerte ihn nicht weiter. Krieg, Aggression, Intensität und Identität sollten an Stelle von Tradition, Moral, Mässigung treten, koste es, was es wolle – auch Köpfe: «Wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien.» Ein Schelm, wer Parallelen zur heutigen Kritik am «Esta­blishment» und den «Eliten» seitens der «Hypermoral!»-Rufer zieht.

Die französische Futuristin Valentine de Saint-Point wieder­um, eine faszinierend eigensinnige, kontroverse, ewig suchende Persönlichkeit, lehnte zwar die von Marinetti proklamierte «Verachtung des Weibes» ab. Doch in ihrem «Manifest der futuristischen Frau» (1912) griff sie den Feminismus scharf an – die Emanzipation der Frau solle nicht in einen «Überfluss an Ordnung» münden. Jede Ideologie, jeder Ismus, jede Moral, so liesse sich ergänzen, ist ja ein Versuch, Ordnung in die Welt zu bringen. Aus de Saint-Points Sicht gebrach es den Frauen ihrer Zeit nicht an Ordnung, sondern an «Mannheit». So rief sie ihnen denn zu: «Ihr wart zu lange in Moral und Vorurteilen irrgläubig; kehrt zu eurem erhabenen Instinkt zurück, zur Wildheit, zur Grausamkeit.» Später konvertierte de Saint-Point zum Islam und verbrachte ihren Lebensabend mit sufistischer Meditation in Kairo – eine weitere wundersame Wandlung in der wechselvollen Geschichte der Moral.

Die Kritik wird ersetzt von neuen Moralismen

Schon Oscar Wilde hatte den Moralismus aufs Korn genommen, bis man ihn wegen seiner als unmoralisch verfemten Homosexualität einkerkerte. Die Künstlerin und spätere Résistance-Aktivistin Gabrielle Buffet spottete 1919 über «moralisierende Fleischfresser», der linke Kunsttheoretiker Karl Teige wandte sich 1924 in seinem Manifest «Poetismus» gegen «kodifizierte Moral» und der künftige kommunistische Surrealismus-Chef André Breton dekretierte 1920: «Die Moral und der Geschmack: Diese beiden Dogmen dürfen keinerlei Rolle mehr spielen.»

Auch der Surrealismus-Mitbegründer und Stalin-Apologet Louis Aragon äusserte sich zur Moral, die er vordergründig humanistisch bestimmte. In seinem Text «Moral – Wissenschaft: Es steht euch frei!» (1925) definierte er – nach der üblichen populistischen Schimpftirade über «verwaschene Moral», «Gemässigte aller Arten» und «Regierungsphilosophen» – die «Freiheit als die wahre Begründung der Moral». Im Sinne Friedrich Engels’ war Freiheit für Aragon jedoch nichts als die Notwendigkeit des Weltgeists. Das moralische Wesen wolle «nichts … als das, was sein muss». Die Schlange beisst sich in den Schwanz, der Text mündet in Irrlogik und heroisch verbrämten Defätismus.

Diese Tour d’Horizon durch Kunst und Moral um 1900 zeigt, wie offen das Verhältnis zwischen Moralkritik und Weltanschauungen ist. Linke wie auch Rechte schwangen sich zur Nemesis der Moral auf. Auf die Kritik an dieser Moral folgte stets die Etablierung jener Moral, gefolgt von Moralismen und Moralitäten. Moral in voller Konsequenz zu leben, auch was den moralischen Gebrauch der Mittel betrifft, wäre die höchste Form der Lebenskunst. Doch beim Versuch, Moral gänzlich durchzusetzen, fallen die Mittel erfahrungsgemäss eher unmoralisch aus – es sei denn, man hat das Menschenverachtende vorausschauend als Teil menschenfreundlicher Moral legitimiert. Wenn also Immanuel Kant mit einem gewissen Bedauern schreibt: «Wir leben im Zeitpunkte der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht in dem Zeitpunkte der Moralisierung», dann sollte man hinzufügen: Und das ist gut so.

Benjamin Loy, zvg.

Das Reich des Guten bahnte sich lange an

Michel Houellebecq, das Enfant terrible der französischen Literatur, kennt jeder. Doch er hatte einen Lehrmeister, der den Moralismus von heute schon in den 1990er Jahren vorhersah: Philippe Muray.

 

«Nehmen wir an, Philippe Muray sei eine Maschine, die man mit (manchmal realen, von den Medien oft hochgespielten) Fakten speist und aus der dann Deutungen treten. Diese Deutungen leiten sich aus einer kohärenten Theorie her, die besagt, dass ein neuartiger, sanfter Terror starken Aufwind hat» – so beschrieb Michel Houellebecq 2003 in einem in «Le Figaro» erschienenen Essay den von ihm so bewunderten Freund und Kollegen Philippe Muray, der nur drei Jahre später in Paris im Alter von 60 Jahren einer Lungenkrebserkankung erliegen sollte. Wer war dieser Mann, den Houellebecq für «einen der grossen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts» hielt, und was hat er uns heute zu sagen?

Der neue Terror des «Wohlbefindens»

Muray war ein Radikaler. Weniger im politischen als im literarischen Sinne. Und möglicherweise einer der schärfsten Beobachter der französischen Gesellschaft seit Balzac und Baudelaire, die – wenig überraschend – seine beiden grossen Vorbilder waren. Erst kürzlich erschien mit «Das Reich des Guten» (Matthes & Seitz, 2020) erstmals ein Teil aus dessen mehrere tausend Seiten starkem Essaywerk auf Deutsch. «Es ist ein grosses Unglück, in so furchtbaren Zeiten zu leben. Aber es ist ein noch schlimmeres Übel, nicht wenigstens einmal spasseshalber zu versuchen, sie an der Gurgel zu packen», fasste Muray seine Haltung zur Welt des ausgehenden Jahrtausends zusammen. Diese war für den 1945 als Sohn eines Übersetzers im westfranzösischen Angers geborenen Autor von einer geradezu anthropologischen Wende, vom Erscheinen eines neuen Menschentypus geprägt: des Homo festivus. Diese Art feierwütiger Wiedergänger von Nietzsches «letztem Menschen» bevölkere mit zunehmendem Erfolg das Zeitalter der Posthistoire, in der alle ideologischen Schlachten geschlagen seien und es – in schöner Inversion des Marx’schen Diktums – nunmehr allein darum gehe, «die Welt nicht mehr zu verändern, sondern sie zu schützen».

Der letzte Mensch, er feiert den Status quo. Und Muray erkannte in seinem 1991 erschienenen Essay «Das Reich des Guten» vor allen anderen, dass hier etwas stirbt: das Politische und das Individuum nämlich auf dem Altar einer auf totalen Konsens und Transparenz ausgerichteten Gesellschaft, in der jegliche Abweichung moralisch strengstens geahndet wird. Tatsächlich lesen sich Murays Beobachtungen der französischen Gesellschaft der frühen 1990er Jahre für den heutigen Leser wie ein langes Vorspiel der permanent tagenden Moralgerichtshöfe unserer Gegenwart, wenn er satirisch die Reueshows ehebrüchiger Politiker auf allen Kanälen, die Zensurbestrebungen von Musik und Filmen mit «sexuell impliziten Inhalten» oder die Rufmordkampagnen gegen Künstler wegen Jahrzehnte zurückliegender Verfehlungen zu einem Panorama einer sich an ihrer eigenen kollektiven «Straflust» berauschenden Gesellschaft verbindet. Letztere ist für Muray nur die Kehrseite des neuen herrschenden Affektregimes, nämlich eines «Terrorismus des Wohlbefindens».

Präzise beschreibt Muray die sich zunehmend totalitär gebärdenden Wellness- und Achtsamkeitsimperative der aufziehenden «Zivilisation der Prophylaxe», in der es Unvorhergesehenes nicht mehr geben wird – «wir könnten ja krank davon werden» – und das höchste Ideal ein Leben in permanenter Magerstufe ist. Zugleich regiert die Infantilisierung und Eventisierung aller Lebensbereiche und der Kultur im Speziellen, wo der Partyterror des festivisme und die Bereitschaft zur kollektiven Dämlichkeit besonders ausgeprägt sind, oder wie Muray es formuliert: «Alle Gehirne sind Kolchosen. Wie früher die Partei hat heute die Leidenschaft immer recht und heimst sämtliche Tugendtrophäen ein.»

«Muray diagnostizierte die Entstehung des neuen Bobo,

bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde.»

Für die Linken ist er heute ein Verräter

Es wird kaum überraschen, dass seine ätzenden Gesellschaftskritiken dem Autor die Feindschaft der linksliberalen Zirkel der Republik einbrachten. Womöglich auch deshalb, weil Muray, der in den 1960er und 1970er Jahren selbst in den linken Dunstkreisen der legendären Pariser Avantgarde-Zeitschrift «Tel Quel» unterwegs gewesen war, in seinen Essays schon früh die Sackgassen einer politischen Linken erkannt hatte, die mit der Entfremdung von ihrer alten Arbeiterklientel und der Fixierung auf identitätspolitische Feldgewinne fleissig an ihrer Selbstabschaffung werkelte. Im Jahr 2002 machte ihn der Pariser Journalist Daniel Lindenberg in einem in Frankreich heftig debattierten Buch neben Figuren wie Houellebecq oder dem Philosophen Alain Finkielkraut zum Teil einer Gruppe von «neuen Reaktionären».

Der Schuss ging, wie Houellebecq später feixte, nach hinten los, hatte Lindenberg doch mit seinem wenig überzeugenden Text lediglich erreicht, einer Reihe von bis dato einer breiteren Öffentlichkeit eher weniger bekannten Autoren wie eben Muray oder seinem Kollegen Maurice Dantec eine ungeahnte Publicity zu verschaffen. Und selbst wenn Muray hiernach bisweilen mit dem Label des Reaktionärs kokettierte, hatten sein Denken und Schreiben damit denkbar wenig zu schaffen. Ein dunkler Irrationalismus oder gar die Idee einer organischen Gesellschaft waren Muray ebenso fremd wie das in der zeitgenössischen Rechten so verbreitete Jammern über den Verlust einer vermeintlich idealen Vergangenheit. Vielmehr bestimmte das Denken des Autors – auch darin war er Baudelaire aufs engste verwandt – ein zutiefst skeptisches Bild vom Menschen an sich, der für Muray hinter den Vitrinen der schönen neuen Gegenwart doch immer nur das alte Monster blieb. Der Aufdeckung dieses Widerspruchs bzw. der Zumutung dieser Verschleierungsdiskurse galt Murays ganze Energie: «Was genau geschieht unter dieser Lackschicht, der Glasur aus Reinheit und verzuckerten Understatements, unter dem süsslichen Zuckerguss der Unschuld?»

Murays Misstrauen gegenüber der zeitgenössischen Hypermoral speiste sich dabei einmal mehr aus seiner profunden Kenntnis der französischen Geschichte und Literatur, wenn er in der Gegenwart die Wiederkehr der Bigotterie des 17. Jahrhunderts beobachtete, «als die schlimmste Ketzerei darin bestand, eine eigene Meinung zu haben, ein Individuum zu sein und als solches aufzutreten». Nicht umsonst ist Molière der dritte wichtige Gewährsmann Murays, der in seinen Komödien bekanntlich all die Tartuffes und Heuchler seiner Zeit porträtiert hatte. Damals wie heute, so Murays geschichtsphilosophischer Pessimismus, pflegten sich die niederen Interessen der Macht und des Menschen unter einem Schleier vermeintlicher Tugend und Herzenswärme zu verbergen, weshalb der Autor die Welt der Gegenwart in spöttischer Anlehnung an die Herz-Jesu-Verehrung der jesuitischen Frömmler als Cordicokratie betitelt, die wiederum gleichbedeutend sei mit «dem Ende des analytischen Zeitalters, dem Tod der kritischen Betrachtung».

Tugendpäpste und «Bobos» geben sich die Klinke in die Hand

Die globalen Tugendritter in Murays Texten der 1990er Jahre wie Mutter Teresa oder Bob Geldof mögen den Malalas und Gretas der Gegenwart gewichen sein. Die Rhetorik und Funktionsweise des medialen Weltgewissensspektakels aber, wie sie Muray gewohnt biestig konstatiert, hat sich nicht wesentlich verändert: «Die letzten noch verspäteten Länder müssen kurz vor Jahrtausendende schnell für den Spendenmarathon eingekleidet, hastig nachgeschminkt, mit pädagogischem Spielzeug, Robbenbabys und nicht-krebserregenden Nahrungsmitteln neu bevölkert werden.»

Die neue Speerspitze dieser sich rasant globalisierenden Wächterkaste der Moral bildet einen ganz eigenen Habitus aus, den Muray lange vor den zeitgenössischen Darstellungen der «Gesellschaft der Singularitäten», wie sie etwa der Soziologe Andreas Reckwitz prominent beschrieben hat, so satirisch wie zielsicher identifiziert: Der Tartuffe der neuen Zeit, der Genf als ideale Welthauptstadt wähnt, entstammt den Kaderschmieden für Ingenieure oder Verwaltungsbeamte, ist «Gründungsmitglied diverser SOS-Sachen», wählt die gemässigte Linke, ist fortschrittlich-skeptisch eingestellt und kann «ebenso als hektischer Firmenkäufer, als Schmiergeldgeber, als Abgeordnetenbestecher oder Chemiewaffenverkäufer daherkommen wie als Inhaber eines Lehrstuhls für Ethik der Harvard Business School».

Muray diagnostizierte die Entstehung des neuen Bobo, bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde; also jenes selbstgerechten, in seinem Konsenskokon verpuppten Neospiessbürgers, der sich gerne kosmopolitisch und -konsumistisch geriert, aber von den Verheerungen in der Welt jenseits seines stuckbewehrten Wolkenkuckucksheims nicht viel wissen will: «An der Oberfläche Barbar und Mickey Mouse, die Lernspiele, die Kuschelfarben einer durch und durch disneyfizierten Welt. Darunter, und zwar mehr denn je, herrscht und grollt die alte Rohheit, das Primitive der Höhlen, das Feuer des alten Opferkrematoriums sämtlicher Gemeinschaften.» Ähnlich verhält es sich mit der westlichen Weltpolitik, die Muray genüsslich am Beispiel des ersten Golfkriegs seziert, wenn er den Vertretern der «Weltbank für Menschenrechte» vor den heimischen Fernsehbildschirmen ihre Hypokrisie ins schwach ausgeprägte Gedächtnis ruft: «Wer erinnert sich, wenn dieses Buch erscheint, überhaupt noch an die Kurden? Die Opfer sind wegwerfbar wie unsere kleinen Feuerzeuge. Man schickt sie eine Runde um den Medienblock und dann ist’s gut. Kurden, Straftäter, Libanesen, immer der gleiche Kampf: alles Eintagsköniginnen. Drei kleine Runden, dann die Nächsten bitte!»

Angesichts von so viel Heuchelei und Affekthygiene bietet sich dem Kulturpessimisten Muray nur ein einziger Ausweg, der den Kern seines Schreibens ausmacht: ein zorniger Humor, der stets im Modus des Grotesken und der Übertreibung operiert, da diese extravagante Realität, so Muray in seinen «Spirituelle Exorzismen» getauften Tagebüchern, nur durch eine noch extravagantere Form der Darstellung erfasst und verstanden werden könne. Die mal ironisch feine, mal rasend überbordende Sprache Murays voller Wortspiele und Metaphernfeuerwerke ist dabei zugleich eine manifeste Kritik an den konturlosen und leeren Parolen von Medien, Politik und Wirtschaft und dem «grässlichen Karussell ihrer Gemeinplätze». Muray verlacht demgegenüber lieber die Horden von «Spendenmarathon-Märtyrern», die im «TGV der Unterdrückung» durch ihr «Zuckerbäcker-Global-Village» rasen und alles sanktionieren, was bei drei nicht in den Reihen der Tugendarmeen mitmarschiert. Literarisch wird somit das Pamphlet das einzig noch mögliche subversive Genre in einem Zeitalter, in dem die Literatur nur mehr ein einziger selbstbezüglicher Popanz oder eine Abfolge von immer gleichen Festivals zu sein scheint, oder wie Muray spottet: «Die Avantgarden der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts mögen vielleicht keine glanzvolle Erinnerung hinterlassen, aber es schnürt einem die Luft ab zu sehen, welche Pygmäen, welche analphabetischen, verdummenden Tugend-An­droide heute zwischen den eroberten Vertäfelungen hausen wie die Bettler in Viridiana

«Es ist ein grosses Unglück, in so furchtbaren Zeiten zu leben.

Aber es ist ein noch schlimmeres Übel,

nicht wenigstens einmal spasseshalber zu versuchen,

sie an der Gurgel zu packen.»

Unabhängig im Urteil dank finanzieller Freiheit

Sein Projekt einer radikalen Gesellschaftskritik entwickelte Muray jedoch im Unterschied zu den Salonlöwen der Literatur nicht aus dem sicheren Terrain hochtrabender Essays, angepasster Romane oder gar aus dem warmen Akademiesessel heraus. Wie Balzac sich noch dem letzten Fettfleck in den räudigen Pariser Pensionen seiner Zeit widmete, stürzte sich Philippe Muray fortwährend mit offenem Visier ins Getümmel seiner und unserer Gegenwart mit ihrer Fortschrittsbesessenheit: Schon vor dreissig Jahren machte er sich über die Rede in Frankreich vom «entsetzlichen Rückstand» der Nation gegenüber den vermeintlich hyperprogressiven Nachbarn lustig – nicht auszudenken, was für ein Arsenal eine Figur wie Emmanuel Macron Murays Feder geliefert hätte.

Die radikalste Seite des Vielschreibers Muray, der neben seinen zahllosen Essays und Chroniken auch noch eine Handvoll Romane, zwei Biografien über Louis-Ferdinand Céline und Peter-Paul Rubens sowie eine voluminöse ideengeschichtliche Studie über das 19. Jahrhundert verfasste, war aber womöglich seine ein Leben lang durchgehaltene Unabhängigkeit von dem kulturellen System, das er so vehement kritisierte. Ebenso wie sein bereits erwähnter (und im deutschsprachigen Raum ebenfalls noch unentdeckter) Kollege Maurice Dantec verdiente Muray einen guten Teil seines Geldes mit (teils unter Pseudonym veröffentlichten) Krimis oder Übersetzungen, um unabhängig von den moralischen Scharfrichtern des Betriebs zu bleiben, die es schon lange auf ihn abgesehen hatten.

Oder wie es der ungleich massenkompatiblere Michel Houellebecq vor einigen Jahren bewundernd formulierte: «Muray und Dantec besassen grosse literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist: Sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, vollkommen allein dazustehen. Sie schrieben einfach und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Begrenzungen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschliesst. Mit anderen Worten: Sie waren freie Männer.»

Die Macht der Maschinenmoral

Und willst du nicht moralisch sein, stelle ich einen Algorithmus ein.

 

Algorithmen sind es, die das Internet, die sozialen Medien, aber auch das autonome Fahren oder die Aktienbörsen dieser Welt überhaupt erst ermöglichen. Algorithmen steuern die kleinen und grossen Computer, die uns alle überall und jeden Tag umgeben. Am Anfang ihrer Nutzung ging es ums Rechnen und die Verarbeitung grosser Datenmengen, bspw. in Flugbuchungssystemen oder Versicherungen; dann wurden industrielle Prozesse von Algorithmen übernommen. Später wurden sie genutzt, um die Verwaltung zu automatisieren. Schliesslich, im Jahr 1997, geschah etwas, was nicht nur das junge Internet revolutionierte, sondern seitdem tief in alle menschlichen Lebensbereiche eingreift: Die Internetsuchmaschine Google ging in Betrieb. Suchmaschinen eröffnen ihren Nutzern die gigantischen Datenmengen des Internets, doch die Algorithmen, die die Reihenfolge der Einträge in der Fundliste bestimmen, engen unsere eigenen Bewertungsmöglichkeiten ein. Algorithmen steuern damit unsere Aufmerksamkeit; das geschieht bei Google und anderen Suchmaschinen, bei Amazon und vergleichbaren Onlinehändlern, bei der Online­werbung oder auf Facebook mit seiner Timeline: Algorithmen bestimmen, welche Informationen wir wahrnehmen und welche nicht – das ist es letztlich, was mit dem Wort Filterblase zum Ausdruck gebracht werden soll.

«Wer heute «white couples» bei Google eingibt,

bekommt Pärchen mit gemischter Hautfarbe gezeigt.

Der Algorithmus mag es nun überkorrekt.»

Manipulationspotenzial in der Anwendung

Schon in dieser Anwendung von Algorithmen steckt ein erhebliches Manipulationspotenzial: Gesetzliche Vorgaben erzwingen die Filterung der Suchlisten, damit bestimmte Inhalte des Internets darin nicht gelistet werden. Das kann die Filterung rassistischer oder antisemitischer Inhalte betreffen, aber auch die Unterdrückung missliebiger politischer Botschaften. Das ökonomische Interesse von Unternehmen wie Google liefert gleichfalls Anreize zur Manipulation, um beispielsweise firmeneigene Angebote höher zu platzieren und damit die Aufmerksamkeit der Nutzer darauf zu lenken. Eine dritte Manipulationsart geht hingegen von den Nutzern selbst aus: Sogenannte «Google Bombs» waren in der Vergangenheit ein probates Wahlkampfmittel bei den Präsidentschaftswahlen in den USA. Es ist möglich, die Funktionsweise von Algorithmen zum eigenen Vorteil auszunutzen, was Suchmaschinenbetreiber wiederum zwingt, ihre Algorithmen ständig zu verändern. Hier findet ein Wettrüsten statt, das letztlich dazu führt, dass die Trefferlisten der Suchmaschinen nicht die Realität des Internets abbilden, sondern ein durch vielfältige Interessen bestimmtes Zerrbild liefern. Suchmaschinen, ebenso wie Social-Media-Plattformen, haben sich in kürzester Zeit zu den Gatekeepern des Internets entwickelt und dort die Rolle der klassischen Massenmedien eingenommen.

Vor einigen Jahren präsentierte die Bildsuchmaschine Google Photos bei Eingabe des Suchwortes «Gorilla» Bilder von Menschen mit schwarzer Hautfarbe; um diesem algorithmischen Rassismus entgegenzutreten, musste Google seine Algorithmen gezielt zurechtbiegen, um Unrecht zu vermeiden. Schon dieses Beispiel zeigt, dass Algorithmen trotz ihrer Leistungsfähigkeit weder allmächtig noch unfehlbar sind. Sie ermöglichen Manipulationen und sie sind manipulierbar. Wer heute «white couples» bei Google eingibt, bekommt Pärchen mit gemischter Hautfarbe gezeigt. Der Algorithmus mag es nun überkorrekt. Doch trotz ihrer immensen Bedeutung für die Funktionsweise unserer Gesellschaften schienen Algorithmen immer noch weit entfernt zu sein von dem, was uns als Menschen vermeintlich auszeichnet: die Fähigkeit des moralischen Urteilens und Handelns. Diese Domäne, so dachten und hofften viele Menschen lange, bliebe uns vorbehalten. Doch es gibt eine kontrovers geführte wissenschaftliche Debatte, ob man Moral auf Algorithmen abbilden könne und so die Computer, die diese Algorithmen ausführten, selbst moralisch urteilten und handelten. Für die breitere Öffentlichkeit sichtbar wurde dies am Beispiel des autonomen Fahrens, wo Algorithmen in Notfallsituationen über Leben und Tod entscheiden sollen.

Von Maschinen gefällte Urteile

Nicht nur meiner Ansicht nach ist die Vorstellung jedoch Unsinn, dass hier Maschinen moralisch urteilen in dem Sinne, wie Menschen moralisch urteilen; man könnte also meinen, dass alle, die ähnlich denken, weiterhin hoffen dürfen, dass es eine Domäne gibt, in die Algorithmen keinen Einzug halten werden. So zu denken wäre jedoch fatal. Denn selbst wenn Algorithmen nicht selbst moralisch urteilen, können sie die moralischen (und natürlich auch die juristischen) Urteile ihrer Schöpfer effektiv und effizient ausführen. Sie sind dabei schnell, nimmermüde und unbestechlich. Tatsächlich erlauben Algorithmen überhaupt erst eine flächendeckende und allumfassende (moralische) Bewertung aller Menschen in allen Lebenslagen. Dafür muss allerdings eine Voraussetzung erfüllt sein: Möglichst jeder Lebensvollzug wird digital dokumentiert. Wie das geht, demonstriert China: Dort ist Barzahlung fast unmöglich geworden, so dass jede monetäre Transaktion eine Datenspur hinterlässt; der öffentliche Raum wird – zumindest in den Städten – beinahe flächendeckend mit Kameras überwacht; jede Wortmeldung im chinesischen Internet (das weitgehend abgekoppelt ist vom Rest der Welt) wird registriert. Wer etwas sagt, tut oder kauft, was nicht den moralischen und/oder rechtlichen Vorstellungen der Obrigkeit entspricht, bekommt im Social-Scoring-System Chinas Minuspunkte. Personen, die davon zu viele auf dem Konto haben, können keine Flugreise mehr buchen, bekommen keine Wohnung oder können ihre Kinder nicht auf angesehene Schulen schicken. Hier werden Algorithmen genutzt, um umfassend in das Leben eines jeden Menschen einzugreifen und um diesen mit mehr oder minder sanfter Gewalt in die richtige Richtung zu lenken. Moralisches Verhalten wird dort algorithmisch erzwungen.

Es ist jedoch wohlfeil, mit dem Finger auf die üblichen Verdächtigen zu zeigen. Arroganz sollten wir uns im Westen tunlichst verkneifen. Denn das, was in China und anderswo von der Obrigkeit erzwungen wird, schaffen wir freiwillig und meistens aus Bequemlichkeit. Es ist schliesslich einfacher, per Smartphone zu bezahlen und uns gleichzeitig von den Kaufempfehlungen des jeweiligen Bezahldienstes leiten zu lassen; der «Wahl-o-Mat» sagt uns, welche Partei am besten zu uns passt, und nimmt uns ganz nebenbei das Selberdenken ab; unseren Kleidungsstil lassen wir uns durch einen Internetanbieter vorgeben, denn einen eigenen Geschmack zu entwickeln ist schliesslich anstrengend und auch riskant, die Gefahr, nicht im Trend zu liegen, viel zu gross. Unsere tägliche Internetnutzung hinterlässt, in diesem Fall freiwillig, unermessliche Datenspuren, die Unternehmen dazu nutzen können, einen digitalen Zwilling von uns zu kreieren; damit wird es möglich, unser Verhalten vorherzusagen und zuweilen auch zu manipulieren. Schon vor einigen Jahren konnten Forscher zeigen, dass sich allein mit der Auswertung der bei Facebook platzierten Likes persönliche Eigenschaften wie die sexuelle Orientierung, Hautfarbe oder politische Präferenzen recht akkurat erkennen lassen. Von hier ist es zum Versuch der gezielten Verhaltenssteuerung nicht mehr weit.

«Algorithmen mögen moralisch neutral sein,

ihre Verwendung ist es definitiv nicht.»

Willkürliche Regeln ohne öffentliche Kontrolle

Hierbei geht es primär nicht um politischen Machterhalt, sondern ums Geschäft: Algorithmen ermöglichen profitable neue Geschäftsmodelle, aber schliessen gleichzeitig Wahlmöglichkeiten für die Konsumenten aus oder versuchen sogar, deren Verhalten gezielt in eine bestimmte Richtung zu lenken. Damit das Geschäft weltweit funktioniert, werden Inhalte des Internets gefiltert – wohlgemerkt, von Unternehmen auf Basis von Regeln, die diese willkürlich und ohne öffentliche Kontrolle festlegen –, um mit möglichst vielen Moralvorstellungen kompatibel zu sein. Dann verschwinden eben auch einmal Bilder von Brustwarzen auf In­stagram – aber nur die von Frauen.

Angesichts der Manipulationsmöglichkeiten, die Algorithmen bieten, könnte man seufzen: «Oh schöne neue Welt…», jedoch in der Variante Huxleys, nicht Shakespeares. Den Algorithmen ist es egal, in welchem politischen System und zu welchen Zwecken sie verwendet werden; Algorithmen mögen moralisch neutral sein, ihre Verwendung ist es definitiv nicht. Daher mag es bei den algorithmisch gestützten Geschäftsmodellen primär nicht um Macht gehen, sondern um Geld. Doch folgt man Max Weber, dann implizieren die beschriebenen Manipulationsmöglichkeiten sehr wohl Machtausübung, deren Legitimität in vielen Fällen durchaus in Frage gestellt werden kann.

Man kann die genannten Beispiele moralisch unterschiedlich bewerten und manche der beschriebenen Phänomene sogar gutheissen, weil man beispielsweise Bilder weiblicher Brustwarzen für moralisch anstössig hält. Manche neigen dazu, bestimmte Formen der (algorithmischen) Manipulation als Nudging zu bezeichnen – Algorithmen stupsen uns in die richtige Richtung, ob nun bei Ernährung, Fitness oder anderen moralisch hochgradig aufgeladenen Verhaltensweisen. Doch Nudging bleibt Manipulation, wenn auch in einem liberalen Gewand. Da kaum jemand von uns weiss, wie Algorithmen funktionieren und wessen (moralische) Urteile und Werthaltungen in deren Gestaltung einfliessen, sollten wir daher ins Grübeln kommen. Denn darüber entscheiden allzu häufig nicht demokratisch gewählte Personen oder Parlamente, weder im Westen noch in China oder anderswo. Schliesslich zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Suchmaschinen und die von ihnen produzierten Fundlisten, aber auch Social-Media-Plattformen gezielt zur Wahlmanipulation eingesetzt werden können – das greift das Herzstück einer jeden Demokratie an. Algorithmen stellen mächtige Werkzeuge dar, mit denen unzweifelhaft Gutes erreicht werden kann – beispielsweise Leben in der Coronakrise schützen oder die Verbreitung von Rassismus und Antisemitismus verhindern. Sie können jedoch ebenso genutzt werden, um Freiheiten einzuschränken.