Oh Mensch! Gib acht! Was beten die Rehlein zur Nacht?

In «Cassell’s Encyclopedia of World Literature», erschienen 1954, war zu lesen, dass Christian Morgensterns Gedichte «praktisch unübersetzbar» seien. Ein Übersetzer, der das sah, stand eines Tages plötzlich da und übersetzte Morgenstern. Wer war er? Geboren 1909 als Max Kühnel in Pilsen, musste er, Mann des Geistes und Wortes jüdischer Herkunft, 1938 vor den Mördern fliehen und konnte sich in Kalifornien unter dem Namen Max Knight ein neues Leben gründen. 1962 veröffentlichte er seine Auswahl aus Morgenstern in einer zweisprachigen Ausgabe: «Gallows Songs and Other Poems». Er starb 1993.

Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster und Publizist, hat nun Knights Werk neuaufgelegt. Zunächst musste Peter dem Lebensweg Knights nachspüren und die amerikanischen Rechte bei dessen Söhnen, Anthony und Martin, einholen. Auch der Piper-Verlag, der die «Songs and Poems» 1972 herausgegeben hatte, gab seine Zustimmung. Frucht dieser Ermittlungen und sorgfältiger Arbeit ist ein schönes Büchlein in der Reihe «Schwabe reflexe». Am letzten Sonntag des Septembers wurde es in einem Saal des Hotels Waldhaus, Sils Maria, vorgestellt.

Niklaus Peter sprach, und am Flügel improvisierte dazu Rudolf Lutz, St. Galler Organist und künstlerischer Leiter der J.S. Bach-Stiftung. Auf 1’800 Metern über Meer hörten und sahen gegen siebzig Besucher, wie sich der Sprecher und der Pianist die Bälle zuwarfen, die Morgenstern und Knight ins Spiel gebracht hatten. Da am selben Tag das Nietzsche-Kolloquium endete, befanden sich im Publikum auch die Witwe des italienischen Nietzsche-Philologen Mazzino Montinari und die Enkelin Oscar Levys, der Nietzsche in England bekanntgemacht hat. Morgenstern widmete seine Spiele «Dem Kinde im Manne», und stellte sie unter einen Satz aus «Zarathustra»: «Im echten Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen.» In der 15. Auflage lautete die bessere Widmung «Dem Kinde im Menschen». Wie spielt Knight mit dem unübersetzbaren Gebet der Rehlein?

Die Rehlein beten The does,

zur Nacht, as the hour grows late,

hab acht! med-it-ate;

Halb neun! med-it-nine;

Halb zehn! med-i-ten;

Halb elf! med-eleven;

Halb zwölf! med-twelve;

Zwölf! mednight!

Und was wird aus dem Seufzer, wenn er auf amerikanischem nächtlichem Eis Schlittschuh läuft? Was macht das Mondschaf am kalifornischen Himmel, wie entschreitet der ungeschneuzte Palmström in der neuen Welt und womit wird dort die teure Möwe Emma gefüttert? «The architect, however, flew / to Afri- or Americoo». Knight, der nach Amerika fliehen musste, gab dem Gedicht vom Lattenzaun vielleicht nicht zufällig die erste Stelle. Aus dem Raum zwischen der deutschen und englischen Sprachwelt baute er sich und uns ein neues Haus.

Der Romanist und Schriftsteller Iso Camartin sagte in einem Gespräch nach der Aufführung, an der Kunst Knights lasse sich das Wesen des Übersetzens erkennen. Was bedeutete das Übersetzen für Knight selbst? Peter erwägt sehr sinnvoll im kurzen, lehrreichen «Nachnachwort», ob Morgenstern Knights «portatives Vaterland» – wie Heinrich Heine das nannte – gewesen sei, das er mit sich trug und durchs Übersetzen rettete. Warum, könnte man noch fragen, gerade Morgenstern? Wohl wegen seines Humors und Ernstes, deren Verhältnis zueinander schwer zu bestimmen ist, die jedenfalls jenseits all jenes Pathos sind, das in Nietzsches Zarathustra («Oh Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?») manchmal etwas dumpf klingt. Humor und Ernst machen das Spielen aus, und das Spiel verbindet Menschen, so dass sogar das Unübersetzbare sich der Übersetzung öffnet.

Das kleine Buch ist genau lektoriert. Es folgt, wie es zu einem anspruchsvollen Verlag passt, der herkömmlichen Rechtschreibung. Die wenigen Druckversehen sind schnell vergessen. Leserinnen und Leser, greift zu!

Christian Morgenstern / Max Knight: «Galgenlieder. Gallows Songs». Hrsg. Niklaus Peter. Basel: Schwabe, 2010

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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