Ob schweizerisch oder indisch – Schnüffler bleibt Schnüffler

Wer sich heute dem ehrwürdigen Genre des Detektivromans widmet und mehr als eine Kopie sattsam bekannter Vorbilder abliefern möchte, sollte ausser Erzähltalent auch einige originelle Einfälle mitbringen. Der Zürcher Autor Sunil Mann, 1972 als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren, hatte die naheliegende Idee, einen Sohn indischer Einwanderer in Zürich ermitteln zu lassen.

Vijay Kumar ist schon dreissig, hat aber zur Verzweiflung seiner Mutter in seinem Leben noch nicht viel auf die Beine gestellt. Dass er nun ausgerechnet als Privatdetektiv arbeiten möchte, stimmt sie auch nicht gerade froh. Doch der nicht mehr ganz junge Mann ist wild entschlossen, seine in einem Fernkurs erworbenen Qualifikationen zur Anwendung zu bringen, gestaltet stilsicher sein Wohnzimmer zu einem zünftigen Detektivbüro um und darf schon bald im Auftrag seiner ersten Kundin auf Katzenjagd gehen. Der zweite Fall lässt nicht lange auf sich warten (und unser Autor bewegt sich auf ausgetretenen Pfaden). Eine junge Frau sucht ihren Freund, der verschwunden ist, seit er sich auf einen erhofft lukrativen Drogendeal eingelassen hat. Selbstverständlich hat der frischgebackene Detektiv Informanten im Milieu und steht schon bald einer berüchtigten Szenefigur gegenüber, deren albanische Handlanger ihn jedoch kurzerhand vor die Tür setzen. Damit es weitergehen kann, taucht einer aus der Gang wenig später in Kumars Wohnung auf und weiss von bemerkenswerten kriminellen Vorgängen zu berichten. Da er dies jedoch nur in gebrochenem Deutsch tut, zudem von einem seiner Kumpane verfolgt wird und zu guter Letzt auch noch seine Mitteilsamkeit mit dem Leben bezahlen muss, erfährt der Ermittler noch nicht die ganze Wahrheit. Doch wie’s der Zufall und der Autor will, erhält unser Detektiv einen weiteren Auftrag, der seltsamerweise in enger Verbindung zu seinen bisherigen Ermittlungen steht – und schon steht der Auflösung in Form eines dramatischen Showdowns in den Bergen bei St. Moritz nichts mehr entgegen.

Ein Plot wie vom Reissbrett also, an dessen Ausführung nicht viel auszusetzen ist. Mehr zu bieten hat dieser Kriminalroman allerdings nicht. Bis auf einige mässig komische Mutter-Sohn-Szenen vermag der Autor aus der Identität seines Helden, als eines «indischen Schweizers oder Schweizer Inders», von der auf dem Einband so vielversprechend die Rede ist, kaum Funken zu schlagen. Vijay Kumar präsentiert sich vielmehr als einen jener trink- und meinungsfreudigen Privatschnüffler, von denen das Genre Dutzende hervorgebracht hat. Nun, wer gerne seine Zeit mit solchen Figuren verbringt, kommt in diesem Roman zweifellos auf seine Kosten.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Lehrer & Redaktor, Recklinghausen

Sunil Mann: «Fangschuss». Dortmund: Grafit, 2010

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»