Nur nicht stehen bleiben!

Im Fokus 2005: Preisträger des Chamisso-Preises
Februar: Aglaja Veteranyi
März / April: Catalin D. Florescu
Mai: Ilma Rakusa
Juni / Juli: Dragica Rajcic
August / September: Francesco Micieli
Oktober / November: Zsuzsanna Gahse
Dezember / Januar: SAID

Der Adalbert-von-Chamisso-Preis wird seit 1985 an Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache
für ihre Beiträge zur deutschen Literatur vergeben.

Mit dem Dichter SAID beenden wir den Fokus «Chamisso-Preis». Nach einer Einführung von Iso Camartin folgen fünf bisher unveröffentlichte Texte des Preisträgers von 2002.

Noch nicht ganz achtzehn Jahre war er alt, als er den Iran verliess und nach Deutschland ging. Inzwischen lebt er dort seit vierzig Jahren. Begriffe wie «Heimat» und «Exil» geraten ins Wanken bei diesen Zahlenverhältnissen. Man ist mit achtzehn Jahren noch kein fertiger Mensch. Man kann nicht alles, was auf einen jungen Menschen in einem neuen Land einströmt, als anders und als fremd betrachten. Zu gross ist der Hunger nach Wachstum und Einsicht, nach Anteilnahme und nach Glück, um auf das Neue immer als auf das Fremde zuzugehen. Unversehens wird der Ursprung das, was man mit fremdem Blick anschaut, und die fremden Gegebenheiten umhüllen sich mit Vertrautheit und mit einer Umgangswärme, die man als Ergebnis neuer Zugehörigkeit erfährt.

Jeder Mensch, der in mehreren Sprachen zu Hause ist und sich in diesen Sprachen auszudrücken und zu verständigen vermag, erfährt diese Relativität von Eigen und Fremd; der Unterschied zu jemand, der in seinem Selbstverständnis stets in der Ursprungssprache verblieb, liegt in einem anhaltenden Verwunderungszustand angesichts der neuen Sprache, der dazu zwingt, die wörtlichen Gegebenheiten immer wieder zu überprüfen. Ist dem Worte zu trauen? Ist man so umgänglich geworden mit dem Wort, dass man genau genug hört, was da alles mitschwingt? Vernimmt man nicht auch das Rauschen eines Abgrunds, wenn man sich eines Wortes bedient, dessen Ränder und Grenzen noch unzureichend erkundet sind?

Ich kann weder lesen noch verstehen, was SAID in seiner persischen Ursprungssprache mitteilt. Doch wenn er deutsch schreibt und spricht, habe ich den Eindruck, es sei eine besonders gut geprüfte Art, mit Wörtern umzugehen. Eine seltsame Aura der Verlässlichkeit umgibt die Dinge, die er uns sagt. Natürlich haben die Wortkünstler, die Lyrik schreiben, diese Eigenart, die Wörter und deren spezifisches Gewicht einer besonderen Überprüfung zu unterziehen, so dass jene schwebende Balance im Sprachgebrauch entsteht, die man beinah nur aus Gedichten kennt. SAID ist Lyriker, und insofern gehört das zu seinem Metier. Dennoch kommt bei ihm etwas hinzu, was mich seit Jahren verwundert und fasziniert: der Verlust des Ursprünglichen hat bei ihm die Klarsicht über die neuen Gegebenheiten nie getrübt, so dass es zu keinen Nebelzonen und Schummrigkeiten im Begreifen der Welt kommt. Es gibt etwas Glasklares in den Texten von SAID, etwas Staub- und Schmutzabweisendes, schlechte Anlagerungen Verbietendes. Alles wird einer sprachlichen Reinigungsprozedur unterzogen, die dennoch nichts Puristisches, Ängstliches und Kleinliches hat. So als würde beim Schreiben das Fett wie von selbst von der Sprache abfliessen, damit am Ende etwas dasteht, was unverrückbar geworden ist, hart und von einem Klarsicht verbreitenden Glanz. Vielleicht ist das die Chance derjenigen, die etwas erst als Geschenk annehmen, nachdem sie geprüft haben, ob es ihnen zum Wohl oder zum Hindernis gereicht.

Man soll nicht so weit gehen, dass man die Zustände preist, die die Menschen zu Auswanderung und Exil zwingen. Doch um wie viel ärmer wäre die Welt, würde es jene nicht geben, die aus einer Not ihre besondere Chance zu machen verstanden. Im Klangkörper der deutschsprachigen Literatur würde vieles fehlen, gäbe es nicht Autoren wie SAID, die ihre Stimme so einfügen, dass sie klar und deutlich vernehmbar bleibt. Seit vielen Jahren beglückt uns SAID mit Gedichten und mit Prosatexten, die über den Leser etwas Beherztes, Mutiges und Mutmachendes verströmen. Oft ist es witzig und frech, manchmal auch beklemmend und aufwühlend, so dass es einem einen Ruck versetzt. Mich schieben diese Texte auch noch dort, wo sie das Los von Verlorenen und Vergessenen umzirkeln, in eine Art Zuversicht hinein. Nur nicht stehen bleiben! Unbedingt weiter denken! Es gibt immer noch eine Tür, durch die man nicht gegangen ist. Oder die man definitiv schliessen kann. Die Welt ist absurd und sieht oft beinah rettungslos aus. Doch ist dies kein Grund, die Zuversicht fahren zu lassen. Wer immer geredet hat, kann auch noch schweigen. Wer immer berechenbar war, könnte auf einmal aus allen Berechnungen ausscheren.

«wer zerrissenes nicht lieben kann, der kann nicht lieben» heisst es in «monsieur murmelstein», der auf den hier folgenden Seiten abgedruckt ist. Die Welt ist zerrissen. In ihr gibt es Gewalt, Folter, Ungerechtigkeit. Die Liebe bleibt auf der Strecke, wie die Träume und das Glück. Es regieren die Tyrannen, und wer ihnen nicht passt, wird vertrieben, eingesperrt, umgebracht. Aber es gibt auch die Entkommenen, die Verschonten, die Überlebenden. Jene, die lebensgierig genug sind, Wunder zu erwarten und für das, was morgen sein könnte, einen Horizont zu entdecken. SAID ist kein Narr und kein Träumer. Er schaut den Realitäten ins Auge. Aber er lässt sich nicht taub und dumm machen von den Tatsachen. Ich lese SAID dann besonders gern, wenn ich unbedingt wissen will, wie es weiter gehen könnte.

Iso Camartin, geboren 1944 in Chur, lebt und arbeitet als freischaffender Publizist und Autor in Zürich.

die stadt

sie lehnt die erde ab und meint jede berührung mit ihr

sei eine abwärts gerichtete zärtlichkeit

sie überläßt ihre toten den einheimischen tieren

und ihre gebeine den fremden winden

ihre grenzen sind verseuchte mülldeponien

die zu festungen mutiert sind

die stadt lebt von den fortgegangenen

und vom fleisch ihrer erzählungen

dem fremden wird an der grenze ein wort beigebracht

fortan pflegt er seine verblendung

die einwohner lassen sich verleugnen

sie tragen kein organ mehr zur bespitzelung

der heimkehrer wird in ein glashaus gestellt

mit einem maulkorb und muß sich alles anhören

die stadt lauscht vergnügt dem klagelied der blinden

nachts wandert sie durch ihre gassen

und achtet auf die schritte der fremden

monsieur murmelstein

(für ilja richter)

seit er entlassen wurde, hatte er nur ein ziel: lügen. denn er hatte angst vor seiner eigenen geschichte. er hatte angst, seine wahrheit würde zum sandpapier und riebe ihn völlig ab. er wußte, gegen diese angst helfe nur die lüge.

er hatte nichts mitgenommen von jener zeit, von jenem ort; keine kleider, keine erinnerung. nichts. außer einem kieselstein. vom appellhof, am tag der befreiung. dieser stein müßte alles gehört haben, hier. er hatte den stein lange angeschaut, bis er für ihn einen namen hatte. seither trug er ihn mit sich. wann immer ihn die kraft zum lügen verließ, steckte er seine hand in die tasche, griff nach seinem trauerstein, bis er seine kraft wiedergewonnen hatte.

im feldlazarett, bei den ersten befragungen der alliierten, verschwieg er alles, bis auf die angaben zur person. er sei noch nicht so weit, sagte er sich, er wisse, wann er beginnen müsse. er brauche diese zeit des schweigens, um distanz zu gewinnen – für seine zukunft. er aß wenig, trank viel wasser und schlief, so lange es ging.

er kehrte in seine stadt zurück, allein; nur diese stadt kam für ihn in frage. er kämpfte so lange, bis er seine wohnung zurückbekommen hatte. sie war ihm zu groß ohne seine frau. doch er wollte in seine wohnung einkehren. er wollte nie mehr weg. nie mehr packen und gehen müssen. er wollte bleiben. er glaubte, nur so könne er seine mission erfüllen. er brauchte diese wohnung, er brauchte jene nachbarn. jene, die ihn denunziert hatten, die dann seine wohnung besetzt hatten. in seiner abwesenheit vorgewärmt hatten, wie er zu sich sagte. er brauchte sie.

als alle bürokratischen gänge erledigt waren, schloß er sich für zwei tage und zwei nächte in seiner wohnung ein. die wohnung war noch nicht eingerichtet. er meinte, er brauche kein mobiliar. er brauche noch die kahlheit. er brauche die wände, er brauche das weiß.

er aß nicht, trank nicht, betete nicht – er hatte nie in seinem leben gebetet. er legte sich auf den boden und deckte sich mit seinem mantel zu.

er schlief kaum. er kämpfte gegen die bilder in seinem kopf. als diese zu siegen drohten, griff er auf einen alten trick zurück, den er seit der kindheit kannte. er rief sich noch ältere bilder auf. bilder aus der zeit vor dem grauen. bilder aus der zeit, als er seine frau kennenlernte. er ging noch weiter zurück – bis zu seiner kindheit. von bild zu bild. zu seiner unbeschwerten kindheit. erst als er hier angelangt war, fiel er in schlaf.

am tag darauf brach er auf. er fuhr in ein anderes land. ein land, in dem alles billig zu haben war.

dort fand er einen alten tätowierer, dem er viel geld bot. der trennte ihn von der nummer auf seinem linken arm. der tätowierer zog ihm die haut vom fleisch. die nummer mußte lesbar bleiben – so war die abmachung.

«die haut wächst nach», sagte der tätowierer «so ist der mensch». er verarbeitete die haut: er enthaarte sie, glättete sie, bis sie geschmeidig und durchsichtig, bis sie zu pergament wurde.

monsieur murmelstein nahm seine haut und kehrte nach hause zurück. dann besorgte er sich eine dünne kapsel aus bakelit, rollte seine haut zusammen, steckte sie in die kapsel, verschloß sie fest und legte sie auf den boden im wohnzimmer. nun ging er zum fenster und schaute hinaus, so lange er konnte. schließlich drehte er sich um, lehnte sich an das fenster, breitete seine arme aus und legte sie auf das sims. er blickte an sich hinunter; sein blick blieb an den schuhen haften. ohne seinen platz zu verlassen, schlüpfte er aus den schuhen, ging einen schritt nach links und betrachtete sie, bis er wußte: er würde keine schuhe mehr brauchen. dann entledigte er sich seiner socken und warf sie zu den schuhen.

er ging in die apotheke und holte sich vaseline. er rieb die kapsel gut ein und steckte sie dann behutsam in seinen after. er ging im zimmer auf und ab, setzte sich auf den boden, legte sich auf den rücken, ging hinaus, setzte sich in ein café, auf einen stuhl. die kapsel blieb in seinem after.

am tag darauf kaufte er als erstes ein messingschild für seine wohnungstür. darauf stand:

monsieur murmelstein.

dann richtete er seine wohnung ein, so schlicht wie möglich. den spiegel im bad verhängte er.

er meinte, spiegel könnten nicht mehr neutral sein. er beschloß, auf dem boden zu schlafen, um die alte gewohnheit nicht zu verlieren, die ihn in den letzten jahren begleitet hatte. er ließ an der wand, links neben der matratze, ein schmales holzbrett anbringen. sehr niedrig, so daß er jederzeit hingreifen konnte, ohne aufstehen zu müssen.

in der ersten nacht holte er seine haut heraus, glättete sie, betrachtete sie und vergewisserte sich, daß die nummer lesbar war. er legte sie auf das brett und betete zu ihr. er hatte noch nie gebetet; doch er hatte gesehen, wie man betet. er nahm ein handtuch, irgendeins, breitete es um seine schulter, ging in die knie und betete – zu seiner tätowierung. er erzählte ihr von seiner frau. auch rief er sie beim namen. er wußte natürlich, für den kaddisch braucht man 10 männliche personen. aber er brauchte jetzt niemanden mehr. er betete, bis er in seinen kleidern in schlaf fiel. den tag darauf erklärte monsieur murmelstein zu seinem geburtstag.

alsbald arbeitete er als vertreter, er verkaufte seife, kernseife – barfuß. er ging von tür zu tür: «ich bin monsieur murmelstein und verkaufe seife. seife braucht man immer, nicht wahr?» dann log er. vom krieg, von der gefangenschaft, von seiner verwundung. und er sprach auch von seinem vaterland, auch von den nöten der menschen. wenn ihn jemand fragte, wie er denn richtig heiße, antwortete er, er heiße nur monsieur murmelstein. seinen vornamen habe er unterwegs verloren – auf der flucht.

monsieur murmelstein verkaufte nicht nur seife, er lebte auch davon. er aß seife und behauptete, sie sei gut für den stuhlgang, er könne dann auch gut schlafen; und er trank viel wasser.

seife und wasser, ein guter stuhlgang, geregelter schlaf – mehr braucht der mensch nicht.

er behauptete auch, nachts, seiner tätowierung gegenüber, seife halte sein gedächtnis frisch. dieses brauche er, um zu lügen. dazu sei er verpflichtet. schon allein seiner frau wegen, schon allein dieser einen person wegen.

abends kam er nach hause, zog die schuhe an, legte sich das handtuch um die schulter und betete – zu seiner haut. manchmal sprach er auch zu einem gott, zu irgendeinem.

«herr, ich bin nicht gerecht, ich weiß; denn ich lüge ausnahmslos. aber ich kann nicht mehr unterscheiden. zuviel seife ist dazwischengekommen.»

monsieur murmelstein lief seit seiner rückkehr barfuß und meinte, er könne barfuß besser lügen.

nachts, wenn er allein war, trug er schuhe. er schlief auch mit schuhen – wer weiß, wann der nächste transport kommt.

er meinte, seit er entlassen sei, brauche er keinen wirklichen ort. er sei ortlos geworden. und er fand dies seinem schicksal gemäß. seit er entlassen sei, ständen überflüssige schatten neben ihm, ortlos gewordene. seit er entlassen sei, lüge er. bis seine lügen einen ort für die wahrheit gefunden hätten – zwischen seife und vernunft.

wer zerrissenes nicht lieben kann, der kann nicht lieben – meinte er. und er betete zu seiner tätowierung. sie möge ihn lange leben lassen – auf daß er lüge. er log und achtete nicht darauf, was die leute erzählten. er hatte beschlossen, taub zu sein.

und er log so lange, bis ihm seine zunge nicht mehr gehorchte. er konnte keine wahren sätze mehr sprechen. nachts, wenn er allein war mit seiner tätowierung, mit seiner frau; auch hier log er. er belog seine frau und auch seine haut, die nun auf dem holzbrett lag. er log in bildern. so viele bilder, die sich bedingten. und mit jedem bild entfernte sich monsieur murmelstein von sich selbst. bis er am ende nicht einmal mehr sicher war, ob seine frau ihn wiedererkennen würde.

sonntags ging er in den zoo, barfuß. er kaufte so viele nüsse, wie er konnte, setzte sich vor den käfig der affen und gestand ihnen flüsternd seine lügen. zuweilen murmelte er auch von seiner frau und verriet auch gelegentlich ihren kosenamen. er meinte, den affen könne er so viel verraten.

eines tages, an einem sonntag, im frühling, kam monsieur murmelstein wieder in den zoo, mit einer tüte voller nüsse in der hand, barfuß. und er sah, daß die affen auf ihn warteten. sie freuten sich über ihn; als ob sie seine geschichten bräuchten.

er blieb vor dem käfig stehen und starrte auf die schreienden affen. dann legte er die tüte mit den nüssen auf die erde, drehte sich um und verließ den zoo.

danach beschloß monsieur murmelstein, überhaupt nicht mehr zu sprechen.

(august 2002)

er wird kommen

das telephon läutet dreimal. zweimal. dann einmal. seit 7 tagen sitze ich zwischen 14 und 16 uhr zu hause und warte auf dieses zeichen. ich brauche mich gar nicht zu beeilen. wir haben zeit bis zur abenddämmerung; jetzt im sommer kommt sie recht spät.

ich setze mich hin, um einen brief an e. zu schreiben. um ihr zu danken für ihre liebe – wild und loyal. das wird ein kurzer brief. wir haben uns immer verstanden – ohne große erklärungen. ich werde sie mit einem ihrer kosenamen ansprechen und ihr sagen, daß ich sie vermissen werde.

ich ziehe mich an; genau das, was ich gestern anhatte. nur die unterwäsche muß sauber sein, für alle fälle. das hemd habe ich gestern gewechselt; ich kann es heute noch anziehen. dann die gewohnte weste, auch wenn es heute warm ist; ich will geschützt sein. zuerst aber alle taschen leeren und durchsuchen; es darf nichts falsches dabeisein.

zwei taschentücher in den hosentaschen. das linke taschentuch ist eine art reserve für alle fälle; für gewöhnlich putze ich damit meine brille. das rechte ist ein schneuztuch. in der brusttasche des hemdes trage ich nie etwas; es stört.

die weste: ihre linke tasche unten ist und bleibt für meine taschenuhr reserviert. ich werde sie für heute mit silberputzmittel polieren. ich öffne den deckel und putze sie auch innen. ein blick auf das foto. ich bin vier jahre alt mit einem läuseschnitt. ich klappe den deckel zu, ziehe die uhr auf, streichle mit der innenfläche der rechten hand über die seite mit den zeigern und stecke sie in die linke westentasche.

rechte tasche unten; hier ist der platz für das kleingeld. linke tasche oben; für die geldscheine. ich zähle sie. auf dem konto ist ein wenig geld. ich werde unterwegs geld abheben. ich will heute das gefühl haben, daß ich geld ausgeben kann, wie ich will.

die rechte tasche oben; sie ist für rechnungen und notizen vorgesehen. heute brauche ich keine rechnungen mehr aufzubewahren. und endlich: ein tag ohne notizen.

ich ziehe die jacke an. rechte innentasche: zuständig für kalender und adreßbuch. die adressen brauche ich nicht mehr und auch die eintragungen für die nächsten tage nicht.

linke innentasche: die brieftasche. ich öffne sie und nehme alles heraus. die monatskarte für straßenbahn, bus und u-bahn; ich werde nur zu fuß gehen, ich habe zeit. die kreditkarten? ich zerschneide sie in zwei teile und werfe sie ebenfalls auf den tisch. ich werde niemandem mehr meine visitenkarte in die hand drücken; ich lege sie auf den stapel im regal. auch auf die schecks kann ich verzichten. im postamt, wo ich seit über 30 jahren ein postfach habe, kennt man mich, und ich kann bis 400,- dm abheben, auch ohne ausweis. dann der journalistenausweis, der sozialversicherungsausweis, der ausweis für die städtischen bibliotheken, der mitgliederausweis der industriegewerkschaft medien, der ausweis für die staatsbibliothek; heute besteht kein ausweiszwang für mich. das kinderfoto in meiner taschenuhr reicht – selbst für die polizei.

die kleine tasche oben links: die bahncard brauche ich nicht; ich bleibe ja in der stadt. auch die telephonkarte lege ich ab; heute telephoniere ich nicht. ich hasse das telephon. ich werfe die karten einzeln und achtlos auf den tisch. ich will sehen, wo sie landen und wie sie dann zueinanderliegen; vielleicht entsteht daraus ein bild; eine art tarot.

ich taste meine jacke von außen ab. der kugelschreiber steckt noch in der passenden tasche, links oben. ich ziehe ihn heraus und lege ihn quer auf den notizblock. heute unterschreibe ich nichts persönliches. im postamt hängt ein billiger kugelschreiber, den ich ansonsten verschmähe.

vor der tür stehen meine schuhe; ich ziehe sie an. rechts auf dem heizkörper liegt der schlüssel für mein postfach; ich stecke ihn ein. ich kann ja noch einmal meine post abholen, sie dann in einem café öffnen wie jeden anderen tag; und vielleicht ist auch ein schöner brief dabei.

bevor ich die tür öffne, erst einen blick durch den spion. dann erst drehe ich den schlüssel um; ich sperre die tür immer von innen ab. ich trete hinaus. ich will die tür von außen absperren. aber ich lasse es; heute will ich alles ändern. brauche ich den wohnungsschlüssel noch? in jede hose habe ich eigens für diesen schlüßel eine kleine tasche annähen lassen, innen, von außen unsichtbar. ich gehe einen schritt zurück und schaue auf die geschlossene tür. die blaßblaue farbe blättert ab. ich beschließe auf diese häßliche tür zu wichsen; ich will mich von ihr verabschieden. ich öffne die hose, hole meinen schwanz heraus und schließe die augen. ich nähere mich der tür, die spermatropfen rinnen jetzt langsam hinunter. ich stecke meinen schwanz in die hose, kehre meiner tür endgültig den rücken und gehe den gang entlang. ich beschließe zu fuß runterzugehen. ich wollte heute ja alles anders machen.

alle meine taschen sind leer. bis auf die kleine, eingenähte tasche in der hose, innen. dort steckt jetzt der postfachschlüssel. den schlüssel zur wohnung halte ich in der hand. ich öffne die haustür, ein blick nach rechts und einer nach links. ich wende mich nach rechts und gehe zum nächsten briefkasten. ich küsse den namen auf dem umschlag und werfe ihn ein. ich überquere die straße und entdecke einen mülleimer, für meinen wohnungsschlüssel.

ich gehe an einem meiner cafés vorbei: angela, die kellnerin, mit rotem, kräftigen haar und vollen lippen. von kleinem wuchs und resolutem schritt. ihr arsch wackelt so, als ob sie damit stühle umwerfen wollte. kleine, feste brüste, die immer zittern. ihre augen sind blaßblau, spermatriefend.

ich gehe weiter und denke mir eine liebesszene mit ihr aus. die anfangsszene will mir nicht einfallen. ich wechsle die straßenseite. ich stecke beide hände in die hosentaschen und befühle zwei saubere taschentücher.

im postamt öffne ich das postfach: zeitschriften, zeitungen, rechnungen. ich lasse sie dort liegen. nichts soll auf eine mögliche identität hinweisen. ein einziger brief ist dabei, eine unbekannte absenderin aus leipzig.

ich hebe geld ab, ohne ausweis, ohne probleme. die frau kennt mich, und wir wechseln ein paar wörter miteinander. ich verlasse das postamt mit geld in der tasche; jetzt muß ich nur noch den postfachschlüssel loswerden. ich beschließe, den schlüssel in einen briefkasten zu werfen. doch nicht in den vor dem postamt. denn der wird stündlich geleert. vielleicht kommt jemand auf die idee, daß es mein schlüssel wäre. an der nächsten ecke finde ich einen briefkasten.

ich trage nichts in den taschen außer geld, zwei sauberen, gebügelten taschentüchern, meiner taschenuhr mit meinem kinderfoto und den brief einer unbekannten. ich werde ihn natürlich zerreißen, nachdem ich ihn gelesen habe. denn auch er könnte auf eine mögliche identität hinweisen. und das kinderfoto in meiner taschenuhr? kann mich jemand anhand dieses fotos identifizieren? ich will mich von diesem foto nicht trennen.

jetzt muß ich nur ein café finden, um meinen espresseo zu trinken und meine post zu öffnen. heute werde ich keine zeitung lesen, um noch ein ritual abzulegen. seit jahren pflege ich jeden tag eine andere zu lesen; um nicht die treue zu entwickeln, die viele menschen zu einer zeitung haben. ich denke nach, wo ich heute meinen espresso nehme? ich beschließe in ein café zu gehen, das ich nicht kenne. ich beschließe in ein anderes stadtviertel zu gehen, wo ich nie gewesen bin.

ein café; gutbürgerlich mit freien plätzen an den fenstern. wahrscheinlich ist hier der espresso miserabel. doch die lage und die ruhe im café gefallen mir. vor allem: keine musik, diese aggressive berieselung. ich suche mir einen platz am fenster. eine richtige dame mit herrlichem tschechischen akzent bedient mich. am liebsten hätte ich mit ihr diniert und sie reden lassen, um diesen akzent zu genießen. sie ist mitte vierzig, kann viel erzählen, zärtlich zuhören und hat bestimmt geschmack.

ich trinke den espresso, zerreiße den brief ungelesen und lege die fetzen ordentlich aufeinander.

ich rufe meine dame und bitte um zigaretten und streichhölzer. wir kommen ins gespräch. sie stammt aus marienbad. ich erzähle ihr, daß ich einen tag in marienbad verbracht habe. sie hört zu, aufmerksam. dann entschuldigt sie sich; sie muß an anderen tischen bedienen.

ich zünde mir eine zigarette an und beobachte durch das fenster die passanten. die meisten rasen. weil sie bepackt sind? weil sie ein schlechtes gewissen haben? ich werde es wohl nie erfahren. ich weiß nur, daß sie glücklich sind, weil sie da sind. und daß sie häßlich sind, in der mehrzahl; viele gähnen. und dann ihr gang. die männer haben überhaupt keinen eignen gang. die frauen sind eigenständiger. aber meist wird ihr gang von ihrem arsch bestimmt. dann will der gang nur aufgeilen und wird häßlich dadurch. dennoch sie sind glücklich, ohne zu wissen, warum. ein alter mann taucht in meinem blickfeld auf. er hat einen eisbecher in einer hand, in der anderen trägt er in einer stofftasche seinen einkauf. das eis ist riesig. der mann streckt die zunge weit hinaus und leckt den eisberg, genüßlich und langsam.

ich wende mich meiner dame aus marienbad zu. sie stolziert zwischen den tischen, ohne mit dem arsch zu wackeln. ich beschließe ihr viel trinkgeld zu geben. aber ich verwerfe sofort diesen gedanken; es könnte ja anzüglich wirken.

ein schnösel tritt ein, das haar geölt und gefettet, der gang von hollywood entliehen. er setzt sich,

winkt, bestellt, holt sein handy heraus und redet laut.

exakt in diesem augenblick fängt ein kind zu plärren an. bis jetzt hatte ich das kind gar nicht wahrgenommen. es ist winzig, mit blauen augen. und es plärrt so laut, daß mir die ohren wehtun.

die mutter ist groß und schön. sie hat langes, braunes haar. die kräftigen beine hat sie übereinandergeschlagen. sie blättert in einer illustrierten und nippt an ihrem kaffee. sie läßt sich weder von ihrem plärrenden kind stören, noch versucht sie es zu beruhigen.

der mann mit dem handy redet weiter.

ich lege geld auf den tisch, stehe auf und verlasse das café. im windfang bleibe ich stehen und pisse; dabei schaue ich auf die plakate, die an der wand angeschlagen sind. die pisse läuft warm meine beine hinunter, dringt in die socken und in die schuhe. ich gehe hinaus und biege die straße links hinunter. ich bleibe vor einem fotogeschäft stehen, stecke beide hände in die hosentaschen und und betrachte die fotos. menschen, die sich in posen werfen, die das glück darstellen sollen und die die menschen entstellen.

ich greife in die linke obere westentasche; ich könnte das geld in einen briefkasten werfen. aber heute habe ich die briefkästen genug belastet. verschenken? es würde nach angeberei aussehen. ich muß mit dem geld etwas kaufen; etwas unwichtiges, unnützes.

meine schuhe. ich hasse schuhe, ich habe sie immer gehaßt. ich ziehe die schuhe aus und auch die socken. ich stopfe sie in die schuhe, die ich mit dem schnürsenkel zusammenbinde. ich hänge den senkel über den mittelfinger der linken hand und gehe los. ich schwenke die schuhe hin und her bis der nächste briefkasten auftaucht; ich drücke sie mit gewalt hinein. ich löse meine krawatte und öffne die knöpfe meiner weste. die krawatte hängt an beiden seiten herunter wie eselsohren.

ich könnte etwas zum essen kaufen; ich habe aber keinen hunger. ich werde seide kaufen, in weiß. ich liebe weiße seide. ich muß diesen stoff fühlen und seine wärme. bald finde ich ein geschäft. davor steht eine telephonzelle; ich weise den gedanken von mir. ich gehe ins geschäft und finde weiße seide. ich zeige der verkäuferin mein ganzes geld. sie ist alt und würdig. sie fragt nicht, mißt den stoff ab und verkauft ihn mir. ein paar münzen bleiben übrig. ich wage es nicht, der verkäuferin den rest als trinkgeld zu geben. ich verneige mich vor ihr und sage «adieu», sie lächelt und sagt: «auf wiedersehen!». ich beuge mich vor, lege meinen zeigefinger auf ihren mund und sage gedehnt «adieu». sie nickt, ohne ihre würde zu verlieren. ich verneige mich wieder und verlasse sie. ich behalte die münzen in der hand.

ich lege den stoff um die schulter. er ist lang und reicht mir bis zu den hüften. ich schaue bestimmt aus wie die witwen im süden, aber in weiß. draußen wieder die telephonzelle. ich schaue zum himmel auf, es ist noch viel zeit bis zur dämmerung. ich schlendere die straße hinunter. die krawatte ist gelöst, die weste offen, ich bin barfüßig, mit dem schönen weißen schal um die schultern, und klimpere mit den münzen in der hand.

ich trete in die nächste telephonzelle ein. ich hebe den hörer ab, werfe die münzen ein und wähle die nummer. ich lasse dreimal klingeln, drücke auf stopp. dann drücke ich den knopf wiederholen und lasse zweimal klingeln. wieder stopp. diesmal lasse ich nur einmal klingeln. ich tippe kurz auf die gabel und lege den hörer auf das bord oberhalb des apparats.

ich öffne die zellentür und trete hinaus. eine kühle brise trifft mich; ich fröstele. ich wickle den weißen seidenschal fester um mich.

(dezember 1997)

der engel und die taube

plötzlich hörte die straße auf und ich entdeckte hinter mir ein haus. ich hatte keine ahnung, daß es mir gefolgt war. an die tür gelehnt stand ein engel – gelangweilt, und feilte sich die fingernägel. er fragte mich, wonach ich rieche.

jasmin oder minze, überlegte ich. minze ist besser. sie vertreibt auch schlangen. und diese weilen oft in der nähe der engel, sagt man.

kaum hatte ich das ausgesprochen, da läuteten glocken.

der engel nahm seine flügel ab, faltete sie ordentlich zusammen, legte sie vor die tür und sagte: «einen augenblick bitte!»

dann verschwand er im haus.

ich überlegte kurz, ob ich die flügel an mich nehmen sollte – zu lange.

die tür ging auf, ein anderer engel trat heraus: «sie wünschen?»

und er streckte die hand aus. wahrscheinlich wollte er mich nur einmal berühren; engel haben zuweilen solch kuriose wünsche.

ich machte den mund auf, aber hinter mir gurrte eine

taube.

ich drehte mich um, die taube flog auf.

als ich mich wieder umdrehte, war auch der engel verschwunden.

ich klopfte an die tür. keine antwort. ich öffnete die tür und stand auf einer brücke. auf der anderen seite der brücke standen die zwei engel mit meiner taube und blickten herüber. ich wollte grüßen. doch plötzlich kam aus meinem mund eine sprache, die ich nicht verstand.

mein erster gedanke war: wer hat mir das angetan?

(im september 2005)

Ohne Titel

Um zu bleiben,

braucht man hier

zwei Lungen

für einen Atemzug,

einen Wurzelstock

für zwei Erdklumpen,

zwei Schatten

für eine Sonne,

einen Kuß für zwei Hände.

Unter den entzündeten Augen

dieses überwachen Jahrhunderts

kauern die Besiegten;

und der Tod

gebeugt

über das Verschwiegene.

SAID

1947 Geburt in Teheran

1965 Übersiedlung als Student nach München. Hier verbanden sich seine literarischen Interessen mit einem politisch-demokratischen Engagement. Damit war ihm die Rückkehr in den Iran verschlossen.

1979 Nach dem Sturz des Schahs Rückkehr in den Iran. Unter dem Regime der Mullahs sah er jedoch keine Möglichkeit zu einem Neuanfang in seiner Heimat. Seither lebt er als Dichter, Schriftsteller und Hörspielautor wieder im deutschen Exil.

1986 Literaturpreis der Stadt München

1992 Civis-Hörfunkpreis

1994 Premio Letterario Internazionale «Jean Monnet»

1996 Preis der Stadt Heidelberg «Literatur im Exil»

1997 Stipendium Villa Aurora (Los Angeles, USA)

1997 Hermann-Kesten-Medaille des Pen-Zentrums Deutschland

2000 bis 2002 Präsident des Deutschen Pen

2002 Adelbert-von-Chamisso-Preis

2006 Goethe-Medaille des Goethe-Instituts

Bücher

«liebesgedichte». München: P. Kirchheim Verlag, 1989 (1981).

«wo ich sterbe ist meine fremde». Gedichte. München: P. Kirchheim Verlag, 1994 (1984), auch auf Englisch erschienen.

«ich und der schah. die beichte des ayatollah». Hörspiele.

Hamburg: Perspol-Verlag, 1987.

«dann schreie ich, bis stille ist». Gedichte. Tübingen:

Heliopolis Verlag, 1990.

«selbstbildnis für eine ferne mutter. ein poem». München:

P. Kirchheim Verlag, 1992.

«der lange arm der mullahs. notizen aus meinem exil». München:

C. Beck, 1995.

«es war einmal eine blume». Ein Märchen mit Bildern von Kveta Pacovska. Salzburg: Michael Neugebauer Verlag, 1998.

«sei nacht zu mir». Liebesgedichte. München: C. Beck, 1998.

«die ballade vom esel trauermaul». Ottensheim an der Donau:

Edition Thanhäuser, 1999.

«dieses tier, das es nicht gibt». München: C. Beck, 1999.

«landschaften einer fernen mutter». München: C. Beck, 2001.

«clara». Ein Märchen mit Bildern von Moidi Kretschmann.

St. Pölten: Niederösterreichisches Pressehaus, 2001.

«außenhaut binnenträume». Gedichte. München: C. Beck, 2002.

«friedrich hölderlin empfängt niemanden mehr». Hörbuch.

München: C. Beck, 2002.

«in deutschland leben». Ein Gespräch. München: C. Beck, 2004.

«auf den leib». Mit Photographien von James Dummler.

München: Bucher, 2004.

«ich und der islam». München: C. Beck, 2005.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»