Nur nicht stehen bleiben!

Im Fokus 2005: Preisträger des Chamisso-Preises
Februar: Aglaja Veteranyi
März / April: Catalin D. Florescu
Mai: Ilma Rakusa
Juni / Juli: Dragica Rajcic
August / September: Francesco Micieli
Oktober / November: Zsuzsanna Gahse
Dezember / Januar: SAID

Der Adalbert-von-Chamisso-Preis wird seit 1985 an Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache
für ihre Beiträge zur deutschen Literatur vergeben.

Mit dem Dichter SAID beenden wir den Fokus «Chamisso-Preis». Nach einer Einführung von Iso Camartin folgen fünf bisher unveröffentlichte Texte des Preisträgers von 2002.

Noch nicht ganz achtzehn Jahre war er alt, als er den Iran verliess und nach Deutschland ging. Inzwischen lebt er dort seit vierzig Jahren. Begriffe wie «Heimat» und «Exil» geraten ins Wanken bei diesen Zahlenverhältnissen. Man ist mit achtzehn Jahren noch kein fertiger Mensch. Man kann nicht alles, was auf einen jungen Menschen in einem neuen Land einströmt, als anders und als fremd betrachten. Zu gross ist der Hunger nach Wachstum und Einsicht, nach Anteilnahme und nach Glück, um auf das Neue immer als auf das Fremde zuzugehen. Unversehens wird der Ursprung das, was man mit fremdem Blick anschaut, und die fremden Gegebenheiten umhüllen sich mit Vertrautheit und mit einer Umgangswärme, die man als Ergebnis neuer Zugehörigkeit erfährt.

Jeder Mensch, der in mehreren Sprachen zu Hause ist und sich in diesen Sprachen auszudrücken und zu verständigen vermag, erfährt diese Relativität von Eigen und Fremd; der Unterschied zu jemand, der in seinem Selbstverständnis stets in der Ursprungssprache verblieb, liegt in einem anhaltenden Verwunderungszustand angesichts der neuen Sprache, der dazu zwingt, die wörtlichen Gegebenheiten immer wieder zu überprüfen. Ist dem Worte zu trauen? Ist man so umgänglich geworden mit dem Wort, dass man genau genug hört, was da alles mitschwingt? Vernimmt man nicht auch das Rauschen eines Abgrunds, wenn man sich eines Wortes bedient, dessen Ränder und Grenzen noch unzureichend erkundet sind?

Ich kann weder lesen noch verstehen, was SAID in seiner persischen Ursprungssprache mitteilt. Doch wenn er deutsch schreibt und spricht, habe ich den Eindruck, es sei eine besonders gut geprüfte Art, mit Wörtern umzugehen. Eine seltsame Aura der Verlässlichkeit umgibt die Dinge, die er uns sagt. Natürlich haben die Wortkünstler, die Lyrik schreiben, diese Eigenart, die Wörter und deren spezifisches Gewicht einer besonderen Überprüfung zu unterziehen, so dass jene schwebende Balance im Sprachgebrauch entsteht, die man beinah nur aus Gedichten kennt. SAID ist Lyriker, und insofern gehört das zu seinem Metier. Dennoch kommt bei ihm etwas hinzu, was mich seit Jahren verwundert und fasziniert: der Verlust des Ursprünglichen hat bei ihm die Klarsicht über die neuen Gegebenheiten nie getrübt, so dass es zu keinen Nebelzonen und Schummrigkeiten im Begreifen der Welt kommt. Es gibt etwas Glasklares in den Texten von SAID, etwas Staub- und Schmutzabweisendes, schlechte Anlagerungen Verbietendes. Alles wird einer sprachlichen Reinigungsprozedur unterzogen, die dennoch nichts Puristisches, Ängstliches und Kleinliches hat. So als würde beim Schreiben das Fett wie von selbst von der Sprache abfliessen, damit am Ende etwas dasteht, was unverrückbar geworden ist, hart und von einem Klarsicht verbreitenden Glanz. Vielleicht ist das die Chance derjenigen, die etwas erst als Geschenk annehmen, nachdem sie geprüft haben, ob es ihnen zum Wohl oder zum Hindernis gereicht.

Man soll nicht so weit gehen, dass man die Zustände preist, die die Menschen zu Auswanderung und Exil zwingen. Doch um wie viel ärmer wäre die Welt, würde es jene nicht geben, die aus einer Not ihre besondere Chance zu machen verstanden. Im Klangkörper der deutschsprachigen Literatur würde vieles fehlen, gäbe es nicht Autoren wie SAID, die ihre Stimme so einfügen, dass sie klar und deutlich vernehmbar bleibt. Seit vielen Jahren beglückt uns SAID mit Gedichten und mit Prosatexten, die über den Leser etwas Beherztes, Mutiges und Mutmachendes verströmen. Oft ist es witzig und frech, manchmal auch beklemmend und aufwühlend, so dass es einem einen Ruck versetzt. Mich schieben diese Texte auch noch dort, wo sie das Los von Verlorenen und Vergessenen umzirkeln, in eine Art Zuversicht hinein. Nur nicht stehen bleiben! Unbedingt weiter denken! Es gibt immer noch eine Tür, durch die man nicht gegangen ist. Oder die man definitiv schliessen kann. Die Welt ist absurd und sieht oft beinah rettungslos…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»