Normkonform…

Als ich meinen Vertrag an der Raffles Institution in Singapur unterschrieb, hatte ich keinen blassen Schimmer, was mich dort erwarten würde. Ich wusste nur, dass es meine Aufgabe war, das interdisziplinäre Musikdepartement aufzubauen. Nachdem die Eliteschule Singapurs in allen Sparten der Wissenschaften und auch im Sport Gipfelstürmer hervorgebracht hat, ist nun die Kunst an der […]

Als ich meinen Vertrag an der Raffles Institution in Singapur unterschrieb, hatte ich keinen blassen Schimmer, was mich dort erwarten würde. Ich wusste nur, dass es meine Aufgabe war, das interdisziplinäre Musikdepartement aufzubauen. Nachdem die Eliteschule Singapurs in allen Sparten der Wissenschaften und auch im Sport Gipfelstürmer hervorgebracht hat, ist nun die Kunst an der Reihe. Dafür hat man Botschafter aus dem Ausland importiert. Eine davon bin ich. Als ich am ersten Arbeitstag vor dem Haupttor der Schule stand – in Singapur sind alle Schulen eingezäunt und werden rund um die Uhr von Sicherheitsleuten bewacht –, wollte man mich nicht eintreten lassen. Ich konnte weder meinen Arbeitsvertrag noch meinen Pass vorweisen. «Wer führt denn auf dieser Welt Arbeitsverträge und Reisepässe spazieren?» – «You must.» Der Sicherheitsbeamte war nicht in der Laune, mit mir zu diskutieren, und auch die Lindt-Schoggi, mit der ich ihn bestechen wollte, änderte seine Meinung nicht. You must. Vorschrift. Regel. Ich muss. Ich musste vor allem eines: akzeptieren, dass in Singapur alles anders funktioniert – es funktioniert, aber eben anders. Nach langem Reden, zwei Anrufen in die Zentrale und dem Versprechen, mich ganz normkonform zu verhalten, liess der Beamte die Barriere hochfahren. Normkonform – ich hatte wirklich keine Ahnung, was mich erwartete!

Als erstes wurde mir von meiner Chefin klar gemacht, dass das Jeans-Tragen an der Raffles Institution verboten sei. Aber auch Röcke darf man nur insofern tragen, als sie mindestens knielang sind. Roter Nagellack ist verboten, und zu viel Make-up ist – natürlich – ohnehin untersagt. Wenigstens die schneeweisse Uniform, in die sich die Schüler kleiden, bleibt einem erspart. Man führte mich über das grosse Schulareal zum Hauptcampus, wo die Schüler bereits in Reih und Glied standen. Pünktlich um zehn nach sieben wurde die Singapur-Flagge gehisst, eine Gruppe von Schülern in Soldatenuniform sprach Verse vor und liess die Menge skandieren, rechte Hand auf linker Brust: «Majulah Singapura!» Mit der Nationalhymne beginnt der Tag. Ich verhielt mich normkonform: rechte Hand auf die linke Brust. Ist ja nicht so schwierig. Doch, ist es. Denn mein Verhalten war eben doch nicht normkonform: Das Singen der Nationalhymne und die damit verbundene Choreographie, so flüsterte mir eine Kollegin mit hochrotem Kopf nach der Zeremonie zu, sei nur den Einheimischen gestattet. Aha. Ausländer, so die peinlich Berührte weiter, hätten während der Zeremonie mit hängenden Armen dazustehen und das Gesicht zur Fahne zu wenden. «Majulah Singapura!» Das Wechseln der Garderobe wurde zu meinem kleinsten Problem.

Ein geradezu bizarres Erlebnis war meine erste Musikstunde. Ich wollte den Dreizehnjährigen Tonleitern beibringen, wie ich es zuvor an einer Schweizer Oberstufenschule gemacht hatte. Beim Läuten der Schul-glocke kam die Klasse herein, und von selbst bildeten die Kinder eine Reihe. «Good morning, teacher.» Verbeugung. Dann sahen mich die Schüler erwartungsvoll an. «Guten Morgen», grüsste ich freundlich. Und sie starrten mich noch immer erwartungsvoll an. Noch eine Verbeugung? Eine weitere Strophe? «Majulah Singapura?» Mir schwante Böses. Auf meine Frage, wie denn für gewöhnlich die Musikstunden begännen, meldete sich nach langem Zögern einer der weiss gekleideten Knaben: «Usually, the teacher would tell us that we should sit down on our chairs.» Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, die Knaben aber fanden das nicht so lustig. Sie wollten sich erst auf meinen «Befehl» hinsetzen.

Mittlerweile habe ich mich an die Strukturen gewöhnt. Ich habe verstanden, warum gerade ich die Stelle bekommen habe: Die Schule will europäisiert werden, will Kultur aus Europa importieren. Und Kultur, das ist bekanntlich nicht nur Malen, Klimpern, Texten. Also habe ich meinen Schülern die Verbeugung abgewöhnt, und auch das Hinsetzen muss ich ihnen nicht mehr verbal gestatten – nonkonform wird normkonform.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»