Noble, Nobfont, Nobson, Newtown

Paul Noble im Migros Museum, Zürich

Zum ersten Mal zeigt der 1963 geborene englische Künstler Paul Noble seine Werke in der Schweiz: monumentale Bleistiftzeichnungen, eiförmige Objekte und ein dreiminütiges Video mit dem Titel «Egg Face». Die Zeichnungen sind detaillierte Darstellungen von Wohnquartieren, Plätzen und einzelnen Gebäuden einer fiktiven Stadt, «Nobson Newtown», und «ver-bilden» Teile eines Projektes, das Noble seit anfangs der 9 er Jahre beschäftigt. Geographie, Geschichte und Mythologie sind eine unerschöpfliche Quelle für seine städtebaulichen Phantasien. Am Anfang des Projektes und jeder neuen Zeichnung steht für Noble jedoch die Sprache. Genauer gesagt, sind es die einzelnen Buchstaben, die er mittels einer selbstentwickelten Computerschrift (Nobfont) zu neuen Dimensionen formt und entstellt und die die Grundlage bilden für apokalyptische Visionen. Wie in den unheimlichen und irritierenden Gemälden eines Hieronymus Bosch, dessen Fabelwesen und menschlichen Kreaturen die niederen Triebe und teuflischen Gedanken unverblümt darstellen, sind auch Nobles Zeichnungen voll von unerwarteten, humorvollen Assoziationen und von einer derart überquellenden Fabulierkunst, dass für das genaue Hinsehen Stunden nötig wären. Während Hieronymus Bosch in seinem «Garten der Lüste» die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets in den Körpern von 22 badenden Frauen versteckt, verarbeitet Noble seine Buchstaben in Architektur, gepflügten Feldern oder Grabsteinen. An einer solchen Zeichnung von drei mal vier Metern arbeitet der Künstler annähernd anderthalb Jahre. Einzelne Darstellungen wie «Nobson Central» erinnern an die von einem Erdbeben zerstörte Stadt Bam, die Zeichnung «Mall», eine Mischung von Taj Mahal, Wiener Karlskirche und modernem Einkaufstempel, stellt die Konsumgläubigkeit der modernen Gesellschaft in Frage, und «Ye Olde Ruin» verdichtet sich zu einem Grabfeld mit phantasievollen Mausoleen, die einem modernen Friedhof gut anstehen würden. Es geht aber um mehr als nur um «architektonische Verrücktheiten». Versteckt in der bleistiftgrauen Grablandschaft sind die aus dem 12. Jahrhundert stammenden Verse des Sufi-Poeten Omar Kayyam: «Ein Ding ist wahr und der Rest, das sind Lügen / Die Blume, die blühte, für immer nun stirbt.»

Ein weiteres in der Ausstellung wiederkehrendes Thema ist das Ei als Symbol für Kreativität, für den Lebenszyklus von Geschöpfen und Gegenständen. Die künstlerische Verwandlung der Ei-Form findet bei Noble eine eigene Ausdrucksform. Die ein Meter grossen Acrylharz-Eier sind mit Comic-Streifen überdeckt, die, wie es scheint, mit losem Mörtel zusammengefügt sind. Auch hier fügt Noble Formen zusammen, die vordergründig nicht zusammengehören: die runde, organische Ei-Form mit der viereckigen Backstein-Form, die immer wieder die menschliche Endlichkeit und Zerbrechlichkeit symbolisiert. Mehrdimensional wie seine Werke ist auch der Mensch Paul Noble, der mit gedanklicher Quirligkeit und Tiefgang, gepaart mit Beharrlichkeit und handwerklicher Perfektion, dazu anregt, über den Zustand der Welt nachzudenken. In seinem Aufsatz zum Werk Paul Nobles bemerkt Anthony Spira, Kurator der Whitechapel Art Gallery, London: «Die unverwechselbare Stimmung, welche die Zeichnungen durchzieht, eine konstante Spannung oder Oszillation zwischen sorgfältiger Überlegung und dem Burlesken, zwischen Ernsthaftigkeit und Selbstparodie, kommt in Nobles Sprache und seinen erzählerischen Windungen zum Ausdruck.» Auch der moderne Mensch braucht offenbar Visualisierungen, um Ideen nachvollziehen zu können. Dazu regt die Kunst von Paul Noble an.

Die Ausstellung «Paul Noble» ist bis zum 2 . März 2 5 im migros museum für gegenwartskunst, Zürich, zu sehen (www.migrosmuseum.ch).

Juliana Schwager-Jebbink berichtet für die «Schweizer Monatshefte» über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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