Niemand weiss, worum es geht

Der Künstler Andreas Marti

Niemand weiss, worum es geht

«Anfang der Enzyklopädie», «Erweiterte Enzyklopädie» oder «Indistinct Path» nennt Andreas Marti seine Zeichnungen. Und was ist darauf zu sehen? Schwer zu sagen: mal Kleckse, mal viele Linien, gerade und geschwungene, sich kreuzend und ineinander verschlungen. An einem Ort ein Wirrwarr, Struktur und Ordnung an anderer Stelle. Die Entwicklung eines Zeichensystems? Eine Erzählung? Vielleicht.

«Ich beschreibe mit meinen Bildern etwas, ohne zu wissen, worum es geht», so Andreas Marti, während er dicke Bündel von Zeichnungen auspackt, über Jahre erarbeitete Studien, offenbar Variationen verschiedener Themen, vielleicht auch nur eines Themas. Welchen Themas? Schwer zu sagen, wenn auch der Künstler es nicht weiss.

Vielleicht hat Andreas Marti mit diesem Satz, den er so nebenbei äussert, etwas Wesentliches über die zeitgenössische Kunst gesagt und ihr eine mögliche Definition gegeben: «Beschreibung von etwas, ohne zu wissen, worum es geht». Und vielleicht wird gerade deswegen vieles der zeitgenössischen Kunst und daher auch Andreas Martis Arbeiten geschätzt, weil wir darin unverständliche Beschreibungen sehen, die uns daran erinnern, dass wir im Grunde auch ausserhalb der Kunst nicht zuverlässig wissen können, worum es eigentlich wirklich geht. Etwa wenn wir glauben, Wörter und Sätze zu verstehen. Es ist ja schliesslich eine offene Frage, wie es funktionieren kann, dass ein Wort etwas – und gerade das – bedeutet. Und möglicherweise ist die Zuversicht, mit der wir uns auf dieses Funktionieren verlassen, nur eine Illusion.

Wie schafft es ein Wort – Laute, die aus unseren Mündern quellen, oder jedes dieser hier auf weisses Papier gedruckten und sich zu Zeilen fügenden schwarzen Gebilde –, etwas zu bedeuten? Woher wissen wir, was mit «Mund», «schwarz», «Zeile» oder «Papier» gemeint ist? Schliesslich besteht doch etwa zwischen dem Wort «Mund» und dem Mund in unserem Gesicht nicht einmal jene geringe Ähnlichkeit wie zwischen dem Piktogramm im Zugabteil, das klingelnde Mobiltelefone verbietet, und einem realen Mobiltelefon.

Wörter lassen sich definieren, könnte eine Antwort sein. «Zeile» beispielsweise ist die «horizontale Aneinanderreihung gleichartiger Objekte, etwa die links-rechts gerichteten Einteilungen von Text oder Daten». Doch damit dreht man sich im Kreise, denn auch all die Wörter in dieser Definition lassen sich wiederum nur mit anderen Wörtern definieren. Es fehlen Wörter, die auf direkte, unmittelbare Weise etwas bedeuten. Und dennoch verstehen wir Sätze wie «Vielen Dank für Ihre Zeilen» oder «Ich habe noch keine Zeile gelesen».

Nun liesse sich sagen, dass wir halt die Idee von «Zeile», «Mund» oder «Papier» im Kopf haben und dass es deswegen funktioniere. Doch dann stellen sich zwei weitere schwierige Fragen. Erstens, wie kommen diese Ideen in unseren Kopf und, zweitens, wie schaffen sie es, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Wort «Papier» und all den verschiedenen konkreten Erscheinungen des weltweit und schon lange Zeit verbreiteten Papiers? Was sorgt einerseits dafür, dass je nach Sprache die Wörter «Papier», «paper», «carta», «papel» oder «palpiri» im Kopf sich mit der immer selben richtigen Idee verbinden, und was wiederum führt dazu, dass wir einen konkreten Schnipsel auf der Strasse oder einen konkreten hohen Stapel in der Druckerei in Bezug zu dieser Idee setzen können? Wie gelingt es, hypothetische Aussagen zu machen in denen «Papier» wiederum etwas Allgemeines meint wie in «Die Preise des Papiers werden steigen»? Steht das generisch verwendete Wort «Papier» in diesem Satz weiterhin in Bezug zu der einen Idee? Nun, eine eindeutige Antwort auf all diese Fragen weiss man nicht. Weder in der Philosophie noch Psychologie, weder in der Sprach- noch Kognitionswissenschaft.

Wir wissen also nicht, wie es kommt, dass Worte etwas bedeuten. Doch wir haben uns an unsere Unwissenheit gewöhnt und machen uns wohl daher über dieses Mysterium weiter keine Sorgen. Solange jedenfalls nicht, bis Andreas Martis Zeichnungen uns daran erinnern. Wie ihm ist es zwar auch uns nicht klar, worum es geht, aber wir ahnen, dass die Zeichen und Geschichten in seinen Bildern sich in einem Reifestadium befinden, das irgendwann in Bedeutung münden kann. Der «Anfang der Enzyklopädie» könnte daher als Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Bedeutungstheorie der Worte verstanden werden.

Auch mit seinen grossen Faltarbeiten oder den am Computer veränderten Wolkenfotografien betreibt Andreas Marti seine Art Bedeutungsforschung weiter. Überdimensioniert hockt da ein grosses Ding an einem Ort, wo es offensichtlich nicht hingehört. «Grossen Fund» nennt der Künstler es daher schlicht; auch hier weiss er offenbar nicht, was es sein soll. Vielleicht bekommt der Fund seine Bedeutung dann, wenn er am richtigen Ort und im richtigen Kontext abgelegt wird, so wie wir ein unbekanntes Wort dann verstehen lernen, wenn wir es in bekanntem Zusammenhang antreffen. Die Auflösung von Bedeutung hingegen zeigen in bedrohlichen Farben die Wolkenbilder. «Changed Conditions», nennt Andreas Marti diese Bildserie und zeigt damit, dass hier keine Konstanz erwartet werden darf, etwas, was wohl vorausgesetzt werden müsste, damit Bedeutung möglich wird.

Andreas Marti macht mit seiner Kunst zweierlei klar. Erstens: es ist durchaus Programm, wenn man bei der zeitgenössischen Kunst oft nicht weiss, worum es geht. Und zweitens: auch die Frage, worum es bei einem Wort oder Satz eigentlich gehe und wie beide zu ihrer Bedeutung kommen, ist kritischer, als wir gemeinhin annehmen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»