Nieder mit der Intendantendiktatur!
Mareike Beykirch, fotografiert von Esra Rotthoff.

Nieder mit der
Intendantendiktatur!

Gedanken einer Schauspielerin zum Theater der Zukunft.

 

An einem Theater, an dem ich gearbeitet habe, gab es Blumen in den Pissoirs der Männertoilette. Darüber stand in grossen Buchstaben: «Blumen für eine Welt ohne Gender». An diesem Theater habe ich eine Performance gespielt, in der folgender Text vorkam: «Praise the land where the flowers grow out of the pissoirs.» In dieser Performance gab es einen Teil, in dem wir 45 Minuten immer wieder die gleiche Choreografie getanzt haben, um ein Land auf der Bühne zu «ertanzen», in dem es endlich Gleichberechtigung gibt. In dem Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität keine Rolle mehr spielen. Während einer Vorstellung der Performance, als ich eine gefühlte Ewigkeit die Choreografie getanzt habe, dachte ich die ganze Zeit darüber nach, dass es noch ein weiter Weg sei bis zu diesem gelobten Land. Gerade im Theater. Die Gedanken kamen zum Rhythmus der Musik, der Schritte. Seitschritt rechts. Seitschritt links. Schnips. Schnips. Schnips. Sprung.

Es ist das Jahr 2020, und ich werde immer noch schlechter bezahlt als die männlichen Kollegen, was nicht daran liegt, dass ich weniger arbeite, sondern schlicht daran, dass ich eine Frau bin. Es ist das Jahr 2020, und ich habe noch immer in den meisten Stücken weniger Sprechanteil. Es ist das Jahr 2020, und meine Hauptaufgabe als Frau auf der Bühne ist es immer noch, geschlagen oder umgebracht zu werden. Es ist das Jahr 2020, und mein wichtigstes Gesprächsthema auf der Bühne ist der Mann und meine Liebe oder Nichtliebe zu ihm. Es ist das Jahr 2020, und ich glaube, ich habe in acht Berufsjahren nie einen philosophischen Text auf der Bühne gesprochen. Es ist das Jahr 2020, und ich habe in acht Berufsjahren mit 5 Regisseurinnen und mit 26 Regisseuren gearbeitet. Es ist das Jahr 2020, und ich habe in acht Jahren drei Texte von Autorinnen gespielt. Seitschritt rechts. Seitschritt links. Schnips. Schnips. Schnips. Sprung. Lob dem Land, in dem man scheitern und scheitern und scheitern kann und in dem man immer wieder und wieder eine neue Chance bekommt.

Als ich an diesem Theater anfing zu arbeiten, da habe ich von all dem nichts verstanden. Feminismus war ein böses Wort. Und gleichberechtigt sind doch am Theater eh alle. So dachte ich. Es hat viel Zeit gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das nicht stimmt. Wer darf wie viel sprechen? Wer spielt welche Rolle? Welche Geschichten werden auf der Bühne überhaupt erzählt und welche nicht? Wird meine Geschichte des Hartz-IV-Kindes, das sich in der Theaterkultur hochgearbeitet hat, erzählt? Oder die Geschichte meines türkischen besten Freundes? Oder homo­sexuelle Liebe? Wer kommt eigentlich vor? Und wen will das Thea­ter damit ansprechen? Steht da am Ende nicht doch immer ein privilegierter, weisser Mann in der Mitte der Bühne und hat ein Problem?

Im Stillstand

Gerade fällt es mir nicht leicht, einen Artikel über die Zukunft des Theaters zu schreiben. Seit Wochen sind die Theater aufgrund der Coronakrise geschlossen. Sowohl der Spielbetrieb als auch die Proben liegen auf Eis und niemand weiss, wann es wieder losgehen kann. Die Existenz Tausender freischaffender Künstlerinnen und Künstler ist bedroht. Jene mit Festengagement an einem Theater befinden sich in einer grösstenteils sicheren Situation. Kurzarbeit und die Ungewissheit, was passieren wird, nagen dennoch an den Nerven.

Ich bin erschlagen von meinen Ängsten in dieser Zeit. Alles hatte mich in den letzten Wochen schier gelähmt, und das, obwohl ich durch meine Festanstellung erst mal sehr gut abgesichert bin. Trotzdem stehe auch ich den grossen Ungewissheiten dieser Zeit gerade ratlos gegenüber. Die Tage sind zäh und anstrengend. Ich vermisse seit Wochen meinen Beruf. Ich vermisse den Weg zur Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen. Die Proben. Die Vorstellungen. Einfach meinen Alltag. Klar,…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»