Nicht vor der Zeit fliehen

Photographien von Reto Camenisch

Nicht vor der Zeit fliehen

So sehen Ferientage aus, die man auf den ersten Blick nicht liebt. Der Himmel grau, die Sonne hinter den Wolkenfetzen nur zu ahnen, drohend in ihrer Monumentalität die Berge, schweigend in sich versunken die Ebene. Es gibt keine Farben, keine Geräusche, kein lebendes Wesen. Es ist das Gegenteil der Idylle. Angesteckt vom Schweigen steht man verloren mittendrin, beginnt schliesslich trotzig zu laufen, vergessend, ob das Dämmerlicht den Tag oder die Nacht ankündigt.

Vielleicht sind es solche Tage, an denen Reto Camenisch seine Kamera schultert und seine Motive erblickt. Vielleicht sind es solche Tage, an denen das passiert, was er mit einem Zitat des französischen Photographen Nadar umschreibt: «Das Bild brauchst Du nicht zu suchen, es findet Dich». Vierundzwanzig Stunden am Tag ist er Photograph und kennt dabei keine Kompromisse. Aufträge, die ihm nicht gefallen, und seien sie noch so lukrativ, nimmt er inzwischen nicht mehr an. Fehlt daraufhin das Geld, dann arbeitet er als Buschauffeur. Unverrückbar wie die Bergmassive in seinen Bildern stehen seine Sätze im Raum: Wichtig sei die physische Erschöpfung. Man müsse fortgehen können, um heimzukommen. Die Wahrheit verpflichte, selbst wenn sie ihn umbringe. Das Herz liegt ihm auf der Zunge, wenn er zu erzählen beginnt.

Der Thuner ist ein begehrter Werbe- und Reportagephotograph und machte sich durch seine Porträts von Berühmtheiten und Unbekannten international einen Namen. Zu Beginn seiner Karriere hatte er Menschen vor neutralem Hintergrund porträtiert, um seine Interpretation von allem Fremden freizuhalten. Spät-er kam die Umgebung mit ins Spiel und aufs Bild. Sie half ihm, die Charaktere besser zu verstehen. Seither haben sich die menschlichen Spuren fast ganz verloren. Reto Camenisch porträtiert nun Berge und Himmel, Stein und Wasser, immer schwarz-weiss. Das Engadin, das Berner Oberland und Appenzell, die Bretagne, Arizona und Neuseeland. Natur, die den Menschen nicht braucht. Nur selten zeigt sich noch ein Hinweis auf ihn, etwa ein Hund, der als letzter aus schon lange verlassenen Gemäuern trottet, oder ein akkurat durch einen Lattenzaun abgetrenntes Gärtchen in öder Wildnis.

Vor einigen Jahren, da war er Anfang vierzig, wurde ihm alles zuviel, das Jetten zwischen den Welten, die rastlos zurückgelegten Kilometer, die Ansprüche Dritter von allen Seiten, der beginnende Glamour. Er warf alles hin und entschied sich, in Zukunft nicht mehr journalistisch zu arbeiten. Nun stellt er sich der Ruhe. Der Photograph nimmt sich Zeit für eine «wahrere Sicht», vermeidet den Kick und den unbedachten Klick. Was langsam entstanden ist, wie der Schwung einer Bergflanke oder die Linie, entlang derer sich Meer und Land berühren, braucht viel Zeit, um wahrgenommen, begriffen und photographiert zu werden. Die schnellen Kameras hat er ausgeschlossen und arbeitet nur noch mit den schweren, grossformatigen. So will er sich die Flucht vor der Zeit verstellen, die ruht und schweigt und manchmal schwer auszuhalten ist. Einer Zeit, die schwer zu beschreiben ist, ohne ein Paradoxon zu formulieren: Ist sie gedehnt oder verdichtet, eine Zeit der Fülle oder eben der Leere? In seinen Bildern scheint sie innezuhalten, wie in jenen Momenten, wenn die Natur sich in Schweigen hüllt, kurz bevor das Unwetter losbricht.

Reto Camenisch wird von der Galerie Römerapotheke in Zürich vertreten

(www.roemerapotheke.ch).

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»