Nicht rassistisch, sondern überfordert: Warum fremde Namen misstrauisch machen
Die Debatte um den Zürcher Stadtratskandidaten Përparim Avdili ist Ausdruck einer ambivalenten Gesellschaft, die mit einem historisch beispiellosen Mass an Vielfalt ringt.
Përparim Avdili. Schon der Name des FDP-Kandidaten für den Stadtrat und das Stadtpräsidium in Zürich löst Reaktionen aus. Für manche Rechte ist der 38-Jährige das, was nicht sein darf: gebildet, eloquent, bünzliger als mancher Eidgenosse – nur sein Name passt nicht ins Klischee. Für manche Linke ist sein Name exotisch genug, um Wahllisten zu schmücken, als Beweis zur Schau gestellter Toleranz. Doch Avdili stört auch hier das Narrativ: Er sieht sich nicht als Opfer, sondern als Profiteur eines liberalen Wirtschaftssystems. Er ist, wie Friedrich Hayek es formulierte, Teil jener «spontanen Ordnung», in der nicht Herkunft, sondern individuelle Leistung den Ausschlag gibt.
Avdili ist das lebende Beispiel für die Ambivalenz, mit der westliche Gesellschaften fremden Namen begegnen. Und genau diese Ambivalenz offenbart etwas Tieferes als den üblichen Rassismusvorwurf.
Es ist ein wiederkehrendes Ritual: Ein aktueller Gerichtsfall vor dem Bundesgerichtshof in Deutschland zeigt, dass «Julia Schneider» leichter eine Wohnung findet als «Humaira Vasem». Sofort der Reflex: Die Gesellschaft sei «strukturell rassistisch». Doch dieser Vorwurf ist intellektuell faul, weil er komplexes Verhalten pauschal als moralisches Versagen abstempelt – und ausblendet, wie vielfältig westliche Gesellschaften längst sind.
Die Skepsis gegenüber fremden Namen ist selten Ausdruck einer rassistischen Ideologie. Sie ist das Symptom einer Gesellschaft, die mit einem historisch einmaligen Grad an Vielfalt konfrontiert und damit überfordert ist.
Überhang an Diversität
Keine Gesellschaft war je so ethnisch, sprachlich und kulturell durchmischt wie der heutige Westen. In westlichen Metropolen leben Menschen aus allen Kontinenten Tür an Tür. In Schweizer Schulklassen hat es nicht selten Kinder aus 15 verschiedenen Ländern. Und in London gibt es über 300 Sprachen. Zum Vergleich: Die Millionenmetropolen Tokio und Schanghai sind ethnisch äusserst homogen.
Dies bringt fundamentale Reibungen mit sich. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen haben unterschiedliche Sozialisierungen, Weltanschauungen, Konfliktlösungsstrategien, Beziehungen zur Gewalt, Vorstellungen von Privatsphäre, Erziehung oder Geschlechterrollen. Diese Unterschiede verschwinden nicht durch eine Willkommenskultur. Sie verschwinden – wenn überhaupt – durch Assimilierung oder die mühsame Schaffung neuer Traditionen. Und das dauert Generationen.
Ein Vermieter agiert selten politisch, sondern ökonomisch. Er sucht Stabilität. «Müller» bedeutet: bekanntes Terrain und geringes Reibungspotenzial. «El Ghazzali» löst ein Alarmsignal aus. Namen sind Träger kollektiver Erfahrungen. Das ist unfair gegenüber dem Individuum, aber oft reines Risikomanagement in einer Umgebung mit Dutzenden kulturellen Codes, die einem unmöglich alle bekannt sein können.
Die Schweiz basiert auf ungeschriebenen Regeln: Ruhe, Ordnung, Konfliktvermeidung. In einer hyperdiversen Gesellschaft wird diese Grundlage permanent herausgefordert. Die Mehrheitsgesellschaft ist überfordert. Man setzt defensiv auf das Vertraute, um Komplexität zu reduzieren.
Der Fremde zwischen Skepsis und Neugierde
Die These der angeblich rassistisch motivierten Ausgrenzung ignoriert, dass der Fremde nicht nur Skepsis auslöst, sondern auch Neugierde, Wohlwollen und sogar unsichtbare Boni. Ein Grammatikfehler von «Urs Müller»? Wie ungebildet! Bei «Mehmet» hingegen ist der gleiche Fehler wegen der Zweitsprachenhürde entschuldbar. Lücken im Lebenslauf? Beim Schweizer ein Hinweis auf Faulheit. Beim Migranten: eine schwierige Fluchtgeschichte. Hinzu kommen staatliche Förderangebote exklusiv für Migranten. Die Gesellschaft ist nicht feindselig, sondern ambivalent.
Der Weg zur Akzeptanz führt nicht über die Moralkeule, sondern über die Normalisierung. Und Normalisierung braucht Zeit. Menschen wie Përparim Avdili ebnen diesen Weg – nicht als Opfer, nicht als Exot, sondern als Beispiel dafür, dass Integration durch Leistung funktioniert, dass das liberale Wirtschaftssystem den Aufstieg ermöglicht. Die Mehrheitsgesellschaft ist nicht böse – sie ist vorsichtig in einer Situation beispielloser Vielfalt. Und Vorsicht überwindet man nur durch positive Erfahrung.