Nicht Ball werden, sondern Spieler

Die Informatik digitalisiert und automatisiert. Nun erfasst sie die Welt der Atome. Welche neuen Geschäftsmodelle entfesselt das Internet der Dinge? Und welche Risiken birgt die Verschmelzung von Informatik und Menschen?

Nicht Ball werden, sondern Spieler
Elgar Fleisch, photographiert von Thomas Bauer.

Herr Fleisch, Sie forschen an der Front der informatischen Welterneuerung: Wo sehen Sie die spannendsten Entwicklungen von digitaler Technologie, die uns dereinst das Leben erleichtern könnten?

Das Faszinierende in all den Vorgängen, die ich beobachte und mitgestalte, ist die Verschmelzung zweier Welten. Bisher gab es auf der einen Seite die physische Welt und auf der anderen die informatische: den Computer, an den wir uns hinsetzten. Die Informatik war also etwas Additives, eine zusätzliche Komplexität. Das wird sich insofern ändern, als die informatische Komponente immer stärker mit der äusseren Welt der Dinge verschmelzen und den Menschen dort auf vielfältige Weise unterstützen, ihm also die Welt und das Leben darin vereinfachen wird.

«Verschmelzung» ist ein häufig verwendetes und selten definiertes Wort. Was bedeutet es abseits populärer Science-Fiction-Vorstellungen von technisch aufgerüsteten Robotermenschen?

Es gibt verschiedene Formen der Verschmelzung, grundsätzlich unterscheiden würde ich zwei: jene, die Computer in den Menschen integriert – wobei hier mit In­strumenten wie Hörgeräten oder Herzschrittmachern viele Schritte bereits vollzogen worden sind. Die zweite Variante kombiniert die Informatik mit Gegenständen der physischen Welt. Hier verlässt also das Internet den Bildschirm und springt hinaus in die Welt der Dinge – weshalb man dabei auch vom «Internet der Dinge» spricht. Der Begriff beschreibt im Kern eine Vision, in der jeder Gegenstand, jeder Platz, der der Physik zuzurechnen ist, mit Chips oder Sensoren ausgestattet, sprich um Informationstechnologie angereichert ist und berührungslos mit dem Kerninternet kommunizieren kann. In dieser Vorstellung hat jedes «Etwas» seine eigene Homepage, eine digitale «Heimat», die zusammen mit der physischen bewirtschaftet werden kann.

Mein Bürotisch, um das konkret zu denken, erhielte also gewissermassen eine eigene digitale Identität – worin besteht der Nutzen eines solchen Digitalheims für Dinge?

Nehmen wir das Beispiel der Rheintaler Firma SFS. Sie verkauft Schrauben, die ihre Kunden in tausenden blauer Kisten lagern. Waren diese Kisten leer, musste bis anhin ein Mensch an sie herantreten, einen Barcode einscannen und die Schrauben manuell nachbestellen. Heute ist in die Kiste ein Chip integriert, der den Nachbestellauftrag automatisch an SFS sendet, sobald ein Mensch die Kiste umdreht, was er ohnehin tun muss. Das heisst: die Informatik nimmt dem Menschen Arbeit ab, ohne dass der Mensch mit Computern in Berührung kommt.

Man hat sich angewöhnt, die Entwicklungen in der digitalen Welt als «revolutionär» zu bezeichnen. Wie ordnen Sie als Wissenschafter das eben Erzählte ein: Sind das folgerichtige Schritte oder handelt es sich um einen Regimewechsel?

Revolutionen sind Umstürze in kurzer Zeit, und das Thema «Internet der Dinge» entwickelt sich insgesamt nicht sehr schnell: Die physische Welt ändert sich nun mal langsam. Von Revolution kann man also nicht sprechen, «folgerichtig» möchte ich die Vorgänge aber auch nicht nennen, denn darin ist ein Urteil – «richtig» – enthalten, das ich mir nicht anmasse. Für mich ist die Entwicklung schlicht zwingend: Sie folgt aus dem, was ist.

Was heisst das konkret?

Nun, die Informatik hat in den vergangenen Jahren fortlaufend Dinge digitalisiert und automatisiert, und dieser Prozess erreicht nun einfach den nächsten Level, indem er die physische Welt, die Atome, erfasst. Und er wird so weit gehen, dass er all jene Atome, die durch Bits abgelöst werden können, auch tatsächlich ablöst. Erstaunlich viele Dinge, die heute Hardware sind, können durch Software ersetzt werden. Wann haben Sie den letzten Taschenrechner gekauft?

Das dürfte ein halbes Leben her sein…

…und seither haben Sie nicht mehr gerechnet?

Äusserst sporadisch. Aber wenn, dann mit Rechen- oder Formelfunktionen des Computers.

Sehen Sie, so ist das: Taschenrechner, Reisewecker, Dictionnaires, CDs, Zeitungen, Bücher – das sind allesamt Atome oder Moleküle der Physik, die es nicht mehr gibt oder geben wird. Wann immer es möglich ist, etwas Materielles durch Nichtmaterielles, also…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»