Nicht alle Wege führen
nach Europa

Viele afrikanische Migranten reisen via Niger und den Sudan nach Libyen und dann nach Italien und Spanien. Rund die Hälfte von ihnen verbleibt aber auf dem Kontinent.

 

Rechtsextreme und nationalistische Stimmen beschwören in Anbetracht der Migrationsströme aus Afrika gerne den Untergang Europas und warnen vor einem «grossen Austausch». Mit Corona ist plötzlich alles anders: Die meisten afrikanischen Länder haben vorübergehend ihre Grenzen geschlossen, um die Verbreitung der Pandemie einzudämmen. Die innerregionale Migration hat vorerst drastisch abgenommen, zehntausende afrikanische Migranten sind gestrandet. Es ist heute kaum vorhersehbar, wie die Migrationsströme in und aus Afrika während den nächsten Monaten aussehen werden. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Das Thema der Eindämmung illegaler Einwanderung wird für die europäischen Regierungen wichtig bleiben.

Viele Massnahmen der Vergangenheit beruhten auf Missverständnissen über Migration von Afrika nach Europa: Oftmals werfen Politiker und Kommentatoren legale und illegale Migration in einen Topf. Sie übersehen dabei, dass zahlreiche Afrikaner ganz geregelt nach Europa reisen, zum Beispiel um zu studieren oder zu arbeiten.

Migranten verstehen

Migranten haben verschiedene Beweggründe – strukturelle wie persönliche. Wirtschaftliche Faktoren – Armut oder das Streben nach besseren Beschäftigungschancen – werden in den Schlagzeilen zwar häufig als Auswanderungsgrund genannt. Tatsächlich aber können sich die ärmsten Afrikaner die teure Reise von Afrika nach Europa kaum leisten; sie kostet mindestens einige Tausend Euro. Entsprechend muss die Entscheidung zum Auswandern als komplexe Entscheidung betrachtet werden, die unter anderem auf einer Kosten-Nutzen-Abwägung zwischen den Chancen im Heimatland und denen im Ausland aufbaut. Eine Studie zeigte 2019, dass viele afrikanische Migranten in Europa zuvor in ihrer Heimat angestellt gewesen waren – und das zu relativ guten Löhnen. Dennoch brachte sie die Aussicht auf bessere Perspektiven nach Europa.1

Die Entscheidung zum Auswandern wird noch von anderen Faktoren beeinflusst, etwa vom eigenen Wohlergehen und von Zuversicht in die Zukunft. Diese Wahrnehmungen hängen weitgehend davon ab, wie gut der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit, aber auch zu Infrastruktur wie Trinkwassersystemen, Sanitärversorgung oder Elektrizität ist. Studien in Ländern wie Äthiopien oder Ghana haben gezeigt, dass die Verbesserung solcher Dienste in ländlichen Gegenden zu einem Rückgang der Emigration beitrug. Ganz so einfach ist die Diskussion aber nicht: Verbesserter Zugang zu Bildung kann auch zu mehr Migration führen, da sich besser ausgebildete Menschen mit grösserer Wahrscheinlichkeit auf die Suche nach besseren Chancen machen.

Viele Auswanderer verlassen ihre Heimat aber gar nicht freiwillig: Hunderttausende fliehen vor autoritären Regimen (in Eri­trea oder Burundi), andere vor sporadischen Gewaltausbrüchen zwischen bewaffneten Gruppen (in Somalia oder der Demokratischen Republik Kongo) oder vor Verfolgung als ethnische, religiöse, soziale oder wirtschaftliche Minderheit (in Mali oder Kamerun). Die meisten Vertriebenen zieht es jedoch keineswegs nach Europa: Sie bleiben als Binnenflüchtlinge in ihrem Heimatland oder suchen in Nachbarländern Zuflucht. Obwohl also die Zahl der Asylbewerber aus Subsahara-Afrika in der EU-28 während des vergangenen Jahrzehnts zugenommen hat, war 2019 kein afrikanisches Land unter den Top-5 der Ursprungsländer der Asylsuchenden.2 Die überwältigende Mehrheit der afrikanischen Flüchtlinge verbleibt in Afrika: 2019 lebten in Subsahara-Afrika mit mehr als 6 Mio. Menschen knapp 26 Prozent aller weltweiten Flüchtlinge.3

Ein weiterer wichtiger Faktor sind bestehende Diaspora-Netzwerke, da Vorausgereiste ihren in Afrika zurückgelassenen Verwandten oftmals finanzielle Unterstützung bieten können und ihnen so die Nachreise ermöglichen. Ein breiter Zugang zu sozialen Netzwerken kann ebenfalls eine Auswanderung begünstigen, da Migranten dadurch leichter an Informationen gelangen und Flüchtende online Kontakt mit Schmugglern aufnehmen können.

Das Märchen vom Exodus

Es gibt zwar nicht die eine Route nach Europa, viele Migranten wechseln während ihrer Reise die Richtung oder sogar das Endziel. Migrationsrouten unterliegen einem ständigen Wandel, beeinflusst von Schmugglernetzwerken, Grenzschutzmassnahmen, Gefahren auf dem Weg sowie Beschäftigungschancen. Dennoch lassen sich grobe Hauptmigrationskorridore nach Europa identifizieren: Von Ostafrika führt der Weg nach Libyen (sowie, in geringerem Masse, Ägypten) durch den Sudan; aus West- und Zen­tralafrika hingegen gelangen die Migranten oftmals über Niger nach Libyen. Andere wichtige Transitländer auf dem Weg nach Europa sind Tunesien, Algerien oder Marokko.

Wir kennen zahlreiche Berichte über die Gefahren, denen die Migranten auf dem Weg nach Europa ausgesetzt sind. Da die Mi­granten aber meist papierlos reisen, haben sie kaum Möglichkeiten, ihre Misshandlungen anzuzeigen. Studien von UNO-Agenturen sowie von Menschenrechtsorganisationen gesammelte Zeugenaussagen zeigen, dass Migranten Opfer von Menschenhandel, Zwangsarbeit, Entführung oder Gewalt werden. Allgemein gelingt es Migranten oft nicht, ihre Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wasser und Obdach zu stillen. Und obwohl die Internationale Organisation für Migration sowie die Zivilgesellschaft versuchen, verwundbare Migranten mit Hilfsgütern zu unterstützen, bleibt diese Hilfe beschränkt und ist in den gefährlichsten Gegenden (etwa in der Wüste zwischen Niger und Libyen, wo Migranten sich verlaufen oder von bewaffneten Gruppen angegriffen werden können) nicht verfügbar.

Sobald sie in Europa angekommen sind, haben viele Migranten keine klare Vorstellung davon, wo sie sich überhaupt ansiedeln wollen. Ihre Entscheidung kann sich im Laufe der Zeit ändern, je nach Chancen und Beschränkungen – zum Beispiel in Abhängigkeit von bestehenden Diaspora-Netzwerken, wahrgenommener Offenheit des Gastlandes oder Beschäftigungschancen. Die meisten Afrikaner kommen zunächst in Italien oder Spanien an und machen sich von dort dann auf den Weg in andere europäische Länder. Akten mit Asylanträgen in der EU-28 sind eine wertvolle Quelle von Informationen hinsichtlich dieser Trends. Das Bild ist jedoch weitgehend unvollständig, da viele Migranten keinen Asylantrag stellen, sondern unmittelbar Teil der informellen Wirtschaft werden. Informationen zur Anzahl illegaler Einwanderer sind naturgemäss schwer zu erheben, und entsprechende Methoden sind oft unzuverlässig. Gemäss einer aktuellen Schätzung gab es 2017 in Europa zwischen 3,9 Mio. und 4,8 Mio. illegale Einwanderer, von denen 1 Million auf Bewilligung ihres Asylantrages warteten.4

Etwas gerät im medialen Fokus allerdings oftmals in Vergessenheit: Die Mehrheit der internationalen afrikanischen Migranten (53 Prozent, Stand 20175) bleibt auf dem eigenen Kontinent. Das gängige Narrativ einer flutartigen Exodusbewegung der Afrikaner nach Norden ist also nicht viel wahrer als ein Märchen: Nur eine Minderheit macht sich tatsächlich auf den Weg nach Europa.

Überzogene Versprechen vermeiden

Aus der Komplexität der Migrationsmotive und -routen folgt, dass einfache Massnahmen vonseiten der Politik nicht ausreichen werden, die Bewegungen einzudämmen. Und doch bleiben europäische Regierungen auf die Zahl spontaner Ankünfte an den Küsten Südeuropas fixiert und investieren erhebliches politisches Kapital in das Alleinziel einer kurzfristigen Verringerung.

Einige Massnahmen der EU scheinen zwar vielversprechend, doch bringen sie keine unmittelbaren oder nachhaltigen Ergebnisse. Obwohl beispielsweise die EU 2015 einen zweckbestimmten Treuhandfonds für Afrika aufgelegt hat, um an den Grundursachen der Migration anzusetzen, gibt es Hinweise, dass sich Mi­gration durch Entwicklungspolitik nicht schnell verringern lässt. Tatsächlich nimmt sie womöglich sogar kurzfristig zu, da sich mehr Menschen im Ausland nach besseren Chancen umsehen, wobei ihnen der neuerliche Zugang zu Ressourcen dabei hilft, ihre Reise zu finanzieren.6 Auch hat die Europäische Kommission die Schaffung zusätzlicher legaler Pfade für Migranten und Flüchtlinge aus Afrika angeregt sowie die Umsiedlung von Flüchtlingen unterstützt. Studien zeigen aber, dass zusätzliche legale Pfade nicht automatisch zu weniger Ankömmlingen führen. Zu guter Letzt haben europäische Regierungen beträchtlichen Aufwand betrieben, um Länder wie Libyen zu strengeren Grenzkontrollen zu drängen. Die heikle Lage in Tripolis zeigt, dass eine solche Strategie mit einem hohen politischen und moralischen Preis verbunden sein kann.

Es gibt keine einfache Lösung, um eine sichere, geordnete und koordinierte Migration zwischen Afrika und Europa zu erreichen. Europäische Regierungen wären gut beraten, keine luftdichten Grenzen zwischen den beiden Kontinenten zu versprechen und stattdessen auf eine Kombination kurzfristiger und langfristiger Lösungen zu fokussieren – von internationaler Zusammenarbeit über die Zerschlagung von Menschenhändlerringen bis hin zu einer solideren Rückführungs- und Reintegrationsstrategie. Auch sollten sie konsistente Anstrengungen unternehmen, die Lebensbedingungen in den Heimatländern der Migranten zu verbessern. Und auch die afrikanische Perspektive zählt in der Migrationsdebatte: Europäische Länder sollten weiter in die Beziehungen zu ihren afrikanischen Partnern investieren und Ansätze auf deren Bedürfnisse zuschneiden. Es ist der einzige Weg, eine nachhaltige Zusammenarbeit in Sachen Migration sicherzustellen.

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