Neutrino – Suche nach einem Hauch von nichts

In einem Bergstollen an der russisch-georgischen Grenze versucht ein Physiker namens Albert ein alles durchdringendes subatomares Teilchen einzufangen. Urs Mannhart hat ihn besucht und entwickelt daraus eine wunderbare Geschichte über Langmut und Passion.

Neutrino – Suche nach einem Hauch von nichts

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Stefanie Bächlin ist ganz verblüfft, als sie eines unscheinbaren Herbstnachmittages eine Anfrage aus München erhält. In einer ausnehmend höflich formulierten Mail wird sie von einem Ressortleiter des renommierten C.-H.-Beck-Verlags gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, ein Buch zu schreiben: Eine Einführung in die Quantenphysik, konzis, übersichtlich, unbedingt verständlich für Laien, ein kleines Büchlein nur, nicht umfangreicher als hundertzwanzig Seiten, für die beim Publikum beliebte Reihe C.-H.-Beck-Wissen.

Bächlin, promovierte Physikerin, nach einem Studium in Berlin, in Italien und den USA seit drei Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Potsdam, beschenkt ausserdem mit einem grünen Daumen und dem absoluten Musikgehör – Bächlin befürchtet zwar, es könnte anspruchsvoll werden, die in der subatomaren Physik gegenwärtig diskutierten und erforschten Sachverhalte auf lediglich hundertzwanzig Buchseiten einem Laienpublikum näherzubringen. Immerhin ist sie in all den Jahren von ihrem nichtphysikalischen Umfeld, wie sie es zu nennen pflegt, daran gewöhnt worden, vor kopfschüttelnden Menschen zu stehen: Offenbar kann niemand nachvollziehen, weswegen sie sich für Quanten begeistert, für die Physik der allerkleinsten Dinge. In ihrem nichtphysikalischen Umfeld spricht Stefanie deswegen lieber über ihren Garten, über Musik. Und wagt niemandem zu sagen, dass auch die Pflanzen, wenn sie Photosynthese betreiben, auf Quantenphysik angewiesen sind – auch deswegen hat sie Lust auf diese neue Aufgabe, fühlt sich geehrt und sagt zu.

Das Einfachste, denkt Stefanie Bächlin, das Einfachste wird es sein, das Buch dort beginnen zu lassen, wo überhaupt alles begonnen hat: mit dem Urknall. Nichts als logisch, denkt sie, und im Grunde müsste jedes einführende Buch zur Physik beim Big Bang einsetzen. Aber vor dem Anfang sollte es wohl versuchen, die Lesenden ein bisschen abzuholen.

Stefanie notiert sich:

Verändert sich der Erdumfang, wenn der Maulwurf einen Hügel baut?

Haben Sonnenstrahlen eine Temperatur? Ein Gewicht?

Was sind das für Atome oder Teilchen, die so geduldig auf dem Papier klebend jene Buchstaben darstellen, die gerade jetzt von Ihnen gelesen werden?

Wieso gibt es etwas, wenn es genauso gut nichts geben könnte?


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In einem langsam aus dem Schlaf kriechenden Bergdorf im tiefsten Süden Russlands, eingebettet in eine sich windende, von schroffen Gipfeln umzingelte Kaukasus-Talschaft, folgt ein alter weisser Lada den Mäandern des Flusses, biegt bald von der Hauptstrasse ab, erklimmt eine kleine Steigung, lässt Staub aufwirbeln und parkiert, argwöhnisch observiert von einigen im Strassengraben liegenden Hunden, auf dem krautverzierten Vorplatz eines betagten Bürogebäudes.

Ein Mann Ende dreissig steigt aus, kariertes Hemd, verwaschene Jeans, Seitenscheitel, Feierabendbäuchlein – und wird von jenen, die bereits vor dem Bürogebäude warten, kollegial begrüsst. Albert ist sein Name; er ist leitender Physiker und einer der tragenden Figuren des BNO, des Baksan Neutrino Observatory, eines geschichtsträchtigen Labors für subatomare Physik. Albert, der nicht Einstein heisst und auch keine wilden Locken, keinen Schnauzbart trägt, ignoriert den eisbärenartigen Hund, der mit bettelndem Blick und feuchter Schnauze an ihn herantritt, und bespricht sich kurz mit einigen Mitarbeiterinnen.

Dann, in den für ihn so typischen kurzen Schrittchen, folgt Albert der abfallenden Dorfstrasse zu der den wild dahinschäumenden Baksan querenden Fussgängerbrücke, die, in einem luftigen Birkenwäldchen endend, zu einem schmalen Fussweg führt, der an einer mächtigen Felswand endet. In dieser Wand befindet sich das Tor zum untergründigen Laboratorium.

Am Fuss des massigen Felsens betritt Albert einen Tunnel, ein dunkles Loch mit Gleisen, auf denen eine Lok mit zwei Waggons wartet. Die Lok ist eine Batterie auf vier Rädern, knapp schulterhoch. Und die Waggons, das sind ein paar Holzbänke, die jemand auf ein Metallgerüst geschraubt und mit Rädern versehen hat.

Als…

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