Neue Intellektuelle braucht das Land!

Wenn nicht mutige Intellektuelle die Standards der freien Rede verteidigen, macht es niemand. Wir brauchen auch in Europa ein «Intellectual Dark Web».

 

Der Kulturkampf spitzt sich gerade zu. Ausgeladene Kabarettisten, bedrohte Veranstaltungen, zerstörte Denkmäler, abgehängte Kunst. Diffamierung statt Argumentation, ein insgesamt hasenfüssiger Umgang mit zentralen demokra­tischen Freiheiten, wie Wissenschafts-, Kunst- und Redefreiheit. Wir alle haben dem lange zugesehen. Jetzt reicht es uns.

Ende August initiierten wir einen «Appell für freie Debattenräume» (www.idw-europe.org) im deutsch­sprachigen Raum, um ein positives Zeichen zu setzen: Wir wollen die erkämpfte Freiheit nicht willfährig an ihre Feinde ausliefern. Zugegeben: Es war ein Ritt auf der Rasierklinge in ideologisch aufgeladenen Zeiten. Aber eben auch ein symbolischer Akt. Menschen auf einer Liste, nebeneinander, die nichts eint bis auf die Sehnsucht nach echten Konversationen und einem reichhaltigen Kulturangebot. Sie haben keinerlei gemeinsame weltanschauliche oder politische Agenda, doch sie alle fürchten den Schaden, den die Demokratie durch die Ein­engung des Meinungs­korridors erleidet, mehr als die Herausforderung, die im Zulassen und Anhören von diversen Meinungen liegt.

Wir wollen Kontaktschuld beenden – zurück zu einer Verantwortlichkeit des einzelnen für sein Denken, Reden und Handeln. Wer auf der Liste erscheint, steht daher mit Kopf und Namen für Toleranz. Er oder sie hält den anderen aus, auch wenn es nicht kostenlos daherkommt, sondern sogar rufschädigend sein kann. Insofern ist dieser Appell keine Übung, sondern der Ernstfall.

Viele haben sich in den letzten Wochen angeschlossen, trotz vielleicht so mancher Bauchschmerzen. Wir sind heterogen: von Günter Wallraff, Vince Ebert, Linus Roth, Alexander Grau, ­ Sascha Reh, Michael Schmidt-Salomon, Ilja Trojanow, ­Hamed Abdel-Samad, Michael Rüegg, Helmut Holzhey, Robert Pfaller, Julia Neigel, Sandra Kostner bis zu Alexander Kissler, Dieter Nuhr, Axel Meyer, Monika Maron, Norbert Bolz, Vera Lengsfeld u. v. m. Wir wollten keine Feelgood-Liste. Denn wir haben keine Feelgood-Situation. Nur wenn wir uns auf den Grundsatz einigen können, dass das Spiel von Rede und Gegenrede stattfinden muss, egal was uns alle sonst vonein­ander trennt, lebt die Kultur. Sonst ist sie ein ödes, betreutes Glasperlenspiel.

Es ist erstaunlich, auf wie viel Widerstand man stösst, wenn man die Freiheit verteidigt. Und es ist traurig zu sehen, von welcher Seite Gegenwehr kommt, wenn man dazu aufruft, zivilisiertes Verhalten einzuhalten. Kaum waren die ersten Unterzeichner online, wurde von Seiten der «Süddeutschen Zeitung» wild herumtelefoniert, aus­spioniert, denunziert und mit dem Vorwurf der Kontaktschuld gearbeitet: «Wissen Sie denn nicht, mit wem Sie sich da gemein machen?» Kontaktschuld ist eine mächtige Waffe und wer sie anderen aus der Hand schlagen will, bekommt Gegenwind; meistens mittels Kontaktschuldvorwurfs. «There would be dragons» – so viel war vorherzusehen.

Freiheitspathos kennen wir heute, im Westen, nur noch aus Geschichtsbüchern. Spinoza, Voltaire, Lew Kopelew waren Heroen, wir aber wollen vor allem in Ruhe gelassen werden und es uns gemütlich machen. Sind wir gar «letzte Menschen», welche die grossen Ideen, wie Nietzsche sagte, nicht mehr berühren?

Wagen wir grosse Ideen. Bringen wir Leidenschaft, den intelligenten Schlagabtausch und den Spass zurück in die öffentliche Auseinandersetzung. Fordern wir Gedankenfreiheit!

Der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt. «Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird», hat Erich Kästner gesagt. «Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.»

Wenn es die anderen nicht tun, tun wir es selbst, mit neuen Formaten, Kanälen, Allianzen. Mit einer herzlichen Einladung zum Gespräch. Das «Intellectual Deep Web Europe» läuft sich gerade erst warm. Wir sind gekommen, um zu bleiben.

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Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»