Nein, nein: Mehr Ukulele spielen!

Gärtnern, Brot backen oder sich mit griechischer Philosophie befassen! Erreichbarkeitsverweigerer Tom Hodgkinson ist von Westlondon ins ländliche Devon gezogen und verkündet von da aus Alternativen zum langsamen Tod in der Lohnarbeit.

Nein, nein: Mehr Ukulele spielen!
Tom Hodgkinson, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Hodgkinson, neben Ihnen auf dem Tisch liegt ein iPhone. Für einen, der das Loblied auf die Unerreichbarkeit singt, ist das…

…schrecklich? Ja, stimmt. Ich habe jahrelang versucht, ohne dieses Ding auszukommen. Nachdem ich viele Termine vergessen hatte, nein, warten Sie, ich gebe es zu: Ich bin schwach.

Welche anderen Technik-Gadgets haben in Ihrem müssiggängerischen Leben mittlerweile ihren Platz?

Soll ich nun alle meine Sünden aufzählen? Sie müssen dazu wissen, meine Kinder haben grosse Überzeugungskraft. Also habe ich nach fünf Jahren das TV-Embargo aufgehoben. Der Grund ist einfach: Es braucht mehr Energie, gegen die heimische Opposition darauf zu beharren, keinen Fernseher zu kaufen, als der ständigen Versuchung des Fernsehens zu widerstehen, wenn der Apparat erst mal im Wohnzimmer ist.

Ihrem Engagement für den Müssiggang konnten selbst Ihre Kinder nichts anhaben. Seit mehr als 20 Jahren setzen Sie sich für mehr Faulenzen ein.

Ich bin selbst erstaunt, wie weit ich es mit dieser Idee getrieben habe. Als wir das Magazin «The Idler» das erste Mal herausbrachten – ich war damals 25 –, hatten wir das Gefühl, damit ein Bedürfnis unserer modernen Zeit zu befriedigen: eine Darstellung von Formen des Müssiggangs und eine Anleitung zur Nutzung der Freizeit. Und irgendwann merkten wir: Hey, wir können auf eine Riesentradition von philosophierenden und dichtenden Müssiggängern zurückgreifen. Laotse entwickelte vor mehr als 2300 Jahren die Philosophie des Nichtstuns, und Oscar Wilde wusste: Gar nichts zu tun, das ist die schwierigste Beschäftigung auf dieser Welt. Rasch realisierten wir, dass wir uns auf ein weites, unerschöpfliches Themengebiet begeben hatten – es geht um Arbeit, Erfüllung, ganz allgemein ums Leben.

Aber warum machen Sie sich dann nur für den Müssiggang stark? Ich bin ein Anhänger der Vita activa. Wer Ihre Bücher liest, kommt zum Schluss, es sei falsch, seine Erfüllung in der Arbeit zu finden. Warum?

Sie dürfen Ihre Erfüllung gerne in der Arbeit suchen. Ich habe gehört, dass die Schweizer ein Gesetz gegen mehr Ferien abgelehnt haben. Ich finde das grossartig – und ich freue mich, den Schweizern beim Arbeiten zuzuschauen (lacht). Ich frage mich: Was ist toll daran, wenn man bis Mitternacht arbeitet, weil man nicht vorankommt? Wer nur schuftet, verliert an schöpferischer Kraft und Kreativität – «All work and no play makes Jack a dull boy». Produktiv zu sein ist eine tolle Sache. Aber um produktiv zu sein, bedarf es nun mal einer gesunden Portion Faulheit. Sie dient dem guten Leben, fördert die eigene Entwicklung und das Menschsein. Ich meine, was soll denn einst auf Ihrem Grabstein stehen? «Er hat viel Geld verdient»?

Auf jeden Fall nicht: «Er hat nichts getan und nichts hinterlassen»…

…Müssiggang bedeutet nicht, einfach nichts zu tun. Aber in unserer pseudoaktiven Zeit hat der Müssiggang den Ruf des Subversiven. Dabei geht es vielmehr darum, eine dynamische Haltung gegenüber der Nutzung der eigenen Freizeit zu wahren: Ukulele spielen, gärtnern, Brot backen oder sich mit griechischer Philosophie befassen – alles praktische Massnahmen, deren Ziel es ist, die Selbstbestimmung im Alltag zurückzuerobern. Es geht um die Kunst, frei zu sein. Hör auf zu jammern, mach Musik, fang an zu produzieren, schwing den Meissel, grab die Erde um!

Soll ich also gar nicht erst versuchen, einen Sinn in der Arbeit zu finden, stattdessen streng nach Vorschrift meinen Dienst verrichten und mich aufs Wochenende freuen? Ist das das gute Leben?

Aristoteles meinte: Wenn du schon arbeiten musst, um deine Rechnungen zu bezahlen, dann arbeite auch dafür, dir Freizeit zu verschaffen – Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Das ist das Ziel, das wir mit unserer kürzlich gegründeten «Akademie des Müssiggangs» verfolgen. Wir bieten Abendkurse über Kalligraphie, Schach oder vedische Mathematik an. Unser Motto lautet: «Libertas per cultum.» Freiheit durch Bildung, Bildung im Sinne von kultivierendem Wachstum. Die Freude am Lernen ist Selbstzweck und ein Beitrag zu einem gelingenden Leben.

Sie plädieren für ein selbstverantwortliches Menschenbild – jeder ist fähig, für sich selbst zu bestimmen, wie viel Aufwand er wofür betreibt. Woher kommt dann in Ihren Büchern das Faible für das Mittelalter, das mit der Fremdherrschaft durch Kirche und Lehnherren diesem Ideal diametral zuwiderläuft?

Es ist wahr, ich hege grosse Sympathien für das mittelalterliche System. Nicht für den Feudalismus und willkürliche Kleriker. Ich bewundere grossartige Institutionen wie die Zünfte, Spitäler, Kathedralen – und in diese Zeit fiel auch die Gründung von Universitäten wie Cambridge. Das Handelssystem war geradezu genial ausgebaut und erstreckte sich über die ganze Welt. Die Stadtstaaten wie Florenz, Venedig oder Lübeck – im Italienischen nannten sie sich «il commune» – funktionierten so gut, weil sie selbstverwaltet waren. Im Inneren herrschte relativ viel Freiheit, kollektive Strukturen wie Zünfte, Familienclans und Bruderschaften regulierten das Zusammenleben. Okay, über allem stand die Kontrollinstanz der katholischen Kirche. Diese gab gleichzeitig auch die Frei- und Feiertage vor: Nach Weihnachten 12 Tage, Ostern und obendrein noch Unmengen von anderen Heiligenfesten. Aber insgesamt würde ich sagen: Man lebte und feierte damals noch zusammen.

Dann kam die Reformation – und mit ihr eine Art von Arbeitsethik, die Ihnen ein Graus ist.

Die Puritaner liessen das Pendel in die entgegengesetzte Richtung schwingen: Es durften keine Feste mehr gefeiert werden, und in Grossbritannien hatten die Geschäfte an Weihnachten offen zu bleiben. Natürlich wurde heimlich trotzdem gefeiert. Doch dann kam die Weihnachtspolizei und hat alle zurück an die Arbeit geschickt: «Weihnachten ist verboten. Das gehört zur alten Welt!»

Der Puritanismus als Feind des Fröhlichseins? Da machen Sie es sich zu einfach…

…klar, die protestantische Arbeitsmoral feierte ja auch grosse Erfolge. Die Puritaner emigrierten im 17. Jahrhundert in die USA, wo sie keine Zugeständnisse an die alten Feste machen mussten. Geprägt von diesem Geist – mit dem Evangelium der Ernsthaftigkeit, der Zielstrebigkeit, dem Individualismus und dem «Vertraue niemals deinem Nachbarn!» – haben die USA heute Länder wie Griechenland und Spanien hinter sich gelassen. Aber als die Deutschen den Griechen gesagt haben: «Okay, wir leihen euch mehr Geld, ihr müsst dafür ein paar Feiertage streichen und härter arbeiten», habe ich nur gedacht: Oh nein! Längere Arbeitszeiten führen doch nicht zwangsläufig zu mehr Effizienz. Es geht nicht um das Mehr, sondern um das Besser.

Nun stehen Sie selber von früh bis spät in Ihrem Buchladen. Mit Müssiggang hat das wenig zu tun.

Oh ja! Ich bin jetzt gutbürgerlicher Besitzer eines Buchladens, stehe früh auf, rasiere mich jeden Tag, muss sauber und smart sein. «Ja bitte? Schmeckt Ihnen der Kaffee?» – und all das. Der Aufbau der Idler Academy war der reinste Albtraum und hat mich mit dem Phänomen Burn-out bekanntgemacht! (lacht) Immerhin bin ich unabhängig, verfüge über die Autonomie eines kleinen Unternehmens. Müssiggang und Unternehmertum sind Kinder der gleichen Idee. Beiden gemeinsam ist die Suche nach einer Alternative zum langsamen Tod.

Das müssen Sie erklären.

Sowohl dem Müssiggänger als auch dem Unternehmer ist die heutige Angestelltenmentalität zuwider. Steckt ein unternehmerischer Geist in einer Firma fest, in der er jeden Tag immer von 9 bis 17 Uhr arbeiten muss, dann wird er faul. Er hasst seinen Job, also fängt er an, seine Energie gegen seinen Arbeitgeber zu wenden. Und ein Weg, am Arbeitsplatz zu rebellieren, ist es, Zeit zu schinden, also fürs Nichtstun bezahlt zu werden.

Zählen Sie den Power Nap – aktive Erholung durch 20 Minuten Schlaf – auch dazu?

Ich bin ein grosser Anhänger des spontanen Nickerchens. Dabei handelt es sich auch um eine sehr persönliche Angelegenheit, da sie mit den eigenen Schlafrhythmen zu tun hat. Bei mir ist es immer zwischen zwei und vier Uhr am Nachmittag so weit. Da ist mein – geradezu Nietzschescher – Wille zum Schlaf einfach zu mächtig, und das Gefühl danach einfach zu schön, zu angenehm.
Apropos: es ist gleich schon wieder so weit, wir haben kurz vor zwei.

Dann rasch: Unternehmen wie Google haben daraus sogar ein Modell gemacht: Sie stellen Sportplätze und Schlafräume zur Verfügung, einen Tag pro Woche kann man seinen eigenen Projekten nachgehen.

Ich weiss nicht, ist das nun gut oder hinterhältig? Einerseits finde ich: Ja, endlich! Google, ja, guter Arbeitgeber, lasst uns alle für Google arbeiten! Ist es aber andererseits irgendwie nicht auch, als würde man seinen Angestellten Drogen verabreichen, damit sie glücklich sind und deshalb abhängig? Verstehen Sie, was ich meine? Übrigens hat Winston Churchill auch jeden Nachmittag ein Schläfchen gehalten. Es mag daran gelegen haben, dass er um diese Zeit jeweils schon betrunken war. Er war wohl der betrunkenste Ministerpräsident aller Zeiten.

Er hat Grossbritannien immerhin vor den Nazis bewahrt. Verstehe ich Sie richtig: Sie selbst praktizieren täglich Ihren Mittagsschlaf, bietet ein Unternehmen ihn aber an, ist das wieder suspekt?

Die Anleitung zum Nickerchen ist mir suspekt, das Nickerchen ganz und gar nicht. Das Wesentliche daran ist, dass es funktioniert. Es steigert einerseits die Effizienz und befreit andererseits den Arbeitsalltag von Stress, da bereits am Morgen die Aussicht auf ein späteres Abhängen besteht. Probieren Sie’s, es funktioniert.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»